16.08.2011Versammlung / Gemeinde

Kritik am „Gottesdienst“

ideaSpektrum

ideaSpektrum hat sich in einem aktuellen Heft dem Thema „Gottesdienst" gewidmet und eine Tagung an der Theologischen Hochschule Basel besucht.

David Plüss

Professor David Plüss von der Uni Bern beispielsweise kam in dieser Veranstaltung zum Schluss, dass sich die meisten Freikirchen schwer täten mit der Liturgie im Gottesdienst. Die Ablehnung von Ritualen sei bei Freikirchen besonders stark ausgeprägt. Zudem denke man bei Gottesdienst im Wesentlichen an die Verkündigung des Wortes Gottes. Wenn man also frage: Wie war der Gottesdienst?, sei meist nur von der Predigt die Rede. Dagegen spiele die Liturgie nur eine untergeordnete Rolle: Segen, Gebet und Händedruck.

Anstelle des trinitarischen Votums zu Beginn des Gottesdienstes (Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes - wo steht dieser eigentlich in der Bibel???) gebe es in manchen Freikirchen eine launige Begrüßung „zum Aufwärmen". Das Abendmahl, das er in einer Freikirche erlebt habe, sei „gespenstisch entleert" gewesen. Sowohl auf die Einsetzungsworte des Mahls als auch auf den Segen (welchen eigentlich? Vielleicht den aus 4. Mose 6, der mit der Versammlung (Gemeinde, Kirche) Gottes überhaupt nichts zu tun hat, sondern ein allein irdischer Segen ist?) am Ende des Gottesdienstes sei verzichtet worden.

Helge Stadelmann

Helge Stadelmann von der Freien Theologischen Hochschule Gießen unterstützt diese „Analyse" und fügt hinzu, dass es bei Freikirchen „Mängel und Probleme" bei der Liturgie gäbe. Diese böten eine „hemdsärmelige Liturgie" an. „Überall, wo man hinkommt, ist es anders." Er sprach sich im Übrigen für eine Integration von Popularmusik im Gottesdienst aus. Skeptisch steht Stadelmann Gottesdiensten für besondere Zielgruppen - zum Beispiel in Jugendkirchen - gegenüber: „Ich nehme an, sie wären beim Apostel Paulus nicht durchgegangen."

Holger Eschmann, Ralph Kunz und Horst Schaffenberger

Holger Eschmann von der Theologischen Hochschule Reutlingen beobachtet, dass bei den Methodisten der Trend zum hochkirchlichen, sakramentalen Gottesdienst zunimmt. Collarhemd und Talar seien wieder im Kommen. Er empfiehlt eine „Zeit der Gemeinschaft" im Gottesdienst: Bekanntmachungen werden vor der Verkündigung verlesen, so dass die hohe Bedeutung der Gemeinschaft betont werden könne.

Modern gestaltete Gottesdienste sollten vor allem Nicht-Christen erreichen (ich dachte immer, sie seien an Gott, nicht an Ungläubige gerichtet ...). Das aber würden die neuen Gottesdienste nicht schaffen, so Ralph Kunz von der Universität Zürich. Horst Schaffenberger vom Theologischen Seminar St. Chrischona ist der Überzeugung, dass eine hohe Unkenntnis in Sachen Liturgie herrsche, so dass es hier einen hohen Nachholbedarf gebe. So werde das Abendmahl oft ohne Einsetzungsworte gefeiert. „Wir haben keine gemeinsame Form. Jeder macht, was er will."

Stefan Schweyer

Stefan Schweyer schließlich von der Theologischen Hochschule Basel meint, dass die freikirchlichen Gottesdienste eine „einfache Suppe seien - zum Teil ist aus ihr aber eine fade Brühe geworden". Durch eine Prise Liturgie ließe sich die ursprüngliche Würze wiedergewinnen. Er sei von der Liturgie katholischer Gottesdienste „total beeindruckt". Wenn nur die Hälfte von diesen Gedanken in einen freikirchlichen Gottesdienst einfließen würde .. Dafür wünscht sich Schweyer die Wiederentdeckung von Vaterunser und Psalmen, die Lesung von alt- und neutestamentlichen Bibeltexten, die Abwechslung von freien und vorgegebenen Gebeten ...

Die Bibel spielt keine Rolle

Soweit die Kommentare von offenbar akzeptierten ernsthaften kirchlichen und freikirchlichen Theologen. Was soll man davon halten? Wir sind wohl alle weit entfernt davon zu sagen, dass die Gottesdienste den Tiefgang und die Frische haben, die sie haben sollten. Was aber ist denn Bewertungsmaßstab? Es kann nur einen geben: die Bibel. Und davon ist bei diesen Theologen leider herzlich wenig zu lesen.

Nehmen wir Stefan Schweyer: Er empfiehlt eine Prise Liturgie. Wo aber ist diese Prise im Neuen Testament zu finden? Die schlichte Antwort lautet: nirgendwo. Es gibt kaum etwas Schlichteres als die Hinweise zum „Gottesdienst", zum Essen des Gedächtnismahls (Abendmahls, wie Martin Luther es übersetzte). Was vorgegeben ist, ist Folgendes:

Gottes „Liturgie"

  • Das Gedächtnismahl muss gefeiert werden (1. Kor 11,23-26). Wenn NICHTS anderes geschähe, als vom Brot zu essen und vom Kelch zu trinken - in Verbindung mit den Danksagungen - hätten wir ein Gott gemäßes Gedächtnismahl!
  • Es muss EIN Brot sein, von dem die Gläubigen essen (1. Kor 10,17). Mehrere Hostien etc. sind unbiblisch.
  • Es ist immer nur von einem Kelch die Rede (1. Kor 10,16; 11.25). Es ist gut, sich auch an diesen Hinweis zu halten. Manchmal ist die Anzahl der Christen, die am Gedächtnismahl teilnehmen, so hoch, dass ein Becher allein nicht ausreicht. Dann ist es zweckmäßig, nach dem Danken den Kelch in mehrere Becher zu verteilen. Aber wir danken für einen Kelch - das sollte auch für die anwesenden Christen sichtbar sein (vgl. dazu die nützlichen Anmerkungen des vertrauenswürdigen Auslegers William Kelly: http://www.stempublishing.com/authors/kelly/9_bt_ans/VOLN2.html, Bible Treasury Volume N2, p. 272/303. May 1899).
  • Vor dem Essen von dem Brot und dem Trinken des Kelches gibt es jeweils eine Danksagung (1. Kor 11,24.25). Da der Herr Jesus beides tat, ist es gut, wenn beide Gebete von demselben Christen, „Bruder", gesprochen werden.
  • Der Herr Jesus nahm das Brot in die Hand, bevor Er es verteilte (1. Kor 11,23). Da uns das mitgeteilt wird, ist es sicher gut, wenn derjenige, der für das Brot dankt, auch dieses zu sich holt - „nimmt", damit deutlich wird, wofür er dankt.
  • Der Herr Jesus hat das Brot nach dem Dankgebet gebrochen. Das wird uns vom Apostel mitgeteilt. Daher ist es richtig, wenn auch wir dies so halten. Das Brot muss gebrochen werden (vgl. 1. Kor 10,16).
  • Ansonsten wissen wir aus 1. Korinther 14,34, dass die Frauen im Gottesdienst zu schweigen haben, also kein Gebet oder dergleichen hörbar aussprechen. In 1. Korinther 14 geht es nicht um den Gottesdienst. Die Ausage zur hörbaren Beteiligung der Frauen allerdings wird hier grundsätzlich für die Zusammenkommen als Versammlung (Gemeinde, Kirche) vorgestellt.
  • Und aus Apostelgeschichte 20,7 können wir schließen, dass es richtig ist, dass wir jeden ersten Tag der Woche das Abendmahl feiern.

Das also sind die einzige Hinweise zur „Liturgie", die Gottes Wort uns bietet. Offenbar will Gott nicht, dass es eine festgelegte Liturgie gibt. Das, was ein Theologe kritisiert, ist der Wille Gottes: dass jeder Gottesdienst anders ist. Ob das bei uns Realität ist, nicht nur der "Lehre nach", sondern in der Praxis? Es kann auch nicht schriftlich festgehaltene Liturgie-Grundsätze geben, an die sich alle halten müssen ...

In der Schrift jedenfalls finden wir keinen Hinweis darüber:

Keine Liturgie

  • Womit der Gottesdienst beginnt: Mit einem Lied? Mit einer Bibelstelle? Mit einem Dankgebet? Es gibt gute Gründe, dass ein geistliches Lied unsere Herzen zusammenfügt zur Anbetung. Aber Gottes Wort lässt das offen - wir sollten das auch so halten.
  • Welche Abfolge es gibt: Auf ein Lied kann ein anderes folgen, oder ein Dankgebet, oder die Lesung einer Bibelstelle, usw. Es gibt keine Liturgie - wir sollten sie auch nicht einführen und den Geist Gottes in seiner Wirkung einengen. Von vorbereiteten, vorgegebenen Gebeten finden wir in den neutestamentlichen Briefen ohnehin kein einziges Wort. Das ist der christlichen Zeit nicht angemessen.
  • Wann das Gebet zum Brotbrechen zu sprechen ist: Am Anfang? In der Mitte? Am Ende des Gottesdienstes? Alles ist möglich, wenn wir uns der Führung des Geistes Gottes unterordnen. Es gibt gute Gründe, das Mahl relativ am Ende zu haben, weil wir dann innerlich gemeinsam vorbereitet sind für diese anbetenden Gedanken. Verpflichtend ist das nicht. Der Herr könnte auch einen Bruder am Anfang dazu benutzen. Wir sollten es nur nie deshalb „anders" machen als wir es gewohnt sind, damit es anders ist. Das wäre fleischlich.
  • So könnte man fortfahren. Es gibt fast keine Einschränkungen im Blick auf dieses Zusammenkommen.

Alttestamentlicher Gottesdienst ...

Es ist immer wieder erstaunlich, dass das Vaterunser für den Gottesdienst vorgeschlagen wird. Wer sich mit diesem wunderbaren Gebetsmuster beschäftigt, wird erkennen, dass es keine typisch christlichen Inhalte besitzt. Es ist nicht unchristlich, weil dort keine Bitte ausgesprochen wird, die im Gegensatz zu unseren christlichen Segnungen steht. Aber es ist nicht im tiefsten Sinn christlich, weil keine unserer christlichen, himmlischen Segnungen aufgegriffen wird: die Erlösung durch das Blut Jesu; der Besitz der Vergebung unserer Sünden; die Innewohnung des Heiligen Geistes; das Sitzen Jesu zur Rechten Gottes; usw. Es wäre nicht der richtige Ausdruck für die heutige Zeit, es zu einem (ständigen) Gebet zu machen. Es wird eine Zeit kommen, wo dieses Gebet für die jüdischen, gläubigen Übriggebliebenen wieder eine direkte Bedeutung erfahren wird.

Talar, die Psalmen, Liturgien, Formen, (irdische) Segnungen usw. tragen interessanterweise alle den Geruch des Alten Testaments. Dort waren äußere Formen sehr wichtig und von Gott angeordnet. Zu diesem scheint die Kirche (Gemeinde, Versammlung) heute wieder mit Volldampf zurückzukehren. Damit verleugnet man das, was Gott uns in Christus gegeben hat: eine geistliche, keine materielle Anbetung. Danach wollen wir uns ausstrecken und die Freiheit im Gehorsam dem Geist Gottes gegenüber verwirklichen, die unser Vorrecht in der christlichen Zeit ist. Dann werden unsere Gottesdienste auch wieder frisch und für Gott schön sein.