03.09.2020 Persönlicher Glaube

Die zwei Naturen des Gläubigen

Die Bedeutung von „Fleisch"

Es scheint jetzt nötig, auf die verschiedenerlei Bedeutung des Ausdrucks „Fleisch" in der Heiligen Schrift näher einzugehen. Nicht immer meint sie mit „Fleisch" genau dasselbe. Erst der Zusammenhang macht deutlich, welche Bedeutung im Einzelnen vorliegt. Nun müssen wir nicht erwarten, schon im Alten Testament den neutestamentlichen Gebrauch des Wortes „Fleisch" zu finden, als würde schon im Alten Testament die Quelle all des Bösen in uns darunter verstanden. Denn solange der Mensch noch unter der Erprobung durch das Gesetz stand, konnte nicht der verderbte Charakter und Zustand des Menschen völlig ans Licht kommen.

 

Oft bedeutet „Fleisch" einfach die „Menschen", „Menschheit" oder "Menschtum", vielfach die ganze tierische Schöpfung umfassend. Wir finden diesen Gebrauch des Wortes auch im Neuen Testament: „Das Wort ward Fleisch" (Joh. 1, 14), d.h. der Herr Jesus, das ewige Wort, wurde Mensch, Er nahm ein wirkliches Menschtum an. In Verbindung mit dem Sündenfall jedoch gewann der Ausdruck „Fleisch" im Alten Testament eine zusätzliche Bedeutung und wird sehr häufig als Symbol der Schwachheit und Unzulänglichkeit des Geschöpfes benutzt, z. B.:

 

  • „Mein Geist soll nicht ewiglich mit dem Menschen rechten, da er ja Fleisch ist" (1. Mose 6, 3; vgl.
  • hierzu Hiob 7, 17.18; Ps. 144, 3).
  • „Alles Fleisch ist Gras" (Jes. 40, 6).
  • „Und er gedachte daran, dass sie Fleisch seien, ein Hauch, der dahinfährt und nicht wiederkehrt" (Ps. 78, 39).
  • „Was sollte das Fleisch mir tun?" (Ps. 56, 4).
  • „So würde alles Fleisch insgesamt verscheiden" (Hiob 34, 15).
  • „Verflucht ist der Mann, der auf den Menschen vertraut und Fleisch zu seinem Arme macht" (Jer 17, 5).

 

Dieser Gebrauch von „Fleisch" wird auch im Neuen Testament fortgesetzt. So sagt der Herr Jesus: „Der Geist zwar ist willig, das Fleisch aber schwach" (Mt 26, 41).

 

Erst im Evangelium nach Johannes finden wir zum ersten Mal den Ausdruck „Fleisch" als Bezeichnung der bösen, verderbten Natur im Menschen - unseres traurigen Erbteils durch den Sündenfall. Sie ist die böse Quelle im Menschen, der all seine bösen Gedanken und Taten entspringen. In diesem Sinn wird „Fleisch" z.B. in Kapitel 1, 13 gebraucht, wo wir von dem „Willen des Fleisches" hören, aus dem die neue Geburt nicht hervorgeht.

 

Zwei Naturen

„Was aus dem Fleische geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geiste geboren ist, ist Geist" (Vers 6).

 

Der von neuem Geborene besitzt zwei Naturen, die alte und die neue. Es ist oft eingewandt worden, dass wir in der Heiligen Schrift die Ausdrücke „alte Natur" und „neue Natur" nicht finden; das ist richtig. Aber die Sache selbst finden wir. Sie zu verstehen, trägt sehr zur Befestigung jung bekehrter Seelen bei. Wir wollen daher ein wenig dabei verweilen.

 

Jeder gläubige Christ hat zwei Geburten erlebt: Die leibliche Geburt und die neue Geburt. Durch die erste wurde er ein Kind seiner Eltern, durch die zweite ein Kind Gottes (Joh. 1, 12.13). Entsprechend den zwei Geburten können wir mit Recht von zwei Naturen sprechen, von zwei Gruppen sittlicher Wesenszüge, die der Gläubige hat: Die eine Reihe entspricht dem irdischen, die zweite dem göttlichen Leben. Als Kinder Adams haben und offenbaren wir die menschliche Natur, als wiedergeborene Kinder Gottes besitzen und offenbaren wir die göttliche Natur. Zudem müssen wir unterscheiden zwischen unserer Natur als Menschen (denn Gott hat den Menschen zu Anfang in Aufrichtigkeit erschaffen, Pred. 7, 29) und unserer Natur als gefallene Menschen. Wenn wir von der „alten Natur" reden, meinen wir also die letztere. Die menschliche Natur als solche hingegen werden wir immer behalten, auch werden wir dieselben Persönlichkeiten bleiben - ungeachtet der Veränderungen in Seele und Geist durch die Wiedergeburt oder des Leibes bei der Auferstehung.

 

Auch ein Schmetterling hat nicht nur eine Erscheinungsform: Er musste erst verschiedene Stadien durchlaufen. Zuerst war da nur ein Ei zu sehen, später eine Raupe; noch später sah man dann wohl eine Puppe. Und dann erhob sich eines Tages dieser bunte Schmetterling in die blauen Lüfte! Wir können durchaus zwischen der Natur des Eies und der der Raupe oder der Puppe usw. unterscheiden; dennoch handelt es sich um das gleiche Wesen oder Geschöpf, das immer die Natur eines Insektes behielt. So ist es also auch für uns wichtig, dass wir zu unterscheiden lernen zwischen unserer „menschlichen Natur" und der eigentlichen Persönlichkeit, die vor Gott verantwortlich ist.

 

Nun ist es gerade für Jungbekehrte oft eine große, verwirrende Schwierigkeit, in sich selbst zwei so völlig entgegengesetzte Quellen, zwei so gänzlich verschiedene Naturen nebeneinander feststellen zu müssen. Zwei Beispiele aus dem göttlichen Lehrbuch der Schöpfung mögen hier ein wenig helfen. Hast du schon einmal ein Weizenfeld in der freien, wilden Natur gesehen? Nein, so etwas gibt es nicht: Weizenfelder bestehen nur dort, wo Menschen sind. So gleicht des Menschen Herz von Natur aus einem unbestellten Felde, das nichts anderes als Dornen und Disteln hervorzubringen vermag. Soll gute Frucht hervorkommen, muss Leben, muss Samen von der richtigen Art in den Ackerboden gelangen. Gott pflanzt in der neuen Geburt durch den Samen Seines Wortes die neue Natur in uns ein (vgl. Jak. 1, 21; 1. Joh. 3, 9), die als Seine Gabe in sich vollkommen ist. Aber in uns existiert noch das Böse, die alte Natur, ebenso wie Dornen und Disteln in dem Feld, in das der Weizen gesät wird.

 

Oder nehmen wir das Beispiel eines in einen Wildling eingepfropften Pfirsichzweiges. Der Wildling als solcher ist für den Obstbauern wertlos. Wohl bringt auch er eines Tages Früchte hervor, aber sie sind ungenießbar. Wenn sich das je ändern soll, hilft alles Umgraben, Düngen und Beschneiden nichts: Es muss neues Leben in ihn hineinkommen. Dies geschieht durch innige Verbindung mit dem knospenden Zweig eines „edlen" Baumes. Wenn die Lebensverbindung durch das Einpfropfen des Pfirsichzweiges hergestellt ist, nennt der Obstbauer den Baum nicht mehr nach dem Namen des Wildlings, sondern nach dem Namen des edlen Baumes, von dem der knospende Zweig genommen wurde (vgl. 1. Joh. 3, 1), weil er Teilhaber der Natur jenes Baumes geworden ist. Der Obstbauer schneidet dann auch all die alten Triebe ab (vgl. Rom. 6, 11; Kol. 3, 5); denn würde er sie gewähren und wachsen lassen, so würden sich wieder nur wertlose Früchte einstellen, sie trügen ihren alten Charakter.

 

Nun, das alles illustriert die Worte unseres Herrn: „Was aus dem Fleische geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geiste geboren ist, ist Geist."

 

Das Buch: Aus der Finsternis zum Licht