Christliche Einheit & Gemeinschaft (Autor: William Kelly und andere): die Wichtigkeit des Kontextes sowie einige Hinweise

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Worum geht es?

Worum geht es in dem Buch „Christliche Einheit und Gemeinschaft“? Mehrere Autoren gehen auf die wichtige Aufforderung in Epheser 4,1-3 ein: „Ich ermahne euch ..., dass ihr würdig wandelt der Berufung, mit der ihr berufen worden seid, mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut, einander ertragend in Liebe, euch befleißigend, die Einheit des Geistes zu bewahren in dem Band des Friedens.“

Schon in der Erweckungszeit im 19. Jahrhundert, als das Bewusstsein dieser Wahrheit wieder neu entstand, gab es gegensätzliche Bestrebungen, was die Verwirklichung dieser Ermahnung betrifft. Einige zogen die Linie, die Gottes Wort über die Gemeinschaft am Tisch des Herrn zieht, zu eng, andere zu weit. Auseinandersetzungen waren zum Teil grundlegend lehrmäßiger Natur und führten zu schmerzhaften Trennungen. Das war zum Beispiel der Fall, als man sich vom Zusammenkommen in Bethesda (England) trennen musste. Dort weigerten sich verantwortliche Brüder um Georg Müller, sich von solchen abzusondern, die gleichgültig im Blick auf Irrlehren über die Person des Herrn Jesus handelten.

Andererseits aber gab es auch Spaltungen, die zunächst nichts mit lehrmäßig grundlegenden Gegensätzen zu tun hatten. Allerdings offenbarten sich auch hier immer wieder Strömungen von Zentralismus und Unabhängigkeit. Eine solche Trennung gab es in den Jahren 1879-81. Ihr bitteres Ergebnis war, dass sich die Brüder John Nelson Darby sowie Charles Henry Mackintosh auf der einen und William Kelly sowie Andrew Miller auf der anderen Seite wiederfanden, getrennt voneinander. Diese traurige Entwicklung war der historische Anlass für William Kellys Aufsatz „The Unity of the Spirit“.

Was macht man mit Kellys (und Darbys) Aussagen heute?

Das angesprochene Buch enthält zwei Artikel William Kellys sowie weitere Aufsätze, u. a. von John Nelson Darby und Frank Binford Hole. Durch eine sorgfältige Lektüre ist mir inzwischen klarer geworden, warum auch Brüder das Buch empfehlen, die einen gemeinsamen Weg befürworten, der beispielsweise durch unabhängige Handlungen örtlicher Zusammenkommen geprägt ist. Damit keine falschen Gedanken aufkommen: Die Haltung und Argumentation Kellys in diesen Aufsätzen ist nachvollziehbar. Man fragt sich daher, mit welchem Recht Brüder diese Artikel Kellys benutzen, die ganz anders denken als er (und Darby).

Ein Ursache dafür ist, dass die im Buch zitierten Ausführungen damaliger Zeit ohne historischen Kontext weitergegeben werden. Kelly (aber auch Darby oder Hole) hat seine Artikelserie nicht ohne Anlass geschrieben. Er reagierte auf konkrete Fehlentwicklungen seiner Zeit. Der historische Kontext ist ohnehin stets zu berücksichtigen. Das gilt nicht nur für diese Aufsätze. Wenn man nun die Begleitumstände außer Acht lässt, sprich, wann, warum und wem jemand (damals) etwas geschrieben hat, kommt man leicht zu irreführenden Schlussfolgerungen. Mit alten Aussagen kann man heute daher „fast alles“ begründen. Das hat die Vergangenheit bedauerlicherweise gezeigt. So können unbedarfte Kinder Gottes auf einen unbiblischen Weg geführt werden.

Es kommt aber noch etwas hinzu, was wir nur zu gut von uns selbst kennen: In einer aufgewühlten Situation mit ungerechten Entscheidungen und Angriffen haben wir die Tendenz, einer Fehlentwicklung dadurch zu begegnen, dass wir die aus unserer Sicht zu wenig berücksichtigte Seite überbetonen. Sofern wir dies schriftlich tun und diese Aussagen dann ohne den Hintergrund zitiert werden, vor dem sie getätigt wurden, besteht die Gefahr, dass der Leser solche vielleicht sehr pointierten Aussagen missversteht oder falsch interpretiert. Denn er kennt den Kontext nicht. Genau das geschieht mit den Ausführungen Kellys.

Historischer Kontext: die Probleme von Park Street (London) und Ramsgate (1879-81)

Daher ist mir wichtig, zunächst etwas die Hintergründe der Trennung der Gläubigen im Jahr 1881 zu skizzieren. Man darf nicht vergessen, dass diese Entzweiung, wie schon erwähnt, gravierende Auswirkungen hatte. Darby und Kelly fanden sich auf getrennten Seiten wieder, was das Brotbrechen betrifft. Dabei gilt es festzuhalten: Kelly wollte diese Trennung nicht und versuchte, sie zu verhindern.

Was war der Ausgangspunkt? Ein alter, vertrauenswürdiger Bruder (Edward Cronin aus London, Kennington) beging den Fehler, in Ryde (einer Insel im Süden Englands) mit Gläubigen das Brot zu brechen, die damit in Unabhängigkeit von den anderen örtlichen Versammlungen begonnen hatten. Zwar waren sich viele einig, dass die Geschwister, mit denen Cronin in Ryde Gemeinschaft praktiziert hatte, sich in einem geistlich traurigen Zustand befanden. Dennoch war das Handeln Cronins verkehrt, denn die Entscheidung, ob eine örtliche Zusammenkunft als Zusammenkommen im Namen des Herrn (Mt 18,20) nicht mehr anerkannt und dann ein anderes als in seinem Namen zusammenkommend erkannt werden kann, obliegt nicht einem einzelnen Bruder.

In diesem Fall war das besonders schwerwiegend, denn die Glaubensgeschwister dieser „neuen Gruppe“ in Ryde hatten sich eigenmächtig von solchen weggewandt, mit denen man bislang gemeinsam das Brot gebrochen hatte. Bei alledem ging es nicht um eine lehrmäßige Frage, sondern um praktisches Fehlverhalten. Edward Cronin sah seinen Fehler (zwar nicht sofort, aber doch später) ein und bekannte diesen auch. Dennoch drängte ein Londoner Zusammenkommen (Park Street) auf Basis von 1. Korinther 5 auf den Ausschluss Cronins durch das Zusammenkommen Kennington. Da Bruder Darby die Versammlungsstunden in der Park Street besuchte, hatte dieser „Ort“ in den Augen vieler großes Gewicht.

Das Traurige und zugleich Absurde an der Situation war: In dem Moment, als Kennington nach längerer Zeit Cronin tatsächlich ausschloss, wurde es selbst von den auf den Ausschluss drängenden örtlichen Zusammenkommen (außer Park Street mischte sich Ramsgate stark ein) „ausgeschlossen“: Man hatte nicht mitbekommen, dass Kennington schon gehandelt hatte. Dadurch kam es zu einer ersten Trennung. Diese wurde weiter verschärft, als es auch noch in Ramsgate zu einer Aufspaltung kam durch einen eigenwillig, in Unabhängigkeit handelnden Teil der Geschwister.

Erneut stellte sich das Zusammenkommen in der Park Street parteiisch auf eine Seite. Wer ihnen nicht folgte, war nicht mehr in Gemeinschaft. Zur Erinnerung: Es ging ursprünglich nicht um eine lehrmäßige Frage. Aber diesem Handeln in Unabhängigkeit und mit zentralistischen Zügen vonseiten der Park Street und ihrer Anhänger beugten sich viele örtliche Zusammenkommen in England, andere nicht.

Blackheath, wo Kelly zu Hause war, lehnte das Handeln der Park-Street-Gruppe ab. Aber es stellte sich nicht auf die Gegenseite, sondern wartete ab, weil es zunächst nicht um eine lehrmäßige Frage ging. Jedenfalls machte sich Blackheath nicht mit dem falschen, unabhängigen Weg der Park-Street eins, sondern protestierte deutlich dagegen.

Das ist natürlich nur eine Art Zusammenfassung der damaligen Ereignisse. Wer die Einzelheiten kennen möchte, wird in kirchengeschichtlichen Darstellungen zu jener Zeit fündig. Leider kamen später lehrmäßige Verirrungen hinzu, die jedoch zur Trennungszeit noch nicht in gereifter Weise zu erkennen waren. Für die Einordnung der Artikelserie Kellys (Christliche Einheit und Gemeinschaft) mag diese Beschreibung vorerst ausreichen. Für Kelly stellten sich damals unter anderem folgende Punkte als problematisch und unbiblisch heraus:

  • zentralistische Züge – ausgehend von der Park Street und Ramsgate
  • Handeln in Unabhängigkeit – innerhalb Londons
  • parteiisches Verhalten – von Park Street und Ramsgate
  • fehlende lehrmäßige Grundlage für die Notwendigkeit einer Trennung
  • massiver Druck von außen – ohne Kenntnis der Einzelheiten vor Ort

Der Vortrag und die Artikelserie (das Buch)

Kelly mahnte nun in seiner Artikelserie über die Einheit des Geistes, die auf einen Vortrag im Jahr 1882 zurückging, nicht in Unabhängigkeit und Parteilichkeit zu handeln. Die wahre christliche Einheit und Gemeinschaft auf Grundlage des Wortes Gottes war ihm angesichts dieser Entzweiungen und unbiblischen Zersplitterungen ein großes Anliegen (vgl. S. 8.9).

Sein Werk enthält viele hilfreiche Erläuterungen und Aussagen. Ich habe jetzt nicht vor, diese einzeln aufzulisten. Man kann aber sehr dankbar dafür sein. Ein Beispiel: „Wahre Einheit schließt jede andere aus. Wie man nicht zwei Herren dienen kann, so kann man auch nicht an einer zweifachen Gemeinschaft teilhaben. Die Einheit des Geistes lässt keine rivalisierende Einheit zu“ (S. 15; S. 45). Das Grundprinzip der Überzeugung Kellys, dass man die „Einheit des Geistes“ nur mit einem weiten Herzen auf schmalem Weg bewahren könne, zieht sich durch diese Artikelserie.

Kelly richtig verstehen

Gehen wir vor diesem Hintergrund durch das (deutsche) Buch. Wir schauen uns dazu die Aussagen Kellys an und ordnen sie in den historischen Kontext ein. Zudem bedenken wir, was Kelly an manchen anderen Stellen gesagt hat, um seine Aussagen nicht einseitig, sondern in Übereinstimmung mit dem zu verstehen, was er an manchen anderen Stellen geäußert hat.1

In seiner Artikelserie ist die Ausdrucksweise Kellys manchmal drastisch. Wir können das nachvollziehen, weil es ihm am Herzen lag, seine Argumente klarer hervorstechen zu lassen. Diesen Hintergrund sollte man bei der „Interpretation“ der Auffassung Kellys nicht übergehen.

Einheit und Laxheit

Auf S. 11 stellt er beispielsweise der weltlichen Laxheit eine bloße Parteilichkeit gegenüber. Vermutlich hat er nicht nur das Problem der Park Street im Auge. Im Fall der weltlichen Laxheit ist man laut Kelly geneigt, „die Einheit zu erweitern. Man besteht darauf, außer den Gliedern des Leibes Christi noch weitere große Mengen aufzunehmen. Seelen werden als solche, die Christus angehören, anerkannt, ohne dass man einen angemessenen Grund dafür hätte.“  Wenn Kelly hier davon spricht, dass „große Mengen“ aufgenommen werden, ohne dass man überzeugt ist, dass diese wirklich Glieder des Leibes Christi sind, ist dies natürlich ein absolutes Extrem. Zweifellos ist das, was Kelly an dieser Stelle nennt, eine falsche Offenheit bzgl. der Aufnahme! Und selbstverständlich weist der Autor an anderen Stellen (und auch in weiteren Artikeln) darauf hin, dass eine falsche Offenheit schon viel früher anfängt als bei der Aufnahme von Ungläubigen, worauf er sich hier zunächst bezieht Mit anderen Worten: Man darf aus dieser Aussage nicht schließen, Kelly sei der Überzeugung, dass alle Erlösten aufgenommen werden sollten, gleichgültig, ob sie persönlich in moralischer oder lehrmäßiger Sünde leben, oder nicht. Ein Beispiel, das deutlich später in seinem Dokument genannt wird (S. 33), zeigt das: „Ebenso ist es ohne Frage richtig, solche als draußenstehend zu erklären, die entweder weggegangen sind, indem sie willentlich jede Ermahnung abwiesen, oder die kühn die Versammlung verachten und verleugnen, indem sie ein anderes Zusammenkommen aufrichten und so aus Ermahnungen wenig mehr als eine bloße Formsache machen.

Sekte?

Kelly schreibt (S. 16), dass es falsch ist, wenn man eine Einheit bildet, die „mit Absicht enger ist als die Einheit des Leibes“. Natürlich ist es wahr, dass – dem Grundsatz des Wortes Gottes nach – jedes Kind Gottes seinen Platz am Tisch des Herrn hat. Kelly möchte hier somit – zu Recht! – verhindern, dass man von vornherein und grundsätzlich engere Grenzen als die des einen Leibes zieht.

Sicherlich meint er damit aber nicht, dass man jetzt immer alle Gläubigen aufnehmen müsse, die den einen Leib bilden. Wir wissen durch seine Aussagen an anderer Stelle, dass er durchaus Hinderungsgründe für die Aufnahme erkennt. Wer sich nicht vom Bösen absondert oder wer sich von einem Zusammenkommen wegwendet, das im Namen des Herrn zusammenkommt (S. 33), usw., kann nicht in die Gemeinschaft aufgenommen werden: Das zeigt Kelly an anderen Stellen. Wenn ein örtliches Zusammenkommen so jemand nicht aufnimmt, ist dieses eben keine Sekte (S. 16)!

An dieser, gerade genannten Stelle (S. 16) betont Kelly somit nur eine (durchaus wichtige Seite), ohne zugleich Einschränkungen zu nennen, die es gibt (und die er selbst an anderer Stelle lehrt). Man denke daran, dass ein Gläubiger in Sünde lebt oder das Zusammenkommen im Namen des Herrn an diesem oder einem anderen Ort aufgegeben hat (S. 15.33.45).

Das macht übrigens deutlich, dass man Kelly Gewalt antun würde, wenn man solch einen Satz isoliert betrachtet und zitiert, ohne auf seine anderen Äußerungen in diesem Buch oder an anderer Stelle hinzuweisen. Wie wichtig ist es daher, eine gute Einordnung bei der Herausgabe solcher Dokumente vorzunehmen, die Aussagen wiedergeben, die im Guten gebraucht, leider aber ebenso missbraucht werden können.

Kurz nach der erwähnten Stelle weist Kelly mit Recht auf nicht schriftgemäßen Druck hin, auch in Verbindung mit fragwürdiger oder sogar falscher Zucht (S. 17). Das war in der Cronin-Sache leider tatsächlich der Fall. Wieder zeigt sich: Oft hat man bei solchen Aussagen einen konkreten, praktischen Fall vor Augen (wie Kelly hier den von Cronin). Die Erfahrung zeigt allerdings, dass oft solche, die (aus unterschiedlichen Motiven) eine durchgeführte Zuchtmaßnahme kritisieren, von bedenklichem Druck sprechen, um Zuchtmaßnahmen infrage zu stellen, selbst wenn diese biblisch fundiert sind.

Wird nicht ebenfalls bei Trennungen, die man als verkehrt ansieht und womöglich mit dem Etikett „Tunbridge Wells“ (England) versieht, vielfach von schlimmem Druck gesprochen? Was war ein besonderes Problem bei Tunbridge Wells? Einige Brüder des dortigen örtlichen Zusammenkommens bestanden damals darauf, dass ihre (unbiblische, nicht auf lehrmäßigen Differenzen basierte) Trennung von anderen Brüdern in Tunbridge Wells weltweit anzuerkennen war. Diese Haltung in Tunbridge Wells war vollkommen im Widerspruch zur Schrift.

Aber der Fall in Tunbridge Wells wird inzwischen immer wieder „missbraucht“ in Fällen, in denen eine notwendige Trennung stattgefunden hat. Dann sagen Brüder: „Diese Geschwister handeln wie „Tunbridge Wells“. Das Ergebnis einer solchen Äußerung ist aber leider, ist, dass man eine notwendige Trennung nicht anerkennt. Stattdessen propagiert man die Freiheit des Gewissens und wehrt eine nötige Zucht ab. Ist nicht bei uns allen leicht die Neigung nach (fleischlicher) Freiheit, damit jeder nach eigenen Überlegungen handeln kann (Ri 17,6; 21,25)?

Natürlich dachte Kelly nicht an solche, falschen, unbiblischen Haltungen. Seinen Vortrag hielt er angesichts des Drucks, den die Brüder der Park-Street und von Ramsgate auf andere ausübten, um ihre unbiblische Trennung durchzusetzen. Das darf man nicht aus den Augen verlieren.

Einsicht – belanglos?

Ein oft gebrachtes, teilweise zutreffendes Argument ist, dass wir bei solchen, die von außen kommen und am Brotbrechen teilnehmen wollen, kein bestimmtes Maß an Einsicht verlangen dürfen. Kelly schreibt: „Es muss als ein grundsätzlicher Fehler, ja als eine Sünde gegen Christus und die Versammlung behandelt werden. Nichts könnte unmittelbarer darauf hinauslaufen, die sektiererischste aller Sekten zu bilden, als von den Seelen, die hereinzukommen wünschen, ein richtiges Urteil über die von den Gläubigen am wenigsten verstandene Wahrheit zu verlangen“ (S. 20.44).

Es ist gewiss biblisch, das Maß der Einsicht nicht zur Bedingung für die Teilnahme zu machen. Wer dann allerdings auf dieser Basis teilnehmen möchte, wird bereit sein, den Platz des „Unkundigen“ einzunehmen. Er ist keiner, der diejenigen belehrt, die vor dem Herrn prüfen, ihn mit einem Herzen der Liebe aufzunehmen, sondern nimmt Belehrung über den einen Leib und die Einheit des Geistes an. Das berechtigt natürlich nicht dazu, die hinzukommenden Geschwister „von oben herab“ zu behandeln! Wir alle sind und bleiben Lernende. Aber bei solchen, bei denen wir sozusagen kein Maß der Einsicht voraussetzen, wird man eine entsprechende Haltung des „lernen Wollens“ erkennen können.

Anders ist es ohnehin, wenn Anfragende bewusst einen Weg nach ihren Vorstellungen gehen wollen. Das nämlich impliziert, dass sie der Meinung sind, „Kenntnis“ zu besitzen. Wer nicht bereit ist, in einer Gesinnung des Gehorsams unter Gottes Wort dazuzulernen, ist in diesem Sinn kein „Unkundiger“. Absichtliches Unwissen sollten wir gewiss nicht fördern (1. Kor 14,38; Off 22,11). Und haben wir nicht auch den Hinweis des Apostels zu beachten: „Ich schreibe als zu Verständigen, beurteilt ihr, was ich sage“ (1. Kor 10,15)?

Wenn es um die Frage von Unwissenheit geht, meint Kelly an dieser Stelle also gewiss keine willentliche Unkenntnis. Das eine ist, dass jemand über wertvolle Aspekte der Wahrheit ungenügend belehrt ist. Etwas anderes aber ist, dass manche Gläubige durchaus Bescheid wissen – auch über die Frage der Versammlung, allerdings die biblische Lehre willentlich ablehnen. Man sollte jedenfalls nicht Kelly bemühen, um zu rechtfertigen, solche aufzunehmen, die sich beispielsweise bewusst von solchen Zusammenkommen weggewendet haben, die im Namen des Herrn zusammenkommen (S. 33).

Gefäße zur Ehre – mit reinem Herzen

Kelly weist auf die Bedeutung der Belehrungen des Apostels in 2. Timotheus 2 hin. Dort stünde „kein Wort von einer Forderung kirchlicher oder lehrmäßiger Einsicht; es heißt vielmehr, ‚mit denen, die ...‘, d. h., mit den wahren Gläubigen zu einer Zeit lauen und hohlen Bekenntnisses“ (S. 21).

Mit dieser Bemerkung meint Kelly sicherlich nicht, was man auf den ersten Blick meinen könnte, wenn man die damalige Situation nicht vor Augen hat, dass man mit allen „wahren Gläubigen“ das Brot brechen könnte, als ob alle „wahren Gläubigen“ Gefäße zur Ehre wären sowie den Herrn anrufen „aus reinem Herzen“.

Man kann Kellys Zuspitzung an dieser Stelle verstehen, wenn man bedenkt, dass er mitansehen musste, dass durch die „Park Street“ auch solche abgelehnt wurden, die den Herrn aus reinem Herzen anriefen. Vermutlich daher diese drastische Ausdrucksweise. Wer Kellys Kommentar zu 2. Timotheus 2 liest, erkennt schnell, was die Lehre dieses Abschnittes des Apostels und was die lehrmäßige Auffassung von Kelly wirklich ist. Hier dagegen scheint es ihm wegen der einseitigen Vorgehensweise von Park Street (usw.) ein Anliegen zu sein, dass man nicht alle möglichen unbiblischen Forderungen an solche stellt, die gerne am Brotbrechen teilnehmen möchten. Leider sind nicht alle Gläubigen Gefäße zur Ehre und rufen auch nicht alle den Herrn aus reinem Herzen an.

Vorsicht bei Anwendungen!

Die Seiten 24-27 haben einen direkten Bezug zu den Problemen, die durch die Park-Street und Ramsgate ausgelöst wurden. Sie haben ihre Berechtigung im Blick auf die damalige Zeit und die im Widerspruch zu Gottes Wort getroffenen Entscheidungen. Wenn es heute einmal eine vergleichbare Situation geben sollte, kann man diese Hinweise sicher gut anwenden; aber man muss sie eben in ihrem Zusammenhang sehen und kann sie nicht verallgemeinern.

Den meisten Lesern heute dürften die erforderlichen Hintergrundinformationen fehlen, um zu verstehen, worauf sich Kelly konkret bezieht. Dadurch kann das heute leicht auf Situationen und Umstände angewandt werden, die nicht mit den Ereignissen von 1881 vergleichbar sind. Daher an dieser Stelle noch kurz einige Hinweise, damit man diese Gedanken besser einordnen kann:

1879-81 wurde von einer Seite in parteilicher, zentralistischer und unabhängiger Weise gehandelt. Gläubige, die den Herrn aus reinem Herzen anriefen, wurden nicht zum Brotbrechen aufgenommen. Solche Situationen mag es auch aktuell noch geben. Aber es wäre gefährlich, die Aussagen Kellys blind auf völlig andere Umstände anzuwenden. Man darf ihn vor allem nicht so verstehen, dass er einen unabhängigen Weg in fleischlicher „Freiheit“ unterstützt hätte. Wer seine Gedanken im historischen Kontext liest und seine sonstigen Kommentare über diese Fragen vor Augen hat, wird ihn nicht für einen Weg der Unabhängigkeit und falscher Freiheit einspannen.

Das Gewissen

Kelly sah damals (mit Recht), dass Grundsätze am Werk waren, die im Widerspruch zur Einheit des Geistes standen (S. 31). Es wurden Bedingungen gestellt, die es nicht in der Schrift gibt. „Was, wenn das Gewissen vor Gott nicht respektiert wird, wenn es keinen Raum mehr gibt für Freiheit im Geist und Verantwortlichkeit gegenüber dem Herrn Jesus?“ (S. 31).

Vor dem Hintergrund der damaligen Ereignisse kann man diese Frage Kellys gut nachvollziehen. Die Handlungen der Park Street und von Ramsgate waren zentralistisch und unabhängig. Sie maßten sich die Autorität an, für alle zu entscheiden, wie man sich zu verhalten hätte. Nur wer folgte, war noch drinnen. Diese Gefahr besteht immer (wieder), wie sich vor 30 Jahren leider gezeigt hat2. Das demütigt uns!

Es gibt jedoch genauso und verstärkt Gefährdungen von der anderen Seite: Mit dem Stichwort  „Tunbridge Wells“ kann man den Eindruck zu erwecken, Brüder eines Ortes oder einer Lehrauffassung wollten weltweit eine Trennung durchdrücken. Über den Missbrauch des Falles „Tunbridge Wells“ haben wir schon gesprochen. Wenn solche, die für die Freiheit des Gewissens eintreten und schriftgemäße Trennungen nicht anerkennen wollen, diesen Fall benutzen, hat dies mit dem damaligen Problem und Fehlverhalten in Tunbridge Wells nichts zu tun. Dann geht es vielmehr um eine fleischliche Freiheit, dass jeder nach den eigenen Überlegungen handeln kann (Ri 17,6; 21,25).

Biblisch fundiert und nach 1. Korinther 5, 2. Timotheus 2 sowie 2. Johannes notwendig war beispielsweise um 1848 die Trennung von Benjamin W. Newton und dem Zusammenkommen in Plymouth, das sich nicht von ihm und seinen Lehren wegwenden wollte, das heißt nicht bereit war, diesen Irrlehrer auszuschließen. Das Böse von Newton war offenkundig und ausreichend dargelegt worden. Dennoch waren die Brüder in Bethesda (England), vor allem Georg Müller, nicht bereit, sich von dem Zusammenkommen und den Brüdern in Plymouth zu trennen, die das Brot weiter zusammen mit einem Irrlehrer brachen. Dieser verbreitete eine böse Lehre über Christus und sein Werk (vgl. 2. Joh 7-11). So entstanden die „offenen Brüder“ und ein weltweiter Bruch wurde verursacht. Bis heute gibt es solche, die diese damalige Trennung von Bethesda und denen, die sich damit einmachten, als falsch und nebensächlich darstellen.

Freiheit im Geist und Verantwortlichkeit gegenüber dem Herrn“ (S. 31) sind an sich absolut richtig, gut und wichtig. Aber natürlich heißt das nicht, in Unabhängigkeit nach eigenen Überzeugungen zu handeln. Angemessen ist vielmehr, diesen Hinweis Kellys als eine Ermahnung zu verstehen, in Übereinstimmung mit Trennungen zu handeln, die nach Gottes Wort in einzelnen Gegenden oder Ländern vorgenommen werden mussten.

Dies gilt auch für das Thema Dienstgemeinschaft. Es wäre ein Missverstehen Kellys, aufgrund des gerade zitierten Satzes die Freiheit abzuleiten, Dienst zusammen mit Gläubigen zu tun, die einen ganz anderen gottesdienstlichen Weg gehen. Aus der Lehre und aus Beispielen des Neuen Testaments wird deutlich, dass Dienstgemeinschaft enger ist als die Gemeinschaft am Tisch des Herrn (Eph 4; Johannes Markus und Paulus, Apg 15). Daher kann sich beispielsweise ein Ausrichter einer Bibelkonferenz nicht auf Kelly berufen, wenn er Gläubige aktiv an Konferenzen teilnehmen lässt, die sich nicht im Namen des Herrn versammeln oder Lehren verbreiten, die nicht in Übereinstimmung mit Gottes Wort sind.

Draußen stehend

Man kann nur dankbar sein für den Abschnitt, der auf S. 33 zu finden ist. Dadurch wird manchen Interpretationen, die sich durch einzelne Passagen in diesem Buch und andere Äußerungen von Darby und Kelly scheinbar ergeben, eine klare Absage erteilt. Es ist ein wenig schade, dass dieser Satz nicht bereits früher kommt ...

Ebenso ist es ohne Frage richtig, solche als draußenstehend zu erklären, die entweder weggegangen sind, indem sie willentlich jede Ermahnung abwiesen, oder die kühn die Versammlung verachten und verleugnen, indem sie ein anderes Zusammenkommen aufrichten und so aus Ermahnungen wenig mehr als eine bloße Formsache machen.“

Aufnehmen wie der Herr

Eine bemerkenswerte Aussage findet man bei Kelly auf S. 33-34: „Wenn die Versammlung jemand anerkennt, dann deshalb, weil der Herr ihn bereits aufgenommen hat.“ Da sie seinen Willen tun will (V. 33-34), stellt sich die Frage: Woher weiß die „Versammlung“, dass der Herr jemand aufgenommen hat? Die Antwort ist: Wir können seinen Lebenswandel ansehen und daraus schließen, dass jemand ein Kind Gottes ist – so finden wir das in Gottes Wort und das ist die Empfehlung des Herrn. Wir sehen das an seinem Lebenswandel (vgl. Jak 2,14).

Natürlich können wir nicht in ein Herz hineinsehen (vgl. 2. Tim 2,19). Und doch können wir durch den Lebenswandel der Absonderung vom Bösen und der Bewahrung der Einheit des Geistes (Eph 4,2.3) den Glauben eines Menschen erkennen. Kelly stützt im Übrigen nicht die Annahme, die man schon einmal hört, der Herr nähme in die (praktische Verwirklichung der) Versammlung auf und die Gläubigen würden das „nachvollziehen“. Matthäus 18,18 zeigt, dass es genau umgekehrt ist.

Vermutlich bezieht sich Kelly auch hier auf die damaligen Umstände, dass, ausgehend von Park Street und Ramsgate, nur Gläubige aufgenommen wurden, die sich sofort der (unrechtmäßigen) Abspaltung dieser beiden Zusammenkommen anschlossen. Dem stellt Kelly mit Recht gegenüber, dass der Herr die Gemeinschaft so nicht einengt.

Auf S. 36 findet sich dann dankenswerterweise eine Fußnote, die nach dem Ausdruck „augenblicklich“ darauf hinweist, dass Kelly „hier“ von den Folgen der Ereignisse spreche, die sich 1878-81 in den Zusammenkommen in England zutrugen. Man könnte an dieser Stelle sogar schreiben: „die ganze Zeit“ bzw. „im gesamten Artikel“. Allerdings weiß der Leser auch durch die Fußnote noch immer nicht genau, worum es sich bei diesen Begebenheiten handelt.

Hilfreich ist Kellys Bemerkung auf S. 37: „Falls es in dieser Stadt bereits solche gibt, die auf dem Boden des einen Leibes zusammenkommen, dann darf man sie nicht übergehen. Es wäre Unabhängigkeit, nicht die Einheit des Geistes, auf eine solche Versammlung keine Rücksicht zu nehmen.

Diese Aussage zeigt, dass Kelly die „Einheit des Geistes“ keineswegs mit dem „einen Leib“ gleichsetzte, sondern klarstellte, dass der Geist diese Einheit zu jeder Zeit bewirkt. So macht er unter anderem deutlich, dass man die „Einheit des Geistes“ nicht bewahrt, wenn man kirchliche Unabhängigkeit praktiziert.

Das eigene Zeugnis

Eine interessante Frage wirft die (wichtige) Bemerkung Kellys auf S. 37-38 auf. Wie soll man sich gegenüber jemand verhalten, der („gastweise“) kommt und den man nicht kennt: „Wenn diese nun das Bekenntnis seines Glaubens prüfen, dann geschieht das nicht aus Mangel an Liebe zu ihm, sondern aus Sorge um die Herrlichkeit Christi. Sie nehmen ihn nicht lediglich deshalb auf, weil er sagt, er sei ein Glied des Leibes Christi. Wenn sie ihn nicht persönlich kennen, verlangen sie vielmehr ein angemessenes Zeugnis. Niemand sollte aufgrund seiner eigenen, bloßen Worte als Gläubiger anerkannt werden; das war anfangs selbst bei dem Apostel Paulus nicht der Fall.

Kelly macht klar, dass ein eigenes Zeugnis eines Unbekannten nicht ausreicht. Er zeigt, dass ein „angemessenes Zeugnis“ notwendig ist. Das war damals oft dadurch möglich, dass Gläubige am Ort den Bruder kannten, der gerne aufgenommen werden wollte. Das ist heute in der Regel schwieriger, mit Ausnahme von solchen, die sich von einem Zusammenkommen im Namen des Herrn getrennt haben und daher im Allgemeinen abzuweisen sind. Wer bestrebt ist, auf das eigene Zeugnis einer Person aufzunehmen, findet bei Kelly somit eine klare Absage für diese Vorgehensweise.

Die Lehre des Christus

Kein Zweifel, die Lehre des Christus (was mit seiner Person und seinem Werk zu tun hat) ist von größter und grundlegender Bedeutung. Da es darum in der Park-Street-Angelegenheit nicht ging, brandmarkte Kelly, dass es unbiblisch war, Geschwister beispielsweise aus Blackheath, woher er kam, nicht aufzunehmen. So wirkt es in diesem Aufsatz manchmal so, als ob Kelly das Thema des Aufnehmens auf die Frage einengt, wie man zu Christus steht. Er ist das Zentrum und das Wichtigste – keine Frage. Allerdings bezieht Kelly an anderer Stelle im Blick auf diese Frage (S. 30.31) moralisch und lehrmäßig Böses mit ein. Er schreibt jedoch auf S. 40: „Wir sind nicht berechtigt, die Kirche und Christus gleichzusetzen, wie es die Katholiken tun, oder einen kirchlichen Irrtum der Sünde gegen die Person Christi zur Seite zu stellen. Das wäre nicht Glaube, sondern Fanatismus. Was sollen wir von solchen denken, die diesen Unsinn als Wahrheit betrachten und verbreiten?3

Wieder kann man seine Bemerkungen vor dem Hintergrund der damaligen Ereignisse verstehen, wo Park Street genau das tat: Ihr Verständnis (nicht das biblische!) von Versammlung und Einheit wurde zum Maßstab für Gemeinschaft und Teilnahme am Tisch des Herrn. Wer nicht bereit war, Ramsgate und Ryde und Bruder Cronin wie sie zu beurteilen, durfte bei ihnen nicht mehr am Brotbrechen teilnehmen. Das war grundverkehrt. Genau diese Haltung und Handhabe geißelt Kelly mit Recht. Dem Leser unseres Buches wird das dann klar werden, wenn er die historischen Umstände vor Augen hat.

Natürlich sollen wir alle Kinder Gottes im Blick haben (S. 43)!4 Aber leider können wir nicht mit allen Kindern Gottes das Brot brechen, nicht einmal mit allen denen, die nicht in moralischer oder lehrmäßiger Sünde leben (siehe S. 33). Denn Böses geht weit über die Lehre des Christus hinaus, so zentral die Person Christi auch ist.

Es ist richtig, zwischen der Lehre des Christus und anderer verkehrter Lehre sowie sündiger Moral zu unterscheiden. Das aber heißt natürlich nicht, dass sündige Moral und Lehre zweitrangig wären. Das macht Kelly in manchen anderen Artikeln deutlich. Diese Bereiche sind ebenfalls Sauerteig, von dem sich die Versammlung Gottes absondern muss (1. Kor 5; Gal 5). Vergessen wir zudem nicht die Bemerkungen in 1. Korinther 3,16.17. Der Herr hat somit durchaus auch die Lehre über die Versammlung vor Augen, wenn es um Gemeinschaft geht.

Grundsätze über das Zusammenkommen – die örtliche Versammlung

Sehr hilfreich ist der im Anschluss zu findende Brief von John Nelson Darby über Grundsätze des Zusammenkommens (S. 52-55). Ebenfalls wichtig ist es (der darauf folgende Artikel), das richtige Verständnis der örtlichen Versammlung in ihrer Beziehung zur weltweiten zu haben.

Heute wird vielfach nur noch auf die örtliche Gemeinde gesehen und nicht erkannt, dass die örtliche Versammlung ihre Daseinsberechtigung von der weltweiten ableitet. Sie ist die Darstellung des weltweiten Leibes und es gäbe sie nicht ohne diesen. Daher wird ein örtliches Zusammenkommen nach der Schrift nicht beim Aufnehmen oder Ausschließen im Gegensatz zu dem handeln, was andere Zusammenkommen tun, die ebenfalls eine örtliche Darstellung dieser Versammlung sind.

Fußnote

Auf S. 65 findet man zu einem Beitrag von Frank Binford Hole eine ausführliche Fußnote, für die der Leser dankbar sein kann. So können die ergänzenden Erklärungen entsprechender Art des hier vorgelegten Artikels für den ersten Teil des Buches vielleicht helfen, die damalige Situation und damit auch die Ausdrucksweise von William Kelly usw. besser zu verstehen. Denn auf diese Weise kann man manches besser einordnen. Das dient der Ausgewogenheit und bewahrt vor falschen Anwendungen.

Anerkennung, sofern ...

Auf S. 66 liest man dann in diesem Artikel: „Die örtliche Versammlung handelt in Zuchtfragen und anderen Angelegenheiten stellvertretend für alle anderen Versammlungen. Daher sollten ihre Handlungen anerkannt werden, sofern sie nicht offensichtlich im Widerspruch zur Schrift standen. Die Einheit des Leibes wurde also zu Recht geltend gemacht, um Unabhängigkeit zu verhindern und der daraus entstehenden Unordnung vorzubeugen.“

Es ist wichtig und wertvoll, dass Hole deutlich macht, dass die Verwirklichung der Einheit des Geistes nicht in Unabhängigkeit geschehen kann. Nun ist die Frage, wie man „sollten“ verstehen sollte ... Je nachdem könnte das zu einer falschen Schlussfolgerung führen. Die Handlungen sollten nicht nur anerkannt werden, sondern sie waren anzuerkennen, das heißt, sie mussten anerkannt werden („hence its actions were bound to be respected“).

Wichtig ist auch, dass man den Hinweis richtig versteht, was zu tun ist, wenn Handlungen einer örtlichen Versammlung „offensichtlich im Widerspruch zur Schrift“ stehen. Hole schlägt für einen solchen Fall wohl nicht vor, dass man diese Entscheidung einfach ignoriert oder im Widerspruch dazu handelt. Das wäre ein Handeln in Unabhängigkeit. Leider äußert er sich zu einem schriftgemäßen Verhalten in einem solchen Fall an dieser Stelle nicht.

Wichtig erscheint das grundsätzliche Berücksichtigen, dass Außenstehende und Gläubige, die gerade nicht an dem betreffenden Ort zu Hause sind, nahezu ausnahmslos keine genaue Kenntnis haben davon, was alles einem Beschluss am Ort vorausgegangen ist. Bevor man also zu einem ablehnenden Urteil kommt, muss man mit den Brüdern vor Ort geredet haben. Zudem gilt es zunächst, diese in Liebe und Langmut auf die falsche Entscheidung hinzuweisen. Man praktiziert ja Gemeinschaft mit einem solchen Zusammenkommen, weil man davon ausgeht, dass man dort im Namen des Herrn versammelt ist. Erst, wenn ein ausreichendes Zeugnis zeigt, dass man dem Wort Gottes wirklich nicht gehorsam sein will, so dass das betreffende Zusammenkommen nicht (mehr) als auf der Grundlage der Schrift zusammenkommend (an)erkennen kann und das entsprechend dokumentiert und mitgeteilt hat, gilt seine Entscheidung nicht mehr für andere örtliche Zusammenkommen.

Gefahr der Überbetonung der Lehre des einen Leibes

Kurz nach dem obigen Zitat wird davon gesprochen, dass die Wahrheit des einen Leibes in den letzten Jahren (der Artikel wurde 1943 publiziert) überbetont worden sei. Gerne würde man erfahren, worauf sich F. B: Hole konkret bezieht. Wir wissen, dass in der damaligen Zeit manche Trennungen unter den Zusammenkommen stattfanden, in denen Hole Gemeinschaft pflegte. Meint er das Verhalten von „Tunbridge Wells“? Zerwürfnisse wegen Frederick William Grant oder Clarence Esme Stuart? Oder vielleicht solche inmitten der „Glanton-Brüder“ („little Glanton“)?

Kein Zweifel, es gab und kann ebenfalls heute eine falsche Anwendung und in diesem Sinn Überbetonung der „Einheit“ geben. Was aber würde Hole dazu sagen, dass er mit diesem Hinweis, so berechtigt er in dem damaligen Kontext gewesen sein mag, inzwischen auch als Anwalt solcher benutzt wird, die einen Weg der Unabhängigkeit gehen wollen? Man lese dazu den hervorragenden Artikel von F B Hole „The Unity of the Spirit“ (Scripture Truth), in dem er anhand von Beispielen in der Apostelgeschichte zeigt, wie die Einheit des Geistes (Link zur deutschen Übersetzung dieses Artikels) in der Praxis bewahrt wurde.

Ein weiterer Punkt Holes kann leider ebenso missbraucht werden, um die Notwendigkeit, die Einheit des Geistes zu bewahren, aufzuweichen. Er spricht davon, dass es sich bei diesem allen um eine „Anwendung aus der Schrift“ handle, die darin nicht ausdrücklich gelehrt werde und die von manchen dann zur Wahrheit selbst gemacht würde. Natürlich verstehen wir seinen Hinweis durch den folgenden Satz besser: „Wer hätte je davon gehört, dass ein Zusammenkommen einen Gläubigen aufnimmt und dann fordert, dass andere Zusammenkommen ihn ebenfalls aufnehmen sollen, weil sie sonst als nicht mehr auf der Grundlage des einen Leibes stehend betrachtet werden könnten?“ (S. 67). Hierbei bezieht sich Hole offenbar auf den Fall der „gastweisen Aufnahme“. Das sind Situationen, in denen die Geschwister eines Ortes in einem konkreten Fall entscheiden, ob ein Bruder aufgenommen wird. Sie werden „ihren“ Fall nicht zum Maßstab der „Einheit“ für andere örtliche Versammlungen machen. Genau das war damals der Geist, der durch Park Street, Tunbridge Wells usw. vorhanden war.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es eine Reihe solcher trauriger Vorgänge. Manche wollten ihre Entscheidungen und sich selbst durchsetzen. Sie meinten, so die Heiligkeit Gottes, vor allem aber „ihre Gruppe“ aufrechtzuerhalten. Das war natürlich verkehrt. F. B. Hole wiederum wollte gewiss nicht mit seiner Aussage vermitteln, dass der Grundsatz, die Einheit des Geistes praktisch zu verwirklichen, nur eine Anwendung sei. Oder: Jeder handelt, wie er es persönlich für richtig hält. Umso wichtiger ist es, den konkreten Kontext von Hole bei diesen Aussagen vor Augen zu haben, um falschen Anwendungen vorzubeugen. Die Gefahr der Richterzeit besteht auch heute: „In jenen Tagen war kein König in Israel; jeder tat, was recht war in seinen Augen“ (Ri 17,6; 21,25). Das ist schlicht Unabhängigkeit.

Korporativer Status?

„Am Ende werden einige, wenn auch nur wenige, ‚den Herrn anrufen aus reinem Herzen‘ und Liebe zur Wahrheit zeigen, und andere werden ein gutes Zeugnis von der Wahrheit selbst erhalten (2. Tim 2,1.2.19.22; 3. Joh 3.12). Allerdings gibt es in diesen Abschnitten des Buches keinen Hinweis darauf, dass solche Gläubigen aufgrund ihrer Treue einen besonderen korporativen Status erlangen. Zwar können sie gemeinsam vieles genießen, was sie als Einzelne nicht genießen; doch korporativ haben sie nichts, was nicht auch der ganze Leib Christi besitzt. Wenn eine göttliche Einrichtung versagt, finden wir weder im Alten noch im Neuen Testament, dass Gott zu einem späteren Zeitpunkt einem Teil des Ganzen einen neuen oder besonderen korporativen Status verleiht, so gottesfürchtig oder erleuchtet die Gläubigen dieser Gruppe auch sein mögen“ (S. 68.69).

Es ist wichtig, diesen Hinweis von Hole zu verinnerlichen: Zur „Versammlung Gottes“ gehören nicht nur diejenigen, die sich auf biblischer Grundlage versammeln. Diese womöglich Wenigen werden nicht zur Versammlung Gottes: Gottes Wort schließt unter diesem Begriff immer und zu jeder Zeit alle Gläubigen am Ort oder weltweit ein. Außerhalb des „einen Leibes“ gibt es keine andere kollektive „Identität“ der Gläubigen. Deshalb geben sich solche, die auf biblischer Basis zusammenkommen, weder formal noch informell einen Namen und meinen, etwas „Besonderes“ im Unterschied zu anderen Gläubigen zu sein. Sie wollen keine (besonders geistliche und entschiedene) Gruppe sein: Außerhalb der Versammlung Gottes sind sie nichts!

Das heißt, dass wir auch heute keinen „anderen“ korporativen „Status“ haben als den, den es schon immer gab: der örtliche Ausdruck der weltweiten Versammlung Gottes: „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte“ (Mt 18,20; 1. Kor 11,18). Und wenn es nur zwei oder drei wären, die „als Versammlung“ zusammenkommen, werden sie die Vorrechte (und Verantwortlichkeiten) genießen können (und müssen diesen entsprechen). Genau das ist der Trost und die Ermutigung für jeden Gläubigen, der den Herrn auch im Blick auf die Wahrheit des „einen Leibes“ ehren möchte. Niemand kann diesen korporativen Segen diesen zwei oder drei Geschwistern in Zeiten des Niedergangs wegnehmen.

Dazu gibt es einige bemerkenswerte Beispiele im Alten und Neuen Testament: „So kehrten die Kinder Ruben und die Kinder Gad und der halbe Stamm Manasse zurück und zogen weg von den Kindern Israel“ (Jos 22,9). Diese zweieinhalb Stämme zogen nicht weg von den neuneinhalb Stämmen, sondern „von den Kindern Israel“. Diejenigen, die nach Gottes Gedanken „im Land bleiben“, dürfen den korporativen Segen des Volkes Gottes genießen, obwohl sie selbst nicht „das“ Volk Gottes insgesamt sind. Auch im Buch Esra und Nehemia finden wir Hinweise, wie der Überrest an der Wahrheit von „ganz Israel“ festgehalten hat: Da geht es natürlich nicht um die Versammlung, sondern um den jüdischen Überrest. Am Ende der Tage wird nach Römer 11 auch „ganz Israel“ gerettet werden – ein kleiner Überrest des ganzen Volkes.

Leider wird Hole manchmal missverstanden, als gäbe es solch einen gemeinschaftlichen Segen nicht mehr. Das aber würde bedeuten, dass diejenigen, die sich auf biblischer Grundlage versammeln, nicht mehr die Wahrheit in Anspruch nehmen dürfen „Habt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist als Aufseher gesetzt hat, die Versammlung Gottes zu hüten, die er sich erworben hat durch das Blut seines Eigenen“ (Apg 20,28), die den von Hole in seinem Artikel zitierten Worten unmittelbar vorausgehen. Doch – genau diese Wahrheit besteht auch heute und wird von denen (korporativ) genossen, die – selbst wenn es nur wenige sind – Versammlung Gottes darstellen. Sie tragen die Verantwortung im Blick auf die Versammlung Gottes und dürfen ihre Vorrechte genießen, ohne den Anspruch zu erheben, als einzige „Versammlung Gottes“ zu sein.

Nur noch individuell?

Dann heißt es etwas später: „Die Stellung eines Überrestes ist also in allen Haushaltungen eine persönliche Stellung. Die heutige Zeit bildet hierin keine Ausnahme“ (S. 70). Ist das biblisch? Ja, im Blick auf die Zeit des Niedergangs spricht der Apostel seinen Freund Timotheus ganz individuell an: „Du aber ...!“ (2. Tim 3,10.14; 4,5). Das ist eine Seite. Hinzu kommt eine andere, die Hole, Kelly, Darby usw. an anderer Stelle betonen. Wir sehen sie beispielsweise in Offenbarung 2 und 3. Obwohl die eine, wahre Versammlung, die aus allen Gläubigen besteht, sich in viele Gruppen usw. zersplittert hat, spricht der Herr von der „Versammlung in Philadelphia“. Er wendet sich nicht nur an Einzelne und den „Engel der Versammlung“, sondern auch an sie kollektiv (Off 1,11; 3,8.10.12). So spricht Er auch zu der Versammlung in anderen Zeiten der Zersplitterung.

Die Zeit der Versammlung Gottes auf der Erde weist durchaus Unterschiede zu sonstigen Zeiten auf. Zwar gehören – kirchengeschichtlich, prophetisch – nicht alle Gläubigen der Philadelphia-Zeit (erste Hälfte des 19. Jahrhunderts) geistlicherweise zur „Versammlung in Philadelphia“; das heißt, bei weitem nicht alle Gläubigen trugen damals den geistlich hohen Charakter, den wir in diesem Brief in Offenbarung 3 finden. Es gab und gibt die Überwinder in Thyatira, Sardes, Laodizea – und sogar in Philadelphia! Doch zeigt der Herr, dass die Versammlung noch auf der Erde existiert(e) und Er denen, die in seinem Namen zusammenkommen (oder besser: damals zusammenkamen, als der besondere Charakter der Kirche Gottes auf der Erde kurzzeitig „Philadelphia“ war, obwohl die „Zustände“ von Thyatira und Sardes zu dieser Zeit fortbestanden), Segnungen kollektiver Art schenkte. Man darf also das Teil der Gläubigen nicht auf das persönliche Teil beschränken. Wie gesagt: Andere Artikel der genannten Brüder unterstreichen das. Aber in diesem Artikel hat Hole eben besondere Umstände vor Augen, sodass er in diesem konkreten Fall nur eine Perspektive betont, obwohl es auch andere Seiten gibt.

Zum Schluss

Bei praktischen Fragen gilt es immer, sich folgender Gefahr bewusst zu sein: Bei konkreten Beispielen hat man als Schreiber etwas Bestimmtes vor Augen und kann leicht übersehen, dass es auch andere Umstände gibt, die man nicht bedacht hat. Daher ist es hier besonders wichtig, ausgewogen möglichst viele mögliche Fälle vor Augen zu haben.

Das gilt beispielsweise dann, wenn man über mögliche Hindernisse bei der Aufnahme zum Brotbrechen spricht bzw. wann etwas kein Hindernis sein kann. Es gilt, Folgendes zu bedenken: Wenn man etwas als Hindernis ausschließt, muss man alle Aspekte eines solchen Themas bedenken. Vermutlich hat der Autor einen besonderen Aspekt dieses Themas im Sinn.

Wichtig ist auch, eine Antwort zu finden, wenn jemand bekanntermaßen oder, weil sich das im Gespräch ergibt, einen bestimmten Teil der Wahrheit nicht praktizieren will, obwohl er sie kennt. Er gehört ja zu dem einen Leib und lebt (womöglich) nicht in Bösem. Wie soll man dann verfahren?

Ebenfalls bedeutsam ist, über die sogenannten Aufnahmegespräche nachzudenken. Wir haben zweifellos die Verantwortung, in Gesprächen mit solchen, die sich bislang auf andere Weise versammeln, die Wahrheit über die Versammlung, den einen Leib und die Einheit des Geistes zu erklären und ihnen diese vorzustellen. Übrigens auch zu zeigen, dass man sich durch die Teilnahme am Brotbrechen in einer Gruppierung mit den dort vertretenen und praktizierten Grundsätzen einsmacht. Das zu erklären ist heute nicht mehr selbstverständlich. Aus falsch verstandener „Demut“ meint man, das wäre ja eine Belehrung von oben herab und das Gegenteil von Demut. Suchende Geschwister, die sich dieses Charakters bewusst sind, werden dankbar sein, diese wichtigen Aspekte der biblischen Lehre kennenzulernen, die ihnen offenbar bislang unbekannt sind. Wie sollen sie auch die Wahrheit des einen Leibes, der Einheit des Geistes und des gemeinschaftlichen Weges der Kinder Gottes lernen und praktizieren, wenn wir sie ihnen nicht anhand der Schrift nahebringen? Es ist unsere Aufgabe, das zu tun!

Hinzu kommt, dass man einen Weg finden muss, den Hinweis von William Kelly ernst zu nehmen, dass man sich nicht selbst empfehlen kann (S. 37-38). Diese Frage stellt sich gerade heute in Zeiten von Vermischung und Verwirrung. Wie ist es möglich, wenn jemand am Brotbrechen teilnehmen möchte, den wir bislang genauso wenig kennen wie sein gemeindliches Umfeld, ein ausreichendes Zeugnis über die Person zu erhalten?

Ein wichtiger Punkt ist auch, wie man mit Empfehlungsbriefen von Gruppen umgeht, die man nicht kennt als solche, die auf der Grundlage des Wortes Gottes zusammenkommen. Was macht man mit Zuchthandlungen, die dort vorgenommen wurden? Zudem müssen wir mit dem Problem der „Informationsasymmetrie“ umgehen: Wir wissen ja oft nicht, schon gar nicht auf die Schnelle, was in einer bestimmten Gruppe wirklich praktiziert und gelehrt wird. Unsere Erfahrung zeigt schon, wie lange man braucht, etwas Verkehrtes an einem Ort, an den man zieht, zu erkennen. Wie viel mehr gilt das, wenn jemand zu uns kommt, den wir gar nicht in seinem Umfeld kennen. Wie gehen wir damit um? Wir wollen ja auch bei diesen Fragen in Übereinstimmung mit der Schrift handeln.

Abschließend sei noch einmal betont, dass das Berücksichtigen des historischen Kontextes eines Artikels, der nicht als Lehrartikel geschrieben worden ist, auch deshalb wichtig ist, weil sonst vertrauenswürdige Schriftausleger in der heutigen Zeit für Argumente und Vorgehensweisen in Anspruch genommen werden, die ihren sonstigen Gedanken widersprechen. Natürlich darf es uns nicht um Menschen gehen. Es ist an sich auch bedauerlich, dass wir uns in diesen Fragen anscheinend nicht mehr ausschließlich über das Wort Gottes austauschen, sondern inzwischen dahin gekommen sind, „die alten Ausleger auszulegen“. Das wäre ein deutliches Zeichen für Traditionalismus, der sich nicht mehr am Wort Gottes, sondern an den (an sich ja bewährten, aber eben nicht vollkommen formulierenden) alten Auslegern abarbeitet. Wir sollten ihre Erklärungen benutzen, um sie an Gottes Wort zu prüfen. Dann werden wir das Bild gesunder Worte bewahren. Gleichwohl können Fragen an bewährten Brüdern des 19. und 20. Jahrhunderts entstehen, wenn man sie nicht im Kontext liest. Dem kann man vorbeugen.

 

Nachwort mit einigen Zitaten

Ein paar Zitate aus „alter Zeit“ zu diesem Thema, ergänzt um weitere Zitate, vor allem aus „The Bible Treasury“ (BT), die von William Kelly herausgegeben wurde.

  • Unwissenheit für sich reklamieren – aber doch zu wissen ...
    Aber man entdeckte bald, dass viele sich auf Unwissenheit beriefen, die für ihre Integrität oder die Ehre des Herrn viel zu viel wussten; und dies führte zu Vorsicht bei den einsichtsvollen Brüdern, wie es auch Misstrauen bei den Schwachen hervorrief ... Die offenen Versammlungen können sich nicht auf die Unwissenheit berufen, die man einer Sekte zugesteht, zusammen mit den Vorrechten und der Verantwortung einer Versammlung, die im Namen des Herrn zusammengekommen ist und die den einen Leib und den einen Geist anerkennt. Wären sie Denominationen wie die Wesleyaner usw., könnte man gottesfürchtige Einzelpersonen ohne Frage von ihnen aufnehmen; aber nicht so, seit sie den Platz eingenommen haben, die Gegenwart des Herrn und das freie Wirken des Heiligen Geistes zu besitzen, was jeden nachdenkenden Menschen unter ihnen verantwortlich macht. Für ehrliche Unwissenheit sollten wir immer noch Rücksicht nehmen, wo immer sie existiert. Bei verstehenden, aber eigensinnigen Parteigängern wird in der Regel der Einwand erhoben: Ist das wirklich vertretbar? Ist es Treue zu Christus? Was ist beklagenswerter als die unkritische Unterstützung von Freunden in den Dingen Gottes? Sie ist bei den Menschen hoch angesehen, aber vor Gott ein Gräuel (BT Band 12, S. 143).
  • Kein Recht auf ein eigenes Urteil!
    Die von Menschen aufgerichteten Schranken dürfen nicht anerkannt werden. Kein Christ hat das Recht auf ein eigenes Urteil. Gottes Wort ist der Maßstab für das stärkste und strengste Handeln mit einer Seele, um sicherzustellen, dass das Bekenntnis zu Christus echt ist (BT Band 4, S. 344, 345).
  • Kein Hin- und Herspringen!
    Christen, die zugelassen werden, müssen gesund in der Lehre sein sowie tadellos in Wandel und Verbindungen. Wir können keinen Handel mit Christen machen, die wünschen, mit uns Brot zu brechen. Sie können nicht abgewiesen werden aufgrund ihres Verbleibens in ihren Systemen. Aber es wäre richtig, sie zurechtzuweisen und sie entsprechend zu belehren. Christen, die glauben, sie hätten die Freiheit, hin und her zu gehen, müssen ernstlich belehrt werden, bevor sie die wahre Grundlage des Zusammenkommens, den Leib Christi, einnehmen. Obwohl Christen zugelassen werden, dürfen sie nicht davon ausgehen, dass wir ein Verbleiben in ihren Systemen gutheißen. Die Einheit des Geistes wird nicht dadurch ausgedrückt, verschiedene Systeme aufzusuchen und zugleich zu erwarten, Brot mit den „Brüdern“ zu brechen. Es sollte eine tiefergehende Übung hinsichtlich der Rechte Christi als Haupt des Leibes geben als hinsichtlich der Rechte der Gläubigen. Halte fest an der Wahrheit! Wenn andere kommen wollen, so lass sie kommen. Aber diejenigen, die sich auf der wahren Grundlage befinden, sollten nicht zu ihnen gehen (BT Band 7, S. 239-240).
  • Feindschaft vonseiten weltlich gesinnter Gläubiger
    Wo ein bewusstes Festhalten an oder Gleichgültigkeit gegenüber Bösem hinsichtlich Christus besteht, kann es keine Gemeinschaft geben. Diejenigen, die in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Schrift zu handeln suchen, erfahren nicht nur Feindschaft vonseiten der Welt, sondern auch vonseiten weltlich gesinnter Christen, die in einer unüberlegten Art und Weise [wörtlich: ohne einen Unterschied zu machen] Brot brechen (BT Band 9, S. 351).
  • Nicht geeignet zur Aufnahme am Tisch des Herrn
    Personen, die wissentlich in Gemeinschaft sind in einer Gemeinde, die böse Lehre zulässt, sind nicht geeignet für die Aufnahme am Tisch des Herrn (Letters von J. N. Darby, Band 1, 1851, S. 200).
  • Keine Bedingungen auferlegen!
    Niemand hat das Recht, der Versammlung Bedingungen aufzuerlegen, bevor er zugelassen wird. Es ist falsch für einen Christen, regelmäßig sowohl zu den „Brüdern“ als auch zu einer Kirche zu gehen. Die Aufnahme eines Bruders darf keine Entschuldigung dafür sein, danach lax zu handeln. Aber indem wir dies zu vermeiden suchen, dürfen wir nicht in eine extreme Absonderung von wahren Gläubigen verfallen (Letters von J. N. Darby, Band 2, 1869, Seite 10).
  • Würdig sein!
    Das Gewissen der Versammlung sollte die Gewissheit haben, dass derjenige, der den Wunsch hat, das Brot zu brechen, auch würdig ist, es zu tun (Letters von J. N. Darby, Band 2, 1875, S. 349).
  • Freund mitbringen?
    Ich  glaube, dass wenn Geschwister eines Ortes zum Brotbrechen zusammenkommen (bzw. wenn sie zu einer solchen Zusammenkunft von einem anderen Ort kommen), sie dorthin keine Freunde mit sich zusammen hineinbringen sollten, es sei denn, sie werden von diesem Zusammenkommen als bekannte Glieder des Leibes Christi zum Brotbrechen aufgenommen (Letters von J. N. Darby, Band 2, 1877, S. 409).
  • Morgen wieder in der Sekte?
    Der Zustand der Christenheit erfordert große Umsicht und Gewissenhaftigkeit, um festzustellen, wer würdig ist, Brot zu brechen. Jeder der wünscht, an einem Tag mit den „Brüdern“ das Brot zu brechen und am nächsten in einer Sekte, sollte nicht aufgenommen werden. Solches Verhalten vereint nicht, sondern es verfestigt Trennungen (Letters von J. N. Darby, Band 3, 1881, S. 132).
  • Anerkennung von Gemeinschaften
    Die Anerkennung verschiedener Gemeinschaften ist mit Gottes Wort unvereinbar. Das ist der Punkt, in dem sich Herr Groves von den Brüdern unterscheidet, die entschieden für den vom Herrn aufgestellten Grundsatz eintreten, mit der die Ordnung des Geistes (ich nenne es lieber sein Handeln) übereinstimmen soll (BT Band 13, S. 362).
  • Wer das Verkehrte einer Sekte noch nicht erkannt hat, lernt in der Versammlung Gottes (und trennt sich nicht von ihrer Darstellung) ...
    Es ist die Praxis, die einfache Konsequenz der Annahme der Wahrheit der Versammlung Gottes, sobald ein Mensch als Glied des Leibes bekannt ist und auf gottesfürchtige Art wandelt, gemäß seinem Maß an Licht. Die sogenannten „Brüder“ wünschen daher, in Gnade die Schrift konsequent und einheitlich auszuführen; sie üben sich in Geduld mit ihren Brüdern, die das Verkehrte ihrer „Sekten“ vor Gott vielleicht noch nicht erkannt haben. Sie glauben, dass alle Wahrheit am besten innerhalb der Versammlung Gottes gelernt wird (BT Band 6, S. 154).
  • Kirchliche Verbindungen
    Kirchliche Verbindungen sind kein Hindernis, um aufgenommen zu werden (W. Kelly, BT Band 4, S. 344-345; entsprechend Januar 1887).
  • Nicht zwingen!
    Ein Fremder, der Brot mit den "Brüdern" bricht, kann nicht gezwungen werden, immer ihren Zusammenkünften beizuwohnen. (Letters von J. N. Darby, Band 2, 1870, S. 109).

 

 

Fußnoten

  • 1 Vergleiche dazu auch einige Aussagen von William Kelly und John Nelson Darby, die auszugsweise und beispielhaft am Ende des Artikels zitiert werden.
  • 2 Brüder eines örtlichen Zusammenkommens verlangten Mitte der 90er Jahre, dass sich diejenigen örtlichen Zusammenkommen, die mit ihnen in praktischer Gemeinschaft beim Brotbrechen bleiben wollten, bei ihnen schriftlich melden. Man sollte ihnen gegenüber damit eine Haltung der Absonderung von bestimmten Brüdern, die falsche Lehren verbreiteten, was den gemeinsamen Weg der Kinder Gottes betrifft, dokumentieren. Eine solche Aufforderung war und ist zentralistisch.
  • 3 Nebenbei bemerkt ist mit „Heterodoxy“ keine Irrlehre gemeint (S. 39, Gal 5 - das wäre „heresy“), sondern eine andersgläubige, anders lehrende, fremdartige Lehre. Das ist wohl eine Ungenauigkeit bei der Übersetzung. Vor diesem Hintergrund spricht Kelly nicht davon, dass Sauerteig nach Galater 5 erst dann vorhanden ist, wenn eine Irrlehre gebracht wird und so jemand ausgeschlossen werden muss, sondern wenn die Lehre im Blick auf die Schrift fremdartig ist.
  • 4 Übrigens steht im Original nicht (S. 42.43): „Der Geist hat diese Einheit geschaffen, eine Einheit, die alle Glieder des Leibes Christi umfasst; in der Praxis sollten nur diejenigen davon ausgenommen sein, die aufgrund einer schriftgemäßen Zucht abgewiesen werden müssen.“ Die fett gedruckten Wörter stehen bei Kelly nicht. Man kann die Einheit des Geistes nur mit denen bewahren, die nicht aufgrund einer schriftgemäßen Zucht abgewiesen werden müssen (wohlgemerkt, nicht nur der Ausschluss ist - jedenfalls im weiten Sinn - eine schriftgemäße Zucht). Das ist ein Grundsatz, an dem wir festhalten sollten.
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