Henoch – entrückt (FMN)

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Vielleicht kennst du die Lebensgeschichte Henochs schon lange. Wer in einer gläubigen Familie aufgewachsen ist, hat von seinen Eltern wahrscheinlich schon früh gehört, dass Henoch nicht sterben musste. Gott hat ihn entrückt. Das bedeutet, dass Gott ihn durch ein Wunder lebendig in den Himmel geholt hat. Jetzt ist dieser Glaubensmann, das heißt seine Seele, im Paradies.

Dass dieser Mann Gottes entrückt wurde, ist tatsächlich so. Woher wissen wir das? Der Schreiber des Hebräerbriefs sagt es ausdrücklich (Heb 11,5). Vielen ist die Begebenheit mit Henoch so geläufig, dass sie denken, in 1. Mose würde bereits von der Entrückung berichtet. Tatsächlich legt der Zusammenhang von 1. Mose 5 zumindest nahe, dass mit Henoch etwas Besonderes geschah und er nicht starb. Denn immer wieder heißt es über jeden seiner Väter bzw. Nachkommen: „Und er starb.“ Bei ihm dagegen sagt der Geist Gottes: „Gott nahm ihn weg“ (1. Mo 5,24). Das ist zwar ein ganz allgemeiner Ausdruck. Aber diese Unterscheidung von den anderen Personen, die in diesem Kapitel genannt werden, ist das doch auffallend.

Wo war Henoch?

An anderer Stelle wird dieser Ausdruck „Gott nahm weg“ mit Gericht verbunden. In seinem Zorn nahm Gott einen König weg (Hos 13,11; vgl. auch Jes 53,8; Hes 24,16; Hiob 1,21). Mit anderen Worten: Die Mitmenschen Henochs wussten vermutlich gar nicht, was mit ihm passiert war. Wahrscheinlich haben sie ihn nach seinem unerwarteten Verschwinden auch deshalb gesucht.

Wenn man die Hinweise aus Hebräer 11,5 hinzunimmt, könnte man vermuten, dass seine ungläubigen Zeitgenossen ihn vorher womöglich sogar umbringen wollten: „Durch Glauben wurde Henoch entrückt, damit er den Tod nicht sehe, und er wurde nicht gefunden, weil Gott ihn entrückt hatte.“ Diese Aussage kann man sicherlich unterschiedlich verstehen:

  1. Die Mitmenschen suchten Henoch, weil er auf einmal verschwunden war. Aber natürlich konnte er deshalb nicht gefunden werden, weil Gott ihn eben entrückt hatte. In der damaligen Zeit lebten die Menschen deutlich länger als heute. Methusalah war nicht der Einzige, der älter als 900 Jahre wurde. Zu dieser Zeit war das normal (1. Mo 5). Dass dann jedoch ein 365 Jahre alter Mann verschwand, musste Fragen aufwerfen. Was war mit ihm geschehen? War er durch ein Tier verletzt oder getötet worden? Hatte ihn womöglich jemand umgebracht? Kain und Lamech (1. Mo 4) hatten sich ja bereits als Gewalttäter hervorgetan. So suchten die Leute Henoch. Aber sie fanden ihn nicht (Heb 11,5).
  2. Es ist aber auch folgende Deutung möglich: Gott wollte den Zeitgenossen Henochs keinen Triumph über diesen Gottesmann zugestehen. Sie mussten sich durch ihn ja vermutlich mehrfach, wahrscheinlich sogar oft Gottes Gerichtsankündigung anhören (Jud 14.15) und waren dadurch sicherlich erzürnt. Wer lässt sich schon gerne sagen, dass er gottlos lebt und Gott ihn richten wird? Aus 1. Mose 6,11 und durch Lamech wissen wir zudem, dass man damals nicht „zivilisiert“ miteinander umging, sondern gewalttätig war. So griff Gott ein und bewahrte seinen Knecht davor, umgebracht zu werden, indem Er ihn wegnahm, bevor die Menschen Henoch töten konnten. Gott wollte nicht, dass er von Menschen ermordet wird. Henoch sollte den Tod nicht sehen, auch wenn seine Mitmenschen diesen geplant hatten.

Elia hatte im Unterschied zu Henoch einen Zeugen bei seiner Himmelfahrt (2. Kön 2). Elisa war bei ihm, als Gott ihn entrückte. Zudem wussten die Söhne der Propheten erstaunlicherweise von dem Tag, an dem Gott Elia in den Himmel holen wollte (2. Kön 2,3.5). So war dieses Eingreifen Gottes bei diesem Propheten kein Geheimnis. Bei Henoch lesen wir allerdings nichts dergleichen. Er war auf einmal einfach weg, einfach verschwunden.

Endlich weg, dieser Quälgeist!

Was mögen die Mitmenschen gedacht haben, als Henoch weg war? Ganz einfach: Sie haben dasselbe gedacht, was auch die ungläubigen Menschen denken werden, wenn wir nicht mehr da sein werden, nachdem der Herr Jesus uns entrückt haben wird (1. Thes 4,15-17). Die Erdbewohner werden froh sein, dass diejenigen endlich verschwunden sind, die sie ständig auf das kommende Gericht und die Notwendigkeit von Buße und Bekehrung ansprachen, um für den Himmel gerettet zu werden. Nicht, das wir ständig oder ausschließlich von Gericht sprechen sollten. Wir wollen genauso die Liebe Gottes vorstellen. Aber wie könnten wir die Konsequenz verschweigen, die mit der Ablehnung der guten Botschaft verbunden ist?

Die Weissagung Henochs, von der Judas berichtet (Jud 14.15), musste seinen Zeitgenossen früher oder später unerträglich geworden sein. Wer wird schon gerne immer wieder daran erinnert, dass Gott die Gottlosen richten wird? Henoch jedenfalls hat treu vom Richter-Gott gezeugt. Er ist uns ein Vorbild an Treue und Hingabe auch im Zeugen für Gott.

Nach unserer Entrückung werden die Menschen sehr schnell wieder zur Tagesordnung übergehen. Denn Gott sendet eine wirksame Kraft des Irrwahns, dass die zurückbleibenden, ungläubigen Menschen der Lüge glauben und denken: „Alles gut!“ (vgl. 2. Thes 2,11.12). Auch bei Henoch werden die Menschen schnell wieder zur Tagesordnung übergegangen sein. Sie suchten ihn, fanden ihn nicht, das Leben ging weiter. Sie hatten damals noch die Chance, sich zu Gott zu wenden und unter seine Hand zu beugen. Diese Möglichkeit werden Menschen, die nicht an Jesus als Retter geglaubt haben, nach unserer Entrückung nicht mehr haben!

Erstaunliche Langmut

Henochs Geschichte verdeutlicht uns jedoch noch etwas, was Gott betrifft. In der Zeit Noahs harrte Gottes Langmut, während Noah die Arche baute (1. Pet 3,20). Aus 1. Mose 6,3 wissen wir, dass diese Langmut 120 Jahre lang dauerte. Obwohl die Erde verdorben und voll Gewalttat war (1. Mo 6,11), hielt Gott sein Gericht noch viele Jahrzehnte zurück.

Damit aber nicht genug! Er wartete nämlich letztlich viel, viel länger, als man auf den ersten Blick denken könnte. Bereits Henoch kündigte durch seine Weissagung Gericht an. Diese Weissagung bezieht sich auf das auch für uns noch zukünftige Wiederkommen des Herrn Jesus in Macht und Herrlichkeit. Dass das Gericht so lange auf sich warten lassen würde, wussten weder Henoch noch seine Zeitgenossen. Aber ein vernichtendes Gericht kam durch die Flut, aber erst in der Zeit Noahs. Diese Flut ist tatsächlich ein Vorbild auf das Gericht, das mit dem zweiten Kommen des Herrn in Verbindung steht (Mt 24,38-44; Lk 17,22-37; vgl. 2. Pet 2,4-9).

Um was für eine Zeitspanne handelt es sich? Methusalah starb in dem Jahr, in dem die Flut kam. Der Hinweis, dass „er starb“, könnte darauf hindeuten, dass er eines natürlichen Todes vor der Flut starb. In 1. Mose 7 verwendet der Geist Gottes neben diesem allgemeinen Ausdruck „sterben“ (V. 22) im Unterschied dazu die Begriffe verscheiden (V. 21) und vertilgen (V. 23) für die Menschen, die durch das Gericht der Flut umkamen.

Wenn wir bedenken, dass Henoch 300 Jahre gläubig war, sorgte Gott dafür, dass die Botschaft des kommenden Gerichts mindestens 669 (bis maximal 969) Jahre vor der Flut bereits verkündigt wurde. Damit wird deutlich: Die Langmut Gottes währte sehr lange, nicht nur die 120 Jahre, in denen Noah die Arche zurichtete. Es kommen mindestens weitere 550 Jahre hinzu. So gewaltig ist diese Langmut, obwohl sich der Mensch im Sinn der Weissagung Henochs (Jud 14.15) als sozusagen viermal gottlos erwiesen hatte, und zwar „alle“ Zeitgenossen! Natürlich, diese Prophezeiung bezieht sich auf das Gericht, das der Herr Jesus bei seinem künftigen Wiederkommen üben wird. Aber die Botschaft richtete sich an die Mitmenschen Henochs, die ebenfalls gottlos lebten: „Siehe, der Herr ist gekommen inmitten seiner heiligen Tausende, um Gericht auszuführen gegen alle und zu überführen alle Gottlosen von allen ihren Werken der Gottlosigkeit, die sie gottlos verübt haben, und von all den harten Worten, die gottlose Sünder gegen ihn geredet haben.“

Heilfroh? Ewiges Gericht – auch heute!

Wenn man die Gerichtsankündigungen Henochs bedenkt, fällt es nicht schwer zu verstehen, dass seine Mitmenschen überaus froh waren, diesen Kritiker und Prediger endlich losgeworden zu sein. Aber an eine Entrückung werden sie sicher nicht gedacht haben. Davon war damals jedenfalls nichts bekannt. Aber endlich war diese quälende Stimme zum Schweigen gebracht worden: Das dürfte ihnen eine Erleichterung gewesen sein.

So ähnlich dürfen wir uns das auch vorstellen, wenn der Herr uns entrückt haben wird. Die Menschen werden heilfroh sein, dass diese „Fundamentalisten“, diese ständigen Mahner endlich vom Erdboden verschwunden sind. Vielleicht werden sie das Verschwinden dieser konservativen „Spinner“ mit dem Irrsinn mancher Sekten heutiger Zeit in Verbindung bringen, auch wenn es in unserem Fall keine Leichname geben wird. Aber auch dafür wird Satan ihnen eine Erklärung glaubhaft machen. Auch wenn wir ihnen gegenüber von der Entrückung gesprochen haben, werden sie daran nicht weiter denken.

Aber „heilfroh“ werden sie nie werden, denn Gottes Zorn erwartet sie. In der Drangsalszeit werden sie furchtbare Trübsale durchleiden und 1 000 Jahre später vor dem großen weißen Thron ewig gerichtet werden (Off 20,11-15). Das wird für sie der zweite Tod sein, die ewige Qual. Das ist nichts anderes als die Hölle.

Die Frage, die wir uns stellen müssen: Hören unsere Mitmenschen auch von uns die Ankündigung des Gerichts, wie sie diese von Henoch und auch von Noah, dem Prediger der Gerechtigkeit (2. Pet 2,5) zu hören bekamen? Geben wir treu, wie Henoch in alttestamentlicher Weise, die gute Botschaft weiter, die ihnen heute noch Rettung in Christus Jesus vorstellt? Henoch war treu. Nimm diesen treuen Mann als Vorbild für dein Leben!

Folge mir nach – Heft 3/2023

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Artikelreihe: Henoch - der Mann Gottes

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