21.12.2019 Matthäus | Menschliches Zusammenleben

Unbarmherzig

Unbarmherzig

Einem Menschen war eine übermäßig große Schuld von seinem Herrn vergeben worden. Jetzt stellt sich in diesem Gleichnis die Frage: Wie reagiert ein Mensch, der eine unvorstellbar große Schuld hat und dem bewusst ist, dass er diese erlassen bekommen hat? Man möchte meinen, er reagiert dankbar und ist im Blick auf andere von jetzt an besonders nachsichtig. In diesem Gleichnis sehen wir das Gegenteil.

Der Knecht hat mit einem anderen Knecht zu tun, der ihm 100 Denare schuldet. Das ist im Vergleich zu den 10.000 Talenten ein verschwindend geringer Betrag. Manche glauben an einen Faktor von 6–700.000.

Der begnadigte Knecht will nun sofort sein Geld von seinem Mitknecht sehen. Er handelt sehr hart, indem er ihn ergreift und sogar würgt. Das ist weit schlimmer als das, was sein Herr mit ihm selbst vorhatte! Dachte er gar nicht an die kurz zuvor erlebte Situation zurück? Und wie sein Herr ihm dann die ganze Schuld erlassen hatte?

Der Mitknecht tut jetzt genau dasselbe wie zuvor der erste Knecht: „Sein Mitknecht nun fiel nieder, bat ihn und sprach: Hab Geduld mit mir, und ich will dir bezahlen.“ Er benutzt fast dieselben Worte. Das hätte den anderen aufhorchen lassen müssen. Dem ist das jedoch offensichtlich egal. Er wirft seinen Mitknecht ins Gefängnis und will ihn erst wieder freilassen, wenn er die ganze Schuld bezahlt habe. Aber wie sollte das ohne Verdienstmöglichkeit überhaupt geschehen? Es war unmöglich. Und auf Freunde und Verwandte, die an seiner Stelle diesen Betrag aufbringen könnten, war offensichtlich auch nicht zu rechnen.

Verhalten wir uns als Jünger des Herrn nicht oft ähnlich? Unser Gott hat uns eine immens große Schuld vergeben. Nun haben wir es mit jemandem zu tun, der sich in irgendeiner Weise an uns versündigt hat. Es handelt sich vielleicht nicht um eine Bagatelle. 100 Denare Schuld sind keine Kleinigkeit. Aber im Vergleich zu der Schuld, die wir gegenüber Gott hatten und die Er uns vergeben hat, ist jedes uns zugefügte Unrecht verschwindend gering. Und dennoch sind wir nicht bereit zu vergeben? Wenn Gott darauf bestanden hätte, dass wir unsere Schuld Ihm gegenüber bezahlen, wäre kein einziger Mensch errettet worden! Sollten wir dann nicht ebenso barmherzig anderen gegenüber handeln (Eph 4,32)? Ganz zu schweigen davon, dass auch wir selbst immer wieder Schuld gegenüber anderen auf uns laden!

Es ist schön, zu sehen, wie die übrigen Knechte reagieren. Wir lesen nichts davon, dass sie sich zusammenfinden, um den ersten Knecht zu bestrafen. Wir lesen noch nicht einmal etwas von einer Empörung über sein Verhalten. Sie werden einfach sehr betrübt und berichten diesen Vorfall ihrem Herrn. Das ist auch für uns wichtig. Wenn wir jemanden sehen, der in einer solch harten Weise handelt, haben wir jedenfalls zunächst nicht die Aufgabe einzuschreiten. Es handelt sich um eine Sache zwischen den beiden, die miteinander zu tun haben. Und wir wollen nicht vergessen, dass Schuld immer noch Schuld ist, bis sie erlassen oder bezahlt worden ist. Aber wir haben die Aufgabe, mit unserem Herrn darüber zu reden und, falls es möglich und sein Auftrag an uns ist, demjenigen eine Hilfe zu sein, der sich falsch verhält.