Henoch – der Siebte von Adam (FMN)

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Wir wissen, dass die Bibel kein überflüssiges Wort enthält, denn sie stammt „aus Gottes Feder“. Da hat alles seinen festen und notwendigen Platz. So auch hier. Es ist wirklich wichtig für einen Christen, dass er daran festhält, dass Gott jedes einzelne Wort, ja sogar jeden Punkt und jeden Strich in der Heiligen Schrift im Originaltext inspiriert hat.

Inspiration

Die einfachste Erklärung dafür, dass Judas vom Siebten spricht, ist, dass wir dadurch die Weissagung mit dem richtigen Henoch verbinden. Denn es gibt in der vorsintflutlichen Geschichte auch einen Ungläubigen mit demselben Namen. Aber der von Judas zitierte Prophet war eben nicht ein Ungläubiger. Nein, es ist Henoch, der Sohn Jereds. Dabei muss man bedenken, dass man im Hebräischen in der damaligen Zeit keine Vokale im Text ausgeschrieben hat. Erst die Masoreten (Masora heißt Überlieferung) haben im 8.-10. Jahrhundert n. Chr. alle Selbstlaute im biblischen Text durch Zeichen (Punkte und Striche) eingefügt. Bis dahin war diese Masora nur mündlich überliefert. Durch diese Vokalisierung stellten die Masoreten sicher, dass auch spätere Generationen den Konsonantentext richtig lesen und aussprechen konnten. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Aussprache allein auf Überlieferung und Tradition beruhend.

Dieser „Punkt“ hat auch für den Namen Henoch Bedeutung. Es gibt im hebräischen Text den bereits erwähnten Namensvetter bei den Nachkommen Adams, den man ohne Vokale nicht von ihm unterscheiden kann: Hanoch (1. Mo 4,17.18), der erstgeborene Sohn Kains. Dieser Mann aber ist nicht der Prophet, von dem Judas spricht. Er ist kein Siebter von Adam. Nein, Gott hat Henoch erwählt, diese Prophezeiung auszusprechen. Damit das ganz klar ist, wird hinzugefügt: der Siebte von Adam. Die Reihenfolge, die wir in 1. Mose 5 finden, ist: Adam, Seth, Enos, Kenan, Mahalalel, Jered, Henoch. So ist eindeutig geklärt, wer diese Weissagung erhalten und weitergegeben hat.

Von „wem“ man lernt ...

Aber ist das alles, was der Geist Gottes uns mit diesem Wort sagen möchte? Sicher nicht! Hierzu nehme ich eine „Anleihe“ bei dem bekannten Bibelausleger Frank Binford Hole. Das sage ich ausdrücklich, um folgenden Hinweis anschließen zu können: Das, was wir in „Folge mir nach“ oder an anderer Stelle über Gottes Wort erklärend schreiben, haben wir alle (!) von anderen Dienern des Herrn gelernt, jedenfalls zu 99,9%. Es wäre Hochmut, das zu leugnen!

Natürlich wollen wir uns ganz persönlich unter Gebet auf die Suche nach Schönheiten in der Heiligen Schrift machen. Aber wer das tut, ohne gute, vertrauenswürdige Bibelerklärungen heranzuziehen, wird in den meisten Fällen in die Irre laufen. Und wer sich mündlich oder schriftlich ohne diese Hilfen äußert, wird oft andere in die Irre führen. Solche, die schon länger Gottes Wort lesen, merken das sofort. Vor allem stellt sich schnell heraus, ob man die Schrift zusammen mit Erklärungen liest, die verlässlich sind, oder ob man sich bei weniger vertrauenswürdigen Quellen „bedient“ hat. Wie sagte mir vor Jahren ein begnadeter Diener des Herrn, der ein Lehrer des Wortes Gottes war? „Natürlich habe ich mich selbst hingesetzt und die Heilige Schrift studiert. Aber meistens kam da nur etwas Kümmerliches heraus, bis ich die Gaben benutzt habe, die Christus seiner Versammlung gegeben hat.“

Nicht der Siebte

Zurück zu Henoch, dem Siebten von Adam. Wenn der Geist Gottes einfach auf Henoch aus 1. Mose 5 hätte verweisen wollen, hätte er auch schreiben können: Henoch, der Sohn Jereds. Aber das hat Er nicht getan. Er nennt ihn den „Siebten von Adam“. Das zeigt, dass hinter dieser Kennzeichnung mehr als nur eine Personenbeschreibung steckt.

Dabei fällt auf, dass Judas nicht von dem Siebten spricht, sondern „vom Siebten“ (ohne Artikel). Das ist oft ein Hinweis darauf, dass vor allem der Charakter dessen betont werden soll, was vorgestellt wird. Mit anderen Worten: Judas geht es nicht in erster Linie darum, auf genau die siebte Person zu zeigen. Er hat vielmehr vor Augen, dass Henoch etwas Spezielles repräsentiert, etwas Charakteristisches darstellt.

Henochs Leben unterscheidet sich tatsächlich grundlegend von einem weiteren „Siebten von Adam“: Lamech (1. Mo 4,18-24). Beide machten ihrer Stellung als „Siebte“ alle „Ehre“. Die Zahl sieben steht in Gottes Wort nämlich oft mit Vollkommenheit in Verbindung. Diese Vollkommenheit aber kann sowohl positiv als auch negativ sein.

Der gottlose Römische Kaiser der Zukunft wird mit sieben Köpfen beschrieben (Off 13,1). Er stellt nämlich das Böse in einer vollendeten Form dar. Im Gegensatz dazu lesen wir vom Herrn Jesus Christus, wie er als das Lamm mit sieben Hörnern, sieben Augen, den sieben Geistern Gottes, beschrieben wird (Off 5,6). Bei Ihm wird die göttliche Vollkommenheit von Macht und Einsicht betont.

Diese beiden Seiten finden wir in praktischer Hinsicht auch bei Lamech und Henoch. Lamech stellt uns dabei das Böse in einer gewissen Vollendung dar. Henoch dagegen zeigt etwas von vollkommener Reife im Guten. Neutestamentlich würden wir sagen: von echtem Erwachsensein (Vollkommenheit) eines Gläubigen in Christus (Kol 1,28).

Lamech oder Henoch?

Es ist interessant, dass beide, Lamech und Henoch, die ersten sind in den beiden Linien Adams, bei denen nach ihren prägenden Vorvätern Kain und Seth ausführlichere Beschreibungen gegeben werden. Das macht sie zu Vorbildern auf gläubige bzw. ungläubige Menschen. Was waren die Merkmale, die Gott bei diesen beiden Männern jeweils nennt?

Lamech war der Nachkomme Kains. In diesem sehen wir die Linie des Fleisches, der Sünde und des Unglaubens. Das ist nicht untypisch in Gottes Wort. Immer wieder zeigt Gott uns, dass der Ältere von zwei Söhnen durch Gottlosigkeit, der Jüngere durch Glauben geprägt war. Kain und Abel (Seth), Ismael und Isaak sowie Esau und Jakob sind dafür prominente Beispiele.

Das wird im Neuen Testament bestätigt: „Aber das Geistige war nicht zuerst, sondern das Natürliche, danach das Geistige“ (1. Kor 15,46). „Er nimmt das Erste weg, damit er das Zweite aufrichte“ (Heb 10,9).

So zeigt uns die Linie Kains in ihrem Höhepunkt, in Lamech, die wesentlichen Merkmale der Welt. Henoch dagegen offenbart in der Linie Seths den Weg der Erlösten, die im Glauben durch diese böse Welt hindurchgehen. In dessen Zeit fing man an, den Herrn anzurufen. Das ist bezeichnend.

Lamech und die Linie des „Fleisches“

Schauen wir uns nun zuerst einige Merkmale Lamechs an, die das Gesagte bestätigen.

  1. „Und Lamech nahm sich zwei Frauen; der Name der einen war Ada, und der Name der anderen Zilla“ (1. Mo 4,19). Lamech war der Erste, der die Ehe, wie Gott sie eingesetzt hatte, zerstörte. Der Schöpfer hatte von einem Mann und einer Frau gesprochen (1. Mo 2,24). Genau darauf verweist der Herr Jesus und macht klar, dass es nach den Gedanken Gottes nur die Ehe von einem Mann mit einer Frau geben kann (Mt 19,4-8; Mk 10,6-8; vgl. 1. Tim 3,2).

Lamech wird so zu einem Beispiel für die moralische Verdorbenheit der Welt. Das ist die erste der zwei grundlegenden Sünden dieser Welt (1. Mo 6,11): Verdorbenheit und Gewalttat. Dieser Gottlose öffnete die Tür zur Vielehe, die später auch Abraham, David,  Salomo und viele andere Gläubige und Ungläubige  durchschritten. Letztlich ist die Ehe mit mehreren Personen Ehebruch in Gottes Augen, jedenfalls in neutestamentlicher Zeit.

  1. „Und Lamech sprach zu seinen Frauen: Ada und Zilla, hört meine Stimme; Frauen Lamechs, horcht auf meine Rede! Einen Mann erschlug ich für meine Wunde und einen Jüngling für meine Strieme! Wenn Kain siebenfach gerächt wird, so Lamech siebenundsiebzigfach“ (1. Mo 4,23.24). Mit anderen Worten: Lamech war ein brutaler Rächer, ja ein Mörder.

So wird er zu einem Beispiel für die Gewalttat der Welt. Das ist die zweite grundlegende Sünde dieser Welt (1. Mo 6,11).

Lamech als Mann der Welt

Man kann Lamech auch unter einem anderen Blickwinkel beschreiben. Dann zeigt er folgende drei weltlichen Kennzeichen:

  1. die Lust des Fleisches (1. Joh 2,16): Lamech begehrte mehr als das, was Gott einem Mann gegeben hatte. Eine Ehefrau durfte der Mann zu seiner Freude haben und „genießen“. Aber Lamech wollte mehr als das. Damit war er seinem Schöpfer ungehorsam, um seine fleischlichen Begierden zu befriedigen. Das ist der erste Wesenszug der Welt.
  2. die Lust der Augen (1. Joh 2,16): Lamech brüstete sich mit der Schönheit seiner Frauen und seine Augen sahen mit Wonne auf das, was seine Kinder einführten. „Ada“ bedeutet übersetzt „Schmuck“ und Zilla „Zwielichtigkeit“, „Schatten“. Das war es, was seine Augen begehrten. Hinzu kamen die Innovationen seiner Söhne. Jabal („Strom“) und Tubalkain („Nachkomme Kains“, Macher, Hersteller). Sie waren Pioniere für Handel und Gewerbe, Handwerk und Ingenieurskunst. Sie führten zudem das Nomadentum ein. Das sind Menschen, die nie heimisch werden, sondern immer auf der Suche nach Besserem und Schönerem sind. Zudem waren Kunst und Musik für Augen und Ohren die Prägung dieser Linie.

Interessanterweise wird auch der Name einer Tochter Lamechs angegeben: Naama („schön“, „angenehm“, „wohlig“). Ungläubige fühlen sich in dieser Welt wohl. Sie entspricht ihren Sehnsüchten und Wünschen der Gottlosigkeit.

  1. der Hochmut des Lebens (1. Joh 2,16): Lamech beanspruchte, noch brutaler und rachsüchtiger zu sein als Kain. Dieser war der erste Gewalttäter, als er seinen Bruder Abel umbrachte (1. Mo 4,8). Gott sagte ihm zu – nachdem Kain um seinen Schutz gefeilscht hatte, obwohl er sich andererseits bewusst gegen Gott aufgelehnt hatte –, eine siebenfache Rache auszulösen, wenn Kain erschlagen würde. Damit war Lamech nicht zufrieden. Er forderte eine 77-fache Vergeltung, fühlte sich offensichtlich viel bedeutender als Kain. Zudem brüstete er sich in seiner Arroganz zweier Morde. Das lesen wir nicht einmal von Kain.

Henoch als Mann Gottes

Ganz anders war das Leben Henochs. Gott zeichnet diesen Mann in einer ganz besonderen Weise aus, wie wir das sonst kaum in Gottes Wort finden.

  1. Wandel mit Gott: Statt von Rebellion lesen wir davon, dass er mit Gott wandelte (1. Mo 5,22.24). Sein Leben war durch Unterordnung unter Gott und seinen Willen geprägt.
  2. Treuer Zeuge: Statt von Gewalttat lesen wir davon, dass er den Gottlosen gegenüber das Gericht des Herrn ankündigte. Solch eine Predigt hat nicht nur das Ziel, das Strafgericht anzukündigen, sondern auch Menschen vor der Strafe zu retten. Obwohl seine Zeitgenossen Henoch feindlich gegenüberstanden, war er selbst ihnen gegenüber nicht gewalttätig. Er warnte sie vor dem sicheren, kommenden Gericht. Es kam später durch die Flut, eine Vorerfüllung der Weissagung Henochs über das Gericht, das letztlich mit der Erscheinung unseres Herrn erfüllt wird (Jud 14,15).
  3. Gemeinschaft mit Gott: Statt ein Leben in moralischer Verdorbenheit zu führen, suchte Henoch die Gemeinschaft mit Gott. Das war nur möglich, indem er praktisch rein und für Gott lebte sowie sich von der unmoralischen Welt absonderte.
  4. Freude Gottes: Nicht die Lust des Fleisches prägte das Leben Henochs. Er wollte nicht sich selbst gefallen, sondern Gott. Gott hatte Freude an Henoch. Dieser wiederum hatte keine Freude an einem Leben in Sünde.
  5. Blick auf das Unsichtbare: Nicht die Lust der Augen waren Kennzeichen im Alltag Henochs. Nein, er schaute auf die damals noch unsichtbare Belohnung (Heb 11,6). Er wartete auf den verborgenen Gott, der ihn „durch Glauben“ entrückte.
  6. Demut: Henoch sprach nicht von sich, sondern von Gott. Er lobte nicht sich selbst, sondern warnte seine Mitmenschen vor dem Gericht. Nicht Selbstvertrauen war sein Merkmal, sondern Glaube. Wer glaubt, stützt sich auf die Macht und Hilfe Gottes. Henoch wusste, dass er von Gott abhängig war.
  7. Tod: Weder von Henoch noch von Lamech lesen wir, dass sie gestorben sind. Ist es Spekulation, davon auszugehen, dass Lamech eines unnatürlichen Todes starb, das heißt, in der Flut? Wir lesen nur von seinen Kindern und Enkelkindern. Dann reißt dieser Stammbaum ab. Wir finden von ihm überhaupt nichts mehr im weiteren Verlauf der Schrift. 1. Mose 4,24 ist die letzte Erwähnung dieses Mannes. Danach ist von der Linie Kains nicht einmal mehr das Geringste anzutreffen: Diese Linie ging nur bis zur Flut. Dann war sie zu Ende (1. Mo 7,21).

 

Henochs Tod bleibt nicht deshalb unerwähnt, weil er, wie vermutlich Lamech, mit der Masse der durch die Flut Getöteten umgekommen wäre. Sein Tod wird nicht genannt, weil er gar nicht gestorben ist, sondern entrückt wurde. Was für ein gewaltiger, entscheidender und wegweisender Unterschied! Der eine kam im Gericht Gottes um und ging ewig verloren. Der andere wurde entrückt, musste nicht sterben und ist schon jetzt in der Glückseligkeit.

Folge mir nach – Heft 1/2023

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Artikelreihe: Henoch - der Mann Gottes

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