27.04.2018 Persönlicher Glaube | Versammlung / Gemeinde

100 Jahre lernen

Im Januar schrieb dort die (ehemalige) Beauftragte der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) für das Lutherjahr, Margot Käßmann, dass sie froh sei, dass die Kirche in den letzten 100 Jahren dazugelernt habe. In der Tat - sie führt einige Punkte an, die im Jahr 1918 falsch gelaufen sind. 1914 hatten evangelische Pfarrer und Bischöfe dazu aufgerufen, sich für Volk und Vaterland zu opfern. „Wenn wir nicht ... die Nähe Gottes empfänden, der unsere Fahnen entrollt und unserm Kaiser das Schwert zum Kreuzzug, zum heiligen Krieg in die Hand drückt ... Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt!", so predigte der Berliner Hof- und Domprediger Bruno Doehring am 2. August 1914.

 

Mit Recht kommentiert Käßmann: „Hier haben Menschen Ideologie und Zeitgeist mehr gehorcht als dem Gott ..."

 

Das betraf und betrifft in den letzten 100 Jahren nicht nur die EKD. Wenn man manche Artikel der Botschafter aus den Jahren um den Beginn des 2. Weltkriegs liest, kann man mit Selbstkritik nicht sparen. Auch Christen, die sich auf dem kirchlich richtigen Weg „dünkten" - wir Christen - haben hier ein völlig falsches Verständnis von Versammlung (Gemeinde), Glauben und irdischem Vaterland gehabt. Kein Zweifel, die Verbotszeit offenbart für uns die züchtigende Hand Gottes über Hochmut und falsche Überzeugungen. Ob wir für die heutige Zeit daraus gelernt haben?

 

Was sind aber die Konsequenzen, die Käßmann zieht? Sie meint, die Kirche habe gelernt, dass die Trennung von Staat und Kirche richtig ist. Man kann das nur unterstreichen, da die Kirche (also die Versammlung Gottes) ein himmlischer Organismus ist, der Staat aber ein irdischer. Seltsam nur, dass man von Kirchenvertretern mehr in den Medien liest über ihre Ratschläge zu guter Politik als über die gute Botschaft, mehr über soziales Engagement als über Hingabe für Christus.

 

Käßmann verteidigt dann die Errungenschaften der Demokratie. Aber ist das besser als das, was man 1914 getan hat? Ob man für den damaligen Staat oder den heutigen Staat eintritt, ist in der Sache dasselbe. Leider ist auch heute unter Christen, die bekennen, zum Namen des Herrn zusammenzukommen, manches politische Engagement zu hören. Dazu gehört die seltsame Auffassung, die AFD (Alternative für Deutschland) sei die Partei, die Christen wählen sollten. Was für eine Blindheit sowohl über unsere Stellung als Himmelsbürger als auch über die Politik dieser Partei. Was an ihr christlich sein soll, bleibt ein Rätsel. Kein Zweifel, es gibt engagierte Christen in dieser Partei (wie aber eben auch in anderen Parteien, wenn man beispielsweise an Volker Kauder in der CDU denkt). Aber das macht eine Partei nicht christlich!

 

Als besonderen Lernprozess beschreibt Margot Käßmann auch, dass man sich heute als Kirche sicherlich schützend vor Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma sowie Kommunisten stelle. Damit aber offenbart Käßmann, dass sie die biblische Stellung der christlichen Kirche nicht verstanden hat. Diese ist ein Organismus, aber keine Organisation (in Gottes Augen). Epheser 3 beschreibt eindrücklich, dass sie zu den Geheimnissen gehört, die Gott in seinem Herzen vor Grundlegung der Welt hatte. Er selbst hat die Versammlung begründet und gegründet. Sie wächst als Leib Christi und Haus Gottes in der heutigen Zeit, weil Gott neue, lebendige Steine (Erlöste, Gläubige) hinzufügt. Aber sie gehört zum Himmel, geht wieder in den Himmel und offenbart in der heutigen Zeit die Weisheit Gottes. Sie ist die Grundfeste und der Grundpfeiler der Wahrheit, die in ihr zu erkennen ist.

 

Das heißt, dass sie alles das für Sünde hält, was Gott Sünde nennt. Homosexualität gehört dazu (Römer 1; 1. Korinther 6).

 

Wenn Käßmann die Kirche 1918 tadelt, die sich dem Zeitgeist angepasst hätte, tadelt sie sich selbst und die Kirche heute. Der Zeitgeist ist heute ein anderer als damals. Aber das, wofür die Evangelische Kirche heute einsteht, ist der Zeitgeist des 21. Jahrhunderts. Der ist kein Stück besser geworden als der des Jahres 1918, nur anders.

 

Die Frage ist, ob wir, die wir dem Herrn Jesus nachfolgen wollen, nicht ebenfalls dem Zeitgeist anheimgefallen sind. Unsere Denkart, unser Individualismus, unsere Imagepflege, unser Blick auf Gemeinde und Staat, unser Verhalten (auch unser Äußeres): Wie viel ist davon durch den Zeitgeist geprägt? Es ist ja nicht alles verkehrt, was wir heute sehen und hören. Aber vieles, sehr vieles hat doch die Prägung dieser Welt. Sind wir noch Lichter von einem anderen Planeten? Haben wir dazugelernt?