Der leidende Knecht (18) - Jesaja 53,11

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Nun ist wieder Gott der Redende, der über „seinen gerechten Knecht“ spricht. Zwei wesentliche Punkte werden über Ihn gesagt. Erstens, dass Er gerecht ist und die Vielen zur Gerechtigkeit weisen wird. Das umfasste seinen Dienst auf der Erde, während Er hier lebte. Zweitens, dass Er die Ungerechtigkeiten der Vielen auf sich laden würde. Das betrifft sein Sühnungswerk von Golgatha, wo Er ihre und darüber hinaus auch unsere Sünden trug.

Der gerechte Knecht und dessen Dienst

In diesem Vers bezeichnet Gott den Messias als „seinen gerechten Knecht“. Es ist das letzte Mal in diesem Buch, dass Christus „Knecht“ genannt wird. Nach seinen Leiden ist Er der Herr und König, der Herrscher über sein Volk und die Nationen.

Als „gerecht“ kann Er Ihn bezeichnen, weil Er nicht nur vollkommen war, sondern auch vollkommen handelte. Er war derjenige, der den Willen Gottes uneingeschränkt zur Ehre Gottes ausführte. Alle seine Wege, Schritte, Taten, Worte und Gedanken waren in absoluter Übereinstimmung mit Ihm.

Dieses vollkommen gerechte Handeln gründete sich auch auf die Tatsache, dass der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, des Geist des Rates und der Kraft, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn auf Ihm ruhte (Jes 11,2).

Damit besaß Er die Voraussetzungen dazu, in seinem Dienst Menschen zur Gerechtigkeit zu weisen. Unter Gerechtigkeit darf hier nicht die Rechtfertigung aus Glauben verstanden werden (Röm 5,1). Die Vielen zur Gerechtigkeit weisen bedeutet, sie zur praktischen Gerechtigkeit anzuleiten. Es geht also um ein Leben in Übereinstimmung mit dem offenbarten Wesen und Willen Gottes.

Dieses Ziel verfolgte Er in seinem Dienst. Er zeigte Menschen den Weg auf, dem Wesen Gottes und dessen Willen entsprechend zu leben. Dieser Dienst findet sich beispielsweise im Matthäusevangelium wieder, in der sogenannten Bergpredigt, in der seine Jünger in der praktischen Gerechtigkeit von Ihm unterwiesen wurden (Mt 5,17-20).

Der gerechte Knecht und dessen Sühnungswerk

Nachdem der Prophet Jesaja das Leben und den Dienst des Messias berührt hat, spricht Er nun von dessen Werk. In seinem Leben wies Er die Vielen zur Gerechtigkeit. Doch in seinem Werk am Kreuz auf Golgatha trug Er ihre Ungerechtigkeiten. Sollten sie ein Leben in praktischer Gerechtigkeit führen, mussten ihre Ungerechtigkeiten gesühnt werden. Dazu musste Er leiden und sterben.

Die Vielen – nicht alle

Jesaja spricht von „den Vielen“. Darunter ist konkret der künftige gläubige Überrest des Volkes Israels zu verstehen. Dieser steht hier im Fokus. Dennoch dürfen wir in „den Vielen“ auch uns einschließen und es auf uns anwenden und letztlich auf alle Menschen, die je an Gott geglaubt haben und glauben (vgl. Röm 3,25.26).

Wenn Jesaja von „den Vielen“ spricht, spricht er nicht von allen. Der Messias hat nicht die Ungerechtigkeiten aller Menschen auf sich geladen. Das wäre Allversöhnung. Dieser Irrglaube wird schon im Alten Testament entkräftet und findet auch im Neuen Testament keinen Halt (Heb 9,28).

Leiden für ihre Ungerechtigkeiten

Diese „Vielen“ haben in ihrem Leben gesündigt. Ihre Ungerechtigkeiten machen sie vor Gott schuldig, sodass sie Vergebung benötigen. Um ihnen diese Vergebung einmal als Folge ihrer Buße schenken zu können, musste der Messias die Ungerechtigkeiten auf sich laden. Er hat das Gericht für ihre Ungerechtigkeiten getragen und ist dafür gestorben. Nur über diesen Weg kann ihr Schuld einmal gesühnt werden.

Das Beladen sein mit den Ungerechtigkeiten des Überrests bedeutete für den Messias tiefstes Leid. Das wird durch zwei weitere Stellen deutlich, wo Jesaja ebenfalls den Begriff „Ungerechtigkeiten“ verwendet. In Vers 5 spricht er in Verbindung mit den Ungerechtigkeiten des Überrestes von einem „zerschlagen“ des Messias und in Vers 6 von einem „treffen lassen“ des Messias. In jenen Augenblicken, als der Messias mit den Ungerechtigkeiten beladen war, litt Er zutiefst. Gott hatte sich von Ihm abgewandt, Ihn zerschlagen und Ihn die Strafe für die Schuld des Überrestes treffen lassen.

Wir können das nicht wirklich nachempfinden, aber in tiefer Ehrfurcht darüber nachdenken, was es für den Messias, das reine und heilige Lamm Gottes, bedeutet haben muss, die Ungerechtigkeiten der Vielen aus Liebe stellvertretend auf sich zu nehmen und vor einem heiligen und gerechten Gott im Gericht zu tragen (Jes 53,12; 1. Pet 2,23). Es waren nicht seine Ungerechtigkeiten, sondern die des Volkes. Dennoch war Er für sie bereit, in das Gericht Gottes zu gehen, um eine ewige Erlösung für sie zu bewirken. Zu dieser Erkenntnis werden sie einmal gelangen.

Leiden für unsere Ungerechtigkeiten

In diesen drei Stunden der Finsternis trug Er aber nicht nur die Ungerechtigkeiten des künftigen Überrestes. Im umfassenderen Sinn hat Er auch unsere Ungerechtigkeiten auf sich geladen. Auch diese sind für ewig gesühnt und weggetan. Nie mehr wird Gott darauf zu sprechen kommen. Dafür litt „sein  gerechter Knecht“ und werden wir Ihn ewig preisen und anbeten.

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