Grundsätzliche Bemerkungen zur Prophetie (FMN)

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  • Gott sendet Propheten, wenn sich die Menschen allgemein (wie im Fall Henochs) oder das Volk Gottes in einer Phase moralischen Niedergangs befinden. Besonders offensichtlich ist dies bei Mose, Samuel und Elia. Henoch ist ebenfalls ein gutes Beispiel dafür: Die Menschen waren gottlos geworden; deshalb sandte Gott seinen Propheten.
  • Der große, zentrale Inhalt biblischer Prophetie ist Christus und sein Königreich auf der Erde. Wer die Weissagungen des Alten und Neuen Testaments liest, ohne sie mit der Person und der herrlichen Erscheinung Christi zu verbinden, wird den Kern der Prophetie nicht erfassen können. Denn der Herr ist der Mittelpunkt der Gedanken Gottes. Das betrifft sowohl Gottes Ratschluss für den Himmel als auch den für diese Erde.
  • Prophetie hat im Kern mit dieser Erde zu tun. Selbst dann, wenn beispielsweise im Buch der Offenbarung der Himmel geöffnet wird, um uns dort Einblicke zu gestatten, geschieht es im Hinblick auf das, was „danach“ auf der Erde stattfinden wird. Die Versammlung (Gemeinde) nach dem ewigen Ratschluss Gottes ist und war daher nie Gegenstand der Prophetie.1 Der Weg der Versammlung auf dieser Erde (Off 2-3) hingegen schon.
  • Die Weissagungen der Schrift haben zugleich mit der Gegenwart zu tun. Das heißt, sie haben grundsätzlich einen Bezugspunkt zu den aktuellen Herausforderungen, in denen sich die Empfänger der Prophetie befinden.
    • Teilweise spricht Gott in seinen Weissagungen in erster Linie von der Zukunft (Jes 65,17-25; usw.). Das ist oft der Fall, wenn es zum Beispiel um Gerichte geht, oder wenn in der Schrift die Herrlichkeit des Herrn Jesus in seinem Reich präsentiert wird. Aber diese Offenbarungen sollen zugleich immer Auswirkungen auf unser aktuelles Lebensausrichtung haben. Gott möchte, dass wir von der Herrlichkeit des Herrn auch heute erfüllt sind und dass wir uns angesichts kommender Gerichte jetzt schon geistlicherweise reinigen. Wir brauchen nicht auf das Königreich in Macht und Glanz zu warten. Bereits in der gegenwärtigen Zeit sollten wir in Übereinstimmung mit den Grundsätzen seiner künftigen Regierung handeln.
    • Manchmal spricht Gott in seinen Prophezeiungen über die Vergangenheit. Ein Beispiel dafür ist der Fall Satans (Jes 14; Hes 28). Aber auch dann soll das Auswirkungen auf das konkrete tägliche Leben des Volkes Gottes in der Gegenwart haben. In diesem Fall muss beispielsweise eine Auswirkung der Prophetie in Jesaja 14 und Hesekiel 28 sein, dass man sich nicht im Hochmut erhebt (wie der Satan).
    • Gelegentlich geht es in der Weissagung um nichts anderes als den moralischen Zustand des Volkes Gottes in der Gegenwart. Dann spricht Gott direkt in das Leben der Zuhörer hinein (Hag 1,2-11 usw.).
  • Das griechische Wort für Weissagung (propheteia) heißt übersetzt: hervor-sprechen. Es geht also nicht in erster Linie um vorhersagen, sondern um hervor-sagen, gewissermaßen aus der Gegenwart Gottes hervor. Damit wird enthüllt und offenbart, was aus Gottes Gegenwart kommt. Ein Prophet spricht daher das aus, was Gott gerade jetzt und gerade für die Zuhörer vorgesehen und bestimmt hat. Es entspricht ihrem geistlichen Zustand und hilft ihnen, ein Leben zur Ehre Gottes zu führen.
  • Heute gibt es keine neuen Offenbarungen in der Prophetie mehr, wie wir sie im Alten und Neuen Testament finden. Aber wir alle haben die Weissagung nötig, die sich an unser Gewissen richtet und uns hilft, die Dinge so zu sehen, wie Gott sie sieht. Das macht deutlich, dass jede Weissagung heute (wie früher) auf Gottes Wort beruhen muss. Sie ist in Übereinstimmung mit der Schrift und wendet diese auf konkrete Lebensumstände an. Das stellt uns ins Licht Gottes und verändert unser Leben, damit es in Gottesfurcht auf Gott ausgerichtet ist.
  • Der größte Teil des Wortes Gottes besteht aus Weissagungen. Sie sind wie eine Lampe, die an einem dunklen Ort leuchtet und uns in das Licht Gottes stellt (2. Pet 1,19). Sie sprechen besonders unser Gewissen an, damit wir ein Leben zur Ehre des Herrn führen und alles, was in unserem Leben im Widerspruch zu Ihm steht, bekennen und aufgeben.
    Es gibt aber noch etwas Größeres! Das ist die himmlische Herrlichkeit des Herrn Jesus, des wahren Morgensterns (2. Pet 1,19). Obwohl natürlich auch das ein Hinweis auf die Zukunft ist, gehört diese Herrlichkeit nicht zur eigentlichen „Prophetie“, weil diese, wie wir schon gesehen haben, mit dieser Erde zu tun hat. Der Herr als der Wiederkommende, der uns zu sich holen wird, erwärmt unsere Herzen und zieht uns an. Die Beschäftigung mit Ihm führt dazu, dass unsere Herzen erfüllt werden von seiner Liebe, Schönheit, Herrlichkeit, Heiligkeit. Wer davon beeindruckt ist, wird den Herrn in seinem Leben umso mehr verherrlichen. Das ist mehr als Weissagung. Es ist die Herrlichkeit der Gnade Gottes, die den Scheinwerfer auf den Herrn im Himmel und unsere Beziehung zu Ihm lenkt, die uns innerlich gefangen nimmt für Ihn.
  • Keine einzelne Weissagung darf isoliert betrachtet werden. Gottes Wort ist ein Ganzes und das trifft genauso auf die Prophetie zu. Es ist daher wichtig, dass man eine einzelne Aussage zunächst in den Kontext des konkreten Zusammenhangs stellt. Dann sollte man sie mit den übrigen Themen und Inhalten der Weissagungen der Schrift verbinden. Auf diese Weise wird man ein gesundes und stimmiges Bild der biblischen Vorhersagen erhalten. Vor allem hat der Geist Gottes bei der „Weissagung der Schrift“ (2. Pet 1,20) immer das eine Ziel vor Augen: Christus im kommenden Königreich der Herrlichkeit groß zu machen. Getrennt von dieser Erklärung ist jede Interpretation von Prophezeiungen unvollständig oder sogar unbiblisch.
  • Die Weissagung der Schrift hat nicht nur unsere Beziehung zu Gott vor Augen. Immer wieder lesen wir von den Propheten, dass sie auch falsches Verhalten inmitten des Volkes Gottes angesprochen haben. So prangert Gott durch Propheten in dem Leben der Seinen auch unsoziales Betragen, Johannes würde sagen: fehlende Liebe, an.

 

Folge mir nach – Heft 12/2023

Fußnoten

  • 1 Der Apostel Paulus scheint sich in Römer 16,26 nicht auf Propheten des Alten Testaments zu beziehen, sondern auf die Propheten des Neuen Testaments im Sinn von Instrumenten der Offenbarung Gottes (Eph 2,20), die gerade diese bislang unbekannte Wahrheit offenbart haben (vgl. 1. Kor 14,29.30).
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Artikelreihe: Henoch - der Mann Gottes

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