Die Stimmen der 12 Propheten (2)

Lesezeit: 4 Min.

Einführung in die Prophetie (2)

Das griechische Wort für Prophetie („propheteia“) ist ein aus zwei Teilen zusammengesetzter Ausdruck: „pro“ und „pheteia“. „Pro“ bedeutet „heraus“ und „pheteia“ „Rede“. Prophezeiung ist also eine Rede, bei der verborgene Dinge aus der Dunkelheit heraus ans Licht gebracht werden. Dabei bringt die Prophetie Dinge ans Licht, die die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft betreffen.

Drei Zielrichtungen der Prophetie

  1. Vergangenheit: Hierzu zählt beispielsweise der Sturz Luzifers (Jes 14,12ff; Hes 27,12ff). Über seinen Fall wüssten wir nichts und wir würden gewissermaßen „im Dunkeln tappen“, wenn Gott uns durch sein prophetisches Wort darüber nicht in Kenntnis gesetzt und ihn ans Licht gebracht hätte.
    Als weiteres Beispiel kann der Schöpfungsbericht genannt werden. Als Gott die Welt ins Dasein rief, gab es noch keinen Menschen. Auch hier wüssten wir nichts über die einzelnen Schöpfungstage und Vorgänge, wenn Gott sie uns nicht durch sein Wort offenbart hätte.
  1. Zukunft: Hierin enthalten sind zukünftige Ereignisse. Ein Großteil der Prophetie spricht beispielsweise über die Zeit des Endes, die ihren Anfang nimmt, wenn die Entrückung der Gläubigen stattgefunden hat, und sich fortsetzt, in schrecklichen Gerichten, die über die Erde kommen werden. Häufig wird diese Zeit auch Drangsalszeit genannt. Danach wird Christus erscheinen, der das Zentrum der gesamten Prophetie ist, und sein Königreich aufrichten, das ebenfalls Thema der Propheten ist.
  2. Gegenwart: Hierzu zählen beispielsweise Botschaften, die die Propheten dem Volk Israel mitteilten, die ihren aus damaliger Sicht gegenwärtigen Zustand offenbar machten, der moralisch gesehen einen Tiefpunkt erreicht hatte. Durch die Propheten sprach Gott unmittelbar in ihre Situation, brachte die Sünde des Volkes ans Licht, sprach zu ihren Herzen und Gewissen und rief zur Buße auf.
    Davon ist Elia ein schönes Beispiel. Er wird Prophet genannt (1. Kön 18,36), der jedoch von keinen zukünftigen Ereignissen sprach, sondern unmittelbar in der Gegenwart des Volk weissagte.

Darüber hinaus gibt es den Dienst der Prophetie oder Weissagung heute noch1. Das macht Paulus im ersten Korintherbrief deutlich: „Wer aber        weissagt, redet den Menschen zur Erbauung und Ermahnung und Tröstung“ (1. Kor 14,3; vgl. 1. Kor 14,24.25). Die Belehrung bezieht sich auf die Zusammenkunft als Versammlung zur Erbauung.

Allerdings kann Gott Weissagung auch im „privaten“ Umfeld schenken. Außerhalb des öffentlichen und in einem von Gott gegebenen Rahmen schenkt Er darüber hinaus prophetischen Dienst auch durch gläubige Frauen (vgl. Apg 21,9), jedoch nicht in den Zusammenkünften (1. Kor 14,34).

Durch Prophetie bringt Gott also verborgene Dinge ans Licht, die sich unserer Kenntnis ansonsten entziehen würden. Viele prophetische Worte haben sich bereits erfüllt. Andere werden sich noch erfüllen. Dabei ist es ein Vorrecht, durch die Prophetie in zukünftige Dinge Einblick zu besitzen. Nicht, damit unsere Neugier befriedigt wird, sondern weil wir die Stellung und den Platz erkennen, den Christus hier auf der Erde einmal einnehmen wird. Das verleiht der Prophetie ein besonderes Augenmerk.

Die Aufgabe der Propheten - Sprachrohr Gottes

Der Aufruf zur Buße

Wir haben bereits gesehen, dass das Volk Israel in einem geistlich schwachen und finsteren Zustand lebte. Die Aufgabe der Propheten bestand darin, Fehlverhalten aufzuzeigen und zur Buße und Umkehr aufzurufen. Das geschah häufig mit ernsten Worten, weshalb die Propheten nicht gern gesehen und gehört wurden. Dennoch war ihr Dienst notwendig, um das Herz und Gewissen des Volkes zu erreichen.

Die Ankündigung von Gericht

Häufig blieb die erhoffte Wirkung der Botschaft jedoch aus. Dann verkündigten sie Gericht. Gott kann in seiner Heiligkeit nicht einfach über das Fehlverhalten seines Volkes hinwegschauen. Er muss Sünde richten.

Die Verkündigung von Barmherzigkeit

Manchmal wurde die Botschaft im Herzen angenommen, indem Einzelne aus dem Volk unter dem Gericht zur Einsicht und Buße kamen und sich Gott wieder zuwandten. Ihnen stellten die Propheten dann die Barmherzigkeit und Gnade Gottes vor. Das ermunterte sie, weiter mit Gott zu leben und sich dessen Maßstäben treu zu unterwerfen.

Die Aufgabe der Propheten - Gebet

Wenn die Propheten häufig als „Sprachrohr“ Gottes fungierten, war das nicht das einzige und alleinige Kennzeichen ihres Dienstes. Denn sie waren zugleich durch Gebet gekennzeichnet (vgl. 1. Mo 20,7). Was sie sagten, besprachen sie zuvor mit Gott, sodass ihr Dienst aus der Gemeinschaft und Abhängigkeit heraus geschah.

Diesen Grundsatz finden wir auch im Neuen Testament, in der Apostelgeschichte. Dort sprachen die Zwölf (Apostel) zu der Menge: „Wir aber werden im Gebet und im Dienst des Wortes verharren“ (Apg 6,4). Die Reihenfolge, die vorgestellt wird, ist zunächst „Gebet“, dann „das Wort“. Es ist eine „göttliche“ Reihenfolge, die für solche von Bedeutung ist, die den Dienst am Wort ausüben. Bevor wir uns der Öffentlichkeit zuwenden, ist es notwendig, sich Gott zuzuwenden.

Fußnoten

  • 1 Das griechische Verb „propheteuo“ kann im Deutschen sowohl mit „weissagen“ als auch mit „prophezeien“ übersetzt werden. Dasselbe gilt für das Nomen „propheteia“, das mit „Prophezeiung“ oder „Weissagung“ übersetzt werden kann. Sachlich besteht zwischen den Begriffen kein Unterschied.
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