09.09.2011 Römer

Der Brief an die Römer

Vorwort

Der Verfasser [...] schrieb diese Betrachtungen auf besonderen Wunsch in deutscher Sprache. Da er es nicht gewohnt war, sich in deutscher Sprache auszudrücken, war es nötig, seine Arbeit in sprachlicher Hinsicht etwas umzugestalten; aber seine Ausdrucksweise wurde möglichst beibehalten.
Es ist dem geschätzten Verfasser nicht vergönnt gewesen, diese Betrachtungen über den Römerbrief bis zum letzten Kapitel durchzuführen. Zunehmende Schwäche und endlich sein Heimgang am 29. April 1882 setzten seiner reich gesegneten Tätigkeit ein Ziel, so dass die Betrachtungen nur bis etwa zur Mitte des zehnten Kapitels gehen. Die eigentliche Lehre des Briefes aber ist darin vollständig und ausführlich dargelegt, und so möge dieses Zeugnis aus der letzten Zeit der rastlosen Wirksamkeit des treuen Dieners des Herrn reich gesegnet sein für alle, die es lesen!
Seinen letzten Brief, den er an seine „geliebten Brüder“ im allgemeinen gerichtet hat, finden Sie hier.
Auch mag es für viele von Interesse sein, aus einer seiner früheren Mitteilungen den Entwicklungsgang seiner inneren Überzeugungen kennen zu lernen. Möge die Saat, die der liebe Heimgegangene während seines langen, dem Herrn und Seinem Dienst gewidmeten Lebens durch sein unermüdliches Zeugnis von der göttlichen Wahrheit ausgestreut hat, reiche Früchte tragen zur Verherrlichung des Herrn und zum Heil der Seelen!

Einleitung

Im Brief an die Römer werden die Christen als auf der Erde wandelnde und lebende Menschen betrachtet, die jedoch das Leben Christi und den Heiligen Geist besitzen, so dass sie in Christo sind. Ihre Sünden sind vergeben; sie sind gerechtfertigt durch das Werk Christi. Ihre Pflicht ist: ihre Leiber als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Schlachtopfer darzustellen, indem sie verwandelt worden sind durch die Erneuerung ihres Sinnes, dass sie prüfen mögen, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist (Kap. 12, 1. 2).
Der Brief beginnt mit der Verantwortlichkeit des Menschen, er beweist, dass alle schuldig sind durch das, was sie getan haben, und stellt dann den Erfolg des Todes Christi vor in der Vergebung der Sünden und der Rechtfertigung des Gläubigen. Danach betrachtet er den Zustand des Menschen, in dem er sich durch die Sünde Adams befindet, und zeigt, wie er von der Kraft der Sünde befreit wird.
Von dem Ratschluss Gottes ist in diesem Brief nicht die Rede, es sei denn in 3 oder 4 Versen (im achten Kapitel) und hier nur, um zu beweisen, dass das Werk Seiner Gnade unveränderlich und, wenn es einmal zu eigen gemacht ist durch die Berufung der Gnade, es fest und sicher ist, und dass es fortgesetzt wird bis zur Herrlichkeit. Das Werk Christi ist vollbracht, und die, welche an Ihn glauben, werden Seinem Bilde gleichförmig sein. So steht alles sicher. Wenn wir das Leben Christi haben, so dass wir mit Ihm leiden, dann werden wir auch mit verherrlicht werden. Weiter ist in diesem Brief nichts über den Ratschluss Gottes enthalten. Wollen wir diesen kennen lernen, dann müssen wir uns dem Brief an die Epheser zuwenden, während uns der Brief an die Kolosser über das Leben eines im Glauben auferstandenen Menschen Aufschluss gibt. Im Brief an die Römer aber finden wir das Werk Gottes in Gnade zur Rechtfertigung der Gottlosen durch den Tod und die Auferstehung Christi, und ihre Annahme in Christo, indem die Gläubigen als in Ihm betrachtet werden.
Wie schon oben angedeutet ist, zerfällt die Lehre des Römerbriefes in zwei Teile. Der erste Teil bezieht sich auf die Sünden. Das Wegnehmen der Sünden und die Gnade Gottes, die sich darin entfaltet hat, bilden den Gegenstand der Betrachtung bis zum Ende des elften Verses des fünften Kapitels. Von da ab bis zum Ende des achten Kapitels wird der zweite Teil behandelt, nämlich die Sünde im Fleisch, unser Zustand, in dem wir uns durch die Sünde Adams befinden, sowie unsere Befreiung von diesem Zustand, und der neue Zustand in Christo. Als Anhang folgen dann drei Kapitel, um zu erklären, wie die Lehre von dem allgemeinen, sündhaften Zustand des Menschen und von der allgemeinen Versöhnung mit Gott durch den Glauben in Einklang gebracht werden kann mit den besonderen Verheißungen, die den Juden gegeben sind. Den Schluss bilden Ermahnungen und die Wiederholung von gewissen wichtigen Grundsätzen. Die Auseinandersetzung der Lehre von der Versöhnung des Menschen mit Gott durch den Glauben im ersten Teil des Briefes wird eingeleitet durch eine Vorrede, in der das Evangelium auf die Person Christi gegründet und als die Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes dargestellt wird.
So sehen wir denn in diesem Brief, wie Gott uns mit vollkommener Gnade entgegengekommen ist, als wir nach unserer menschlichen Verantwortlichkeit und nach der Gerechtigkeit Gottes ganz verloren waren; wie Er aus lauter Gnade uns Errettung und ewiges Leben bereitet hat, als wir von Ihm entfernt waren durch die Sünde, ja, als wir dem Fleische nach in Feindschaft gegen Ihn waren,
Bevor wir indessen zur näheren Betrachtung der Lehre des Briefes, der Ordnung und des Inhalts der verschiedenen Teile übergehen, müssen wir noch einige Worte über die Person des Apostels sagen. Er war nie in Rom gewesen, war aber, mit göttlicher Autorität bekleidet, Apostel aller Nationen. Daher konnte er an die Römer schreiben, obgleich er nicht das Mittel zu ihrer Bekehrung gewesen war. Einige kannte er wohl, da sich in Rom, als dem Mittelpunkt der Welt, Personen aus allen Ländern zusammenfanden. Dies aber gibt dem Brief einen ganz besonderen Charakter, verschieden von dem Charakter der meisten anderen Briefe. Es ist mehr ein Traktat, als ein von dem Apostel an eine von ihm selbst gegründete Versammlung gerichteter Brief. Die persönlichen Verhältnisse fehlen darin, um der bestimmten Lehre Platz zu lassen. Am Ende des Briefes grüßt Paulus wohl viele Bekannte, und im Briefanfang ist er bemüht, mit den Christen in Rom eine Herzensverbindung zu schließen; dennoch ist sein Apostelamt vor allem die Grundlage seiner Mitteilungen an die Gläubigen in Rom. Kein Apostel hat die Versammlung in Rom gegründet. Paulus war noch nicht dort gewesen, und wenn Petrus später hingekommen ist, um sein Leben zu opfern als Zeuge für den Herrn, so hatte er doch bis dahin mit Rom nichts zu tun gehabt, er war der Apostel der Beschneidung.

Kapitel 1 und 2
Paulus beginnt den Brief mit einem Hinweis auf sein Amt. Er war Knecht Jesu Christi, berufener Apostel, abgesondert zum Evangelium Gottes. Das ist, sozusagen, sein Titel. Er diente dem Herrn, war dazu berufen und abgesondert, und zwar in ganz besonderer Weise. Er hatte nicht zu den Begleitern des Herrn auf der Erde gehört; er kannte Ihn nicht. Im Gegenteil war er der heftigste Feind des Namens Jesu auf der Erde gewesen. Er wollte diese neue Lehre (den Glauben an Jesum) aus der Mitte Israels ausrotten und alle ihre Anhänger strafen. Dazu wurde ihm aber vom Herrn, der sich ihm in Herrlichkeit offenbarte, der Weg versperrt, und nun wurde diese Herrlichkeit selbst der Ausgangspunkt seiner Tätigkeit. Sie war der glänzendste Beweis, dass das Werk der Versöhnung vollbracht war, da Der, Der für die Sünden gelitten hatte, Sich jetzt in der Herrlichkeit befand; und nicht allein das, sondern die verfolgten Christen wurden von dem Herrn anerkannt, nicht als Jünger, sondern als vereinigt mit Ihm, dem verherrlichten Menschen, dem Sohn Gottes im Himmel. So wurde Paulus in ganz besonderer Weise berufen. Aber er war auch in besonderer Weise abgesondert.
Die Offenbarung des Herrn in Herrlichkeit sonderte ihn zunächst von dem Judentum ab; doch nicht, um jetzt zum Heidentum überzugehen, sondern er wurde, indem er den Christus in der göttlichen Herrlichkeit als Herrn anerkannte (Apg 26, 17), „herausgenommen aus dem Volk und den Nationen“, und er wurde von dem verherrlichten Menschen, dem Herrn der Herrlichkeit, in die Welt gesandt, um die vollbrachte Erlösung zu verkündigen und alle, die an Ihn glauben, von der Sünde zu befreien und die Juden vom Joch des Gesetzes. Daher kannte er von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch, selbst den Herrn Jesum nicht — d. h. nicht wie die fleischlichen Juden Ihn hier in der Welt haben wollten: als Sohn Davids — obgleich er völlig anerkannte, dass Er als solcher gekommen war und dass Er ein vollkommenes Anrecht auf diesen Titel hatte. Aber der Herr ist als Sohn Davids verworfen worden, und jetzt sollte alles lauter Gnade werden, sowohl für die Juden als auch für die Heiden, da die Juden jedes Anrecht an die Verheißungen verloren hatten durch die Verwerfung Dessen, in Dem sie ihre Erfüllung finden sollten. Sicher wird Gott Seine Verheißungen wahr machen, doch jetzt ist alles aus lauter Gnade, und zwar durch den Auferstandenen, den Paulus in Herrlichkeit gesehen hatte. Dieser Punkt wird in den späteren Kapiteln des Briefes klar dargelegt.
Zum besseren Verständnis des Briefes mag es gut sein zu bemerken, dass Paulus, obgleich die Verherrlichung des Herrn Jesus der Ausgangspunkt und die Grundlage seines Dienstes war, doch in der Lehre dieses Briefes nicht weiter geht als bis zur Auferstehung des Herrn. Wohl ist die Stellung des Herrn in der Herrlichkeit vorausgesetzt, und in den wenigen Versen, in denen die Reihenfolge des Ratschlusses Gottes vorgestellt wird, fehlt auch die Herrlichkeit der Kinder Gottes nicht; es ist ein Teil dieses Ratschlusses, dass die Auserwählten dem Bild Seines Sohnes gleichförmig sein sollen. Wenn der Apostel aber von der Grundlage des Heils spricht, wie man gerechtfertigt und errettet wird, so geht er nicht weiter als bis zur Auferstehung des Herrn. Denn das, was Christus für uns erworben hat, ist etwas anderes als die Antwort auf die Frage: wie kann ein Sünder von Gott angenommen werden, und wie tritt er ein in den Zustand eines Erben Gottes? Im Römerbrief haben wir eben diesen Zustand des Erben, als in Christo fähig gemacht, vor Gott zu stehen und mit Christo als Mensch zu erben, der Gerechtigkeit nach, als neuer, lebendiger, von Gott angenommener Mensch. Die Herrlichkeit und die Erbschaft selbst aber werden bloß kurz erwähnt. Sobald Christus als gestorbener Mensch auferstand, war der Mensch in einen ganz neuen Zustand gebracht: lebendig gemacht nach der Kraft des Geistes und der Auferstehung. Das Werk, durch das die Sünde beseitigt wurde, war vollbracht, unsere Sünden waren getragen und getilgt durch den Tod, Gott war da verherrlicht, wo die Sünde war; die Kraft dessen, der die Macht des Todes hatte, war, wie der Tod selbst, zunichte gemacht. Ein neuer, unsterblicher Mensch war vorhanden. Ich spreche hier nicht von der Person Christi, von dem, was Er Seiner Natur nach war, sondern von der neuen Stellung der Menschen, in welche sie durch die Auferstehung des Menschen Jesus Christus gebracht sind: von dem Menschen in seinem neuen Zustande nach den Ratschlüssen Gottes. Wir sehen darin den Beweis, dass das vollbrachte Werk Christi angenommen ist nach der Gerechtigkeit Gottes, sowie das Muster, wenn auch noch nicht der Herrlichkeit, so doch des Grundzustandes aller Gläubigen in Christo. Sie befinden sich, sozusagen, jenseits des Todes, der Kraft Satans, der Sünde, des Gerichts Gottes, weil Gott in Christo völlig verherrlicht worden ist; sie stehen in der Gunst Gottes nach der Gerechtigkeit. Das ist die Tragweite der Auferstehung Christi, als Grundlehre dieses Briefes, indem Sein Tod als Grundlage Seiner Auferstehung und dessen Wertes dargestellt wird: „Christus, der gestorben, ja noch mehr, der auch auf erweckt ist“.
So wurde Paulus berufen und abgesondert von allen Menschen, um die frohe Botschaft Gottes, die Botschaft von diesem Werk Seiner Liebe zu verkündigen. Dieses Evangelium war schon in den Weissagungen der Propheten in den Heiligen Schriften verheißen worden. Jetzt aber war die Verkündigung keine Verheißung mehr. Wohl besitzen wir köstliche Verheißungen für den Weg, den wir durch diese Welt zu gehen haben; das Evangelium selbst aber ist keine Verheißung. Vielmehr ist es die Erfüllung der Verheißungen Gottes, soweit sie sich auf die Menschwerdung des Herrn, die Vollbringung Seines Werkes, Seine Auferstehung (1. Petr 1,11.12) und (obgleich dieser Gegenstand nicht im Römerbrief behandelt wird) auf Seine Verherrlichung beziehen. Es ist hier zu beachten, dass die „Heiligen Schriften“ die Verheißungen Gottes sind, und die Propheten, durch die sie gegeben wurden, die Propheten Gottes.
Worin besteht nun diese frohe Botschaft? Sie bezieht sich auf den Sohn Gottes, auf Jesum Christum, unseren Herrn. Die Person Christi ist der Hauptgegenstand des Evangeliums; es verkündigt, dass Er in die Welt gekommen ist. Doch haben wir hier zweierlei:
- Erstens, die Verheißungen sind erfüllt, indem Er Sohn Davids ist dem Fleische nach;
- zweitens, Er wurde als Sohn Gottes in Kraft erwiesen dem Geist der Heiligkeit nach durch Toten-Auferstehung.
Das sind die zwei großen vollendeten Tatsachen, die für den Menschen den Wert des Kommens des Herrn in diese Welt ausmachen. Die Verheißungen sind erfüllt worden: der Sohn Davids war da. Die Juden wollten Ihn nicht annehmen und haben dadurch das Ergebnis der Verheißungen verloren; die Verheißungen selbst aber sind erfüllt worden, insofern der Herr gekommen ist. Dann aber ist die Kraft Gottes geoffenbart worden, indem der Herr, nachdem Er Sich dem Tod unterworfen hatte, durch Auferstehung als Sohn Gottes erwiesen worden ist. Obwohl in Seiner Auferstehung der stärkste Beweis von der Kraft Gottes gegeben worden ist, sehen wir doch schon in der Auferstehung des Lazarus einen Beweis dieser göttlichen Kraft, sowie auch später in der Auferstehung aller Heiligen. „Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern um der Herrlichkeit Gottes willen, auf dass der Sohn Gottes durch sie verherrlicht werde“ (Joh 12, 4). Er war und ist die Auferstehung und das Leben. Die Auferstehungskraft ist der Beweis, dass Er Sohn Gottes ist. Dies ist nicht eine Erfüllung der Verheißungen, sondern die Kraft Gottes, da, wo der Tod als Folge der Sünde eingetreten war.
Hinsichtlich des Ausdrucks: „dem Geiste der Heiligkeit nach“, bemerke ich, dass der Heilige Geist, sozusagen, die wirkende Kraft ist in der Auferstehung, wie in allem, was von Gott erschaffen oder getan ist. So sagt Petrus in Bezug auf die Auferstehung des Herrn: „getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist“ (1. Petr 3, 18); und von den Gläubigen wird gesagt: „Wenn aber der Geist dessen, der Jesum aus den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christum aus den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen wegen seines in euch wohnenden Geistes“ (Röm 8, 11).
Warum aber heißt es: „dem Geiste der Heiligkeit nach?“ Weil der Heilige Geist gleichsam die wirkende Kraft Gottes ist, um alles Ihm Wohlgefällige in der Menschheit hervorzubringen. Diese Kraft ist natürlich immer in Gott; durch sie hat Er die Welt erschaffen, durch sie hat er in den Werkzeugen des Alten Testaments und in den Propheten gewirkt. Jetzt aber war Er in der Menschheit (dem Leben) Christi und in der Hervorbringung der neuen Gestalt der Menschheit wirksam gewesen nach dieser göttlichen Kraft. Die Propheten redeten, was ihnen gegeben war, und damit war die göttliche Eingebung zu Ende; auch war das, was sie redeten, nicht für sie. Johannes der Täufer war erfüllt mit dem Heiligen Geist von Mutterleib an. Aber Christus war, Seiner Menschheit nach, vom Heiligen Geist geboren; Sein Leben, obgleich in allen Stücken menschlich, war der Ausdruck der Kraft des Heiligen Geistes. Er trieb die Dämonen aus durch den Heiligen Geist, Seine Worte waren Geist und Leben. Die Fülle der Gottheit wohnte in Ihm leibhaftig. Seine Menschheit aber war der Ausdruck des Göttlichen durch den Heiligen Geist, in Liebe, in Kraft und besonders in Heiligkeit. Er war der Heilige Gottes. Durch den ewigen Geist hat Er Sich ohne Flecken Gott geopfert. In allem diente Er Seinem Vater; Sein Dienst aber war die vollkommene Darstellung des Göttlichen, des Vaters Selbst, inmitten der Menschen, und zwar indem Er, Seiner Menschheit nach, in jedem Augenblick, durch den Geist, der Gottheit entsprach und ihr Abglanz und Ausdruck war, ohne Fehler und ohne Makel. Alle Opfer im Alten Testament sind Vorbilder von Christo; aber in dieser Beziehung ist das Speisopfer das entsprechende, treffende Vorbild: ungesäuertes Feinmehl, mit Öl vermengt, mit Öl gesalbt, in Stücke zerteilt und Öl darauf gegossen. Welch ein treffendes Vorbild auf die Menschheit Christi, die ihrer Beschaffenheit nach vom Geist und mit dem Geist gesalbt war, von der jedes Stück charakterisiert war durch den ausgegossenen Geist und in welcher der ganze Weihrauch Seiner Gnaden Gott geopfert war, als ein duftender Wohlgeruch! So sollte Er durch das Feuer geprüft werden, im Tode, um zu beweisen, dass alles lieblicher Geruch war und nichts anderes.
Schließlich erwies sich die größte und vollendete Kraft des Heiligen Geistes in der Auferstehung des Herrn. Getötet nach dem Fleisch, ist Er durch den Geist auferweckt worden. Der Geist, der in göttlicher Kraft in Seiner Geburt und in Seinem ganzen Leben wirksam war, durch den Er Sich am Ende Selbst Gott opferte, hat Seine ganze Kraft erwiesen im Lebendigmachen des gestorbenen Jesus. Wohl ist es wahr, dass Er auferstanden ist aus den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters; auch, dass Er Seinen Leib, den Tempel Gottes, Selbst aufgerichtet hat (Joh 2, 19); der Heilige Geist aber ist es, der unmittelbar wirksam gewesen ist in Seiner Auferstehung (1. Petr 3, 18). Auch der Leib des Auferstandenen ist ein geistiger Leib.
So war der Mensch durch die Auferstehung, in der Person Christi, in einen ganz neuen Zustand gebracht: jenseits des Todes, der Sünde, des Gerichts und der Kraft Satans, und so war Christus als Sohn Gottes erwiesen dem Geiste der Heiligkeit nach durch Auferstehung. Dieser Geist war die Kraft der Heiligkeit Sein Leben lang (denn „durch den ewigen Geist hat er sich selbst ohne Flecken Gott geopfert“), und diesem Geist nach ist Er als Sohn Gottes erwiesen und durch Ihn Selbst auf der Erde gerechtfertigt worden. Als alles vollbracht war für die Herrlichkeit Gottes durch einen Menschen, der Gottes Sohn war, und dieser als Mensch Seinen vollkommenen Gehorsam und Seine Liebe zu Seinem Vater an den Tag gelegt hatte, ist der Mensch nach dem Wert dieses vollbrachten Werkes und nach der lebendig machenden Kraft des Heiligen Geistes in eine ganz neue Stellung eingetreten, in der Person des Sohnes Gottes, so dass wir durch den Glauben angenommen und Söhne sind. Christus, der als Sohn Davids die Erfüllung der alten Verheißungen war, aber auf Erden verworfen wurde, trat, nachdem Er das Ihm vom Vater anvertraute Werk vollendet hatte, jenseits des Todes, den Er als die Frucht der Sünde erduldete, als Auferstandener in die Stellung des zweiten Menschen, des letzten Adam ein.
So finden wir hier in der Person Christi die zwei Hauptpunkte der Wege Gottes dargestellt: die Erfüllung der Verheißung (obgleich die Juden durch Seine Verwerfung jedes Anrecht daran verloren haben) und die Offenbarung des Sohnes Gottes, als solcher erwiesen nach der lebendig machenden Kraft des Heiligen Geistes in einem auferstandenen Menschen. Die Kraft Gottes ist also erwiesen, nicht in der Erfüllung einer Verheißung, sondern in dem gegenwärtigen Leben und der Stellung des zweiten Menschen, in Verbindung mit einer vollbrachten Erlösung. Hier aber ist die göttliche Macht des Lebens und die durch die Auferstehung hervorgebrachte neue Stellung besonders in Verbindung gebracht mit dem Verhältnis des in diese Stellung versetzten Menschen zu Gott, jedoch in der Person des Herrn Selbst, in Macht.
Wie köstlich ist der Gedanke, dass der ewige Sohn Gottes, Mensch geworden, diese neue Stellung, von der wir gesprochen haben, eingenommen hat, und zwar als Muster und Erstgeborener unter vielen Brüdern, die Ihm völlig gleich sein werden, nach der Lebenskraft des Heiligen Geistes und in der Herrlichkeit selbst! „Denn sowohl der, welcher heiligt, als auch die, welche geheiligt werden, sind alle von einem; um welcher Ursache willen er sich nicht schämt, sie Brüder zu nennen“ (Hebr 2, 11). Von der Herrlichkeit ist hier wohl nicht die Rede, aber der Herr konnte nach Seiner Auferstehung, als alles vollbracht war, (vorher nicht) sagen: „Gehe aber hin zu meinen Brüdern und sprich zu ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, und zu meinem Gott und eurem Gott“ (Joh 20, 17).
Der Gegenstand des Evangeliums, wozu Paulus abgesondert war, ist also Jesus Christus, unser Herr, als Sohn Davids zur Erfüllung der Verheißungen, und als Sohn Gottes in Kraft erwiesen dem Geiste der Heiligkeit nach durch Totenauferstehung. Wohl redet der Apostel in diesem Brief von der Gerechtigkeit und setzt alles klar und völlig auseinander; der hauptsächliche Gegenstand aber, den er vor seinen Augen hat, ist die Person Christi Selbst und was Er ist, als Erfüllung der Verheißungen und als Gottes Sohn in Kraft und in Auferstehung, das, was der Heilige Geist darstellt als den Gegenstand Gottes selbst im Evangelium. Von Ihm, als dem schon Verherrlichten, hatte Paulus Gnade und Apostelamt empfangen, um einen jeden unter allen Nationen zum Glaubensgehorsam zu bringen in Seinem Namen. Unter diesen befanden sich auch die Römer. Er schreibt ihnen nicht als Versammlung, wie er es gewöhnlich tat, wenn er an eine von ihm gegründete Versammlung schrieb, sondern er richtet seinen Brief an alle Geliebten Gottes, berufenen Heiligen, die in Rom sind. Als Apostel der Nationen kann er allen mit der Autorität Christi schreiben.
Er wünscht in seinen Briefen immer Gnade und Frieden von dem Vater und von dem Herrn Jesu Christo. Wir beachten diese Namen oft zu wenig. In dem einen finden wir Gott Selbst als Vater, gekannt als solcher in Gnade; in dem anderen den verherrlichten Menschen, den Sohn Gottes, Der eingesetzt ist (und zwar amtlich) in den Vorsitz des Hauses und Volkes Gottes. Mit dem einen stehen die Kinder in Verbindung, mit dem anderen die Diener.
Der Apostel hätte die Christen in Rom gern früher gesehen, war daran aber von Satan verhindert worden; denn das Werk des Herrn wird immer betrieben in Gegenwart des Feindes, der seinen Fortschritt zu hemmen sucht, sei es durch Verfolgungen, oder dadurch, dass er in den Versammlungen Übel erweckt, mit denen der Arbeiter sich beschäftigen muss, sei es durch Irrlehren, die die Zeit des Arbeiters in Anspruch nehmen, oder sei es durch allerlei andere Listen. Es ist wichtig für den Arbeiter, dies zu beachten; er lernt dadurch seine Abhängigkeit kennen und verstehen, dass die Kraft und Wirksamkeit des Herrn durchaus notwendig sind. Deshalb flehte Paulus allezeit in seinen Gebeten, indem er Gott dankte für den Glauben der Römer, von dem in der ganzen Welt gesprochen wurde, dass Gott ihm einen Weg zu ihnen öffnen möchte. Er verlangte, zu ihnen zu kommen, um ihnen zu ihrer Befestigung etwas geistliche Gabe mitzuteilen, zugleich aber nimmt er in Liebe seinen Platz unter ihnen, indem er sagt: „das ist aber, mit euch getröstet zu werden in eurer Mitte, ein jeder durch den Glauben, der in dem anderen ist, sowohl euren als meinen“. Er war Apostel und sollte in Liebe handeln; so ließ er sich denn als Apostel herab zu den Schwächsten, um sie zu dem göttlichen Vertrauen emporzuheben.
Oft hatte er vorgehabt, zu ihnen zu kommen, um auch unter ihnen einige Frucht zu haben. Er war schuldig, die Gnade Gottes allen Nationen zu bringen; ebenso war er bereitwillig, so weit es von ihm abhing, auch denen, die in Rom waren, das Evangelium zu predigen. Wie oft ist er besorgt, sich passend auszudrücken! Griechen konnte er sie nicht nennen, Barbaren auch wohl nicht, denn das würde für die Bewohner des kaiserlichen Rom eine Beleidigung gewesen sein. So denkt er an alles, um allen nützlich zu sein.
Dies führt den Apostel zu der Lehre des Briefes. Er war bereit, denen in Rom zu predigen, weil er sich des Evangeliums nicht schämte, „denn“, sagt er, „es ist Gottes Kraft zum Heil jedem Glaubenden“. Kraft der Menschen ist es nicht, dies erklärt er nachher noch deutlicher und ausführlicher, selbst nicht zur Erwerbung der menschlichen Gerechtigkeit. Es ist ein heiliges, ein gerechtes Heil, aber ein Heil von Gott, durch Gottes Kraft, und zwar deshalb, weil die Gerechtigkeit Gottes darin geoffenbart ist, im Gegensatz zu der menschlichen Gerechtigkeit. Es ist die Gerechtigkeit Gottes Selbst, deren wir teilhaftig werden durch den Glauben: Seine Gerechtigkeit auf dem Grundsatz des Glaubens. Alles ist da schon vollkommen, ehe wir noch daran glauben; wir bekommen durch den Glauben Teil daran. Diese Gerechtigkeit ist nicht durch Menschenwerke, nicht durch das Gesetz, denn sonst wäre sie nur für die Juden, weil diese allein das Gesetz hatten. Sie ist vielmehr gültig für alle Menschen, weil sie durch den Glauben ist, und so haben auch die Nationen, wenn sie glauben, Teil daran.
Es wird vielleicht von Nutzen sein, einige Worte über die Bedeutung des Ausdrucks: „Gerechtigkeit Gottes“ zu sagen. Obwohl er ganz einfach ist, herrscht doch über ihn viel Missverständnis. In der lutherischen Übersetzung ist stattdessen gesagt: „Die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt“. Nun ist aber die menschliche Gerechtigkeit nach dem Gesetz gültig vor Gott. Er findet eine solche zwar nirgends, aber sie „gilt“ vor Gott. Sie ist jedoch nicht die Gerechtigkeit Gottes, wenn sie auch noch so vollkommen wäre. In Joh 16, 10 sehen wir, worin die Gerechtigkeit Gottes sich erwiesen hat, nämlich darin, dass Gott Christum zu Seiner Rechten gesetzt hat, in Seine eigene Herrlichkeit, weil Christus Ihn vollkommen verherrlicht hat. Darin besteht die Gerechtigkeit, dass der Vater den Menschen Christus in Seine eigene Herrlichkeit erhoben hat, in die Herrlichkeit, die Er bei Ihm hatte, ehe die Welt war. Und Gott, als gerechter Gott, hat Ihn verherrlicht, weil Er in Christo auf dem Kreuze verherrlicht worden ist (Joh 17, 5; 13, 31. 32). In der oben angeführten Stelle (Joh 16, 10) sagt der Herr: Der Geist wird „die Welt überführen von Gerechtigkeit, weil ich zu meinem Vater gehe und ihr mich nicht mehr sehet“. Die Welt hat Ihn, als gekommen in Gnade, für immer verloren, indem sie Ihn verworfen hat; aber Gott hat Ihn aufgenommen und verherrlicht. Wenn der Herr in Joh 17, 25 von der Welt redet, so sagt Er: „Gerechter Vater“, in seiner Fürbitte für die Seinen (V. 11) dagegen: „Heiliger Vater“. So liegt also der Beweis von der Gerechtigkeit Gottes darin, dass Er Christum verherrlicht hat. Als Gott in Christo in der Welt war, musste die Welt Ihn annehmen oder verwerfen. Sie hat Ihn verworfen und ist dadurch gerichtet; sie wird Ihn auch nicht mehr sehen, bis Er kommt in Gericht. Christus aber hat als Mensch Gott vollkommen verherrlicht in allem, was Er ist, und Gott hat Ihn nach Seiner Gerechtigkeit verherrlicht. Das Evangelium nun verkündigt diese Gerechtigkeit Gottes, nämlich dass Christus in dem, was Er für uns getan hat, Gott verherrlicht hat und daher als Mensch verherrlicht ist und, mit göttlicher Herrlichkeit bekleidet, zur Rechten Gottes sitzt, und ferner, dass unsere Stellung vor Gott die Folge ist von dem, was Christus getan hat. Unsere Rechtfertigung und Verherrlichung ist ein Teil der Gerechtigkeit Gottes, weil das, was Christus getan hat, um Gott zu verherrlichen, für uns getan worden ist. Wir sind die Gerechtigkeit Gottes in Ihm (2. Kor 5, 21). Christus würde die Frucht Seines Werkes verlieren, wenn wir nicht bei Ihm in der Herrlichkeit sein würden, als die Frucht der Mühsal Seiner Seele, nachdem Er alles, was in Gott ist, verherrlicht hat, obwohl wir in uns selbst durchaus unwürdig sind.
Der Apostel erklärt dann, warum eine solche Gerechtigkeit, die Gerechtigkeit Gottes Selbst, nötig war, wenn ein Mensch errettet werden sollte. Menschliche Gerechtigkeit war auf der Erde nicht zu finden, und doch war Gerechtigkeit nötig. Da es nun aber Gottes Gerechtigkeit ist, und zwar nicht durch unsere Werke, so muss sie uns durch den Glauben zugerechnet werden, auf dem Grundsatz des Glaubens; denn wenn die Werke des Menschen etwas dazu beitrügen, so wäre es nicht Gottes Gerechtigkeit. Wenn aber der Mensch durch den Glauben dieser Gerechtigkeit teilhaftig wird, so hatten die Gläubigen aus den Nationen ebenso Teil daran, wie die Juden.
So sehen wir denn als zweiten Hauptgegenstand des Briefes, nachdem der erste, die Person Christi, in den Vordergrund gestellt ist, die Gerechtigkeit Gottes, dargestellt auf dem Grundsatz des Glaubens, so dass sie für alle ist und durch den Glauben angenommen und also der Seele zugeeignet wird. Was diese Gerechtigkeit nötig machte, ist die allgemeine Sündhaftigkeit des Menschen, indem der Zorn Gottes geoffenbart worden ist über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, welche die Wahrheit in Ungerechtigkeit besitzen. Hinsichtlich der Heiden gibt der Apostel zwei Beweggründe des Zornes an:
1.) das Zeugnis der Schöpfung (V. 19. 20) und
2.) dass sie Gott nicht in Erkenntnis festhalten wollten, als sie Ihn kannten, sondern die Abgötterei vorzogen (V. 21—24).
Die unsichtbaren Dinge von Ihm werden geschaut, nämlich Seine ewige Kraft und Göttlichkeit, von der Schöpfung der Welt an in dem Gemachten wahrgenommen, so dass das von Gott Erkennbare unter ihnen offenbar ist — also dass sie keine Entschuldigung haben. Das will nicht sagen, dass sie Gott Seiner Natur nach kennen, sondern dass sie Ihn als Schöpfer hätten kennen sollen. Wenn man nicht blind ist, sieht man einen Schöpfer in der Schöpfung.
Aber Gott hatte sich nicht allein als Schöpfer geoffenbart. Noah kannte Ihn nicht nur als solchen, sondern auch als einen Gott, mit Dem der Mensch als ein verantwortliches Wesen es zu tun hatte, als einen Gott, der die Welt für ihre Bosheit gerichtet hatte, der acht gab auf das Tun der Menschen, und der die Ungerechtigkeit und Gewalttat nicht wollte. Beim Turmbau zu Babel hatten sie Ihn als einen Gott kennen gelernt. Der sie zerstreut hatte, weil sie in ihrer eigenen Weisheit unabhängig und in ihrer eigenen Kraft mächtig werden wollten. Als einen solchen Gott aber wollten die Heiden Ihn nicht in Erkenntnis haben oder Ihn anerkennen; sie machten sich selbst Götter, so wie der Mensch sie machen konnte: Götter, die ihre Leidenschaften begünstigten. Und statt den wahrhaftigen Gott zu verherrlichen oder Ihm dankbar zu sein, verfielen sie in die Finsternis ihrer eigenen Herzen; „indem sie sich für Weise ausgaben, sind sie zu Narren geworden und haben die Herrlichkeit des unverweslichen Gottes verwandelt in das Gleichnis eines Bildes von einem verweslichen Menschen und von Vögeln und vierfüßigen und kriechenden Tieren“. Und weil sie die Herrlichkeit Gottes nicht aufrecht erhalten wollten, sondern sie nach ihren Gelüsten aufgaben, hat Gott sie diesen Gelüsten preisgegeben; Er hat sie dahingegeben zu schändlichen Leidenschaften, worin sie das, was der Ehrbarkeit der Menschheit geziemte, verlassen haben. Und nicht nur haben sie, erfüllt mit aller Gottlosigkeit und geleitet durch ihre Leidenschaften, selbst solches getan, sondern haben auch in kalter Bosheit ihr Wohlgefallen an denen gefunden, die es taten. Wohl gab es einige, die diese schändlichen Wege richteten (Kap. 2,1); sie taten aber dasselbe und deshalb verurteilten sie sich selbst und fielen dem gerechten Gericht Gottes anheim, indem sie auch den Reichtum Seiner Güte und Geduld verachteten und nicht wahrnahmen, dass diese Güte sie zur Buße leitete. Anstatt dieser Leitung zu folgen, häuften sie sich selbst mit störrigem und unbußfertigem Herzen Zorn auf am Tag des Zorns.
Der Apostel kommt jetzt zu einem wichtigen Grundsatz, der zwar einfach ist, aber ein helles Licht über die ganze Sache verbreitet: nachdem Gott jetzt geoffenbart ist, handelt Er nach dem Tun der Menschen. Am Tage des Gerichts wird Er jedem nach seinen Werken vergelten, sei er Jude oder Grieche; denn es ist kein Ansehen der Person bei Gott. Wohl hat Er, zur Prüfung des Menschen und zur Erhaltung der Wahrheit, dass nur ein Gott ist, Sich ein Volk auserwählt und nahe an Sich gebracht; aber im Grunde gab es keinen Unterschied unter den Menschen. Alle waren ihrer Natur nach Sünder, und alle hatten gesündigt. Wir sehen auch, dass Gott Seinem Volk gegenüber, obgleich Er ihm ein Gesetz gegeben hatte, immer hinter dem Vorhang blieb, ohne Sich zu offenbaren. Jetzt aber ist der Vorhang zerrissen, und der Mensch, zuerst der Jude und dann der Grieche, muss vor Ihm offenbar werden, ein jeder nach dem, was er in seinem Wandel und was er in Wirklichkeit seinem moralischen Zustand gemäß ist; und hierbei kommt es nicht in Betracht, ob er seiner Stellung nach Jude oder Grieche ist. Gott berücksichtigt, Seiner Gerechtigkeit nach, nur das Licht, das einer besitzt. Wenn der Apostel von denen spricht, die Herrlichkeit und Ehre und Unverweslichkeit suchen, so setzt er dabei das Christentum voraus; denn die Kenntnis jener Dinge hängt von einer Offenbarung ab. Die also dies mit Ausharren in guten Werken suchen, denen wird Gott ewiges Leben vergelten, ohne einen Unterschied zwischen Juden und Griechen zu machen. Gott will die Wirklichkeit des göttlichen Lebens, nicht die Form einer Einrichtung. Die, welche der Wahrheit ungehorsam, der Ungerechtigkeit aber gehorsam sind, haben Grimm und Zorn zu erwarten. „Drangsal und Angst über jede Seele eines Menschen, der das Böse vollbringt, sowohl des Juden zuerst als auch des Griechen; Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden jedem, der das Gute wirkt, sowohl dem Juden zuerst als auch dem Griechen“. Alle werden gerichtet werden, ein jeder nach seinen Werken, ohne Ansehen der Person, jeder aber nach dem Licht, das er besessen hat. „So viele ohne Gesetz gesündigt haben, werden auch ohne Gesetz verloren gehen; und so viele unter Gesetz gesündigt haben, werden durch Gesetz gerichtet werden... an dem Tag, da Gott das Verborgene der Menschen richten wird… durch Jesum Christum“. Denn nicht die Hörer des Gesetzes, sondern die Täter des Gesetzes werden gerechtfertigt. Wenn einer aus den Nationen das tut, was das Gesetz fordert, so wird er angenommen und hat den Vorzug vor dem, der das Gesetz besitzt und es nicht beobachtet. Es handelt sich, wie gesagt, nachdem Gott geoffenbart ist, nicht mehr um äußere Verhältnisse, nach welchen die einen „nahe“, die anderen „ferne“ sind, sondern um das, was gerecht ist in den Augen Gottes.
In Wirklichkeit tat einer aus den Nationen, der nach dem Geist wandelte in der Liebe, das was das Gesetz forderte; während der Jude, der das Gesetz hatte und in der Sünde wandelte, nicht von Gott angenommen werden konnte. Es handelt sich jetzt nicht mehr um äußere Verhältnisse zu Gott, um Seine Verwaltung der Welt und die Regierung Gottes auf der Erde, sondern um den Zustand der Seele vor Gott und um den Tag des Gerichts, wo das Verborgene des Herzens ans Licht gebracht und der Mensch nach seinen Werken gerichtet werden wird.
Nachdem der Apostel diese großen und wichtigen Grundsätze klar hingestellt hat, geht er dazu über, den wirklichen Zustand der Juden zu beschreiben, wie er dies im ersten Kapitel in Bezug auf die Nationen getan hat. Die Juden rühmten sich des Gesetzes und der Vorrechte, die sie besaßen; sie kannten den Willen Gottes und waren fähig, die Unwissenden zu belehren, ja sie rühmten sich sogar Gottes. Aber belehrten sie sich auch selbst? Im Gegenteil, sie taten alles, was sie andere mit Weisheit lehrten, nicht zu tun. Sie entehrten Gott, weil sie Seinen Namen trugen. Durch sie wurde der eine wahre Gott unter den Heiden gelästert, wie geschrieben stand. Sie besaßen Vorrechte; wenn aber das Gesetz, mit dem diese Vorrechte verbunden waren, gebrochen wurde, dann wurde ihre Beschneidung zur Vorhaut. Und die Nationen, wenn sie das Gesetz beobachteten, verurteilten die, welche, Buchstaben und Beschneidung besitzend, das Gesetz übertraten. Denn nicht der war ein wahrhaftiger Jude, der es äußerlich war, sondern der, dessen Herz beschnitten, der ein Jude war im Herzen und im Geiste, nicht im Buchstaben, dessen Lob nicht von Menschen, sondern von Gott ist.

Kapitel 3
Der Apostel beginnt jetzt, die Juden auf ihrem eigenen Boden anzugreifen. Ihr Vorzug war groß, der Nutzen der Beschneidung war „viel, in jeder Hinsicht“, besonders deshalb, weil ihnen die Aussprüche Gottes anvertraut waren. Der Apostel glaubte dies wirklich und mit Recht. Es handelt sich in dieser Hinsicht nicht darum, ob sie alle persönlich bekehrt waren; sie genossen die Vorrechte des Volkes Gottes, die sonst nirgendwo gefunden wurden, und wenn sie untreu waren, konnte ihre Untreue doch die Treue Gottes nicht aufheben. (Ebenso verhält es sich jetzt mit der bekennenden Christenheit). Die Verheißungen Gottes werden durch Seine Treue dem Volke Israel erfüllt werden, obwohl es jedes Anrecht darauf verloren hat. Doch davon redet der Apostel erst später (in Kapitel 11).
Aber, könnte man sagen, dann lässt ja die Untreue des Menschen die unfehlbare Treue Gottes nur um so glänzender hervortreten! Und hebt nicht diese Tatsache, dass die Untreue des Menschen die Treue Gottes in noch hellerem Lichte erscheinen lässt, das Recht Gottes auf, den Menschen zu richten? Keineswegs; denn nach diesem Grundsatz könnte Er niemanden richten, weil auch die Bosheit der Nationen Seine Treue in ein klareres Licht stellt. Die Juden sind ebenso verantwortlich für ihre Untreue wie die anderen; und dass diese gerichtet werden würden, bezweifelte der Jude nicht. Trotz ihrer Vorrechte sind also auch die Juden dem Gericht Gottes verfallen.
Der Apostel lässt sich nicht herab, eine Antwort zu geben auf die boshafte Äußerung etlicher: „Lasst uns das Böse tun, auf dass das Gute komme!“ und sagt bloß: „deren Gericht gerecht ist“. Die Christen wurden nämlich von der Welt angeklagt, als ob sie so sprächen. Die Gnade ist immer ein Gegenstand der Anklage, so lange die Seele nicht von der Sünde überführt ist; sobald aber das Gewissen zum Bewusstsein der Sünde kommt, wird die Gnade ein Gegenstand herzlicher Dankbarkeit. Wenn nun der Jude solche Vorrechte hatte, war er dann nicht besser als die aus den Nationen? Keineswegs. Der Apostel hatte schon bewiesen, dass beide, der Jude wie der Heide, der Sünde überführt waren. Und jetzt führt er eine ganze Anzahl von Stellen an, um zu beweisen, dass die Juden in ihren eigenen Schriften als solche betrachtet werden, die unter der Sündenschuld und unter der Kraft der Sünde stehen. Hinsichtlich der Heiden konnte hierüber kein Zweifel sein; sie waren ganz von Gott entfernt, waren in Abgötterei und Götzendienst versunken, beteten die Götzen an und lebten in Gesetzlosigkeit. Der Jude dachte von sich aber ganz anders. Er war nahe gebracht und aller Vorrechte teilhaftig geworden. Der Apostel selbst hatte es als das größte Vorrecht der Juden anerkannt, dass ihnen das Wort Gottes, die Aussprüche Gottes, anvertraut seien. Was aber sagten nun diese Aussprüche, die sich auf die Juden bezogen, und deren sie sich rühmten, als ihnen allein gehörig? Sie sagten: „Da ist kein Gerechter, auch nicht einer“. Eine ganze Reihe von Stellen aus den Psalmen und aus Jesajas, die der Apostel anführt, beweisen den in allen Beziehungen durchaus sündhaften Zustand derer, von denen die Rede ist. Und dass von den Juden die Rede ist, müssen diese nach ihrem allgemeinen Grundsatz selber zugeben, denn: „wir wissen aber, dass alles, was das Gesetz sagt, es denen sagt, die unter dem Gesetz sind“. So ist denn jeder Mund verstopft und die ganze Welt schuldig vor Gott. Die Nationen sind ganz ohne Gott; die Juden aber sind von dem Worte Gottes selbst, dessen sie sich rühmen, verurteilt. Durch Gesetzeswerke also kann kein Fleisch vor dem Angesicht Gottes gerechtfertigt werden, „denn durch Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde“. Das Gesetz, das man als Regel der Gerechtigkeit annahm, bewies, dass der Mensch ein Sünder war; es überführte und verdammte ihn, und zwar ausdrücklich in seinem Gewissen, und brachte zugleich das Bewusstsein hervor, dass die Sünde in ihm sei.
Nachdem der Apostel auf diese Weise bewiesen hat, dass alle Menschen sündhaft sind, kommt er wieder auf das zurück, was er schon in Vers 17 von Kapitel 1 als Grundsatz des Evangeliums hingestellt hat, nämlich die Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes. Alles, was von Vers 18 des ersten bis Vers 21 des dritten Kapitels gesagt ist, bildet einen Zwischensatz, um zu beweisen, dass eine Gerechtigkeit Gottes notwendig ist, weil es in der Menschheit keine Gerechtigkeit gibt.
Nachdem dies geschehen ist, geht der Apostel auf diese Gerechtigkeit Gottes und ihre Anwendung auf die Menschen näher ein. Diese Gerechtigkeit steht nicht in Beziehung zum Gesetz, das nur die vollkommene Richtschnur für die Menschen war. Gott kann aber Seine Gerechtigkeit nicht nach dem Maßstab der menschlichen Gerechtigkeit oder ihrer Verantwortlichkeit messen. Nach diesem Maßstab richtet Er die Menschen, die das Gesetz gehabt haben. Seine Gerechtigkeit muss nach Seiner eigenen Natur gemessen werden, und Seine Natur offenbart sich in dem, was Er tut. Er muss Sich Selbst verherrlichen, das ist offenbaren; denn bei Gott ist Seine Offenbarung auch Seine Verherrlichung. Wenn Er richtet, so richtet Er die Menschen nach ihrer menschlichen Verantwortlichkeit; wenn Er tätig ist, so ist Er es nach Seiner eigenen Natur. Das Gesetz weiß nichts von dieser Natur. Es sagt, dass wir Gott lieben sollen; aber was ist Er? Das Gesetz ist dem Menschen und seinem Verhältnis zu Gott angepasst. Die Gerechtigkeit Gottes steht ganz und gar außerhalb der Frage des Gesetzes, selbst jedes Gesetzes, was für ein Gesetz es auch sein möge; es sei denn, dass die Natur Gottes Selbst als solches angesehen wird. Er ist ein Gesetz für Sich Selbst, vollkommen in Seiner Natur. Seine Gerechtigkeit ist jetzt erwiesen in dem, was Er mit der Person Christi getan hat, indem Er Ihn infolge Seines vollbrachten Werkes zu Seiner Rechten gesetzt hat. Das Gesetz und die Propheten haben Zeugnis davon gegeben. Die Gerechtigkeit Gottes Selbst ist ausgeübt worden in der Annahme und Verherrlichung Christi um Seines Werkes willen. Und an dieser Annahme haben auch wir teil durch den Glauben, weil Er dieses Werk für uns getan hat. Eben weil es die Gerechtigkeit Gottes ist, gegründet auf das Werk Christi, indem Er für alle gestorben ist, bezieht sie sich auf die ganze Welt und auf alle Menschen: alle, die an Christum glauben, ob Juden oder Heiden, haben teil daran und auch teil an allen Vorrechten, welche die Folge davon sind. Wäre es menschliche Gerechtigkeit, so müsste sie nach dem Gesetz sein, und wäre sie nach dem Gesetz, so würden nur die Juden teil daran haben, weil nur sie das Gesetz hatten. Da es aber die Gerechtigkeit Gottes ist, so ist sie für alle geoffenbart, und die Gerechtigkeit ist allen, die da glauben, zugerechnet. So ist also die Gerechtigkeit Gottes durch den Glauben an Christum Jesum für alle Sünder geoffenbart; sie ruht auf allen, die an Ihn glauben. „Denn es ist kein Unterschied, denn alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christo Jesu ist“.
Alle Menschen befinden sich also von Natur in demselben Zustand, weil sie alle gleich sind in der Sünde; ebenso aber ist auch die Gnade gleich für alle, weil die Gerechtigkeit Gottes Gerechtigkeit und für alle Gläubige dieselbe ist, und infolgedessen stehen alle Gläubige, in dieser Gerechtigkeit angenommen, auf demselben Boden vor Gott. Gott hat Jesum Christum öffentlich dargestellt als Gnadenstuhl durch den Glauben an Sein Blut, und hat dadurch Seine Gerechtigkeit erwiesen in Betreff der Sünden der Heiligen des Alten Testaments, die Er in Seiner Nachsicht hatte hingehen lassen. Jetzt aber ist Seine Gerechtigkeit in diesem Hingehenlassen erwiesen, indem Christus für sie gestorben ist; auf Grund dieses Versöhnungstodes, den Gott vor Seinen Augen hatte, konnte Er jene Sünden hingehen lassen. Ferner ist die Gerechtigkeit auch in der jetzigen Zeit geoffenbart; sie erklärt nicht nur die früheren Wege Gottes, sondern ist auch für die gegenwärtige Zeit eine Offenbarung des Grundes der Rechtfertigung der Gläubigen durch ein vollbrachtes Werk; sie ist deshalb eine gegenwärtige, verwirklicht in der Rechtfertigung aller Gläubigen nach der Gerechtigkeit des gerechten Gottes. Gott ist gerecht und rechtfertigt um des Werkes Christi willen. Ja, Er erweist Seine Gerechtigkeit, indem Er dies tut. Nicht als ob wir dessen würdig wären, sondern Gott erkennt den Wert des Werkes Christi an, indem Er uns rechtfertigt. Also ist die Rechtfertigung eine geoffenbarte, bekannte Sache, weil das Werk vollbracht ist.
Der Mensch kann sich seiner selbst nicht rühmen, auch der Jude nicht, trotz aller seiner Vorrechte. Aller Ruhm ist ausgeschlossen. Auf welchem Grundsatz? Durch welches Gesetz? Der Werke? Nein, durch das Gesetz des Glaubens. Der Mensch, wer er auch sein mag, nimmt den Platz eines Sünders ein. Die Gnade, und die Gnade allein, gilt für alle in gleicher Weise. Denn wir sind zu dem Schluss gekommen, dass man durch Glauben gerechtfertigt wird, ohne Gesetzeswerke. „Ist Gott der Gott der Juden allein? nicht auch der Nationen? Ja, auch der Nationen“. Ein solcher muss Er sein, ein solcher war Er, selbst im Alten Testament, obwohl Er, als alle Geschlechter der Erde in Götzendienst versunken waren, Israel in der Person Abrahams aus ihrer Mitte erkor, um die Erkenntnis des einen Gottes auf der Erde zu bewahren. Jetzt aber hat Er nach der Gnade Seinen Platz genommen als Gott über alle Menschen, nach der Wahrheit Seines unveränderlichen Rechts, indem es ein und derselbe Gott ist, der die Beschneidung aus Glauben und die Vorhaut durch Glauben rechtfertigt. Die Verschiedenheit der hier gebrauchten Ausdrücke „aus Glauben“ oder „auf dem Grundsatz des Glaubens“ und „durch Glauben“ erklärt sich dadurch, dass die Juden wohl die Gerechtigkeit suchten, aber auf einem falschen Grundsatz, nämlich auf dem Grundsatz der Werke; sie müssen die Gerechtigkeit haben, und zwar eine göttliche Gerechtigkeit, aber auf einem anderen Grundsatz, auf dem des Glaubens. Und weil die göttliche Gerechtigkeit auf dem Grundsatz des Glaubens beruht, so wird auch der glaubende Heide ihrer teilhaftig durch den Glauben, der durch die Gnade in ihm gewirkt ist. Macht denn dieser Grundsatz das Gesetz ungültig? Keineswegs. Die Autorität des Gesetzes ist vollkommen festgestellt und bestätigt worden, aber zur Verdammnis aller derer, die sich unter seiner Autorität befanden. Nichts könnte seine Autorität so vollkommen feststellen wie die Tatsache, dass der Herr Selbst den Fluch des Gesetzes auf Sich genommen hat.
Kapitel 4
Aber es gab noch einen anderen Beweis dafür, dass die Gerechtigkeit nicht aus Gesetzeswerken kommt, nämlich das Beispiel Abrahams, der die Verheißungen hatte, bevor das Gesetz gegeben und verkündigt war. Der Apostel bedient sich auch dieses Teils der Geschichte und der Vorrechte Israels, um seinen Hauptgrundsatz zu bestätigen. „Was sollen wir von Abraham sagen?“ fragt er.
Wenn er durch die Werke gerechtfertigt worden wäre, so hätte er Ruhm, aber nicht vor Gott; denn was sagt die Schrift? „Abraham glaubte Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet“. Also ist der Grundsatz, dass man durch den Glauben gerechtfertigt wird, in dem Beispiel Abrahams völlig bestätigt. Es ist nicht aus Werken; wäre es so, dann wäre der Lohn nicht als Gnade, sondern als Schuldigkeit zu betrachten. Wenn man aber nicht wirkt, sondern an Den glaubt, Der den Gottlosen rechtfertigt, so wird der Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet.
Und wie es bei Abraham war, so war es auch bei David. (Der Apostel führt das Beispiel dieser beiden Männer an, weil sie die Hauptquellen der Segnungen Israels bilden). Auch David beschreibt die Segnung des Menschen, den Gott für gerecht hält ohne Werke, indem er sagt: „Glückselig die, deren Gesetzlosigkeiten vergeben und deren Sünden zugedeckt sind! Glückselig der Mann, dem der Herr Sünde nicht zurechnet!“ Die Annahme in Christo geht zwar weiter, aber hier finden wir im Blick auf die Verantwortlichkeit des Menschen die Wahrheit ausgesprochen, dass für die, welche an Christum glauben, alles vollbracht ist. Die Sünde wird ihnen nicht zugerechnet; sie sind frei von aller Schuld; alle Beschuldigung ist vorbei für immer. Von unserer Stellung in Christo spricht der Apostel später; angenommen zu werden in einer neuen Stellung in Christo, nach dem Wert und der Annahme Christi vor den Augen Gottes, ist noch mehr als die Rechtfertigung. Aber diese Rechtfertigung ist vollbracht für uns, als verantwortliche Menschen.
Nun aber entsteht die Frage: Ist diese Segnung für Israel allein? Das Beispiel Abrahams entscheidet auch diese Frage. Ihm wurde der Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet; aber wann? Als er beschnitten war, oder als er noch in der Vorhaut war? In der Vorhaut. — So sehen wir denn in diesem alten und entscheidenden Beispiel Abrahams, dass nach dem Willen und Ausspruch Gottes der Glaube eines unbeschnittenen Menschen ihm zur Gerechtigkeit gerechnet wird. Die Beschneidung ist dem Abraham nachher gegeben worden, als Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens, den er als Unbeschnittener hatte, damit er der Vater aller Gläubigen wäre, sowohl der Unbeschnittenen (damit auch ihnen nach seinem Beispiel die Gerechtigkeit zugerechnet würde), als auch der Beschnittenen, so dass er der Vater einer wahren Beschneidung ist, nicht allein derer, die aus der Beschneidung sind, sondern auch aller Gläubigen, die in Absonderung für Gott in den Fußtapfen des Glaubens Abrahams wandeln, den er hatte, als er noch nicht beschnitten war.
Ferner war auch die Verheißung, dass Abraham Erbe der Welt sein sollte, nicht durch das Gesetz gegeben worden - weder ihm, noch seinem Samen, sondern durch die Gerechtigkeit des Glaubens; denn das Gesetz kam viel später. So beweist also die ganze Geschichte Israels, dass man nicht durch das Gesetz, sondern nur durch den Glauben teil an der Segnung hat. Denn wenn die vom Gesetz, als solche, Erben sind, so ist die Verheißung aufgehoben und der Glaube, durch welchen Abraham sie empfangen hat, unnütz und erfolglos. Vielmehr bewirkt ein Gesetz Zorn, denn wo kein Gesetz ist, da ist auch keine Übertretung; die Sünde ist wohl vorhanden, aber man kann nicht übertreten, was nicht geboten oder verboten ist.
Doch der Apostel entwickelt diesen Hauptgrundsatz der Segnung der Gläubigen aus den Nationen noch weiter aus der Schrift. Er sagt: „Darum ist es aus Glauben, auf dass es nach Gnade sei, damit die Verheißung dem ganzen Samen fest sei, nicht allein dem vom Gesetz, sondern auch dem vom Glauben Abrahams, welcher unser aller Vater ist (sowohl der Gläubigen aus den Nationen, als auch derjenigen aus den Juden) vor dem Gott, welchem er glaubte, der die Toten lebendig macht und das Nichtseiende ruft, wie wenn es da wäre“ (V. 16. 17). Diese Worte enthalten eine neue Wahrheit. Sie weisen auf die Kraft der Auferstehung hin, auf die Kraft, das Leben zu geben, da wo alles im Tode liegt, auf die schöpferische Kraft. Diese Kraft aber gab auch den Nationen Einlass. Auf diese Kraft rechnete Abraham, als sein Leib gewissermaßen schon tot und der Mutterschoß der Sarah ebenfalls über die geeignete Zeit hinaus war. Für den Glauben hängt alles ab von der Tätigkeit dieser Kraft, die hervorbringt, was Gott will. Es ist nicht allein ein Gnadenstuhl dargestellt für alle, die durch den Glauben an das Blut Christi herzukommen, als zu dem Ort, wo Gott mit dem Sünder zusammentrifft, sondern es ist eine Kraft, die da, wo nichts ist, Kinder schafft für sich aus den Seelen der Toten.
Doch gibt es einen Unterschied zwischen dem Glauben Abrahams und unserem Glauben. Er glaubte, dass Gott die Toten auferwecken könne, und er hatte Recht; wir aber glauben, dass Gott es getan hat. Dieser Unterschied ist sehr wichtig. Abraham hatte Recht, indem er an das Wort Gottes selbst glaubte; wir haben denselben Glauben, aber er gründet sich auf ein vollbrachtes Werk, und da findet die Seele Ruhe. Christus ist auferstanden; Er, Der einmal für unsere Übertretungen geopfert war, ist auferweckt worden, auf dass wir daran glauben und gerechtfertigt werden.
Kapitel 5
Wir sind also gerechtfertigt durch den Glauben. Damit findet die Lehre von dem Werk Christi, so weit es sich um Sein Blut und um das Wegtun unserer Sünden durch Sein Blutvergießen handelt, gewissermaßen ihren Abschluss. Die Auferstehung Christi ist der Beweis, dass Gott dieses Werk angenommen hat als Genugtuung für unsere Sünden, und zwar zu Seiner eigenen Herrlichkeit. Welch ein gesegneter Gedanke! Die Gerechtigkeit Gottes ruht in dem Wert des Werkes Christi! Diese Gerechtigkeit hat sich darin geoffenbart, dass Er Seinen Sohn aus den Toten auferweckt und uns um Seinetwillen gerechtfertigt hat; unsere Sünden sind vergeben, wir sind rein gewaschen in Seinem Blut. Nichts haben wir zu unserer Rechtfertigung beigetragen, nichts können wir dazu beitragen; wir sind allein gerechtfertigt durch das Werk Christi. Unsere Sünden sind der einzige Anteil, den wir an dem Leiden Christi haben, durch das wir vor dem Angesicht Gottes gereinigt worden sind. Der Wert dieses Werkes ist uns durch den Glauben, der jedoch dem nichts hinzufügen kann, zuteil geworden. Dieses Werk ist für uns der höchste Beweggrund, Ihm zu dienen und Ihn immer und unaufhörlich zu loben; aber auch dadurch fügen wir dem Werke Christi vor dem Angesicht Gottes nichts hinzu, es ist vollendet, und nicht allein das, sondern auch angenommen, als völlig genügend anerkannt vor Gott.
Wie wertvoll ist es, zu wissen, dass alle unsere Sünden hinweg getan sind durch Gott Selbst, und zwar gemäß Seiner eigenen Gerechtigkeit, indem Er Christum um des Werkes willen, das Er für uns vollbracht hat, auferweckt hat, ein ewig gültiger Beweis, dass Gott dieses Werk angenommen hat als völlig ausreichend für Seine Herrlichkeit. Dies würde genug sein für unsere Rechtfertigung; aber Gott hat noch mehr getan: Er hat Christus zu Seiner Rechten erhöht; dort sitzt Er jetzt als Mensch zur Rechten Gottes, bis Seine Feinde zum Schemel Seiner Füße gelegt sind. Durch ein Opfer hat Er, hinsichtlich des Gewissens, für immerdar vollkommen gemacht, die geheiligt werden. Wenn sie durch dieses Opfer nicht zur Vollkommenheit gebracht sind, so können sie es nie werden, und ebenso wenig können ihre Sünden je hinweg genommen werden. Denn ohne Blutvergießen gibt es keine Vergebung, und Christus kann Sein Blut nicht noch einmal für uns vergießen; das Werk ist geschehen, oder es kann überhaupt nicht geschehen.
Vers 1-11
Der erste Abschnitt des fünften Kapitels (V. 1—11) fasst alle Züge dieser unendlichen Gnade Gottes zusammen. Betrachten wir kurz den Inhalt dieser kostbaren Verse.
Das Werk ist vollbracht; der Glaube weiß, dass es von Gott angenommen ist, indem Er Christum auferweckt und zu Seiner eigenen Rechten gesetzt hat. Es bleibt nichts zwischen dem wiedergeborenen, geheiligten Menschen und Gott als nur der Wert des Werkes Christi und die Annahme Seiner Person. Das Blut Christi ist immer vor den Augen Gottes, und Er Selbst erscheint in der Gegenwart Gottes für uns. Das gibt uns für die Gegenwart die köstlichsten Vorrechte, und für die Zukunft die Hoffnung der Herrlichkeit, die wir bei ihm genießen werden. Doch wir wollen nicht über unser Kapitel hinausgehen, sondern uns auf die Betrachtung der Vollkommenheit der Gnade Gottes, die darin so wunderbar entwickelt ist, beschränken. Wir finden hier das, was Gott für uns ist, während unsere Stellung vor Ihm in Christo erst später behandelt wird.
Die ersten elf Verse enthalten also die Entwicklung der Gnade und der Wege Gottes in Gnade; sie sprechen zuerst von dem, was die Gnade gibt, und dann von den Erfahrungen der Begnadigten. Indem Christus für unsere Sünden dahingegeben und zu unserer Rechtfertigung auferweckt worden ist, sind wir durch den Glauben gerechtfertigt worden. Es ist eine vollendete Rechtfertigung; unsere Sünden sind ausgelöscht, unser Gewissen ist gereinigt, und da der Wert dieses Werkes unwandelbar und immer vor den Augen Gottes ist, ist unsere Rechtfertigung ewig gültig. Infolgedessen besitzen wir einen beständigen Frieden mit Gott. Keine Sünde kann uns zugerechnet werden, denn unsere Sünden sind alle schon getragen, so dass wir kein Bewusstsein mehr von Sünden haben können. Wohl sind wir uns des Vorhandenseins der Sünde im Fleisch bewusst; aber von den Sünden, die Christus schon für uns getragen hat, kann nicht mehr die Rede sein. Wohl können wir uns demütigen, wenn wir durch irgend einen Anlass daran erinnert werden, dass wir der hässlichen Früchte der Sünde schuldig waren und diese Last auf den geliebten Heiland gebracht haben; aber wir können nicht in der Gegenwart Gottes, wo sich Christus und Sein Blut für immer befinden, in Frage stellen, ob alles vergeben ist. Es ist wichtig, dass ich den Zustand meiner Seele nicht verwechsle mit dem Wert eines außer mir vollbrachten Werkes, eines Werkes, an dessen Vollbringung ich nicht teilgehabt habe, es sei denn durch meine Sünden. Wenn aber meine Sünden dort auf Christum gelegt waren, dann können sie jetzt nicht mehr vor Gott sein — Christus hat sie im Himmel nicht mehr auf Sich. Befinde ich mich vor Gott, so finde ich da einerseits nur eine unendliche, unveränderliche Liebe, weil Christus dort ist, und andererseits nur eine vollkommene göttliche Gerechtigkeit in Ihm, ebenfalls weil Er dort ist. Unendliche Liebe, vollkommene und göttliche Gerechtigkeit und unveränderliche Gnade sind dem Gläubigen zuteil geworden in Christo vor Gott.
Dies führt uns in der Betrachtung der Früchte der Gnade einen Schritt weiter. Nicht allein sind unsere Sünden durch die Gnade hinweg getan, so dass wir Frieden mit Gott haben, sondern wir können auch genießen von der Gnade Gottes, die den Frieden gestiftet hat — von einer Gnade, die jetzt beständig in dem Herzen Gottes für uns ist. Die Gnade hat nicht allein durch das Werk Christi alle Hindernisse beseitigt, sondern sie bleibt auch immer unveränderlich in dem Herzen Gottes. Sein Auge ruht auf uns mit derselben Liebe, wie es auf Christo ruht. Durch Christum haben wir Frieden, durch Ihn auch Zugang durch den Glauben zu der Gnade und Gunst, in der wir in Ihm vor Gott stehen. Diese Gunst genießen wir in der Gegenwart Gottes. Nicht allein rechtfertigt uns der himmlische Richter, sondern ein himmlischer Vater nimmt uns auf; ein lichtvolles, gnädiges Angesicht voll väterlicher Liebe erleuchtet und erfreut unsere Seele und erquickt unser Herz, so dass wir mit einem völlig ruhigen Herzen in Seiner Gegenwart sind und in Seinen Wegen gehen; wir haben das köstliche Bewusstsein, dass wir in der Gunst Gottes stehen.
- Was unsere Sünden betrifft, so sind alle hinweg getan;
- Was unseren gegenwärtigen Zustand vor Gott betrifft, so ist alles Liebe und Gunst, in der hellen Klarheit Seines Angesichts;
- Was die Zukunft betrifft, so wartet unser die Herrlichkeit, sie ist unser Teil, wenn wir sie auch jetzt noch nicht genießen. Friede, göttliche Gunst, die Herrlichkeit in Hoffnung, das ist das Teil des Glaubenden, die gesegnete Frucht der Liebe Gottes.
Man könnte nun sagen: Es ist also alles vorhanden für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und doch hat der Apostel noch etwas hinzuzufügen. Weil die Herrlichkeit für uns noch in der Zukunft liegt, haben wir noch einen Weg zu machen, um sie zu erreichen. Und Gott vergisst uns auch auf diesem Wege nicht. Der Apostel sagt deshalb: „Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Trübsale“. Die Wüste ist der Ort, wo die Erfahrungen der Erlösten in Betreff ihres wirklichen Zustandes und der Regierungswege Gottes gemacht werden. Die Erlösung ist vollbracht; wir sind zu Gott gekommen, wie geschrieben steht: „…Wie ich euch getragen auf Adlers Flügeln und euch zu mir gebracht habe“ (2. Mo 19, 4). Dies ist eine im Ratschluss Gottes vorherbestimmte und jetzt vollendete Tatsache. Die Herrlichkeit ist ein Teil des Ratschlusses Gottes, und auch dieser Teil muss für die Gerechtfertigten erfüllt werden. Die Wüste bildet keinen Teil dieses Ratschlusses, aber sie ist der Ort, wo wir Seine Wege mit uns kennen lernen.
Allerdings ging der Räuber am Kreuz mit Christo an demselben Tag noch ins Paradies ein, um dort bei Ihm zu wohnen. Sein Zustand war passend für eine solche Stellung. Wenn er die Folgen seiner Missetaten von Seiten der Menschen tragen musste, so ertrug Christus für ihn von Seiten Gottes alles, was er vor Ihm schuldig war, und der gerechtfertigte Sünder folgte Ihm an demselben Tag noch nach in die Wohnungen der Seligkeit. Er hatte also keinen weiten Weg der Erfahrungen zu machen. Im allgemeinen aber geht der Gläubige durch eine Welt, wo Schwierigkeiten und Versuchungen ihm entgegentreten und ihn von allen Seiten umringen. Christus ist vor uns durch diese Welt gegangen, und wir sind berufen, in Seinen Fußstapfen zu wandeln. Dadurch aber wird unser Zustand geprüft. Die Erlösung kommt wird dadurch nicht in Frage gestellt; denn gerade diese ist es, die uns in die Wüste gebracht hat. Wir sind aber schuldig, unserer Berufung und der Stellung gemäß, in welche die Erlösung uns versetzt hat, zu wandeln, würdig des Gottes, der uns zu Seinem eigenen Königtum und zu Seiner eigenen Herrlichkeit berufen hat. Die Trübsale prüfen die Seele, inwieweit der Eigenwille wirksam ist; sie machen die Wirkung der Sünde in uns offenbar, so dass wir sie entdecken. Wir werden von Gott erforscht. Einerseits lernen wir dadurch erkennen, was wir sind, andererseits aber auch, was Gott für uns ist in Seiner Treue und täglichen Fürsorge. Wir werden von der Welt entwöhnt, und unsere Augen werden mehr befähigt, das, was himmlisch ist, wahrzunehmen und zu schätzen. So wird die Hoffnung, die schon im Herzen ist, viel lebendiger und klarer.
In diesem Sinn können wir alle Trübsale betrachten, weil wir den Schlüssel zu allem besitzen: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben worden ist“. Die Fürsorge Gottes in dieser Beziehung ist wunderbar. „Er zieht Seine Augen von dem Gerechten nicht ab“. Er denkt an alles bei Seinen Kindern, an ihren Charakter, ihre Umstände, ihre Versuchungen; Er tut alles, was nötig ist, um sie zum glückseligen Ende ihrer Pilgerschaft zu bringen. Die Füße der Israeliten waren nach vierzigjähriger Wanderschaft nicht geschwollen und ihre Kleider nicht abgenutzt. Er lässt alles zusammenwirken zum Besten derer, die Ihn lieben.
Doch noch einige andere, sehr wichtige Punkte haben wir hier zu beachten. Zum ersten Mal finden wir an dieser Stelle den Heiligen Geist erwähnt. Die Ausgießung des Geistes in das Herz ist etwas ganz anderes, als die neue Geburt. Man muss allerdings von neuem geboren werden, um den Heiligen Geist empfangen zu können; aber der Sünder hat noch mehr nötig, als die neue Geburt. In dieser Stelle wird der Heilige Geist betrachtet als das den Gläubigen gegebene Siegel des Wertes des Blutes Christi und der vollkommenen Reinigung, deren sie durch die Anwendung dieses Blutes teilhaftig geworden sind. Gewaschen von ihren Sünden, werden sie die Wohnung des Heiligen Geistes. Er ist die Salbung, das Siegel der Gläubigen und das Pfand der Herrlichkeit. Durch Ihn rufen sie: „Abba, Vater!“ (Gal 4, 6) durch Ihn wissen sie, dass sie in Christo sind und Christus in ihnen (Joh 14, 16—20) und hier an dieser Stelle wird uns mitgeteilt, dass durch Ihn auch die Liebe Gottes ausgegossen ist in ihre Herzen. Die Anordnung Gottes über die Reinigung des Aussätzigen (3. Mo 14) liefert uns ein treffendes Vorbild von dem, was in der gegenwärtigen Zeit mit dem Gläubigen geschieht. Der Aussätzige wurde zunächst mit Wasser gewaschen, dann mit Blut besprengt und schließlich mit Öl gesalbt. So wird auch jetzt ein Mensch zuerst bekehrt, dann teilhaftig der vollkommenen Reinigung, die durch das Blut Christi bewirkt ist, und schließlich empfängt er die Versiegelung des Heiligen Geistes. Durch Ihn haben wir die vollkommene Versicherung, dass wir an der vollbrachten Erlösung teilhaben, kraft unseres gesegneten Verhältnisses zu Gott und zu Christo, und Er ist das Pfand der zukünftigen Herrlichkeit. Alles aber ist die Folge der Besprengung mit dem Blute Christi.
So ist Gott von uns gekannt, wir sind teilhaftig geworden der göttlichen Natur, wir haben unsere Erlösung und Rechtfertigung verstanden und machen die Erfahrung von Seiner Treue. Er offenbart Sich unseren Seelen und offenbart uns auch die Herrlichkeit, die vor uns liegt. Wir wissen, dass wir in Ihm sind, und dass Gott in uns wohnt. So rühmen wir uns nicht allein dessen, was Er uns gegeben hat, nicht allein unserer Errettung, sondern auch Gottes Selbst. Ein dankbares Kind ist nicht nur darüber glücklich, dass es viel von seinem Vater empfangen hat, sondern sein Herz erfreut sich auch darin, dass sein Vater ein solcher ist, wie ihn seine liebevollen Wege geoffenbart haben; es ist glücklich, weil sein Vater für sein Herz alles ist, was es liebt; es erfreut sich in persönlicher Erfahrung in seinem Vater und rühmt sich seiner. Welch ein Vorrecht, uns Gottes Selbst rühmen zu können! Das macht die Freude und den Genuss der Gnade groß. Der höchste Charakter unserer ewigen Freude wird dadurch schon hier auf der Erde verwirklicht, und diese Freude wird von einem tiefen Frieden begleitet. Was Gott in Sich Selbst ist, ist der unendliche, aber gegenwärtige Gegenstand für eine Natur, die fähig ist, Ihn zu genießen, indem der Heilige Geist Ihn in der Seele offenbart.
V.12-21
Hiermit ist der erste Teil des Briefes und, man kann sagen, die Lehre des ganzen Briefes beendigt. Was jetzt noch folgt, ist unsere Stellung in Christo und die Erfahrungen, die in der Seele gemacht werden, um in diese Stellung einzutreten. Dann folgen Ermahnungen für die Befreiten. Unsere Stellung ist nicht im Fleisch, sondern im Geist, oder in Christo. Um aber wahrhaft befreit zu werden, müssen wir lernen, was das Fleisch ist, und zwar durch die Erfahrung; dann, und nur dann, werden wir aus dem gesetzlichen Zustand der Seele in den geistlichen in Christo hinübergehen, kraft des Todes und des Lebens Jesu Christi. Doch wir werden später noch einmal hierauf zurückkommen. Zunächst müssen wir die Stellung selbst betrachten, oder vielmehr die zwei Stellungen, und die Lehre, die sich darauf bezieht. Es ist wichtig, hier zu bemerken, dass es sich bei dieser Befreiung um Erfahrung handelt, durch die sie allein gekannt werden kann. Mit der Vergebung der Sünden ist es anders. Wohl ist es wahr, dass Gott uns in allem belehren muss; aber zu glauben, dass etwas außer mir getan oder geschehen ist, ist etwas ganz anderes als etwas von mir selbst zu glauben, was ich praktisch nicht in mir verwirklicht finde. Das Werk Christi auf dem Kreuz, wodurch ich Vergebung und, insofern es sich um Vergebung handelt, Frieden erlange, ist außer mir vollbracht worden, und ich bin berufen, zu glauben, dass Gott es als Genugtuung für meine Sünden angenommen hat. Dass ich dies glaube, ist wohl das Werk Gottes in meinem Herzen, aber die Sache an und für sich ist einfach. Ein Kind, das bestraft werden soll, versteht ganz gut, was es heißt, Vergebung zu erhalten. Aber wenn man mir sagt: Wenn du glaubst, so bist du tot für die Sünde, so erwidere ich, und zwar gerade dann, wenn ich ernst und aufrichtig bin: Das ist nicht wahr, denn ich fühle ihre Wirksamkeit in meinem Herzen. Diese Frage nun — unser Zustand — wird im zweiten Teil des Römerbriefes behandelt. Sind wir im Fleische oder im Geiste? Sind wir in Christo und ist Christus in uns, sind wir also der Sünde gestorben, oder sind wir bloße Kinder Adams, so dass die Sünde ihre Kraft in uns ausübt, selbst wenn wir es nicht wollen?
Die Behandlung dieser Frage beginnt mit dem zwölften Vers des fünften Kapitels. Der Apostel spricht nicht mehr von dem, was wir getan haben, wie im ersten Teil des Briefes, sondern von dem, was wir sind, und zwar infolge der Sünde Adams. Durch den Ungehorsam des Einen sind die Vielen, d. h. alle, die durch ihre Geburt mit ihm als ihrem Urvater in Verbindung stehen, zu Sündern gemacht worden. „Gleichwie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen und durch die Sünde der Tod und also der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist, weil sie alle gesündigt haben“ (V. 12). Dieser Satz wird erst in Vers 18 fortgesetzt. Die Verse 13—17 bilden einen Zwischensatz, dessen Zweck ist zu zeigen, in welchem Verhältnis das Gesetz zu dieser Frage steht, und zu beweisen, dass der Mensch, ohne ein Gesetz von Gott empfangen zu haben, unter dem Joch der Sünde steht und dem Gericht verfallen ist. Der Beweis, dass die Sünde über alle Menschen herrscht, ist der Tod. Adam war unter einem Gesetz; es war ihm verboten, von der Frucht eines gewissen Baumes zu essen. Die Juden standen, wie wir alle wissen, als Volk unter dem Gesetz Moses. Wenn also Adam das ursprüngliche Gesetz, und die Juden die Gebote Gottes nicht beobachtet hatten, so waren sie in bestimmter Weise in dem Punkt schuldig, worin sie ungehorsam gewesen waren. Sie hatten das getan, was das Gesetz verboten hatte. Vers 14 bezieht sich auf das, was in Hosea 6, 7 von Israel gesagt ist: „Sie haben den Bund übertreten wie Adam“. Adam wie Israel standen mit Gott in Verbindung durch ein bestimmtes Gesetz. Mit den Heiden war es anders; sie besaßen kein Gesetz. Wohl hatten sie das Gewissen und die Pflicht, Gott gehorsam zu sein. Aber man konnte nicht sagen, dass sie in diesem oder jenem Punkt einen gekannten Befehl Gottes übertreten hätten, weil es keinen gab. Es war für sie kein Gesetz vorhanden, und so konnte man das, was sie getan hatten, ihnen nicht als Übertretung zurechnen. Aber die Sünde war da; das Gewissen nahm alles wahr, was gegen seine Stimme getan wurde, und der Tod herrschte über sie. Die Herrschaft des Todes bewies also das Vorhandensein der Sünde, deren Folge er war. Jeder, auch wenn er nicht unter Gesetz stand, hatte sein Gewissen verunreinigt, und der Tod war der beständige Beweis davon, dass Sünde vorhanden war. Die Nationen, die kein Gesetz hatten, starben ebenso wie die Juden.
Sollte sich denn die Wirksamkeit der Gnade auf den engen Kreis des Judentums beschränken, weil die Juden allein die Verheißungen und alle Vorrechte einer Offenbarung, besonders das Wort Gottes, besaßen? Im Gegenteil. Das Christentum war die Offenbarung Gottes selbst, nicht allein des Willens Gottes in Bezug auf die Menschen; deshalb dehnte sich diese Offenbarung notwendigerweise weit über die Grenzen des Judentums aus. Im Christentum gibt es kein einem einzelnen Volk gegebenes Gesetz; dem Volke Israel war ein Gesetz gegeben worden, das lehrte, was der Mensch sein sollte, aber es offenbarte Gott nicht. Wohl war es von Verheißungen begleitet, aber von Verheißungen, die noch nicht erfüllt waren; zugleich verbot es dem Menschen den Zugang zu Gott. Das Christentum aber gab eine Offenbarung Gottes nach der Liebe, in der Person des Sohnes; es verkündigte eine vollkommene Erlösung durch Seinen Tod, eine vollkommene, gegenwärtige Rechtfertigung durch den Glauben, kraft dieses Todes. Es bezeugte, dass der Vorhang, der den Zugang zu Gott verbot, zerrissen ist, so dass der Zugang vollkommen frei geworden und der Gläubige mit Freimütigkeit auf diesem neuen und lebendigen Weg herzunahen kann. So wird die ewige Segnung nicht in dem ersten sündigen Menschen gefunden, noch durch das Gesetz. Denn dieses konnte, indem es auf jenen angewendet wurde, nicht anders, als ihn verdammen, weil es die vollkommene göttliche Richtschnur für das Verhalten eines Menschen bildete, und es stellte, da der Mensch ein Sünder war, alle, die unter Gesetz standen, unter den Fluch. Die Segnung Gottes ist in dem letzten Adam, dem zweiten, und zwar verherrlichten Menschen, nachdem Er vorher für uns zur Sünde gemacht worden war; in Ihm, Welcher der Kraft Satans begegnete und Sich dem Tod unterwarf, obgleich Er von ihm nicht behalten werden konnte, welcher Sich dem Fluch und dem Verlassensein von Gott in Seiner Seele unterzog und von Gott, Der durch Sein Werk vollkommen verherrlicht wurde, aus den Toten auferweckt und als Mensch zu Seiner Rechten gesetzt worden ist. Ein Gott, Der Sich in solcher Weise geoffenbart hatte, konnte nicht Gott der Juden allein sein.
In den Versen 15—17 zeigt der Apostel, dass die Gnade die Sünde noch weit übertrifft. Wenn (V. 15) die Folgen der Sünde Adams nicht allein auf ihn beschränkt blieben, sondern sich auch auf seine Nachkommen erstreckten, so gehen noch vielmehr die Folgen des Werkes Christi auf diejenigen über, die Sein sind. Nach Vers 16 sind durch die Sünde Adams alle seine Nachkommen verloren, aber die Gnade, die freie Gabe, ist nicht allein für den verlorenen Zustand, sondern auch für viele Übertretungen gültig. Die Überschwenglichkeit der Gnade tritt besonders glänzend in Vers 17 hervor, in dem wir lesen: „Denn wenn durch die Übertretung des Einen der Tod durch den Einen geherrscht hat, so werden vielmehr die“ — man sollte denken, es müsse der Nachsatz lauten: so wird vielmehr das Leben herrschen; aber nein, sondern — „die, welche die Überschwenglichkeit der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, im Leben herrschen durch den Einen, Jesum Christum“.
Mit Vers 17 schließt der Zwischensatz, und der Apostel nimmt in Vers 18 den in Vers 12 unterbrochenen Gedankengang wieder auf. Die Folgen des Sündenfalls Adams beziehen sich auf alle Menschen; ebenso bezieht sich durch das Werk Christi die freie Gabe auf alle Menschen. Das Evangelium kann also auf alle angewendet werden; es richtet sich an die ganze Welt, an alle Sünder. In Vers 19 haben wir die tatsächliche Anwendung. Durch den Ungehorsam eines Menschen befinden sich die Vielen, die mit ihm in Verbindung sind, d. h. alle Menschen, in dem Zustand dieses Einen, d. h. in einem sündhaften Zustand. Durch den Gehorsam eines Menschen befinden sich alle, die mit ihm in Verbindung sind, d. h. alle Christen, in der Stellung dieses Einen, d. h. in der Stellung der Gerechtigkeit vor Gott. Adam war das Vorbild des zukünftigen Menschen. In dem einen sind wir verloren gegangen, in dem anderen sind alle, die mit ihm verbunden sind, errettet, gerecht vor Gott. Die Schuld eines Menschen hängt davon ab, was er getan hat, sein wirklicher Zustand dagegen von dem, was der eine Adam getan hat.
Adam und Christus sind die Häupter von zwei Geschlechtern; der eine ist das Haupt eines sündhaften, der andere das Haupt eines vor Gott gerechten Geschlechts, und hier sind das Leben und die Stellung unzertrennlich. Das Gesetz trat als Nebensache zwischen den ersten und zweiten Adam. Die Wurzel des gefallenen menschlichen Geschlechts war Adam, der erste Mensch. Das Haupt und die Lebenswurzel des gesegneten, erretteten Geschlechts ist Christus. „Das Gesetz aber kam daneben ein“, als der Maßstab dafür, wie es bei der gefallenen Menschheit hätte sein sollen, aber nie wirklich geworden ist. Das Gesetz war nie das Mittel des Lebens oder der Errettung, sondern die Regel davon, was der Mensch hier hätte sein sollen, verbunden mit einer Verheißung des Lebens: „wer diese Dinge getan hat, wird durch sie leben“ (vgl. Gal 3, 12); aber es gebot einem sündhaften Menschen, nicht zu sündigen! Sein Zweck war, wie der Apostel hier sagt, die Übertretung überströmend zu machen — nicht die Sünde, denn Gott kann nichts tun, um die Sünde zu vermehren; aber Er konnte eine Regel geben, als die Sünde schon da war, um ihre Früchte ans Licht treten zu lassen. Obgleich also das Gesetz die vollkommene Regel für den Wandel eines Kindes Adams bildete, so war es doch tatsächlich stets eine Nebensache. Der Mensch war schon ein verlorener Sünder, und das Gesetz stellte die Frucht des faulen, verderbten Baumes ans Licht. Später werden wir finden, dass es noch mehr als dieses tat. An dieser Stelle aber wird uns nur gesagt, dass es die Übertretung überströmend machte. Wir erblicken wirklich die Wege Gottes im ersten wie im zweiten Adam. Der Mensch war ein Sünder, ein verlorener Sünder, Christus ein Erretter. Als Beweis dafür, was der Mensch war, war das Gesetz nützlich, weil es die Gerechtigkeit von dem Menschen forderte nach dem Maß seiner Verantwortlichkeit. Der Zweck des Gesetzes nach der Regierung Gottes war, den eigenen Willen des Menschen im Ungehorsam, in den Übertretungen offenbar zu machen, weil es ohne Gesetz keine Übertretung gibt. Das setzt aber, wie es auch im Gesetz selbst zu sehen ist, die Sünde voraus. Das Gericht Gottes wird ausgeübt nach der Verantwortlichkeit des Menschen, nach dem, was er getan hat, sei es ohne Gesetz oder unter dem Gesetz. Sein verlorener Zustand ist eine andere Sache. Verloren gegangen ist er in Adam; den Beweis dafür liefert die Welt in schrecklicher Weise, und ebenso sehr unsere eigenen Herzen, wenn wir sie kennen. Der Ungehorsam des Einen hat allein den Zustand gebracht. Dieser Zustand ist nicht ein zukünftiges Gericht, sondern eine gegenwärtige Tatsache: wir sind in die Stellung von Sündern gesetzt. Die ganze Familie ist durch ihren Stammvater mit ihm in demselben Zustand: von Gott getrennt, ja vertrieben, in Feindschaft gegen Ihn, aus Seiner Gegenwart ausgeschlossen und auch ohne Verlangen, in sie einzutreten. Der Mensch zieht Vergnügungen, Geld, Eitelkeit, weltliche Macht, schöne Kleider, kurz alles und jedes, Gott vor, selbst wenn er sich darstellt als einer, der glaubt, dass der Sohn Gottes für ihn in Liebe gestorben ist. Es gibt nur einen Gegenstand, der in der Welt unzulässig ist, nämlich Christus und die Offenbarung Gottes in Ihm, obwohl diese Offenbarung die Liebe ist. Durch den Ungehorsam des Einen sind die Vielen in die Stellung von Sündern gesetzt.
Die wichtige Wahrheit also, die uns hier vor die Blicke gestellt wird, ist nicht die durch die schlechten Werke hervorgebrachte Schuld und die Gnade, durch die sie beseitigt worden ist, sondern der Zustand der gefallenen Kinder Adams, als allgemeiner Grundsatz. (Dadurch wird das Gesetz als Nebensache beiseite gesetzt, obwohl es für das Gewissen des Juden gültig war und stets eine vollkommene Regel der menschlichen Gerechtigkeit bildete und diese Regel auch abgab, wo es, gestützt auf die Autorität Gottes, angewendet wurde). In Verbindung damit steht die Einführung einer neuen oder zweiten Wurzel der selig gemachten Menschen, und zwar in dem Auferstandenen, so wie Adam die Wurzel der gefallenen Menschen ist. Adam wurde erst dann die Wurzel eines Geschlechts, als er sündhaft geworden war, und Christus ist in der Tat nicht eher das Haupt der neuen Schöpfung gewesen (obgleich Gott durch Seinen Geist von Anfang an wirksam war), als bis die göttliche Gerechtigkeit sich in Seiner Verherrlichung erwiesen hatte. Erst als die Gerechtigkeit Gottes sich geoffenbart hatte - und zwar anwendbar auf uns, indem Christus verherrlicht wurde, nachdem Er unsere Sünden getragen und Gott vollkommen verherrlicht hatte, als Er zur Sünde gemacht worden war, - erst da ist Christus das Leben gebende Haupt des neuen, von Gott aufgenommenen Geschlechts geworden, und alles, von Anfang bis zu Ende, ist die Frucht der unermesslichen, unendlichen und unaussprechlichen Gnade Gottes. Die Gnade herrscht, aber weil sie auf das Werk Christi gegründet ist, herrscht sie durch Gerechtigkeit. Das Ziel ist das ewige Leben, und zwar in seinem vollen und wahren Charakter nach dem Ratschluss Gottes, in der Herrlichkeit, in die Christus, dieser Gerechtigkeit nach, als Mensch schon eingegangen ist.
Die Gerechtigkeit herrscht noch nicht; sie wird herrschen am Gerichtstag. Dann aber wird die menschliche Gerechtigkeit, nämlich das, wozu der Mensch verpflichtet war, den Maßstab des Gerichts bilden; der Mensch wird dann gerichtet werden nach den Pflichten, die ihm gegen Gott und seinen Nächsten, nach dem Recht Gottes, auferlegt waren. Die Urquelle des Heils für den Menschen aber ist die Gnade, weil Gott die Liebe ist und wir Sünder sind; denn die Gnade ist die Ausübung der Liebe gegen die, welche kein Verdienst, keine Würdigkeit besitzen. Und darin hat sich die Liebe geoffenbart, so dass die Engel sie kennen lernen müssen aus den Wegen Gottes gegen uns. Gott ist aber auch gerecht und muss die Gerechtigkeit aufrecht halten, und Seine Heiligkeit kann die Sünde nicht für immer in Seiner Gegenwart dulden. Dass alle Menschen unter der Sünde liegen und schuldig sind, hat Er bewiesen, und dann ist Er wirksam gewesen nach Seiner unumschränkten Liebe, nicht allein um Sünden zu vergeben (wovon wir schon gesprochen haben), sondern um eine ganz neue Stellung zu bereiten, nach Seinem ewigen Ratschluss und für Seine ewige Verherrlichung, nach dem, was Er ist in Seinem Wesen. Die Ausführung dieses Ratschlusses, und zwar kraft des Werkes Christi nach Seiner vollkommenen Gerechtigkeit, ist der Ausdruck und die Offenbarung Seiner unendlichen Liebe. Die Liebe hat sich darin geoffenbart, dass Er Seinen Sohn gesandt und Ihn für uns in Tod und Fluch dahingegeben hat. Die Gerechtigkeit ist darin geoffenbart, dass Er Christum, der Ihn vollkommen verherrlicht hatte, als Mensch zu Seiner Rechten in die göttliche Herrlichkeit gesetzt hat, in die Herrlichkeit, die Er als Sohn Gottes mit dem Vater schon vor Grundlegung der Welt besaß, die Er aber als Menschensohn verdient hat, so dass die göttliche Gerechtigkeit Ihm diesen Platz notwendigerweise geben musste. Und wir haben teil an dieser Herrlichkeit Gottes, weil das Werk, durch das Gott vollkommen verherrlicht worden ist, zugleich für uns vollbracht wurde. Wir sind ein Teil der Herrlichkeit Christi in der Ewigkeit. Er würde nicht die Frucht der Mühsal Seiner Seele sehen, wenn Er Seine Erlösten nicht bei Sich in der Herrlichkeit hätte.

Kapitel 6
Aber das Fleisch, das seine Gerechtigkeit haben will, und die Welt, die sich als Hüterin der Sittlichkeit darstellt, bringen hier einen Einwand vor, um der Wahrheit und der Gnade Widerstand zu leisten, welche die Menschen als durch die Sünde verloren hinstellen. Sie sagen:
„Wenn wir durch den Gehorsam des Einen in die Stellung von Gerechten gesetzt sind, so ist es also gleich, ob wir gehorsam oder ungehorsam sind.“
Dieser Einwand beweist nur, dass jemand, der ihn macht, nichts von der Wahrheit kennt, dass er von seinem schon verlorenen Zustand gar nichts versteht, noch von dem neuen Leben, das der Glaubende empfangen hat und das, weil es von Gott ist, die Sünde nicht ertragen kann.
Beachten wir hier, welche wichtigen Wahrheiten die Veränderung des Grundes, auf dem das Verhältnis des Menschen zu Gott beruht, in sich schließt. Der Wendepunkt ist das Kreuz, der Tod Christi. Der alte Mensch, das Geschlecht Adams, ist geprüft worden ohne Gesetz, unter dem Gesetz, und dann unter der Offenbarung der Gnade und der Wahrheit, als der Sohn Gottes als Mensch in dieser Welt war. Gott Selbst war gekommen, geoffenbart im Fleisch, nicht um die Sünden zuzurechnen; sondern „die Welt mit sich selbst versöhnend“; und wenn die Segnung des Geschlechts des ersten Adam möglich gewesen wäre, so hätte sie damals stattfinden müssen. Aber sie war unmöglich. Man spricht viel von einem Anknüpfungspunkt, den Gott in dem Menschen finde; aber selbst der in Gnade und Wahrheit geoffenbarte Gott fand keinen. Im Gegenteil; der Tod Christi ist der tatsächliche, bestimmte und entscheidende Bruch zwischen dem Menschen und Gott. Nicht allein war der Mensch ohne Gesetz unter der Sünde, nicht allein war er unter dem Gesetz in offenem Ungehorsam gegen das Gesetz, sondern er wies auch die in Christo erschienene Gnade Gottes durch Seine Verwerfung zurück. Der Herr sagt (Joh 12, 31), wenn Er von Seinem Tod spricht: „Jetzt ist das Gericht dieser Welt“, und in Joh 15, 24: „Sie haben gesehen und gehasst sowohl mich als auch meinen Vater“. Daher wird in Hebr 9, 26 gesagt: „Er ist einmal in der Vollendung der Zeitalter geoffenbart worden“. Das Kreuz war moralischer Weise das Ende der Menschheit. Doch es wurde zu derselben Zeit und in derselben Tatsache, in dem Tod Christi, der Grund der neuen Schöpfung nach der Gerechtigkeit Gottes gelegt. Dieselbe Tatsache, die von Seiten Gottes mit dem ersten Adam ein Ende gemacht hat, indem sein Geschlecht den Sohn Gottes verwarf, hat auch den Grund gelegt für den neuen Zustand der Menschheit im zweiten Adam. Christus wurde am Kreuz zur Sünde gemacht, die Sünde wurde dort gerichtet, und der alte Mensch für immer beseitigt. Jetzt ist der Zugang zu Gott durch den Glauben möglich gemacht; in der Auferstehung ist das neue Leben, selbst dem Körper nach, wirklich ans Licht gebracht, und der zweite Mensch hat seinen Platz in der Herrlichkeit eingenommen.
Wie der erste Mensch aus dem Garten vertrieben wurde, um dann die Wurzel eines sündhaften und verlorenen Geschlechts zu werden, so ist der zweite Mensch in das himmlische Paradies eingegangen als Wurzel und Haupt des erretteten Geschlechts, als die Gerechtigkeit Gottes, die für die Menschen gültig ist, und so sind das Leben und die Gerechtigkeit untrennbar geworden.
Die Vergebung durch das Blut Christi ist der stärkste Beweggrund für einen aufrichtigen Wandel; die Auferstehung Christi vereinigt in sich die Gerechtigkeit und das Leben. Es ist eine „Rechtfertigung des Lebens“ (Kap. 5, 18).
Im Brief an die Römer wird die Wahrheit, dass wir mit Christo auferstanden sind, nicht weiter entwickelt. Von dem Anteil, den wir an Seinem Tode und Seiner Auferstehung haben, wird nur gesagt, dass wir uns durch den Glauben der Sünde für tot halten, dass der verherrlichte Christus unser Leben und der Heilige Geist uns geschenkt ist.
Wenn wir also durch den Gehorsam des Einen in die Stellung von Gerechten gesetzt sind, und wenn da, wo die Sünde überströmend war, die Gnade noch überschwenglicher geworden ist, sollten wir dann in der Sünde verharren, auf dass die Gnade überströme? „Das sei ferne!“ sagt der Apostel. Doch stellt er uns in seiner Antwort auf diese Frage nicht von neuem unter das Gesetz. Das würde nichts anderes gewesen sein, als den alten Menschen, das Fleisch, anzuerkennen, und nachdem wir schon verloren gegangen sind, die Verantwortlichkeit und die Verdammnis von neuem hervorzubringen; denn das Fleisch ist dem Gesetz nicht untertan, es vermag es auch nicht. Die Antwort des Geistes weist vielmehr auf den Tod Christi hin; alles aber, was Er getan hat, ist für uns gültig. Der alte Mensch hat sich erwiesen als unveränderlich schlecht, und zwar hat sich dieses im Tod Christi gezeigt. Ich, der ich mit Ihm gekreuzigt bin, kann jetzt unmöglich denselben Menschen, der Christum getötet hat, anerkennen. Ich bin zu Christo gekommen, weil der Mensch (ich selbst in meinem alten Zustand) ein solcher war, und weil ich jetzt ein neues Leben empfangen habe: Christus, den aus den Toten Auferstandenen. Doch dies müssen wir etwas näher betrachten.
Indem wir auf Christus Jesus getauft worden sind (unser wahres Glaubensbekenntnis), sind wir nicht getauft worden auf einen Christus, den die Welt angenommen hat, oder der einen Anknüpfungspunkt in dem ersten Adam fand. Im Gegenteil; die Welt, der Mensch, hat Ihn vollständig zurückgewiesen und von der Erde vertrieben. Auf diese Weise zeigte es sich, wie schon gesagt, dass eine Vereinigung zwischen Gott und dem Menschen, als Kind Adams, völlig unmöglich war. Da hat denn Gott von neuem angefangen: wir sind neu geboren. Christus hat, Gott sei Dank! als Verworfener das Versöhnungswerk vollbracht; Er hat die Rechtfertigung, die Vergebung und die Herrlichkeit erworben für die, welche an Ihn glauben. Er ist aber der zweite Mensch, und in Ihm befindet sich der Mensch in einer ganz neuen Stellung vor Gott, sowie in einem ganz neuen Zustand. Ein auferstandener Christus ist unser Leben, ein auferstandener Christus unsere Gerechtigkeit; der alte Mensch ist für immer verdammt. Wer Christum besitzt als sein Leben, hat teil an diesem allen, weil Er teilhat an Seinem Tod und an Seiner Auferstehung.
Im Römerbrief wird nur der erste Teil entwickelt: wir sind mit Ihm tot, starben mit Ihm. Wohl wird Er auch als unser Leben dargestellt, aber unsere Auferstehung mit Ihm wird nicht behandelt, weil der Heilige Geist hier die Christen als auf der Erde lebende Menschen betrachtet. Christus ist gestorben und auferstanden; wir sind auf Seinen Tod getauft. Wir haben teil an Seinem Tod, indem Er unser Leben ist. Der, welcher mein Leben ist, starb, und Er starb der Sünde. Ihn allein erkenne ich als mein Ich an, und als dieses neue Ich halte ich mich dem alten Ich für tot. Diesem neuen Leben nach bin ich Gott lebend, aber in Betreff meines alten Menschen mit Christo gestorben; wie sollte ich das Leben des alten Menschen noch leben, wenn ich als solcher gestorben bin? Deshalb, begraben mit Christo durch die Taufe auf den Tod, geziemt es uns, in Neuheit des Lebens zu wandeln. Wenn wir teilhaben an Seiner Stellung, als tot der Sünde, werden wir auch teilhaben an Seiner Auferstehung. Der Apostel sagt nicht, dass wir daran teilhaben, sondern teilhaben werden. Dieses Auferstehungsleben wird in der Herrlichkeit vollendet sein, drückt sich aber schon jetzt in einem neuen Wandel aus, ebenso wie sich die Kraft des Lebens Christi, welche auf bestimmte Weise in Seiner Auferstehung zu Tage trat, auch in Seinem Wandel auf der Erde wirklich geoffenbart hat.
„Indem wir dieses wissen“, sagt der Apostel (V. 6), „dass unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, auf dass der Leib der Sünde abgetan sei“ (d. h. auf dass die Sünde in uns als ein Ganzes vernichtet sei) „dass wir der Sünde nicht mehr dienen. Denn wer gestorben ist, ist freigesprochen (oder gerechtfertigt) von der Sünde“. Doch dies erfordert eine nähere Auseinandersetzung.
Zunächst muss betont werden, dass der Christ nicht noch erst der Sünde sterben muss, sondern dass er gestorben ist, indem er mit Christo gekreuzigt ist. Weil er nun Christus als Leben bekommen hat, so hält er den alten Menschen für tot. Es sind nicht einzelne Sünden oder Lüste allein, wovon er befreit worden ist, sondern der ganze alte Mensch ist beseitigt, tot, und für tot zu halten durch den Glauben, der nach dem neuen Menschen tätig ist. Wohl ist die Natur des alten Menschen noch in uns vorhanden; unser Gestorbensein mit Christo hat nicht ihre Abwesenheit von unserem Wesen zur Folge; aber der alte Mensch herrscht nicht; „dass wir der Sünde nicht mehr dienen“. Es ist gar nicht nötig, auch nur einen schlechten Gedanken zu haben, obwohl die Natur, aus welcher solche hervorgehen, immer noch vorhanden ist; aber wir dienen dieser Natur in keinem Stück, selbst nicht in Gedanken, wenn das neue Leben und die Kraft des Heiligen Geistes in uns wirksam sind. Der Christ ist befreit, nicht weil seine Sünden für immer vergeben sind, sondern weil er der Sünde tot ist, mit Christo gekreuzigt. Er ist, als gestorben mit Christo, gerechtfertigt von der Sünde, eben weil er tot ist; aber er ist auch lebendig in Christo. Es ist nicht nur wahr, dass die Sünde nicht mehr herrscht, sondern der Christ ist auch frei, sich hinzugeben; er besitzt eine neue Natur, ein neues heiliges Leben. Wem aber wird er sich nun hingeben? — Der Gerechtigkeit und Gott. Diese Hingabe der Seele ist nicht Sache des Sünders, wie dies sehr oft fälschlich behauptet wird, sondern der befreiten Seele. Der Christ, indem er gereinigt, gerechtfertigt, der Liebe und Gunst Gottes versichert ist und durch das Blut Christi ein vollkommen gemachtes Gewissen besitzt, indem ihm keine Sünde mehr zugerechnet wird — ist frei, freimütig vor Gott.
Derselbe Schlag, der den Vorhang zerriss, schaffte auch alle seine Sünden hinweg. Durch den zerrissenen Vorhang strahlt jetzt das Licht Gottes unverhüllt auf ihn, um zu zeigen, dass seine Kleider weiß sind, wie Schnee. Er ist frei von der Kraft der Sünde, weil Christus sein Leben ist, und, mit Christo gekreuzigt und jetzt durch Ihn allein lebend, hält er sich in Betreff des Fleisches für tot. Er ist frei vor Gott und auch frei von der Sünde. In dieser Freiheit gibt er sich Gott hin.
So gewinnt das neue Leben, das also mit Gott wandelt, schon etwas auf dem Weg: wir haben Früchte, noch ehe wir die Herrlichkeit erreichen, und diese Frucht ist die Heiligkeit. Gesegnete Frucht! Zunächst der Natur Gottes teilhaftig gemacht, wachsen wir auch in praktischer Gemeinschaft mit Gott dadurch, dass die Heiligkeit in uns wächst. Dieses Wachstum hebt die Wahrheit nicht auf, dass die neue Natur, die wir empfangen haben, in sich selbst vollkommen ist. Wir gehören ganz und gar Gott an, sind um einen Preis erkauft, von der Sünde und der Welt abgesondert. Wir gehören Gott an nach dem Wert des Opfers Christi, nach der neuen Natur und nach der Kraft des Heiligen Geistes. Dem inwendigen Menschen nach gehören wir schon zu der neuen Schöpfung, obgleich wir „diesen Schatz in irdenen Gefäßen haben“. — Wir sind in Christus und sind in Ihm vollkommen angenommen. Er ist unsere Gerechtigkeit, eine Gerechtigkeit, die passend ist für die Herrlichkeit, denn Er ist in der Herrlichkeit nach dieser Gerechtigkeit. Aber Er ist auch in uns, als unser Leben und nach der Kraft des Geistes. Dieses Leben ist in sich selbst vollkommen und kann nicht sündigen; doch müssen wir auch einen objektiven Gegenstand der Heiligung haben. Deshalb nimmt der Heilige Geist das, was in Christo ist, und offenbart es uns; ja Er offenbart uns alles, was droben ist, wo der Christus und wo auch der Vater ist. Dadurch wachsen wir in objektiver Weise in dem, was himmlisch ist, werden von der Welt entwöhnt, wohnen im Geist in den himmlischen Örtern, genießen die Liebe des Vaters und werden so in praktischer Hinsicht heilig.
Wir sind geheiligt nach dem Ratschluss Gottes des Vaters durch das Opfer Christi, durch Sein Blut; wir sind es dem Wesen nach, weil wir eine neue Natur, ein neues Leben besitzen; wir sind es durch die Gegenwart und die Wirkung des Heiligen Geistes, und wir können hinzufügen, durch das Wort Gottes. Die Heiligung des Geistes ist gewirkt dadurch, dass wir aus Gott geboren sind. Wir müssen aber, wie gesagt, einen Gegenstand haben, und die geistliche Natur, das Leben, das wir empfangen haben, ist fähig, diesen Gegenstand — Gott Selbst — zu genießen. Der Heilige Geist teilt uns durch das Wort die Gegenstände mit, die heilig und göttlich sind. Wir sind durch das Wort zunächst neu geboren worden mittels des Glaubens, dann werden wir durch das Wort ernährt, und das Herz wird gereinigt, ebenfalls mittels des Glaubens, und zwar das eine wie das andere durch die Offenbarung Christi im Herzen. „Heilige sie durch die Wahrheit: Dein Wort ist Wahrheit. Und ich heilige mich selbst für sie, auf dass auch sie Geheiligte seien durch Wahrheit“ (Joh 17, 17. 19).
Wenn wir genau sein wollen, können wir nicht sagen, dass der neue Mensch, das Leben, das wir von Gott empfangen haben, geheiligt wird; denn das neue Leben selbst ist heilig, und indem wir es empfangen haben, sind wir für Gott geheiligt; daher werden die Gläubigen in den apostolischen Briefen Heilige genannt. Die Heiligkeit ist aber in uns eine beziehungsweise Heiligkeit, d. h. sie bezieht sich auf Gott, weil wir nicht unabhängig sein können. Ohne Zweifel ist dadurch in uns ein wirklicher Zustand hervorgebracht; aber wir sind nicht heilig als Unabhängige, denn für ein Geschöpf ist es Sünde, unabhängig zu sein, es kann auch nicht wirklich unabhängig sein. Also ist die Heiligkeit in uns objektiv; dies ist ein wichtiger Grundsatz.
Alles, was der Heilige Geist uns geoffenbart hat: die Liebe des Vaters und des Christus, die Heiligkeit Gottes, die Vollkommenheit Christi, Seine Person, die uns geschenkt und für uns hingegeben ist. Seine gegenwärtige Verherrlichung im Himmel, dies alles wirkt in uns und bildet das Herz, die Gedanken, den inneren und dadurch auch den äußeren Menschen nach dem Gegenstand, den wir anschauen. Alles, was Christus getan und gelitten hat, hat seinen Anteil daran; nicht allein, weil Sein Wandel und Seine Handlungen ein Muster für uns sind, sondern weil sie das Herz für Ihn einnehmen. Die Liebe des Herzens ist mit Christo und mit Seiner Vollkommenheit beschäftigt, und Er erfüllt unsere Herzen. Das ist Heiligung; denn dies erfüllt auch das Herz des Vaters. „Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse“ (Joh 10, 17). Der Vater schätzt, was Christus getan hat und was Er war in diesem Seinem Tun. Und es ist für uns getan worden! Wir haben heilige Gedanken, weil wir lieben und schätzen, was Er getan hat und was Er war. Dadurch ist die Gesinnung in uns, die in Christo war. Es ist eine Seite des christlichen Charakters. Doch wird die Kraft der Heiligung besonders durch das Anschauen der Herrlichkeit Christi bewirkt. Wohl wird das Herz ernährt durch alles, was Er hienieden war: wir essen Sein Fleisch und trinken Sein Blut, genießen auch das Brot, das aus dem Himmel hernieder gekommen ist; doch was uns nach Seinem Bild verwandelt (2. Kor 3, 18; 1. Joh 3, 2. 3) ist die Herrlichkeit, in der Er jetzt wohnt. Diese Herrlichkeit anschauend, werden wir in dasselbe Bild verwandelt. Die Herrlichkeit Christi bewirkt in uns die Energie des Lebens, indem wir alles andere nur für Verlust achten. Das Leben und die Leiden Christi nehmen das Herz für Ihn ein (s. Phil 3 und 2).
Er hat Sich Selbst um unsertwillen geheiligt, auf dass wir durch das Wort geheiligt würden. Wunderbare Gnade! Wunderbare Verbindung! Dies trennt uns von der Welt, verbindet uns mit dem, was himmlisch ist, und führt uns zur Ähnlichkeit mit dem Himmlischen. Das Ende ist das ewige Leben in dieser Herrlichkeit selbst, nachdem auch unser irdisches Gefäß in das Bild dieser Herrlichkeit umgewandelt sein wird.
Bezüglich der Heiligkeit werden wir ferner in Hebr 12, 10 belehrt, dass die Zucht Gottes den Zweck hat, uns Seiner Heiligkeit teilhaftig zu machen. In dieser Stelle entdecken wir nicht allein die unaufhörliche Fürsorge Gottes, sondern lernen auch den köstlichen Charakter dieser Heiligkeit verstehen.
Wir haben den Tod verdient, als den traurigen Lohn für traurige Arbeit; das ewige Leben, die Gabe Gottes, ist uns durch Jesum Christum, unseren Herrn, zuteil geworden; das ist lauter Gnade. Wer sonst konnte uns Leben, ewiges Leben, göttliches Leben geben als Gott allein? Christus Selbst ist dieses Leben, vom Vater in die Welt gesandt und hier in der Menschheit geoffenbart; wer jetzt „den Sohn hat, hat das Leben“; „wer an ihn glaubt, hat das ewige Leben“ (1. Joh 1, 1. 2; 5, 12; Joh 3, 36). Obgleich in der zuletzt genannten Stelle mehr auf das Resultat in der Herrlichkeit hingedeutet wird, weil das ewige Leben im Ratschluss Gottes vollkommene Gleichheit mit Christo in der Herrlichkeit bedeutet, so ist es uns dennoch schon gegeben als Leben, wenn wir auch noch nicht in der Herrlichkeit sind. Es ist wichtig für uns zu bemerken, dass es die Gabe Gottes ist. Den Tod hatte der Mensch für sich erworben durch die Sünde; das Leben, das ewige Leben, worin wir fähig sind, Gemeinschaft mit Gott zu haben, muss Gott geben. Dieses Leben ist Christus Selbst (1. Joh 1). Er ist das Leben, das bei dem Vater war und herniedergekommen ist. In Ihm war das Leben; wer den Sohn hat, hat das Leben, und dieses Leben wird bald in der Herrlichkeit völlig geoffenbart werden. Das ist der Grundsatz der neuen Stellung. Wir sind mit Christo der alten Stellung gestorben, und Christus ist unser Leben geworden.
Kapitel 7
Der Apostel behandelt in diesem Kapitel eine neue Frage: Was ist die Wirkung des Gesetzes in Bezug auf unsere neue Stellung? Der Grundsatz ist einfach. Wir sind mit Christo gestorben; ein Gesetz aber herrscht nur über den Menschen, so lange er lebt. Wenn ein Mörder zum Tod verurteilt wird und er stirbt den Tod des Gerichts, so kann die Obrigkeit weiter nichts mit ihm tun.
Nun sind wir gestorben; doch wenn wir durch das Gesetz allein getötet wären, so wären wir nicht nur gestorben sondern auch verdammt. Nun aber sind wir mit Christo gestorben, und Er hat die Folgen der Sünde, als Schuld, für uns getragen. Wir sind also tot, und das Gesetz übt demnach keine Herrschaft mehr über uns aus. An die Stelle des Gesetzes ist Christus getreten. Anstatt eines Gesetzes, welches die Sünden und die Gelüste verbot und uns notwendig verdammen musste - weil das Fleisch, an welches das Gesetz keine Forderungen richtete, demselben nicht unterworfen war, noch sein konnte - besitzen wir, indem wir durch den Glauben das Fleisch, welches zur Sünde geneigt ist, für tot halten, in Christo ein neues Leben. Der Apostel wendet als Beispiel die Ehe an; der Tod löst die Verbindung zwischen Mann und Frau auf. So sind wir tot in Bezug auf das Gesetz und sind mit einem anderen Mann verbunden, nämlich mit dem auferstandenen Christus. Das Bild wird hier in umgekehrter Weise angewandt: nicht das Gesetz, sondern wir (als solche, die ihr Leben im Fleisch hatten) sind gestorben (Vers 4).
Das ist die Lehre. In dem Folgenden redet der Apostel von der Erfahrung. Diese stößt den wichtigen Grundsatz keineswegs um, sondern bestätigt vielmehr die Befreiung der Seele von dem Gesetz durch das Gestorbensein mit Christo, der jetzt unser neues Leben geworden ist. Nach dem von dem Apostel angewandten Bilde von der Ehe sind wir mit Christo ehelich verbunden und dadurch zu Gott in ein ganz neues Verhältnis, in das der Verwandtschaft getreten. Es heißt deshalb: „Als wir im Fleisch waren." „Im Fleisch sein" heißt: auf dem Boden oder in der Stellung des ersten Adam vor Gott stehen und Ihm nach dieser Stellung verantwortlich sein. Es handelt sich hier nicht um die Schuld, sondern um die Befreiung der Seele von dem Joch der Sünde. Wenn man gesetzlos ist und sucht nichts anderes als sein Vergnügen, so kann das Gewissen wohl einmal aufwachen; aber die Kraft der Sünde wird nicht gefühlt. Man schwimmt mit dem Strom und fühlt nicht, dass man unter der Herrschaft der Sünde steht. Wenn man belehrt wird, so ist man zuerst mit der Schuld beschäftigt, mit der Last der Sünden. Selbst wenn man die Vergebung der Sünden kennen gelernt hat und glaubt, dass man ein Kind Gottes ist, so mag die Form der Erfahrung wohl verändert sein, weil es sich nicht mehr um Rechtfertigung handelt, aber nichts desto weniger ist die Seele betrübt, so lange sie nicht auf dem Weg der Erfahrung von der Kraft der in uns wohnenden Sünde befreit ist. Immer aufs neue entsteht die Frage: Wie kann Gott mich annehmen, oder wie kann Er Wohlgefallen an mir haben, da doch die Sünde noch vorhanden ist, die ich nicht überwinden kann? So lange man die Vergebung nicht kennt, besteht die Frage: „Wie kann ich Vergebung finden?" Hat man sie gefunden, so bleibt immer noch die Frage: „Was bin ich vor Gott, wie kann ein solcher, wie ich bin, angenommen werden? Sollte ich mich auch wirklich nicht getäuscht haben?" Mit einem Wort, das Auge ist nur auf das gerichtet, was wir in uns selbst vor Gott sind, und da sieht es, dass die Sünde noch vorhanden ist; und doch sollte ein Christ den Sieg über die Sünde davontragen. Ein solcher ist in der Tat, oder im Zustande seines Geistes, in seiner Gesinnung, immer noch im Fleisch.
Wir haben schon bemerkt, dass die Stellung sich in den ersten vier Versen findet. Der fünfte und sechste Vers leiten dann auf die Erfahrung über. Wir waren im Fleisch ehelich verbunden mit dem Gesetz. Dasselbe gab kein Leben, keine Kraft, kein Vertrauen auf Gott. Es verbot die Sünden und rechnete sie mir zu. Doch nicht allein das, sondern es gab auch der Sünde im Fleisch Anlass, wirksam zu werden, um dem Tod Frucht zu bringen. Es brachte die Sünden und Gelüste vor das Herz, indem es sie verbot. Wenn ein Haufen Geld auf dem Tische liegt, und es wird mir gesagt: Du darfst nichts davon nehmen, so wird sehr bald die Lust in mir erwachen, es zu tun. Oder wenn ich sage: Ich habe hier etwas in dieser Schublade, aber niemand darf wissen, was es ist, so wird jeder, klein und groß, Lust verspüren, die Schublade zu öffnen. Die Leidenschaften der Sünde sind durchaus nicht von dem Gesetz, sonder durch dasselbe. Es setzt aber voraus, dass das Fleisch vorhanden ist, und dass wir die Kraft Christi nicht besitzen. Jetzt aber (in Christo) sind wir von dem Gesetz los gemacht, weil wir dem gestorben sind, in welchem wir festgehalten wurden. Wir waren im Fleisch unter dem Joch des Gesetzes; das Fleisch war die Quelle der Sünden; und jetzt ist es[1] für den Glauben gestorben, auf dass wir in Neuheit des Geistes dienen. Der Tod des Fleisches[1], des alten Menschen, bildet die Grundlage für den Übergang aus der Knechtschaft im Fleisch zur Freiheit im Geist; zugleich steht dieser Tod in Verbindung mit der Erlösung.
Aber wie kann dieses Ziel erreicht werden? Das ist etwas ganz anderes, als danach zu verlangen. Die Lehre ist im Wort Gottes ganz klar und einfach dargestellt. Aber es gibt viele, die dieser Lehre gemäß wissen, dass der Christ mit Christo gestorben und sogar mit Ihm auferstanden ist; die auch glauben, dass sie mit Ihm gestorben sind, weil das Wort Gottes dieses so klar ausspricht; die nicht daran zweifeln, dass sie Kinder Gottes sind, und dass eine solche Stellung dem Kind Gottes gehört, und die trotz alledem nicht befreit sind. Es gibt selbst solche aufrichtige Seelen, die, wenn sie nicht so wandeln, wie sie gerne möchten, anfangen zu zweifeln und zu fragen, ob sie nicht Heuchler sind, ob sie sich nicht getäuscht haben. Sie glauben, und das mit Recht, dass Gott etwas anderes bei ihnen sehen möchte, als was Er sieht. Sie machen alles abhängig von dem, was sie in sich selbst vor Gott sind. Das ist aber Gesetz und nicht Gnade. Die Antwort auf die Frage, wie der Zustand der Freiheit erlangt wird, wird vom siebenten Verse an entwickelt.
Um wahrhaft befreit zu werden, muss man lernen, und zwar durch die Erfahrung, dass man von der Kraft der Sünde gefangen ist und keine Kraft hat, sich selbst zu befreien, selbst wenn man gern frei sein möchte. Hierzu benutzt Gott das Gesetz und das Verlangen des neuen Menschen, frei zu werden vom Joch der Sünde, die er hasst. So lernt der Christ, nicht dass er gesündigt hat - das ist hier nicht der Gegenstand der Betrachtung - sondern dass in ihm, während er gern die Heiligkeit erlangen möchte, ein Grundsatz der Sünde im Fleisch wirksam ist. Das Gesetz lehrt ihn, dass Gott dieses nicht erlauben kann; seine erneuerte Gesinnung erkennt, dass Gott es nicht erlauben darf; er selbst will es auch nicht. Und dennoch ist dieser Grundsatz der Sünde vorhanden, kräftig wirksam, zu kräftig für ihn, um sich davon befreien zu können. Deshalb hat das Gesetz nicht allein die Pflichten für alle menschlichen Verhältnisse mit göttlicher Autorität festgestellt, sondern hat auch hinzugefügt: „du sollst nicht begehren." Das ist ein Prüfstein für den Menschen und stellt, selbst wenn er nicht äußerlich gesündigt hätte, selbst wenn sein Wollen durch die Belehrung auf die Heiligkeit gerichtet ist, seinen Zustand klar ins Licht. Diese Heiligkeit, nach der er trachtet, kann er nicht erreichen. Als er ohne Gesetz war, fühlte sein Gewissen, wenn er nichts getan hatte gegen die Stimme desselben, den Richterspruch des Todes nicht. Er lebte ruhig dahin, ohne das Gefühl der Verurteilung mit sich herumzutragen. Aber das Gesetz kam und sprach über das „Begehren" die Verdammnis aus; die Erfahrung lehrt, dass dieses Begehren im Herzen vorhanden ist, und nun fühlt das Gewissen das Urteil der Verdammnis; das Begehren selbst wird geweckt, und alles kommt ans Licht. Das Gewissen fühlt den Richterspruch; man möchte das Gute tun, aber man findet, dass stets das Böse vorhanden ist.
Das Gesetz sagt: „Tue dies, und du wirst leben." Der bekehrte Mensch, auf dessen Gewissen das Gesetz seine Kraft ausübt, sieht dasselbe als Gottes Gesetz an; die Furcht Gottes ist in seinem Herzen, und er möchte tun, was das Gesetz sagt. Wir sprechen hier von dem Zustand eines Bekehrten, nicht eines Befreiten. Weil das Gesetz dem, der es halten würde, das Leben verhieß, so war es also zum Leben gegeben; weil aber das Fleisch dem Gesetz nicht unterworfen ist, so erweist dasselbe sich in Wirklichkeit dem Menschen zum Tod; dies erfährt die aufrichtige bekehrte Seele.
Es ist gut, hier den Unterschied zu beachten zwischen einem natürlichen Menschen, der nur ein Gewissen hat, und dem Zustand eines Menschen, wie er uns hier vorgestellt wird. Das Gewissen unterscheidet zwischen Bösem und Gutem; Gott hat dafür gesorgt, dass der Mensch, nachdem er sündhaft geworden ist, das Gewissen mit in die Welt bringt. Es verurteilt seiner Natur nach das, was böse ist; nichtsdestoweniger tut der Mensch das Böse. Ein Heide, dessen Wille nicht verändert ist, könnte sagen: ich gebe dem, was besser ist, zwar meinen Beifall, aber ich will nicht das, was gut ist, und folge dem Bösen. So aber ist es nicht bei dem Menschen, von welchem der Apostel hier redet. Sein Wille ist erneuert; er hat Wohlgefallen am Gesetz Gottes. Das ist die Gesinnung Christi selbst und der Beweis, dass ein Mensch, in welchem sich diese Gesinnung findet, bekehrt ist und im Grunde des Herzens ein neues Leben empfangen hat. Das Gewissen in dem unbekehrten Menschen lässt diesen anerkennen, was gut ist, aber der Wille des Fleisches bleibt immer derselbe; er lebt eben im Fleisch, hat wohl ein Gewissen, aber keinen neuen Willen. Dagegen fehlt dem in Römer 7 geschilderten Menschen nicht der Wille, sondern die Kraft zum Tun dessen, was er will. Es handelt sich hier um den Zustand einer Seele, die das Gute will.
Im 13. Vers geht der Apostel dazu über, die Wirkung des Gesetzes auf die Erfahrung der Seele zu beschreiben, die also das Gute will. Im Vers vorher wird anerkannt, dass das Gesetz heilig sei und das Gebot heilig, gerecht und gut. Naturgemäß entsteht nun die Frage: „Ist denn das Gute mir zum Tod geworden?" Keinesfalls. Die Sünde aber wirkte den Tod durch das, was gut ist (das Gesetz), auf dass die Sünde völlig offenbar würde, ihren wahren Charakter annähme und überaus sündig würde, indem sie das Gute gebraucht hatte, um den Tod hervorzubringen. Das Böse offenbart sich nicht allein als böse an und für sich, sondern auch als Ungehorsam, da es verboten ist, und wird so durch das Verbot überaus sündig. Die Sünde hat einen starken Willen im Menschen, dass er tun will, was böse ist, selbst wenn Gott es verboten hat. Wenn mein Kind umherläuft, anstatt seine Aufgaben zu machen, so ist das eine schlechte Gewohnheit; wenn ich ihm aber verbiete, hinauszulaufen, und es folgt dennoch jener schlechten Gewohnheit, so ist das außerdem noch Ungehorsam. Durch das Gebot ist die Sünde überaus sündig geworden. Es zeigt, dass in mir nicht allein böse Gelüste sind, sondern dass auch ein Eigenwille vorhanden ist, welcher das Böse tut, trotz des Verbotes Gottes; man verachtet Gott und Sein Wort.
Doch wird durch das Gesetz noch mehr gelernt, nämlich unsre Schwachheit, selbst wenn wir das Gute tun wollen. Es gelingt dem bekehrten, aber nicht befreiten Menschen nicht, zu tun, was er gern tun möchte; die Kraft fehlt ihm. Er findet, dass er fleischlich ist, unter die Sünde verkauft, das heißt ein Sklave derselben. Er weiß, dass das Gesetz geistlich ist, er aber ist im Fleisch, fleischlich, unter dem Joch der Sünde, der er als Sklave verkauft ist. Das Gewissen ist tätig nach dem Maß, wie er den Willen Gottes aus dem Gesetz kennt, und zwar erblickt er im Gesetz nicht allein äußerliche Vorschriften, sondern etwas, was die Quellen des Bösen im Herzen verurteilt. Äußerlich kann man wohl tadellos sein; Saulus und viele andere waren es, aber sie waren dadurch voll Selbstgerechtigkeit. Wenn das Gesetz aber die Begierde verbietet, so könnte es uns ebenso gut verbieten, Menschen zu sein. Darum hat Gott den Geboten hinzugefügt: „Lass dich nicht gelüsten."
Es handelt sich hier also nicht um das, was ich getan habe, sonder um das was ich bin, und da entdecke ich zuerst, dass in mir nichts Gutes ist. Ich will das Gute tun, aber ich tue es nicht. Ich bin unter dem Joch der Sünde, im Fleisch. Ich erkenne an, dass das Gesetz gut ist; ich hasse die Sünde, und doch tue ich sie. Was ich aber hasse, das bin ich nicht selbst; ich hasse sie ja. So lerne ich, durch Gott belehrt, einen Unterschied zu machen zwischen mir und dem, was ich tue, wie der Apostel sagt: „Wenn ich aber das, was ich nicht will, ausübe, so wirke nicht mehr ich dasselbe, sondern die in mir wohnende Sünde." Doch dies ist nicht die Freiheit; dieselbe erfordert Kraft. Immerhin aber ist es eine sehr wichtige Erquickung auf dem Weg, nicht allein gelernt zu haben, dass in mir nichts Gutes wohnt, sondern auch zu unterscheiden zwischen mir und der Sünde, die in mir wohnt. Ich habe Wohlgefallen am Gesetz nach dem inneren Menschen; das Gewissen ist tätig und der Wille ist in Ordnung gebracht. Was noch fehlt, ist die Kraft, und diese ist nicht vorhanden, weil die Erlösung noch nicht klar gekannt wird. Durch die Erfahrung lernt man nicht allein, dass man das Gute nicht tut, sondern auch dass man es nicht tun kann; immer ist das Joch der Sünde da. Und das ist es gerade, was man zu lernen hat, nämlich dass man „keine Kraft" hat, den Willen Gottes zu tun.
Drei durch die Erfahrung zu erlernende Wahrheiten sind es also, wovon bis jetzt die Rede gewesen ist:
1. Im Fleisch wohnt nichts Gutes.
2. Wir haben zu unterscheiden zwischen uns selbst, die wir das Gute wollen, und der in uns wohnenden Sünde.
3. Es ist keine Kraft in uns, so lange wir nicht befreit sind, die Sünde im Fleisch zu überwinden; vielmehr werden wir durch sie überwunden.
Wir können uns also selbst nicht befreien, müssen vielmehr befreit werden, und zu dieser Erkenntnis muss die Seele gebracht werden. „Wer wird mich frei machen?" ist der Ausdruck des Bewusstseins, das wir selbst es nicht können; wir sehen uns nach einem Anderen um. Das ist es, was wir lernen mussten - nicht unsere Schuld, sondern unsere Schwachheit, unsere völlige Kraftlosigkeit, unsere Abhängigkeit von Gott. Doch haben wir hier Verschiedenes zu bemerken.
So kann nur derjenige diesen Zustand beschreiben, der selbst darin gewesen ist, sich aber jetzt außerhalb desselben befindet. Ein Mensch, der in einen Sumpf geraten ist, kann unmöglich ruhig diese Lage beschreiben, so lange er sich darin befindet. Er fühlt nur, dass er sinkt und am Umkommen ist, so dass er nichts anderes tun kann, als um Hilfe rufen. Nachdem er aber errettet ist, kann er ruhig alles beschreiben. Einer, der nie in einer solchen Lage war, wird vielleicht zu ihm sagen: warum bist du nicht voran gegangen, bis du festen Boden fandest? Ja, sagt der andere, das ist leicht gesagt, aber wenn ich im Sumpf einen Fuß aufhob, so sank der andere nur umso tiefer hinein. Das ist auch der Zustand der Seele in Römer 7, und zwar beschrieben durch einen Christen, der sich selbst darin befunden hat, jetzt aber befreit ist. Ich sage „durch einen Christen;" denn wenn der Apostel sagt: „wir wissen," (V.14) so ist das christliche Erkenntnis. Die Erfahrung aber ist das Bewusstsein einer einzelnen Person. Wenn er also sagt: „ich bin," so ist das Erfahrung und nicht Lehre. Alles ist in diesen mitgeteilten Erfahrungen noch durchaus gesetzlich. Die betreffende Person stimmt dem Gesetz bei, dass es recht sei; ja, sie hat Wohlgefallen an dem Gesetz. Das Gewissen und der Wille sind in göttlichen Dingen richtig; beide aber haben das Gesetz zum Gegenstand und Maßstab. Wir hören kein Wort von Christus, noch von dem Geist; das Gesetz ist der einzige Gegenstand der Seele. In Vers 25 aber wird die wahre Befreiung erreicht, und der befreite Christ dankt Gott. Wohl setzt sich der Kampf immer fort; wir finden dies in Galater 5,16-18. Doch wird an dieser Stelle gesagt, dass das Fleisch gelüstet wider den Geist, der Geist aber wider das Fleisch. Wenn wir aber durch den Geist geleitet werden, so sind wir nicht unter Gesetz, d.h. nicht in dem Zustand, der im siebenten Kapitel des Römerbriefes beschrieben ist.

Kapitel 8
Diese Befreiung steht in der engsten Verbindung mit der Erlösung, nicht sowohl hinsichtlich der Vergebung, als vielmehr hinsichtlich unsres Gestorbenseins mit Christus. Wir haben schon gesehen, dass es zwei Hauptpunkte in dieser Erlösung gibt, nämlich die Vergebung der Sünden oder die Rechtfertigung, und die Befreiung: Freiheit vor Gott, und Freiheit vom Joch der Sünde im Fleisch. Wenn wir aber mit Christo gestorben sind, so sind wir der Sünde gestorben und sind nicht mehr im Fleisch vor Gott. Das fleischliche Leben ist nicht mehr unsere Stellung, weil Christus, nachdem Er gestorben, unser Leben geworden ist. Die Sünde im Fleisch ist verurteilt, verdammt - nicht vergeben - und zwar im Tod Christi auf dem Kreuz. Die Kraft des Lebens Christi ist in mir, ist mein Leben. Doch nicht allein das. Die Sünde im Fleisch, die meine Qual war, ist schon verurteilt, aber in einem Anderen, so dass es für mich wegen des Fleisches keine Verdammnis mehr gibt. Da wo diese Verdammnis, das Gericht des Fleisches, ausgeübt worden ist, ist der Tod eingetreten, und diejenigen, die in Christus Jesus sind, sind mit Ihm gestorben, so dass es für sie keine Verdammnis mehr gibt. Was an Ihm geschehen ist, ist an uns geschehen: Er ist der Sünde gestorben, und die Verdammnis ist vorbei. Das ist unser Zustand, betreffs der Sünde im Fleische. So klar wie im ersten Teil des Briefes von dem Wegtun der Sünden gesprochen wird, eben so klar wird hier das Wegtun der Sünde im Fleisch und der Verdammnis vorgestellt; ja, für den Glauben ist das Fleisch selbst beseitigt, da wir gestorben sind.
Dieser Zustand wird in den drei ersten Versen des achten Kapitels beschrieben. Der Christ befindet sich in einer ganz neuen Stellung: er ist in Christo. Nicht allein hat sich die Gnade Gottes darin geoffenbart, dass die Sünden des alten Menschen vergeben sind, sondern auch seine Stellung ist eine ganz neue geworden: wir sind erlöst. Es heißt nicht: „Also ist jetzt keine Verdammnis mehr für die, welchen die Sünden vergeben sind," sondern: „für die, welche in Christus Jesus sind." Diese Stellung ist das Resultat des Werkes Christi, der Erlösung. Der Christ ist mit Christo aus der Stellung des Fleisches befreit, weil er mitgestorben ist und teil hat an dem Leben des auferstandenen und verherrlichten Christus. So steht er vor Gott nicht mehr als ein Kind Adams, verantwortlich im Fleische, sondern als einer, der diese Stellung wirklich verlassen hat durch den Tod, und der lebendig ist in Christus. Das Fleisch wird betrachtet als tot, als verdammt, als nicht mehr vorhanden, sondern als verschwunden im Tode Christi. Der Christ ist lebendig in Christus, er ist nicht mehr im Fleisch (Vergl. Gal.2,19+20).
Der Ausdruck: „das Gesetz des Geistes des Lebens in Christo Jesu" im zweiten Vers unseres Kapitels mag manchem Leser auffallend erscheinen. Es soll dadurch, wie ich glaube, angedeutet werden, dass der Geist des Lebens in Christo Jesu beständig und ununterbrochen nach ein und demselben Grundsatz wirkt, damit das Fleisch tot sei in dem Gläubigen, indem es in einem Anderen verurteilt wurde. Durch das Leben Christi und den Heiligen Geist ist der Gläubige in Christo. Wie könnte es da noch Verdammnis geben? Gott hat sich schon mit der Sünde im Fleisch am Kreuz beschäftigt und ist jetzt, wenn man so sagen darf, fertig damit. Das neue Leben und der Heilige Geist geben dem lebendig gemachten Gläubigen seinen Platz in Christus; er ist erlöst und vor Gott lebendig in Christus. Es handelt sich hier nicht, wie schon gesagt, um die Vergebung der Sünden des alten Menschen, sondern um eine neue, lebendige Stellung in Christus. Das ist es, was in den drei ersten Versen des achten Kapitels dargestellt wird.
Nachdem im siebenten Kapitel die Erfahrung der ersten Stellung, sowie die Befreiung durch die Erlösung in Christo und die Fortdauer der zwei Naturen, als wirkliche Tatsache, beschrieben worden, wird in den drei ersten Versen des achten Kapitels die neue Stellung in Christus, im Gegensatz zu der Stellung im Fleisch oder der Stellung im ersten Adam, dargestellt. Im ersten Vers - keine Verdammnis; im zweiten - die Kraft des Lebens; im dritten - die Verurteilung der Sünde im Fleisch in Christo auf dem Kreuz. Was den zweiten Vers charakterisiert, ist das Leben in Christo nach der Kraft des Heiligen Geistes, und zwar als ein unaufhörlich wirkender Grundsatz. Den dritten kennzeichnet die Verurteilung der Sünde im Fleisch im Sündopfer Christi. Die Sünde ist zwar noch da, und wenn wir nicht treu sind, wenn wir nicht praktisch das Sterben des Herrn Jesus umher tragen, so ist sie wirksam in uns; wir verlieren die Gemeinschaft mit Gott und entehren den Herrn durch unseren Wandel, indem wir nicht nach dem Geist des Lebens wandeln, würdig des Herrn. Aber wir stehen nicht mehr unter dem Gesetz der Sünde, sondern, mit Christus gestorben und eines neuen Lebens in Ihm und des Heiligen Geistes teilhaftig geworden, sind wir von diesem Gesetz befreit; wir befinden uns in einer neuen Stellung, sind in dem zweiten Adam vor Gott, und unser naturgemäßer Wandel ist nach dem Geist - nicht nach dem Fleisch. So wird das Gesetz Gottes und sein Recht in uns erfüllt. Darüber hinaus geht die Lehre hier nicht, weil man das Gesetz wollte. Das Gesetz aber ist nicht der Maßstab des christlichen Wandels; es wird nur gesagt, dass der, welcher nach dem Geist wandelt, es erfüllt. Als ich im Fleisch war, konnte ich es nicht erfüllen, weil das Fleisch sich dem Gesetz nicht unterwirft, es auch nicht vermag, sondern nur seinem eigenen Willen folgt. Der Geist aber wird uns sicher nicht in das leiten, was gegen das Gesetz Gottes ist. Das Gesetz wird praktisch erfüllt, indem wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Leitung des Geistes stehen. Wir stehen unter dem Einfluss des Geistes, und es handelt sich nicht um ein Gesetz außer uns, sondern um eine Natur in uns, die den für sie passenden Gegenstand besitzt. Die, welche nach dem Geist leben, dem neuen Menschen gemäß, begehren die Dinge, die des Geistes sind; die aber, welche nach dem Fleisch sind, sinnen auf die Gegenstände der fleischlichen Gelüste. Es handelt sich nicht um ein auferlegtes Gesetz, sondern um eine neue Gesinnung, die Gesinnung einer Natur, welche vom Geist geboren ist und das sucht, was geistlich ist - eine heilige Freiheit, indem der Mensch, als gestorben mit Christus, vom Joch der Sünde befreit ist, eine aus Gott geborene heilige Natur besitzt, heilige Gegenstände vor Augen hat und eine Wohnung des Heiligen Geistes ist, der im Herzen heilige Gedanken hervorbringt und die Dinge offenbart, welche droben sind.
Die Gesinnung des Fleisches ist der Tod der Seele, hat keine Frucht und trennt die Seele von Gott, sowohl jetzt, als in der Ewigkeit. Die Gesinnung des Geistes aber ist Leben, eine Quelle in uns, die in das ewige Leben quillt und die Seele mit Frieden erfüllt. Die Gesinnung des Fleisches lehnt sich gegen die Autorität Gottes auf. Weil sie die Tätigkeit des natürlichen Menschen ausmacht, so hat sie es mit dem Gesetz zu tun, welches der Ausdruck dieser Autorität Gottes über den Menschen und die Richtschnur seiner Verantwortlichkeit als Geschöpf Gottes ist. Aber sie unterwirft sich dem Gesetz nicht und vermag es auch nicht, weil der eigene Wille seinen eigenen Weg gehen will; auch liebt sie durchaus nicht das, was Gott gefällt. So können also die, welche im Fleische sind, welche sich vor Gott in der Stellung des ersten Adam befinden und nach dem Leben des ersten Adam wandeln, Gott nicht gefallen.
In Vers 9 begegnen wir einem sehr wichtigen Grundsatz. Wann kann jemand sagen: ich bin nicht im Fleisch? Antwort: wenn der Heilige Geist in ihm wohnt. Es kann jemand bekehrt sein, sich aber noch in dem im siebenten Kapitel beschriebenen Zustand befinden, wie z.B. der verlorene Sohn, bevor er seinem Vater begegnet war. Er war bekehrt und auf dem rechten Weg; doch wollte er nur ein Tagelöhner seines Vaters werden. Sobald er aber mit dem Vater zusammengetroffen war, hören wir nichts mehr davon, sondern nur von dem, was sein Vater war und was derselbe für ihn tat. Die Befreiung findet statt durch das persönliche Bewusstsein dessen, was der Vater ist, gekannt in Christo Jesu, durch das Bewusstsein der Erlösung. Und dieses Bewusstsein findet sich nur in einer Seele, in welcher der Heilige Geist wohnt. Ein bekehrter Mensch ist als solcher erst dann in der christlichen Stellung, wenn er gesalbt worden ist. Gewissen und Herz waren bei dem verlorenen Sohn, als er sich auf dem Weg zum Vaterhaus befand, durch die Gnade erreicht und richtig geleitet; aber er war noch nicht mit dem vornehmsten Kleid bekleidet und kannte auch das Vaterherz noch nicht. Er trat erst dann in die christliche Stellung ein, als er den Vater erreicht hatte, und von diesem Augenblick an hören wir nichts mehr von ihm, sondern nur von dem Vater. Vorher war sein Zustand nicht passend für das Haus.
In Vers 10 sehen wir die andere Seite des christlichen Verhältnisses. Im Anfang des Kapitels heißt es: „welche in Christus Jesus sind," und hier: „wenn Christus in euch ist." Der Christ ist also einerseits „in Christus," und andererseits ist „Christus in ihm." In Christus sind wir nach Seiner Vollkommenheit vor Gott; Christus in uns ist der Grund und Maßstab unsere Verantwortlichkeit, wobei Er aber die Quelle unserer Kraft ist, und zwar nach dem, was in Anfang des Kapitels gesagt worden ist. Ein Christ ist ein Mensch, der nicht allein neu geboren ist - was durchaus notwendig ist - sondern in welchem auch der Heilige Geist wohnt. Dieser lenkt den Blick des Gläubigen auf das Werk Christi und lehrt ihn den Wert desselben würdigen; Er gibt ihm das Bewusstsein, dass er in Christus ist und Christus in ihm, (Joh.14) und erfüllt sein Herz mit der Hoffnung der Herrlichkeit, mit der Gewissheit, dass er Christus gleich sein wird und bei Christo sein wird für immer und ewig. Wenn der Bekehrte weiß, dass seine Sünden vergeben sind, wenn er „Abba, Vater!" rufen kann, wenn er das Bewusstsein hat, dass es für ihn keine Verdammnis mehr gibt, dann ist er befreit; er steht in der Freiheit vor Gott und ist befreit von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Aber er ist erst dann ein vollendeter Christ, vollkommen, wenn er durch den Heiligen Geist versteht, dass er die Stellung Christi einnimmt, dass Gott in derselben Weise sein Vater und sein Gott ist, wie Er der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus ist - wenn er versteht, dass er aus der Stellung Adams in die Stellung Christi hinüber gegangen, dass er mit Christus gestorben ist und also selbst nicht mehr lebt, sondern Christus in ihm (Galater 2,20).
Diese Freiheit wird im Römerbrief ganz klar vorgestellt und entwickelt, doch nur insofern, als der Gläubige darin betrachtet wird, als mit Christo gestorben und Christum als sein Leben besitzend, wodurch er befreit worden ist von dem Gesetz der Sünde sowohl, als auch von dem mosaischen Gesetz, weil dieses über einen Menschen herrscht, so lange er lebt, und nicht weiter gehen kann. Der Brief behandelt jedoch nicht die Ratschlüsse Gottes und die Herrlichkeit unserer neuen Stellung. Wohl geben die Verse 29 und 30 des achten Kapitels einen Anknüpfungspunkt für diese Lehre; im allgemeinen aber behandelt der Brief die Verantwortlichkeit des Menschen, sowie das, was Gott getan hat, um uns von unserer Schuld zu reinigen und zu rechtfertigen, und er lehrt zugleich, wie wir durch unser Gestorbensein mit Christo vom Gesetz der Sünde und des Todes befreit sind. Jene beiden Verse eröffnen einen etwas weiteren Blick, doch wird die neue Stellung nicht näher entwickelt. Der Brief geht nicht über die Wahrheit hinaus, dass wir durch Christum lebendig gemacht sind; er redet nicht von unserer Auferweckung mit Ihm. Diese – den Ausgangspunkt unserer neuen Stellung – müssen wir im Kolosserbrief suchen. Der Epheserbrief entwickelt diese Lehre dann noch weiter, jedoch von einem anderen Gesichtspunkt aus. Dort hören wir nicht, dass ein Kind Adams sterben und auferstehen muss, und dass der Gläubige gestorben ist, obwohl er als auferstanden mit Christus dargestellt wird. Der unbekehrte Mensch wird vielmehr in dem Epheserbrief als tot in den Sünden betrachtet, und alles ist eine neue Schöpfung. Wir finden darin alle die Ratschlüsse Gottes, sowohl in Bezug auf die mit Christo auferstandenen Gläubigen, als auch in Bezug auf Christum selbst, auf die Kinder Gottes und unsere Einheit mit Christus, als Sein Leib.
Es wird gut sein, zu bemerken, dass, wie in den ersten drei Versen des achten Kapitels die Grundsätze der Befreiung dargestellt sind, so in den acht folgenden Versen der praktische Charakter und das Resultat der Befreiung beschrieben werden Der Heilige Geist ist in dem neuen Leben wirksam, anstatt eines außerhalb stehenden Gesetzes, dem selbst das Fleisch einen unüberwindlichen Widerstand entgegen setzte. Der Geist versieht das neue Leben mit himmlischen Gegenständen, in welchen dasselbe seine Freude und Ernährung findet. „Die Gesinnung des Geistes ist Leben und Frieden." Dies alles ist abhängig von dem Wohnen des Heiligen Geistes in uns. „Wenn jemand den Geist Christi nicht hat, der ist nicht Sein." Wir haben schon gesagt, dass der Zustand eines solchen demjenigen des verlorenen Sohnes gleich sei, bevor derselbe seinen Vater gefunden hatte. Wenn dagegen der Geist des Christus in dem Bekehrten wohnt, so ist der Leib für ihn tot, der Sünde wegen, der Geist aber Leben, der Gerechtigkeit wegen. Wenn der Leib lebt kraft seines eigenen Lebens, so bringt er nichts als Sünde hervor; der geistliche Mensch hält ihn nach Kapitel 6 für tot.
Der Geist ist von dem neuen Leben nicht zu trennen. Er ist die Quelle des Lebens und charakterisiert dasselbe. Weil nun der Geist Dessen, der Jesum auferweckt hat, in uns wohnt, so wird Der, welcher Christum aus den Toten auferweckt hat, auch unsere sterblichen Leiber auferwecken wegen Seines in uns wohnenden Geistes. Das ist das gesegnete Ende des Lebens des Geistes in Christo Jesu, oder vielmehr der Anfang desselben in seiner wahren Vollkommenheit. Der Geist ist Gottes Geist. Gott hat Jesum, die menschliche Person, auferweckt; Jesus ist Sein persönlicher Name. Er lag aber nicht für sich unter den Toten; Christus ist Sein Name, als für andere gekommen. Wenn deshalb der Geist Gottes in uns wohnt, so wird Der, welcher Ihn, den Erstgeborenen, auferweckt hat, auch die erlösten Schafe auferwecken.
Dem Heiligen Geist werden hier drei charakteristische Namen beigelegt:
- Geist Gottes (V.9) im Gegensatz zum Fleisch;
- Geist Christi, als die Bildungskraft des neuen Menschen, und
- Geist Dessen, der Christum aus den Toten auferweckt hat, weil Er das Unterpfand der Auferstehung in uns ist.
Der herrliche Zweck der befreienden Gnade ist erreicht. Die Umstände, welche uns umgeben, bleiben natürlich dieselben, und unsere Stellung vor Gott in Verbindung mit diesen Umständen wird in den folgenden Versen des achten Kapitels dargestellt.
„So sind wir denn nicht Schuldner des Fleisches, um nach dem Fleisch zu leben." (Vers 12). Dasselbe hat uns in einen üblen Zustand und in eine üble Stellung gebracht; auch sind wir nicht mehr im Fleisch, sondern von demselben befreit durch die Erlösung; wir sind durch den Tod des Erlösers in eine neue Stellung gebracht worden, wovon wir durch die Kraft des in uns wohnenden Heiligen Geistes auch das Bewusstsein haben. Die zwei Leben, die zwei Grundsätze stehen in schroffem Gegensatz zu einander, und es ist wichtig zu beachten, (was schon im zweiten Kapitel als Grundsatz aufgestellt wurde) dass diese Naturen da, wo sie wirksam sind, ihre naturgemäßen Folgen hervorbringen. Ich kann das Fleisch durch den Geist überwinden. Ich habe das Recht und die Pflicht, es für tot zu halten. Aber wenn das Fleisch lebt, so bringt es den Tod hervor, und wenn ich nach dem Fleisch lebe, so ist der Tod mein Los. Die Natur und die Wirkung dieser Natur – ihre Folge – ist immer dieselbe: Gott kann mir eine neue Natur geben, und – Sein Name sei dafür gepriesen! – Er gibt sie mir in Christus, und zwar in einer Weise, dass ich dadurch teil habe an der Errettung, und dass ich durch die Kraft des Geistes die alte Natur überwinden und nach dem Geist wandeln kann. Aber die Natur des Fleisches ist nicht verändert, noch auch an und für sich die Folge derselben: wenn ich nach dem Fleisch lebe, so muss ich sterben. Die Gnade erlöst, gibt mir ein neues Leben, worin ich nach dem Geist wandle und das Fleisch für tot halte, und gibt mir schließlich die Herrlichkeit. Dieses neue Leben aber lebt nicht nach dem Fleisch, ja es kann nicht danach leben. Wenn ich nach dem Fleisch lebe, so sterbe ich, entfernt von Gott; denn die Frucht und der Lohn des Lebens des Fleisches ist der Tod. Wenn ich aber durch den Geist die Handlungen des Leibes töte, so lebe ich und werde für immer mit Gott leben, von dem dieses Leben meiner Seele zufließt, und dessen Geist die Kraft und der Leiter dieses Lebens ist.
Dies gibt dem Apostel Anlass, von der Stellung derer zu reden, die durch den Geist Gottes geleitet werden, und zwar zunächst von ihrem Verhältnis zu Gott. Der Geist, den sie empfangen haben, ist der Geist der Kindschaft; sie besitzen Ihn, weil sie Kinder sind. Aus diesem Verhältnis aber entspringen ausgedehnte Segnungen: „wenn sie Kinder sind, so sind sie auch Erben - Erben Gottes und Miterben Christi. Indessen ist der Zustand der Kreatur, die uns hienieden umgibt, und in Sonderheit der Zustand unseres eigenen Leibes, noch nicht wieder hergestellt. Die Gesinnung des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott; gleicher Weise ist auch die Freundschaft der Welt Feindschaft gegen Ihn. Die Grundsätze des Fleisches wie der Welt leisten uns Widerstand; beide sind der Knechtschaft des Verderbens unterworfen. Weil die Welt, welche wir zu durchwandern haben, von Gott entfernt und unter der Herrschaft Satans ist, so gibt sie uns zahllose Quellen der Trauer und des Schmerzes. Der Herr war in dieser Welt „ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut." Eine Welt der Sünde, gegenüber Seiner Heiligkeit - eine Welt der Trauer und der Leiden, gegenüber Seiner Liebe - konnte für Sein Herz nur eine Quelle der Trauer und der Leiden sein. Er stand vereinzelt und allein in einer solchen Welt und wurde nicht einmal von Seinen Jüngern verstanden. Während Er voll von Mitgefühl war für alle, fand Er für sich nirgendwo Mitgefühl. Wenn ein solches je einmal die Finsternis des menschlichen Herzens durchbrach, so war dies etwas so Wunderbares, dass der Herr sagt: „Wo immer das Evangelium gepredigt werden wird in der ganzen Welt, da wird auch gesagt werden, was diese getan hat, zu ihrem Gedächtnis." (Mark.14,9) Können wir, wenn wir den Geist Christi haben, durch dieselbe Welt gehen, ohne ihren Zustand zu fühlen? Sollten unsere Herzen nicht traurig sein, wenn wir auf Schritt und Tritt die Herrschaft der Sünde erblicken und täglich die Leiden des sündigen Menschen vor Augen haben? Wenn wir sehen, dass alles der Knechtschaft des Verderbens unterworfen ist? Die Zeit wird kommen, wo unsere Augen die allgemeine Segnung der Welt sehen und wo wir uns mit Gott selbst darin erfreuen werden. Jetzt aber können wir, als solche, die im Herzen erneuert und befreit sind, inmitten einer unbefreiten Schöpfung nur leiden.
Beachten wir jedoch, dass dies ein Leiden ist mit Christo, nicht für Ihn. Die Leiden für Christum sind ein Vorrecht, eine besondere Gabe Gottes (Phil. 1,29). Man kann kein Christ sein, ohne mit Christo zu leiden; denn wie könnte der Geist Christi eine Gesinnung in uns hervorrufen, verschieden von derjenigen, welche in Christo war, als Er diese arme Welt durchwanderte? Die Herrlichkeit der Kinder Gottes ist ein Gegenstand der Hoffnung; jetzt werden die Leiden Christi in Schwachheit wieder hervorgebracht in einem Herzen, in welchem Christus wohnt. Wir leiden da, wo Christus gelitten hat, als Miterben des Reiches der Liebe, worin alles Freude und Wonne sein wird. Obwohl wir jetzt schon Kinder, oder vielmehr Söhne, und deshalb auch Erben sind, so besitzen wir doch die Erbschaft noch nicht, ja, wir können sie noch nicht besitzen, da dieselbe jetzt noch verdorben und verunreinigt und in diesem Zustand nicht passend ist für uns. Christus sitzt zur Rechten Gottes, bis Seine Feinde zum Schemel Seiner Füße gelegt sind. Dann werden wir mit Ihm herrschen und Ihm gleich sein.
Deshalb konnte der Apostel, der wohl wusste, was Leiden sind, sagen: „Ich halte dafür, dass die Leiden der Jetztzeit nicht wert sind, verglichen zu werden mit der Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden wird." Wir besitzen das Verhältnis der Sohnschaft und haben auch das Bewusstsein dieses Verhältnisses und deshalb keine Furcht mehr. Wo Furcht ist, da ist die Kenntnis dieser Stellung nicht im Herzen. Der Geist in uns ruft: „Abba, Vater!" und kann nichts anderes rufen, denn Er ist erst gekommen, nachdem alles das vollbracht war, was uns in dieses Verhältnis versetzt hat. Christus hat uns Seine eigene Stellung vor Gott gegeben. Nachdem Er alles vollbracht hätte, was erforderlich war, sowohl für die Herrlichkeit Gottes, als auch für unsere Erlösung, und zwar da, wo es für beides geschehen musste, nämlich in der Stellung der Sünde – „zur Sünde gemacht" – ist Er als Mensch in den Himmel hinaufgestiegen? Ein Mensch ist in Ihm eingegangen in die Herrlichkeit Gottes, jenseits der Sünde, jenseits des Todes, jenseits der Macht Satans, jenseits des Gerichts Gottes über die Sünde, so dass Er den Jüngern durch Maria Magdalena die Botschaft senden konnte: „Sage meinen Brüdern: ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott." Darauf sandte Er den Heiligen Geist hernieder, als die gesegnete Folge dieses Hinaufsteigens des Menschen in den Himmel, nachdem Er alles zu unserer Erlösung vollbracht hatte. Dieser Geist wohnt in den Gläubigen, die dem Wert Seines Blutes vertrauen, so dass ihr Leib ein Tempel Gottes ist (1.Kor.6). Sie sind durch den Geist versiegelt und haben das Unterpfand des Erbteils, das Bewusstsein, Kinder Gottes zu sein. Er vergegenwärtigt Christum, der im Himmel ist, und lässt uns die unsichtbaren Dinge genießen. Er kann deshalb unmöglich ein Geist der Furcht oder der Knechtschaft sein.
Der Geist aber wirkt zweierlei in uns: Er lehrt uns die Herrlichkeit, die vor uns steht, würdigen, und gibt uns das Gefühlt, dass die Leiden, in welche wir durch das Streben, diese Herrlichkeit zu erlangen, und durch die Treue für Christum gebracht werden - nicht wert sind, verglichen zu werden mit der Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll, so dass wir mit Ausdauer und getrostem Mut den Weg Gottes gehen können. Desgleichen nimmt Er sich auch unserer Schwachheit an, auf dass wir Gott gemäß an diesen Leiden teilnehmen und unser Herz durch den Geist das Gefäß des Mitgefühls ist, dem Herzen Christi entsprechend, indem wir durch unser Seufzen dem Seufzen der leidenden Kreatur zu Gott einen Ausdruck geben. Welch eine köstliche Stellung, auf diese Weise die Herrlichkeit und die Liebe Dessen, der in die Mitte der leidenden Schöpfung hernieder kam, verwirklichen zu können, so dass unsere Herzen, indem wir dem Leib nach teil haben an der gefallenen Schöpfung, durch den Geist der Mund der ganzen Schöpfung sein und ihrem Seufzen zu Gott einen gottgemäßen Ausdruck geben können! Mit diesem Gefühl war das Herz Christi in völliger Liebe und in Vollkommenheit erfüllt. Weil wer, obgleich wahrhaftiger Mensch, persönlich durchaus frei war von der Sünde, die diese Leiden über die Schöpfung gebracht hatte, so war Sein Mitgefühl mit den Folgen der Sünde für uns um so vollkommener. „Er hat unsere Leiden getragen, und unsere Schmerzen hat Er auf sich geladen" (Vergl. Matth.8,17). Als Er an der Gruft des Lazarus die Maria und alle die Juden weinen sah, seufzte Er tief im Geist und erschütterte sich. [Die beiden an dieser Stelle in dem griechischen Urtext gebrauchten Wörter sind sehr starke Ausdrücke für eine innere Bewegung.] So ist es auch uns, obgleich wir als gefallene Menschen in Schwachheit und Unvollkommenheit sind, durch den in uns wohnenden Geist gegeben, teil zu nehmen an den Leiden der Kreatur, und zwar nicht in der Ungeduld der Selbstsucht, weil wir selbst leiden, sondern Gott gemäß. Die Darstellung, die uns der Apostel von dem Zustand der uns umgebenden Schöpfung gibt, wird diese Erfahrung klarer machen. Obgleich wir in dem Vorhergehenden schon verschiedene Punkte betrachtet haben, so können wir doch noch einmal mit dem 19. Vers beginnen.
Es ist schon gesagt worden, dass wir in der Welt zu leben haben, weil alles in der Sünde liegt und in Unordnung ist, während wir zu Gott zurückgebracht sind; und ferner, dass wir auch im Herzen zu leiden haben, weil wir inmitten einer unbefreiten Schöpfung wohnen. Die Augen des Glaubens aber sind auf die vor uns liegende Herrlichkeit gerichtet, und sowohl diese erfreuliche Aussicht, als auch unsere Gemeinschaft mit Gott, die wir schon hier auf der Erde genießen, lässt uns fühlen, dass alles um uns her unversöhnt ist.
Diese Schöpfung erwartet ihre Erlösung; aber sie kann nicht befreit und wiederhergestellt werden, bevor die Kinder Gottes in der Herrlichkeit des Reiches bereit sein werden, sie als Miterben Christi in Besitz zu nehmen. Christus sitzt zur Rechten Gottes, bis diese Miterben gesammelt sind. Es ist ein köstlicher Gedanke, dass, wie wir die irdische Schöpfung unter die Knechtschaft des Verderbens gebracht haben, sie auch jetzt auf unsere Verherrlichung warten muss, um wiederhergestellt und von dieser Knechtschaft befreit zu werden (V. 19).
Nicht der Wille der Kreatur hat sie dieser Knechtschaft unterworfen; wir haben es getan - aber auf Hoffnung; denn dieser Zustand wird nicht immer bleiben; die Schöpfung wird wiederhergestellt werden. Gott beginnt jedoch in den Ratschlüssen Seiner Gnade mit den Schuldigen, mit den am weitesten Entfernten – mit denen, an welchen Er in den kommenden Zeitaltern den überschwänglichen Reichtum Seiner Gnade in Güte gegen uns in Christo Jesu erweisen will. (Eph.2,7; vergl. Kol. 1,20+21) Die Schöpfung könnte, weil sie nur physisch ist, nicht in die Freiheit der Gnade eintreten; sie muss die Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes erwarten. Wenn diese befreit sind und ihre Leiber, die zu der Schöpfung gehören, umgewandelt und verherrlicht sein werden und wenn Satan gebunden ist, dann wird auch die Schöpfung freigemacht werden von der Knechtschaft des Verderbens, in welcher sie gefangen liegt.
Denn wir wissen - wir, die wir in der christlichen Lehre unterrichtet sind - dass die ganze Schöpfung zusammen seufzt und zusammen in Geburtswehen liegt bis jetzt. Wir wissen dies aber noch viel mehr, weil wir die Erstlinge des Geistes haben, und -„wir seufzen in uns selbst, erwartend die Sohnschaft; die Erlösung unseres Leibes." So harren wir darauf, das zu besitzen, was errettet ist in Hoffnung; nicht allein das ewige Leben, als Leben, zu besitzen - dieses haben wir schon - sondern verherrlicht zu werden, indem unser Leib, der zu der Kreatur gehört, umgewandelt wird und wir Christo, dem Herrn, gleich gestaltet werden, nach der Kraft, womit Er alle Dinge sich zu unterwerfen vermag (Phl.4,21).
Der Friede ist also gemacht, unsere Sünden sind hinweg getan, wir haben ein neues Leben, besitzen das Unterpfand des Geistes, die Herrlichkeit liegt vor uns in Hoffnung, und wir werden dem Herrn gleich sein. So lange wir jedoch diese Herrlichkeit noch nicht erreicht haben, seufzen wir mit der Schöpfung. Denn indem wir unsere herrliche Hoffnung verwirklichen, fühlen wir, da wir durch unseren Leib mit der gefallenen Schöpfung verbunden sind, den traurigen Zustand der ganzen Schöpfung. Frei vor Gott, frei vom Gesetz der Sünde und des Todes, erfüllt mit der Hoffnung der Herrlichkeit, werden wir durch die Kenntnis dieser Herrlichkeit und der vollkommenen Befreiung der Kreatur zu einem Seufzen gebracht, welches die Stimme ihres Seufzens zu Gott ist. Unser Seufzen aber ist nicht eine Klage, eine Frucht der Unzufriedenheit, sondern die Wirkung des Heiligen Geistes im Herzen. Dieser Geist richtet unsere Blicke auf die Herrlichkeit, wo wir keinen Anlass mehr zum Seufzen haben werden, und lässt uns nach der Liebe Gottes das Leid einer geknechteten Schöpfung fühlen; wir fühlen es mit, da wir mit unserem Leib noch zu ihr gehören. Der Geist Gottes, der in uns wohnt, bildet diese Gefühle Gott gemäß. Gott erforscht das menschliche Herz, und in dem Herzen des befreiten Christen findet Er diese Wirkung des Geistes. Der Geist selbst ist da die Quelle des göttlichen Mitgefühls mit einer seufzenden Schöpfung. (V.27)
Die Blicke des Christen werden durch den Heiligen Geist, der in ihnen wohnt, nach oben gerichtet, auf die Herrlichkeit und die Ruhe Gottes, wo alles Segnung ist. Er verwirklicht das, was vor ihm liegt, mit Freude. Da er aber noch im Leibe ist, so fühlt er umso mehr den Zustand der gefallenen Schöpfung, nimmt teil an ihrem Seufzen und macht sich dadurch zur Stimme der seufzenden Schöpfung vor Gott. Doch geschieht sein Seufzen im Geist der Liebe, Gott gemäß, weil er in seinem Verhältnis zu Gott vollkommen frei ist. Hinsichtlich seines Zustandes ist er errettet in Hoffnung; vor Gott aber ist sein Herz frei, im Bewusstsein Seiner Liebe. Er kann sich freuen in Hoffnung, in der Hoffnung der Herrlichkeit; sein Gewissen ist vollkommen; die Liebe Gottes ist ausgegossen in sein Herz durch den Heiligen Geist. Und so kann er nach dieser Liebe an dem allgemeinen Elend, das ihn umgibt, teilnehmen. Er weiß zwar nicht, um was für ein Heilmittel er bitten soll; vielleicht gibt es keins. Aber die Liebe kann die Bedürfnisse ausdrücken und tut es nach der Wirkung des Geistes; und obgleich der Christ nicht weiß, um was er bitten soll, so findet doch Der, welcher die Herzen erforscht, in seinem Seufzen die Gesinnung des Geistes; denn der Geist ist es, der im Grunde des Herzens den Gefühlen des Bedürfnisses Ausdruck gibt. Dies ist umso mehr Mitgefühl, da wir selbst noch im Leib sind und also in unserem eigenen Zustand einen Teil der seufzenden Schöpfung ausmachen und auf die Erlösung unseres Leibes warten.
Doch obgleich wir oft nicht wissen, um was wir bitten sollen, so gibt es doch etwas, was wir vollkommen gewiss wissen, nämlich, dass Gott alles zusammen wirken lässt zum Besten derer, die Ihn lieben, die Er nach Seinem Vorsatz berufen hat.
Welch ein Vorrecht ist uns durch die Gnade zu teil geworden, ein Vorrecht, das wir durch den Heiligen Geist genießen! Wir sind Kinder Gottes, kennen unser Verhältnis zu Gott und können es durch den Heiligen Geist verwirklichen; wir rufen „Abba, Vater!" sind Kinder und deshalb Erben, „Erben Gottes und Miterben Christi." Der Geist offenbart uns unser Erbteil und lässt uns verstehen, was es ist: wir werden Christo gleich sein in der Ruhe Gottes und in Seiner eigenen Ruhe, vollkommen zur Ehre Christi, und werden mit Ihm herrschen über alles. Als Menschen auf der Erde richten wir unsere Blicke auf die Herrlichkeit Gottes, die unsere Hoffnung ist, und die wir mit Christo teilen werden, da, wo alles rein ist, der Reinheit Gottes gemäß. Im Blick auf diese niedrige Welt sind unsere Herzen von der Liebe Gottes erfüllt, in welcher wir an den Leiden der unbefreiten Schöpfung teilnehmen, und zwar Gott gemäß, so dass Der, welcher die Herzen erforscht, die Gesinnung des Geistes darin findet, welcher dieses Mitgefühl mit den Leiden der gefallenen Schöpfung in uns hervorbringt, auf dass wir durch unser Seufzen der Mund der Schöpfung vor Gott werden. Und weil wir aus Mangel an Erkenntnis nicht immer wissen, um was wir bitten sollen, so tröstet uns das Wort Gottes, indem es uns versichert, dass Gott nach Seinem eigenen Willen und nach Seiner eigenen Liebe alles zusammen wirken lässt zu unserem Besten.
Dieses führt den Apostel dahin, einige Worte über den Ratschluss Gottes zu sagen, obwohl dies nicht der Gegenstand des Briefes ist. Er spricht hier nur davon, um die Grundlage aller Segnungen zu zeigen. Sonst handelt der Brief, wie schon früher bemerkt, von der Verantwortlichkeit des Menschen, sowie von der Gnade und dem Werk Gottes, um uns von den Folgen dieser Verantwortlichkeit zu erretten.
Für die Berufenen ist Gott immer wirksam; denn Er hat sie zuvor gekannt, und die Er zuvor gekannt hat, die hat Er zuvor bestimmt, Seinem eigenen Sohn gleichförmig zu sein. „Welche Er aber zuvor bestimmt hat, diese hat Er auch berufen; und weiche Er berufen hat, diese hat Er auch gerechtfertigt; welche Er aber gerechtfertigt hat, diese hat Er auch verherrlicht." Alles ist Gnade, und daher ist alles sicher. Deshalb beendigt Gott auch die Reihenfolge Seiner Gnadenerweisungen nicht eher, bis der Zweck erreicht ist: die Wirksamkeit der Gnade Gottes hört nicht eher auf, bis die Berufenen verherrlicht sind. Die ganze Lehre des Evangeliums führt uns auf Gott zurück und auf Seine Gedanken, die nicht fehlen und nicht verhindert werden können. Und da finden wir - Sein Name sei dafür gepriesen! - dass Gott für uns ist. Diese Lehre entwickelt hier der Apostel in Vers 31 - 39. Wir sehen den Beweis dafür, dass Gott für uns ist, zunächst in dem, was Er gibt, dann darin, dass Er uns rechtfertigt, und endlich darin, dass nichts uns von Seiner Liebe trennen kann. Dies ist die gesegnete Folgerung aus der ganzen Lehre des Briefes: „Gott ist für uns;", es ist die Quelle der Segnung; es ist die Folgerung des Herzens aus allem, was uns hier von Ihm geoffenbart wird. Nicht allein ist die Gerechtigkeit Gottes verherrlicht und befriedigt worden durch das Werk Christi, sondern wir sehen auch, dass die Liebe Gottes die Quelle von allem ist, und das verändert alle unsere Gedanken in Bezug auf Gott.
Gerade in diesem Punkt war die Lehre der Reformatoren des sechzehnten Jahrhunderts mangelhaft. Fern sei es von mir, den Wert dieser Männer herabsetzen zu wollen! Niemand könnte dankbarer sein für die Befreiung von dem Aberglauben, die uns durch die Reformation zu teil wurde, niemand den Glauben derer, die selbst ihr Leben um der Wahrheit willen aufgeopfert haben, höher schätzen, als ich es tue. Ich würde heute ja unmöglich über den Mangel ihrer Lehre ruhig schreiben können, wenn sie ihr Leben nicht freudig hingegeben hätten, um die Wahrheit aufrecht zu halten. Aber dennoch bleibt die Wahrheit in dem Wort Gottes immer dieselbe. Die Reformatoren lehrten zwar, dass Christus alles getan habe, was nötig war, um die Gerechtigkeit Gottes zu befriedigen, nicht aber, dass die Liebe Gottes das Lamm, Seinen eigenen Sohn, dahin gab, um das Werk zu vollbringen. Sie sahen Gott immer als Richter, wohl versöhnt mit uns durch das Werk Christi, nicht aber gekannt als Der, welcher uns lieb hatte, als wir noch Sünder waren. In Johannes 3,14 sagt der Herr: „Des Menschen Sohn muss erhöht werden;" denn Gott ist ein heiliger und gerechter Gott. Dann aber folgt im 16. Vers die Ursache von allem: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen eingeborenen Sohn gab." Die praktische Folgerung aus der Lehre der Reformatoren war — ohne dass sie dies vielleicht gedacht oder gewollt haben - dass die Liebe in Christo ist und Gott auf dem Richterstuhl sitzt als ein kalter Richter.
Aber „die Gnade herrscht durch die Gerechtigkeit." (Römer 5,21) Am Tag des Gerichts wird die Gerechtigkeit herrschen. Die Liebe hat die Gerechtigkeit Gottes zu unseren Gunsten in Christo festgestellt. Die Gerechtigkeit war nötig - die Liebe hat sie verschafft.
Wir wissen also, dass Gott für uns ist nach Seiner unendlichen Liebe und nach Seiner ewigen und unveränderlichen Gerechtigkeit. Der erste Beweis dafür ist, dass Er Seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern Ihn für uns hingegeben hat; „wie wird Er uns mit Ihm nicht auch alles schenken?" Ja, wir können auf Ihn rechnen, dass Er uns alles Gute geben wird. -Aber wie kann Er, der Heilige, für uns sein im Blick auf unsere Sünden? Gerade da haben wir gesehen, wie vollkommen Er für uns ist; denn Er hat ja eben für unsere Sünden Seinen Sohn gegeben. Wer wird wider die Auserwählten Gottes Anklage erheben? Gott selbst rechtfertigt uns - wer wird uns verdammen? Beachten wir, dass hier alles Gott zugeschrieben wird. Es heißt nicht: wir sind vor Gott gerechtfertigt, sondern: „Gott rechtfertigt;" so dass der Apostel wohl ausrufen kann: wer wird verdammen, wer es auch sei?
Dann verändert er in etwa die Form des Satzes. Er muss an Christus denken, und da sieht er durch Ihn auch alle Schwierigkeiten des Weges verschwinden. Nicht als ob sie nicht vorhanden wären; sie sind da, aber sie verschwinden, weil Er selbst alle Schwierigkeiten durchgemacht hat. Mensch geworden in Seiner Liebe, hat Er alle die Prüfungen des Weges, alle menschlichen Schmerzen, alles, wodurch der Feind dem treuen Diener Gottes auf dem Wege der Heiligkeit, selbst bis zum Tode, Widerstand leistet, erfahren. Nicht allein also überwinden wir durch Seine bewährte Kraft, sondern wir machen auch die Erfahrung Seiner Liebe in besonderer Weise. Die Leiden sind das Unterpfand einer besseren Herrlichkeit. Und weil Er als Mensch alles erfahren hat, so hat Er dadurch Seine "unendliche Liebe als Gott erwiesen, und wir wissen, dass uns nichts von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, trennen kann.
In jeder Beziehung ist Gott für uns. Kostbare Wahrheit! Er hat Seinen eigenen Sohn gegeben – Er wird alles geben. Er selbst rechtfertigt uns – wer wird verdammen? Und von der Liebe, die sich also erwiesen hat, kann nichts uns trennen. Alles, was auf dem Wege zur Herrlichkeit wider uns ist, kann, als Kreatur, nicht größer sein, als Er, der Herr über alles ist. Gott ist für uns in Christo, in Dem, welcher alles überwunden hat. Nicht allein ist der Weg, auf dem Er gewandelt hat - als Mensch, um leiden zu können, und als Gott, um alle Liebe in den Leiden zu offenbaren - der Beweis Seiner Liebe, sondern, indem wir Ihm auf diesem Wege folgen, machen wir auch die Erfahrung Seiner Liebe. Nichts kann uns von dieser Liebe trennen.