Die Bibel – ihre Entstehung und Überlieferung (10) - Griechische Handschriftenfunde des Neuen Testaments (1)

Lesezeit: 4 Min.

Für die Textforschung sind diese Funde von großer Bedeutung. Denn durch eine systematische Erforschung lässt sich der ursprüngliche Bibeltext rekonstruieren, sodass Unklarheiten weitestgehend beseitigt werden können. Diese Arbeit bezeichnet man als die sog. „Textkritik", die von der Bibelkritik zu unterscheiden ist.

Die ca. 5700 Handschriften werden gewöhnlich in Gruppen aufgeteilt, die entweder nach dem Beschreibstoff (z. B. Papyrus, Pergament), der Schriftart (Majuskeln und Minuskeln) oder dem Inhalt (z.B. Evangelien und Lektionare) benannt werden.

Papyrushandschriften

Die frühen Papyrushandschriften zählen zu den ältesten Textzeugen des Neuen Testaments. Die etwa 140 Papyrushandschriften entstanden vom Anfang des 2. Jh. bis zum 8. Jh. n. Chr. Die bekanntesten von ihnen sehen wir uns überblickartig an.

Die Chester Beatty-Papyri

Im Jahr 1930 machten einige Araber auf einem koptischen Friedhof an der Ostseite des Nils eine großartige Entdeckung. Dort fanden sie Krüge mit antiken Papyri, unter denen auch biblische Texte vertreten waren. Ein großer Teil dieser Funde gelangte über Umwege in den Besitz des amerikanischen Sammlers A. Chester Beatty. Daher der Name „Chester Beatty-Papyri". Zu ihnen zählen (wahrscheinlich) die Papyri P45, P46 und P47, die aus dem frühen bis mittleren 3. Jahrhundert n. Chr. stammen.

Der stark fragmentierte Papyrus P45 (ca. 250 n. Chr.) beinhaltet wenige Abschnitte aus den vier Evangelien sowie der Apostelgeschichte. P46 (zwischen 175-225 n. Chr.) enthält fast vollständig den Text der Briefe des Apostel Paulus. Allerdings fehlen 2. Thessalonicher bis Philemon. P47 enthält etwa ein Drittel des Buches der Offenbarung.

Mit diesen Papyri kamen wertvolle Funde ans Licht. Denn nun besaß man - abgesehen von den Hirten- und den allgemeinen Briefen 1 - alle neutestamentlichen Bibelbücher, wenn auch teilweise nur in Fragmenten. Und das aus einer Zeit des 3. Jahrhunderts nach Christus!

Die Bodmer-Papyri

In den Jahren 1956 bis 1961 n. Chr. wurden weitere Papyri veröffentlicht - die Bodmer-Papyri - mit der Bezeichnung P66, P72, P75 und P74. Während P66, P72 um 200 n. Chr. (viell. sogar etwas früher) geschrieben wurden, wurde P73 um 300 n. Chr. verfasst. P74 stammt aus dem 7. Jahrhundert.

Das Papyrus P66 enthält einen großen Teil des Johannesevangeliums. Das Papyrus P72 beinhaltet die Petrusbriefe und den Judasbrief, P74 die Apostelgeschichte und einen Großteil der allgemeinen Briefe (katholischen Briefe) und das Papyrus P75 einen Teil aus dem Lukas- und dem Johannesevangelium.

Das älteste bekannte Papyrus

Der älteste bekannte Zeuge des Neuen Testaments ist der John Rylands Papyrus. Es ist unter der Bezeichnung P52 bekannt und wird auf das Jahr um 125 n. Chr. datiert. Es beinhaltet einige Verse aus dem Johannesevangelium (Joh 18,31-33.37-38). Gefunden wurde er wie viele andere Papyri in Ägypten.

Der Fund beinhaltet zwar nur wenige Verse, verrät uns aber dennoch etwas von der rasanten Verbreitung des Neuen Testaments 2. Zudem ist man mit diesem Dokument sehr nahe an die Entstehungszeit des Johannes-Evangeliums (um 100 n. Chr.) herangekommen.

P66 und P75 - Besonderheiten der Bodmer Papyri

Der Fund des Papyrus P66 stellte bis dahin etwas noch nie Dagewesenes dar. Man hatte eine Handschrift gefunden, in der das Johannesevangelium wirklich noch als Buch vorlag. Bis auf die fehlenden Kapitel 17-19 war es fast vollständig erhalten 3. Man konnte sogar noch die alten Heftungen der Lagen erkennen. Das ein so altes Buch aus der Zeit um 200 n. Chr. noch so gut erhalten war, hätte wohl kaum jemand für möglich gehalten. Für die Textforschung war dieser Fund bedeutsam. Denn nicht nur die äußere Form war verhältnismäßig gut erhalten, auch der Text wies eine hohe Qualität auf.

Auch das Papyrus P75 mit Teilen des Lukas- und Johannesevangeliums stellt einen besonderen Stellenwert dar. Im Gegensatz zu P66 wurde P75 etwas später geschrieben - Anfang des 3. Jahrhunderts. Das Besondere ist, dass er neben 27 Blättern mit biblischem Text sogar noch Reste der Einbanddecke enthielt. Zudem erwies sich dieser Papyrus inhaltlich als dem Codex Vaticanus sehr nahestehend. 4

Nach der sogenannten "Konstantinischen Wende" im 4. Jahrhundert wurden ausgehend vom Osten stilistische Glättungen (z. B Mt 6,1), lehrmäßige Erklärungen (z. B. Apg 8,37) und erbauliche Zusätze (z. B. Mk 15,28) eingefügt, wodurch sich allmählich der sogenannte Mehrheitstext (Koine, byzantinischer Reichstext) entwickelte, den die große Masse der heute erhaltenen Handschriften aufweist. Gerade die in den letzten 150 Jahren entdeckten Papyri und die alten Majuskeln haben dies aufgedeckt. Gleichwohl bleibt festzuhalten, dass es sich dabei nur um ganz wenige Anteile des Textes handelt und auch keine fundamentalen Irrlehren oder Leugnungen der Wahrheit in den Handschriften vorkommen.

Fazit

Durch Gottes Gnade konnten in den letzten 200 Jahren immer wieder Papyrus-Handschriften gefunden werden, die mit dazu beitragen konnten, dem Urtext sehr nahe zu kommen. Dazu zählen vor allem die Papyri aus der Zeit des 2. bis 4. Jahrhunderts. Doch nicht nur sie allein, auch andere wichtige Handschriften tragen einen wesentlichen Teil dazu bei, den Grundtext des Neuen Testaments zu erforschen. Diese wollen wir uns in einem weiteren Artikel ansehen.


Fußnoten

  • 1 Zu den Hirtenbriefen zählen die Briefe des Apostel Paulus an Timotheus und an Titus. Zu den katholischen Briefen gehören der Jakobusbrief, die Petrusbriefe, die drei Briefe des Johannes und der Judasbrief.
  • 2 Johannes schrieb „sein“ Evangelium um ca. 95 n. Chr. vermutlich in Kleinasien. Wenn Abschriften von diesem Evangelium schon um 125 n. Chr. in Ägypten in Umlauf waren, dann dürfen wir annehmen, dass es keine 30 Jahre dauerte, bis dieses Evangelium und vielleicht auch weitere neutestamentliche Schriften wirklich verbreitet waren.
  • 3 Joh 1,1-6,11; 6,35-14,26.29-30; 15,2-26; 16,2-4.6-7; 16,10-20.22-23; 20,25-21,9.
  • 4 Der Codex Vaticanus (B) ist eine Majuskelhandschrift (Großbuchstabenhandschrift) aus dem 4. Jahrhundert, in der das Wort Gottes vollständig in griechischer Sprache vorhanden ist (Altes- und Neues Testament).
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