23.09.2011 Prophetie | Offenbarung

Ich sah den Himmel geöffnet

Dieses "Zeigen" wiederholt sich nun zu Beginn des 22. Kapitels. Das zweite Gesicht beschäftigt sich mehr mit dem, was im Innern der heiligen Stadt gefunden werden wird, mit den persönlichen Segnungen der Erlösten.

Der Strom von Wasser des Lebens

" Und er zeigte mir einen Strom von Wasser des Lebens, glänzend wie Kristall, der hervorging aus dem Throne Gottes und des Lammes" (Off 22,1).

In Kapitel 22,1.2 kommen zur Beschreibung der heiligen Stadt zwei neue Symbole, der "Strom von Wasser des Lebens" und der "Baum des Lebens". Beide Symbole gehen auf die ersten Kapitel der Bibel zurück.

Des weiteren müssen wir auch die starke Übereinstimmung zwischen der irdischen und der himmlischen Stadt Gottes im Auge behalten. Es wird eine beständige Verbindung zwischen der heiligen Stadt im Himmel und dem irdischen Jerusalem bestehen. Deswegen entsprechen sie auch einander. So wie "das mit Händen gemachte" Heiligtum ein Gegenbild des wahrhaftigen war (Heb 9,24) und wie Mose bei der Anfertigung der Stiftshütte alles "nach dem Muster" machen mußte, das ihm "auf dem Berge gezeigt" worden war (Kap. 8,5), so wird auch das irdische Jerusalem in jener Zeit weitgehend ein Abbild des himmlischen sein. Die grundsätzlichen Unterschiede in der Art der Segnungen werden dadurch jedoch keineswegs berührt oder aufgehoben.

Gott - die Quelle jeden Segens

Johannes sieht einen Strom von Wasser des Lebens, glänzend wie Kristall, aus dem Thron Gottes und des Lammes hervorgehen und sich in die Stadt ergießen. Ohne im Augenblick näher auf den besonderen Ausdruck "Thron Gottes und des Lammes" einzugehen, lernen wir hier, daß Gott der Ausgangspunkt und die eigentliche Quelle jeden Segens ist. Unter dem Bild eines Stromes von Wasser wird wiederholt in der Heiligen Schrift die Gnade Gottes in ihrer lebenspendenden und lebenerhaltenden Kraft vorgestellt.

Das sehen wir schon im Garten Eden. "Ein Strom ging aus von Eden, den Garten zu bewässern; und von dort aus teilte er sich und wurde zu vier Flüssen" (l. Mo 2,10). Natürlich handelte es sich im Garten Eden um einen buchstäblichen Strom. Trotzdem hat er auch eine übertragene Bedeutung. Wie sich nämlich der Strom beim Verlassen des Gartens in vier Flüsse aufteilte, so ging Gott in Seiner Gnade dem in Sünde gefallenen Menschen nach, und zwar in einer universalen Weise, wovon die Zahl vier spricht. Doch wie antwortete der Mensch auf die Gnade Gottes, auf die Wege Seiner Gnade mit ihm?

Zwei der vier Flüsse sind uns heute noch bekannt, der Euphrat und der Tigris. Sie geben uns eine gewisse Antwort auf diese Frage. Beide Flüsse stehen zur Geschichte des Volkes Israel in Beziehung. Dabei können wir am Beispiel dieses Volkes sehen, was der Mensch als solcher ist. Weil das einstige Volk Gottes, das Er Sich von allen Völkern der Erde auserwählt hatte, Seinen Gott verließ und sich den Götzenbildern zuwandte, mußte Gott sie schließlich in die Gefangenschaft führen: das Zehnstämme-Reich Israel in die assyrische und geraume Zeit danach das Zweistämme-Reich Juda in die babylonische Gefangenschaft. Die Hauptstadt Assyriens aber, Ninive, lag am Tigris, und Babel, die Hauptstadt Babyloniens, war am Euphrat erbaut worden. Wir lernen somit die ernste Lektion, daß der Mensch unverbesserlich schlecht ist, daß er die Wege der Gnade Gottes verwirft und daß Gott infolgedessen nichts anderes übrigbleibt, als das Gericht über ihn zu bringen. Das ist auch in bezug auf die heutige Zeit wahr, in der Gott Sich im Christentum noch weit herrlicher offenbart hat.

Sind nun die Absichten der Gnade Gottes gescheitert? Hat Er aufgehört, die Quelle des Segens für die Menschen zu sein? Die Szene im himmlischen Jerusalem gibt uns darauf die endgültige Antwort: nicht im geringsten!

In jeder Epoche der sechstausendjährigen Geschichte des Menschen war und ist Gott der Ausgangspunkt des Segens und der Ursprung des Lebens, des irdischen und vor allen Dingen des geistlichen Lebens. Insofern ist "Gottes Bach" immer "voll Wassers" (Ps 65, 9) - für den, der sich seiner im Glauben zu bedienen weiß. Das durfte und darf der Gläubige in jeder Zeit erfahren, auch in der unseren. "Auf dem Wege wird er trinken aus dem Bache, darum wird er das Haupt erheben" (Ps 110, 7). War das nicht in vollkommener Weise von unserem Herrn und Heiland wahr, als Er hier als Mensch in Abhängigkeit von Gott über diese Erde ging?

Trotzdem war Er auch der Sohn Gottes, der "lebendiges Wasser" zu geben vermochte, wie Er der Frau von Samaria sagte (Joh 4, 10). Derjenige, der von diesem Wasser trinkt, würde nicht nur selbst nicht mehr dürsten, sondern das Wasser, das Er gab, würde in ihm eine Quelle Wassers werden, das ins ewige Leben quillt (Vers 14). Wer an Ihn glaubte, aus dessen Leibe würden Ströme lebendigen Wassers fließen. "Dies aber sagte er von dem Geiste, welchen die an ihn Glaubenden empfangen sollten" (Joh 7,37-39).

Wir lernen aus den Worten des Herrn zwei wichtige Dinge. Zuerst die bereits erwähnte Wahrheit: Gott - und das schließt den Sohn Gottes ein - ist der Geber jeden Segens, der Geber des ewigen Lebens und auch des Heiligen Geistes, der die Kraft dieses Lebens ist. Aber dann die zweite Seite: Dadurch, daß der Leib des Gläubigen der Tempel des Heiligen Geistes ist (l. Kor 6,19), wird der Geist Gottes in dem Gläubigen selbst zu einer Quelle des Segens für andere. Das wird in dem Maß Wirklichkeit, wie der einzelne den Herrn Jesus als Gegenstand des Glaubens vor sich hat. Sind wir uns der Größe der Segnung und auch der Verantwortlichkeit bewußt, die darin liegt, daß Gott, der Heilige Geist, als Quelle des Segens und Lebens für andere in uns wohnt? "Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und allem Frieden im Glauben, damit ihr überreich seiet in der Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes" (Röm 15,13).

Doch das, was von dem einzelnen Gläubigen wahr ist, gilt auch für die Versammlung Gottes als Ganzes; denn auch sie ist der Tempel des Heiligen Geistes (l. Kor 3, 16.17). Gott, der Heiland-Gott, hat sie dazu gesetzt, ein Kanal des Segens für die Welt zu sein "in einem dürren und lechzenden Lande ohne Wasser" (Ps 63,1). Gewiß erfreut der Strom der Gnade und des lebengebenden Segens Gottes zuerst die Stadt Gottes selbst, wie die Söhne Korahs es so lieblich ausdrücken: "Ein Strom - seine Bäche erfreuen die Stadt Gottes, das Heiligtum der Wohnungen des Höchsten" (Ps 46,4). Aber wenn Gott jemand segnet, dann tut Er das in der Absicht, daß sich der Segen, daß sich das Leben fortpflanzt.

Der Strom Gottes im Tausendjährigen Reich

Damit kommen wir zurück zu der Zeit des 1000jährigen Reiches. Werfen wir den Blick zuerst auf die irdische Szene in jener Zeit. Der Prophet Hesekiel beschreibt sie, zeigt, wie Wasser unter der Schwelle des Hauses Gottes hervorfließen gegen Osten und zu einem tiefen Strom werden, Wieder ist Gott der Ausgangspunkt des Segens, der sich als lebenspendend erweist, wohin immer er gelangt. Auch die Nationen, die durch die "Wasser des Meeres" bildlich dargestellt werden, werden in den Genuß des göttlichen Lebens kommen; denn ohne von neuem geboren zu sein, kann niemand in das Reich Gottes eingehen noch es sehen (Job 3,3.5), Welche äußere Form dieses Reich auch jeweils haben mag, die neue Geburt ist die Voraussetzung dafür, daran teilzuhaben.

Es wird jedoch auf der Erde auch dann noch "Sümpfe" und "Lachen" geben, die nicht gesund werden und salzig bleiben (Hes 47,11). Selbst in der Epoche, in der die Gerechtigkeit Gottes herrschen wird, wird nicht alles vollkommen sein. Das Fleisch bleibt eben Fleisch, und es wird viele geben, die sich nur äußerlich dem Herrn unterwerfen.

Das ist der Mensch - selbst angesichts der Gnade, Macht und Herrlichkeit des Herrn!

Interessant ist noch der Hinweis, daß es sich bei diesem "Strom des Lebens" ebenfalls um einen Doppelfluß handeln wird (Vers 9), was durch Sacharja 14 bestätigt wird: "Und es wird geschehen an jenem Tage, da werden lebendige Wasser aus Jerusalem fließen, zur Hälfte nach dem östlichen Meere und zur Hälfte nach dem hinteren Meere" (Vers 8). Das heißt, sie werden nach Osten zum Toten Meer und nach Westen zum Mittelmeer fließen. Es wird eine umfassende Segnung sein.

Bei aller Ähnlichkeit werden damit auch die Unterschiede deutlich, die zur himmlischen Stadt Jerusalem bestehen werden.

Dort wird alles vollkommen sein. "Sümpfe" und "Lachen", unfruchtbare Orte also, wird die Stadt nicht kennen. Der Strom selbst wird, wie alles in dieser himmlischen Sphäre, rein sein und glänzend wie Kristall. Auch wird nur noch von einem Strom von Wasser des Lebens gesprochen. Eine Aufteilung in mehrere Flüsse wird nicht gezeigt. Offenbar ist hier nicht die universale Segnung des Menschen auf der Erde der vorherrschende Gedanke. Vielmehr soll wohl durch den einen Strom die gemeinsame Segnung und Freude der Bewohner der Stadt im Himmel vorgestellt werden. Deswegen trägt der Strom auch nicht direkt lebengebenden, sondern mehr erfrischenden, belebenden Charakter - erfreuen sich doch die Bewohner der Stadt durch die Gnade Gottes längst des Besitzes des ewigen Lebens. Aber das ewige Leben bedarf, wie auch das natürliche, der Stützung und Stärkung durch seine Quelle. Auf diesen Gedanken wollen wir jedoch erst in Verbindung mit dem "Baum des Lebens" im nächsten Vers näher eingehen.

Der Thron Gottes und des Lammes

Der Seher sieht den Strom aus dem Thron Gottes und des Lammes hervorgehen. Zum ersten Mal wird hier von dem "Thron des Lammes" gesprochen. In Kapitel 4 und 5 wurde ebenfalls der Thron Gottes gesehen, und das Lamm stand inmitten des Thrones. Das heißt, der "Thron Gottes" wurde von dem "Lamm" unterschieden. Blitze und Stimmen und Donner gingen aus dem Thron hervor, und sieben Feuerfackeln brannten vor dem Thron. Mit einem Wort: Gericht wird die kurze Epoche zwischen der Entrückung der Versammlung und der Erscheinung Christi in Macht kennzeichnen.

Hier jedoch wird eine neue Form der Regierung der Welt sichtbar. Es ist der Thron Gottes und der Thron des Lammes. "Gott" und das "Lamm" werden miteinander verbunden, gleichgesetzt; es ist nur ein Thron. Im Tausendjährigen Reich wird Gott, werden "die Himmel regieren, wie Daniel es vorhergesagt hat. Das wird seine besondere Segnung ausmachen. Aber es wird Gott sein, wie Er Sich in Seiner vollkommenen Gnade in Christus Jesus, dem Lamm Gottes, offenbart hat. Die Majestät und Macht des Einen wird sich, wenn wir so sagen dürfen, mit der Gnade und Sanftmut des Anderen verbinden, um so der Regierung Gottes in jener Zeit den ihr eigenen Charakter zu verleihen. Es werden in der Tat gesegnete Tage und Jahre sein!

Aus der Tatsache, daß der Strom von Wasser des Lebens "hervorging aus dem Throne Gottes und des Lammes", können wir zweierlei entnehmen:

Die Regierung Gottes auf dem Boden einer vollbrachten Erlösung wird die Quelle jenes nie versiegenden Stromes bilden, der uns die Fülle des Geistes und Lebens vorstellt.

Der Thron Gottes und des Lammes wird auch die Sicherheit dafür bieten, daß dieser Strom ewig fließen wird. Er wird nie versiegen.

Wie unaussprechlich glücklich werden die Erlösten im Himmel sein! Sie werden sich an der Gnade Gottes, offenbart in Christus Jesus, in Ewigkeit erfreuen und erquicken. Die sich ewig erneuernden Segnungen der Gnade Gottes werden sich in ihre Herzen ergießen und sie vollkommen glücklich machen. Und aus ihren Herzen wird eine nie endende Anbetung zu Dem emporsteigen, der von allem die Quelle ist. -"O unser Gott, was wird das sein!"

Der Baum des Lebens

In Verbindung mit der Straße der Stadt und dem Strom des Lebens werden noch einige bedeutsame Einzelheiten hinzugefügt:

"In der Mitte ihrer Straße und des Stromes, diesseits und jenseits, war der Baum des Lebens, der zwölf Früchte trägt und jeden Monat seine Frucht gibt,- und die Blätter des Baumes sind zur Heilung der Nationen" (Off 22,2).

In der Mitte

Johannes sieht außer der breiten Straße der Stadt und dem kristallklaren Strom noch einen Baum, den Baum des Lebens. Die "geographische" Lage von Straße und Strom und Baum ist dabei durchaus nicht einfach zu bestimmen. Bezieht man nämlich die Eingangsworte "in der Mitte ihrer Straße" auf den vorhergehenden Vers, dann würde der Strom in der Mitte der breiten Straße der Stadt herab fließen. Viele Übersetzer sind dieser Auffassung. Bringt man diese Worte dagegen mit dem Nachfolgenden in Verbindung, dann würden Straße und Strom nebeneinander herlaufen mit dem Holz oder Baum dazwischen. Tatsächlich vermuten manche Ausleger, daß zwischen dem Strom und der Straße der Stadt eine Art Park liegt, der von "Holz des Lebens" erfüllt ist. Ob man sich "diesseits" (z.B. auf der Straße) befindet und zum Strom hinüberschaut oder ob man sich "jenseits" (auf dem Strom) befindet und zur Straße hinüberschaut -stets erblickt man das Holz oder den Baum des Lebens dazwischen. Ein beglückender Gedanke, wenn man bedenkt, von Wem das Holz spricht!

Im Ausdruck "der Baum des Lebens" fehlt jeweils vor "Baum" und "Leben" der Artikel, und für "Baum" steht nicht das normale Wort ("déndron"'), sondern das Wort "xylon" = "Holz", das so oft und im übertragenen Sinn ausschließlich für das Kreuz des Herrn benutzt wird (Apg 5,30; 10,39; 13,29; Gal 3,13; 1. Pet 2,24). So könnte man "Lebensholz" übersetzen. Da aber das Kollektivum "Holz" oft im vereinzelnden Sinne gebraucht wird, ist die wiedergabe "Baum des Lebens" durchaus angemessen. In jedem Fall handelt es sich um Holz oder einen Baum, das oder der von Leben charakterisiert ist. Bemerkt sei noch, daß die Übersetzung des Alten Testaments ins Griechische, die Septuaginta, für "Baum" in 1. Mose 2 ebenfalls stets "xylon" verwendet.

Zugang zum Baum des Lebens

Wenn wir auch die "geographische" Lage nicht mit letzter Sicherheit bestimmen können, so hat das jedoch keine Auswirkung auf das Verstehen dessen, was uns in der symbolischen Sprache dieses Verses mitgeteilt werden soll.

Zuerst denken wir gewiß daran, daß es schon einmal, ganz zu Anfang der Menschheitsgeschichte, einen Baum des Lebens gegeben hat. Doch den Zugang zu diesem Baum im Garten Eden hatte Gott durch die Cherubim und die Flamme des kreisenden Schwertes für den Menschen versperren müssen (l. Mo 3,24). Warum? Ach, das erste Menschenpaar hatte von dem anderen Baum, dem der Erkenntnis des Guten und Bösen, gegessen; und Gott hatte ihm doch geboten, davon nicht zu essen (K ap. 2,17)! Wenn nun Gott auch den Menschen aus dem Garten hinaustreiben mußte, so lag doch in diesem Akt des Gerichts auch Barmherzigkeit eingeschlossen: Hätte der Mensch von dem Baum des Lebens jetzt noch, da er in Sünde gefallen war, gegessen - er hatte es offenbar vorher nicht getan -, so hätte das ein immerwährendes Leben in Elend und Qual auf der Erde bedeutet.

Man hat den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen treffend den "Baum der Verantwortlichkeit" genannt. Tatsächlich ist der Mensch in Verbindung mit diesem Baum und dem Gebot, nicht davon zu essen, unter Verantwortlichkeit gestellt worden - nämlich, Gott, dem Schöpfer, zu gehorchen. Der Mensch hat versagt, hat der Schlange mehr vertraut als seinem Schöpfer. Daher wurde ihm der Zutritt zum Baum des Lebens verwehrt. Wie verheerend sich die Sünde des ersten Menschen ausgewirkt hat, können wir bis heute beobachten: der Tod ist zu allen Menschen durchgedrungen (Röm 5,12).

Nun weisen beide Bäume im Garten Eden auf unseren Herrn Jesus Christus hin, der einst am Holz hing. Dort am Kreuz hat Er des Sünders Platz eingenommen und die Frage der Verantwortlichkeit des Menschen vor Gott vollkommen geregelt; als der Gestorbene und Auferstandene ist Er auch zum Baum des Lebens für alle die geworden, die an Ihn glauben. Aus diesem Grund gibt es im himmlischen Paradies Gottes auch nur noch den einen Baum, den Baum des Lebens. Es ist ein Bild von Christus in Herrlichkeit als dem Leben der Erlösten.

Der andere Baum, der für Verantwortlichkeit steht, fehlt. So wie es nicht mehr vier Ströme sondern nur noch einen geben wird, wird auch nur noch dieser eine Baum vorhanden sein. Der Himmel ist nicht mehr der Schauplatz der Erprobung des Menschen. Die Erde war es, nach den Gedanken Gottes; doch im Himmel wird nichts und niemand mehr auf die Probe gestellt. Ist das nicht ein beglückender Gedanke? Alles das, was an Verantwortlichkeit, an Zucht, an Erprobung und dergleichen erinnert, wird im Himmel keinen Platz mehr haben.

Aus der Position des Baumes des Lebens -"in der Mitte" - wird noch etwas deutlich: Christus wird im Himmel der zentrale Gegenstand sein; der Zugang zu Ihm wird allen Erlösten völlig ungehindert offenstehen. Er wird für jeden der Seinen ganz und gar zugänglich sein, nicht nur dem Grundsatz, sondern auch der Praxis nach. Kein Cherub könnte je noch den Zutritt zu Ihm verwehren. Wir werden Ihn sehen, wie Er ist.

Früchte und Blätter

Wie bereits angedeutet, wird dem Überwinder im Sendschreiben an Ephesus verheißen, einst essen zu dürfen von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes steht (Off 2, 7). Hier nun, am Ende des Buches der Offenbarung, sehen wir die Erfüllung dieser Verheißung.

Der Baum trägt zwölf Früchte, jeden Monat seine Frucht. Diese immer neu hervorgebrachten Früchte des Baumes sind in ihrer Mannigfaltigkeit zur Freude für die himmlischen Heiligen bestimmt. In der Tat, die Freuden jener Stadt werden immer neu und werden vollkommen sein! Nicht nur werden uns Ströme der Wonne und Gnade erquicken ("Strom des Lebens"), sondern wir werden Christus selbst in Vollkommenheit genießen ("Baum des Lebens") - Ihn, der schon j jetzt "unser Leben" ist (Kol 3, 4).

Damit berühren wir einen Grundsatz, der auch für uns heute schon von großer Bedeutung ist: Das ewige Leben, das wir Gläubigen besitzen, ist nicht unabhängig von seiner Quelle. Gewiß, wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben (Joh 3,36; 6,40; 1. Job 5,13). Das ist eine unumstößliche Tatsache: Gott hat uns ewiges Leben gegeben. Aber dieses Leben ist, wie uns 1. Johannes 5 belehrt, "in seinem Sohne'' (Vers 11). Nur wer den Sohn hat, hat das Leben. Das Leben - seine Quelle, sein eigentlicher Sitz - ist nicht in uns, sondern ist in Christus, ist "in seinem Sohne''. Einerseits ist damit die unermeßliche Wahrheit verbunden, daß dieses Leben, das wir in Ihm besitzen, dadurch unverlierbar und unantastbar ist. Die uns jetzt mehr beschäftigende Seite jedoch ist, daß dieses Leben nicht von seiner Quelle getrennt werden kann, sondern ständig der Stärkung und Belebung durch Ihn selbst bedarf. Das wird uns, so glaube ich, in den zwölf Früchten vorgestellt. Selbst im Himmel wird das Leben in uns der Aufrechterhaltung durch Gott selbst bedürfen, wie es ja auch bei unserem natürlichen Körper der Fall ist.

Wir können uns heute kaum vorstellen, welche Wonne es für uns bedeuten wird, die Person unseres Herrn dann ungehindert und in vollkommener und immer neuer Weise zu betrachten. Es wird absolute Glückseligkeit sein. Trotzdem wissen wir bereits ein wenig, wovon wir reden. Denn haben wir nicht auch in der heutigen Zeit unseres Erdenlebens schon das Vorrecht kennengelernt, Ihn als das "Manna" und als die "gerösteten Körner des Landes" zu genießen? Nur ist heute alles schwach und bruchstückartig. Dann jedoch wird das Bruchstückartige der Vollkommenheit weichen, und wir werden erkennen, wie auch wir erkannt worden sind, das heißt, wir werden in einem vollkommenen Maß und in absoluter Weise erkennen (1 . Kor 13,10.12). IHN erkennen - ja, das ist es, was das ewige Leben ausmacht: "Dies aber ist das ewige Leben, daß sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen" (Job 17,3). In Ihm, dem Lamme, werden wir Gott erkennen, und das wird wie Speise für uns sein. Dem Grundsatz nach ist das jedoch, wie bemerkt, heute bereits wahr. Wenn schon die Braut im Hohenlied sagt: "Ich habe mich mit Wonne in seinen Schatten gesetzt, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß" (Kap. 2,3), wieviel mehr wird dies unsere Erfahrung im Himmel sein!

Daß in den "zwölf Früchten" noch einmal die Zahl "zwölf" vor uns kommt, unterstreicht das früher Gesagte: Der Zeit nach befinden wir uns hier noch in der Epoche des Tausendjährigen Reiches, wo die Dinge Gottes in bezug auf die Erde verwaltet werden müssen, und zwar durch die himmlischen Heiligen. Sie selbst essen die Früchte des Baumes des Lebens, aber was sie genießen, ist offensichtlich nicht nur für sie selbst. Auf irgendeine uns nicht offenbarte Weise werden sie die selbst erfahrenen Segnungen an die Bewohner der Erde weitergeben, so daß auf der Erde ein Abbild der Dinge in den Himmeln entstehen wird (Hes 47,12).

Wir haben uns schon daran erinnert, daß der ewige Zustand nicht mehr durch das Vorhandensein verschiedener Nationen und Völker auf der Erde gekennzeichnet sein wird. Nur verherrlichte Menschen werden sie bevölkern (Off 21,3), denen natürlich auch keine Heilung mehr gebracht werden muß. Aber im Tausendjährigen Reich wird es - au2er Israel, dem irdischen Volk Gottes - viele Nationen geben, die aus der "großen Drangsal" kommen (Kap. 7,14). Sie alle haben Heilung nötig. Für sie sind denn auch die Blätter des Baumes bestimmt: "Und die Blätter des Baumes sind zur Heilung der Nationen." Auf welche Weise diese Heilung von der himmlischen Stadt auf die Erde gelangt, wird uns nicht mitgeteilt. Doch wird während des Friedensreiches unseres Herrn eine direkte Verbindung zwischen der himmlischen Metropole und der Erde bestehen, und zweifellos werden die Erlösten des Himmels als Kanäle des Segens benutzt werden.

So können wir, diesen Vers zusammenfassend, sagen: Die "zwölf Früchte" werden einmal unsere Speise im Himmel ausmachen, die "Blätter" jedoch sind für die Nationen auf der Erde bestimmt. Ob es nun um Licht oder Regierung oder Heilung geht - die Nationen auf der Erde werden in allem vom himmlischen Jerusalem, der Versammlung Gottes in Herrlichkeit, abhängig sein. Welch einen Blick läßt das alles uns tun in das Herz Gottes, der es so wollte! Wie wird doch in den "kommenden Zeitaltern" im Himmel und auf der Erde der "überschwengliche Reichtum seiner Gnade in Güte gegen uns" offenbar werden "in Christo Jesu" (Eph 2,7)! Ihm sei in alle Ewigkeit Dank und Anbetung durch Ihn, unseren Herrn und Heiland, der uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat.