10.05.2021 Persönlicher Glaube | Fragen und Antworten

Persönliche Schuld oder Zucht Gottes (FMN)

 

Liebes Folge-mir-nach Team,

heute möchte ich mich mit einer Frage an Euch wenden, die mich schon länger beschäftigt. Und zwar bin ich leider nicht in der Lage, mir den scheinbaren Widerspruch zwischen einigen Bibelstellen zu erklären. Es handelt sich um Hesekiel 18,4, wo gesagt wird, ,,die Seele, die sündigt, sie (allein) soll sterben." So auch V. 20 „Die Seele, die sündigt, sie soll sterben. Ein Sohn soll nicht an der Schuld des Vaters (mit-)tragen, und ein Vater soll nicht an der Schuld des Sohnes (mit-)tragen .... " Oder auch Jeremia 31.29!

 

Hingegen heißt es in 2. Mose 20,5; 34,7; 4. Mose 14.18; 5. Mose 5,9 und Klagelieder 5,7, dass die Missetat der Väter an den Kindern heimgesucht wird, die Söhne die Schuld der Väter (mit-)tragen. In Johannes 9,2 fragen die Juden, ob die Blindheit eine Heimsuchung für eigene Sünde oder Sünde der Eltern ist. Hebräer 10,10 ff., 1. Johannes 2,2; Römer 8,33 (31); Römer 5 sprechen von der umfassenden Vollkommenheit des Opfers auf Golgatha.

 

Ist es so zu verstehen, dass in Hesekiel 18 sowie Jeremia 31,29 bereits auf das Erlösungswerk und den Neuen Bund in Christi Blut hindeuten?

 

Sicher ist es so, dass man sich nie demütig und tief genug unter seine Schuld beugen kann und ständig aufs neue die Vergebung durch das Blut Christi in Anspruch nehmen darf oder muss, doch inwieweit sollten wiedergeborene Gläubige der neutestamentlichen Gemeinde bei ihrer Bekehrung oder seelsorgerlichen Gesprächen ihnen bekannte oder vermutete Vergehen ihrer Vorfahren bekennen und sich unter die Schuld ihrer Väter bzw. ihres Volkes beugen?

 

Ist es biblisch, dass etwaige dämonische Bindungen von Vorfahren bis in die Beziehungen oder die Häuslichkeit zu Christus bekehrter Gläubiger hineinwirken, etwa durch Krankheiten, Kinderlosigkeit oder Spuk-Erscheinungen? Ich würde mich sehr über eine kurze Antwort freuen!

 

Mit freundlichen Grüßen

S.

 

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Liebe S.,

 

herzlichen Dank für Deinen Brief und Deine Fragen. Ich kann gut nachvollziehen, dass diese Stellen sich auf den ersten Blick widersprüchlich anhören und Fragen aufwerfen. Es tut mir sehr leid, dass wir Deinen Brief erst so spät beantworten.

 

Beim Vergleich der Stellen aus Hesekiel 18 und 2. Mose 20 usw. scheint mir wichtig zu sein, zwei Dinge zu unterscheiden:

 

Persönliche Schuld oder Zucht Gottes

1.     In Hesekiel 18,4.20 geht es um die individuelle Schuld vor Gott. Schuldig ist derjenige ganz persönlich, der gegen Gott sündigt. Diese rechtliche Verantwortung trifft nur denjenigen, der konkret sündigt oder in Sünde lebt: „Die Seele, die sündigt, die soll sterben."

2.     Mein Verhalten hat aber immer Auswirkungen auf andere. Wenn ich als Vater sündige, beeinflusst mein Verhalten das Familienleben. Nehmen wir an, dass ich meine Ehefrau körperlich schlage. Das schädigt nicht nur meine Frau. Meine Kinder werden in ihren Seelen dadurch verletzt. Sie spüren, dass hier etwas verkehrt läuft und können das, gerade wenn sie klein sind, nicht verarbeiten. Sie erleiden Schaden, der ihr Leben über einen längeren Zeitraum belasten kann.

Jetzt kommt aber ein wichtiger Punkt hinzu: Ich lade durch meine Sünde nicht nur persönlich Schuld vor Gott auf (Punkt 1.). Gott handelt darüber hinaus auch mit mir, was mein weiteres Leben auf der Erde betrifft. Er züchtigt mich. Das ist unter anderem in Hebräer 12 ein wichtiges Thema. Und in dieser Zucht - man nennt so Gottes regierendes Handeln, um Menschen von falschen Wegen zurückzuführen und ihnen ihr Fehlverhalten deutlich zu machen - kann Gott negative Folgen meines Handelns auch auf nachfolgende Generationen „legen". Das ist in Stellen wie 2. Mose 20,5 gemeint. Meine Kinder werden durch mein Handeln nicht schuldig vor Gott. Das bin allein ich. Aber mein böses Leben hat einen Einfluss auf ihr Leben, und Gott kann mich beispielsweise dadurch züchtigen, dass Er mich miterleben lässt, wie andere unter meinen Sünden leiden müssen.

Versteh diesen Punkt aber bitte nicht so, dass Gott jeden Fehler in meinem Leben zu einer Zuchtmaßnahme für mich und andere einsetzt. Zum einen haben wir es mit dem Gott aller Gnade zu tun (1. Pet 5,10). Zudem ist die Zucht oft für andere nicht wahrnehmbar und kommt gerade dann, wenn es um Gläubige geht, aus einem Herzen der Liebe.

 

Dazu noch ein Beispiel: Wenn ein verheirateter Mann jemand umbringt, hat das nicht nur Folgen für ihn. Als Konsequenz meines Handelns kommt er ins Gefängnis. Darunter leidet nicht nur er, sondern auch seine Ehefrau, die von nun an die Kinder alleine erziehen muss. Und seine Kinder müssen, jedenfalls zeitweise, ohne Vater aufwachsen. Zudem kann sein gewalttätiges Handeln dazu führen, dass sich auch seine Kinder in diese gesetzlose Richtung orientieren. Oder dass sie sich innerlich vor anderen Menschen verschließen.

 

Das Beispiel Davids (mit Bathseba)

Es handelt sich insgesamt allerdings um ein sehr komplexes Thema. Oft kommen hier mehrere Einflussfaktoren zusammen, die zu Verknotungen führen, die wir kaum auflösen können. Nimm das Beispiel von Davids Ehebruch mit Bathseba (2. Sam 11). Gott lässt David durch den Propheten Nathan ausrichten, dass Er aus dem Haus Davids Unglück über den König erwecken wird (2. Sam 12,11). David selbst hatte von einem vierfachen Erstatten solch einer Schuld gesprochen (2. Sam 12,5.6). Und tatsächlich müssen vier Kinder Davids sterben:

  • der gerade von Bathseba geborene Sohn
  • Amnon
  • Absalom
  • Adonija.

 

Der Tod dieser vier Nachkommen war nach 2. Mose 34,7 die Folge der Sünde Davids. Aber war es das allein? Nein, Amnon, Absalom und Adonija waren selbst böse, ungläubige Menschen, die nicht nur als Zucht für David, sondern auch als Folge ihrer eigenen Schuld unter das Gericht Gottes kamen. Oft ist es also so, dass die Zucht an einem Vater zusammenkommt mit der persönlichen Schuld des Kindes, das von dieser Zucht betroffen ist.

 

Es geht also nicht um die Frage, ob schon auf das Erlösungswerk des Herrn hingedeutet wird. Vielmehr gilt es, zwischen persönlicher Schuld und Gottes regierendem, züchtigendem Handeln mit uns Menschen zu unterscheiden.

 

Keine mystische Übertragung dämonischer Bindungen

Das betrifft auch dämonische Bindungen von Menschen. Es gibt keine mystische, für uns Menschen nicht nachvollziehbare Übertragung von dämonischer Besessenheit. So etwas finden wir in Gottes Wort nicht. Dämonen können von ungläubigen Menschen Besitz ergreifen, wenn sie sich dem Okkultismus und Satan öffnen (zum Beispiel durch Wahrsagerei, Tische rücken, Satanismus usw.). Auch Gläubige können sich einem solchen Einfluss aussetzen und dadurch schlimme Belastungen erleben. Personen, die unter einem entsprechenden dämonischen Einfluss stehen, üben natürlich einen schlimmen, negativen Einfluss auf ihre Umgebung aus. Besonders betroffen sind sicher Kinder, die in einem solchen Haushalt leben. Aber Kinder werden dadurch keineswegs automatisch oder auf unklaren Wegen ebenfalls zu Besessenen.

 

Wohl aber kann Gott in seiner Zucht Folgen auf nachfolgende Generationen kommen lassen. Das hat sicherlich nichts mit Spuk zu tun. Aber Kinderlosigkeit könnte so etwas sein. Aber Vorsicht mit vorschnellen Schlussfolgerungen! In den meisten Fällen bleiben uns Ursache und Wirkung unbekannt. Daher brauchen wir auch nicht zu untersuchen, ob und was es eventuell für Ursachen in früheren Generationen für jetzige schwierige Verhältnisse oder Problem geben könnte. Man muss sogar davor warnen, weil wir so leicht Eltern und Vorfahren für Dinge in unserem Leben verantwortlich machen wollen, die uns Schwierigkeiten bereiten.

 

Nein, Gott gibt jedem Menschen eine persönliche Lebenschance. Und niemand sollte meine, frühere Geschehnisse oder Erlebnisse in seinem Leben müssten seine Zukunft negativ beeinflussen oder bestimmen. Jeder ist für sein Leben selbst verantwortlich. Wichtiger ist es, sich selbst zu fragen, ob das eigene Versagen, ob Sünden oder eine falsche Lebensausrichtung von Gott zum Anlass genommen werden, uns ins Gewissen zu reden. Aber auch da gilt es, nüchtern zu sein: Nicht „jede" Beule an unserem Kopf (oder dem unserer Kinder) ist eine Strafe mit geistlicher Ursache.

 

Wenn wir zu der nachfolgenden Generation von Personen gehören, die sich versündigt haben, brauchen wir keine Angst zu haben, dass Gott uns schädigt oder benachteiligt. Das ist nicht der Fall. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, sich zu bekehren und ein gesegnetes Leben mit dem Herrn Jesus Christus zu führen. Und es gibt einige Beispiele in Gottes Wort, dass Kinder von sehr bösen Königen besonders treu waren (Hiskia, Josia usw.). Es gibt also keinen Fluch, der auf einer Familie liegt. Das ist eine Erfindung des Teufels und hat keine Grundlage in den Belehrungen des Neuen Testaments.

 

Insgesamt sollten wir dieses Thema allerdings zum Anlass nehmen, uns mehr unserer persönlichen Verantwortung bewusst zu sein. Unsere Lebensausrichtung hat nicht nur mit uns zu tun, sondern hat manchmal auch erhebliche Folgen für andere. Sie reichen manchmal weiter, als wir es selbst vor Augen haben.

 

Herzliche Grüße

Manuel

 

 

Folge mir nach – Heft 5/2021