06.01.2010 1. Korinther | Versammlung / Gemeinde | Persönlicher Glaube

Sollte man 1. Korinther 11 auch heute noch wörtlich anwenden?

Wahrscheinlich gibt es keinen neutestamentlichen Brief, der auch unter praktizierenden Christen einen solch schweren Stand hat wie der 1. Korintherbrief. Anbei nur ein paar Beispiele, wo man immer mal wieder hört: Passt das noch ins moderne Bild des 21. Jahrhunderts?

Belehrungen im Korintherbrief, die angezweifelt werden

  • 1. Korinther 4,8: Herrschen in und mit der Politik - eine Aufgabe von Christen?
  • 1. Korinther 5: Was soll Hurerei (Unzucht, griechisch porneia) umfassen? Muss man erst heiraten, bevor ein Mann und eine Frau zusammenleben dürfen? Ist das nicht überholt in unserer Gesellschaft?
  • 1. Korinther 6,9: Heute wissen wir doch - sagt man -, dass man gar nichts für seine sexuelle Orientierung kann (Weichlinge, Knabenschänder - Ausdrücke für die Beteiligten bei Homosexualität). Muss man diese Verurteilung solcher Praktik dann nicht relativieren?
  • 1. Korinther 7,10.11: Man kann sich nicht mehr gegen Ehescheidungen schützen und muss sie in der heutigen Zeit akzeptieren. Oder?
  • 1. Korinther 10,16: Man kann doch heute gar nicht mehr wissen, wie sich der andere moralisch und lehrmäßig verhält. Es reicht doch wohl, dass jeder sich selbst prüft, ob er für das Abendmahl passend ist (vgl. 1. Kor 11,28) - eine gemeinsame Verantwortung, eine Versammlungszucht (Gemeindezucht) kann nicht praktikabel sein.
  • 1. Korinther 11,3-16: Ist das Gebot der Kopfbedeckung der Frau bei Beten und Weissagen nicht etwas fundamentalistisch? Das macht man doch heute nicht mehr.
  • 1. Korinther 14 (1. Kor 13,8): Kann man das Sprachenreden wirklich beschränken in einer Zusammenkunft? Man muss doch berücksichtigen, was für Zustände in Korinth waren - heute sieht die Welt ganz anders aus. Und dass die Sprachen „aufhören" (abklingen, zur Ruhe kommen - dass es sie also gar nicht mehr gibt), davon spricht man sowieso nicht mehr.
  • 1. Korinther 14,26: Es hat sich nicht bewährt, dass man in den Zusammenkünften Freiheit gibt zur Belehrung usw. Das führt nur zu einem Durcheinander. Es ist besser, den Ablauf zu regulieren und festzulegen. Dann kann sich ein Bruder (oder eine Schwester - siehe nächster Punkt) wenigstens vorher vorbereiten und etwas Sinnvolles predigen. Das ist doch allemal besser als ein nichts sagender Vortrag von jemandem, der sich nicht konkret auf die Predigt vorbereitet hat.
  • 1. Korinther 14,34-36: Damals sollten die Frauen schweigen in den Zusammenkünften als Versammlung (Gemeinde). Wie aber soll man das heute noch vertreten können, wo unsere Gesellschaft ganz anders tickt? Wir brauchen doch die Frauen mit ihren Gaben. Soll das alles brach liegen?

Vermutlich könnte man noch andere Beispiele bringen. Ich beschränkte mich jetzt auf die Frage, ob sich Frauen - Schwestern - auch heute noch im 21. Jahrhundert bedecken sollten, wenn sie beten und weissagen, sich also hörbar an Gott wenden oder von Gott an Menschen. Dass sich diese Verse nicht auf die Zusammenkünfte als Versammlung (Gemeinde) beziehen können, macht 1. Korinther 14,34 deutlich: Dort sollen Frauen schweigen. Das bezieht sich offenbar auch auf Gebete (vgl. 1. Kor 14,15; Psalm in Vers 26), nicht nur auf die Weissagung (Vers 29).

 

Wörtliche Auslegung?

Welche Hinweise führen mich dazu, diese Verse auch heute noch so anzuwenden, wie sie dort geschrieben werden:

  1. Ein Grundsatz der Hermeneutik (Grundsatz der Bibelauslegung) ist, dass man alle Verse wörtlich auslegen muss, die nicht durch den Zusammenhang oder andere deutliche Hinweise bildlich, symbolisch etc. zu verstehen sind. Der Apostel Paulus spricht in diesen Versen von Haaren, von beten und weissagen, vom Abschneiden der Haare etc. Das sind alles Dinge, die man nur wörtlich verstehen kann.
  2. Paulus spricht nicht einfach als Diener oder Vorbild in diesem Brief, sondern mit seiner apostolischen Autorität (1. Kor 1,1). Er spricht mit Autorität.
  3. Paulus wendet sich nicht nur an die Gläubigen in Korinth, sondern an die Geheiligten in Christus Jesus, die berufenen Heiligen „an jedem Ort". Damit fällt die Argumentation wie ein Kartenhaus in sich zusammen, dass sich Paulus nur auf die korinthischen Verhältnisse beschränkt habe. Natürlich nimmt er diese zum Anlass für die Belehrung, weitet sie aber zu Grundsätzen für alle Versammlungen (Gemeinden) damals aus.
  4. Dieser Brief ist in den Kanon der Heiligen Schrift aufgenommen worden. Damit hat er nicht nur universelle Bedeutung, was seine regionale Bedeutung betrifft, sondern auch, was seine zeitliche Bedeutung betrifft. Dieser Brief gilt für alle Zeiten.

 Was sind die Argumente des Apostels in diesem Abschnitt?

  1. Vers 3. Schöpfungsordnung: Gott - Christus - Mann - Frau: Diese Ordnung hat sich bis heute nicht verändert.
  2. Vers 4: Grundsatz - ein bedeckter betender oder weissagender Mann entehrt sein Haupt - Christus.
  3. Vers 5: Grundsatz - eine unbedeckt betende oder weissagende Frau entehrt ihr Haupt - den Mann.
  4. Vers 6: Grundsatz - eine solche Handlung ist für eine Frau schändlich.
  5. Vers 7: Grundsatz - der Mann ist Repräsentant Gottes und macht die Autorität Gottes (Herrlichkeit) sichtbar, ehrt Gott: Das soll gesehen werden, daher keine Bedeckung.
  6. Vers 7: Grundsatz - die Frau ist Herrlichkeit des Mannes - aber der Mann soll nicht gesehen werden, sondern Gott.
  7. Vers 8: Schöpfungsordnung: Die Frau wurde durch den Mann (Adam), nicht umgekehrt.
  8. Vers 9: Schöpfungsordnung: Der Mann wurde nicht um der Frau willen geschaffen, sondern umgekehrt. Diese Ordnung hat sich bis zum 1. Jahrhundert und auch bis zum 21. Jahrhundert nicht verändert.
  9. Vers 10: Resümee: Die Frau soll eine Macht auf dem Kopfe haben um der Engel wegen - die die Hüter der Schöpfungsordnung sind. Sie sind in der ersten Schöpfung die höchsten Wesen und wachen über diese Schöpfungsordnung.

  10. Erst in Vers 11 verlässt der Apostel diese Schöpfungsordnung und zeigt, damit der Mann keine falsche Vorstellung über sich und die Frau hat: Im Herrn - in der neuen Schöpfung - gibt es keine Unterschiede mehr (vgl. Kol 3,11; Gal 3,28).
  11. Vers 12: Schöpfungsordnung: Frau ist vom Mann - biologische Ordnung: Der Mann wird von einer Frau geboren. Damit bestätigt Paulus das in Vers 11 gesagte.

  12. Vers 13: Persönliches Wertesystem: Es ist nicht anständig, dass eine Frau unbedeckt zu Gott betet.
  13. Vers 14: Auch das natürliche Empfinden muss dahin führen. Dieses natürliche Empfinden kann natürlich heute vollkommen unnatürlich werden (vgl. z.B. 2. Tim 3,3) - aber damals war das von Gott gegebene natürliche Empfinden so. Schon in Israel war es so, denn der Mann hatte nur dann langes Haar, wenn er sich als Nasiräer Gott geweiht hatte (vgl. 4. Mo 6,5). Absalom mit seinem langen Haar, mit dem er in den Zweigen einer Terebinthe hängen blieb (vgl. 2. Sam 18,9), dient als abschreckendes Beispiel. Aber für einen Gläubigen sollte das natürliche Empfinden durch Gott selbst bewirkt werden - und da führt es zu einem Empfinden der Unehre im Blick auf einen langhaarigen Mann und auf eine kurzhaarige Frau.
  14. Vers 15: Gott hat der Frau langes Haar als natürlichen Schleier gegeben. Denn ihre Stellung in der Schöpfungsordnung ist, sich zu verbergen und nicht im Mittelpunkt zu stehen.
  15. Vers 16: Man kann über diese Dinge streiten, wenn man sich den Anweisungen des Apostels nicht unterordnen will. Aber die Korinther sollten als Resümee wissen: Weder Paulus und seine Mitarbeiter noch die anderen Versammlungen (Gemeinden) hatten die Gewohnheit, dass der Mann langes Haar und die Frau kurzes Haar trug, dass der Mann sich beim Beten und Weissagen bedeckte und die Frau nicht.

Zusammenfassung

Die Argumente von Paulus beziehen sich also auf die Schöpfungsordnung und ihre Folgerungen, auf das persönliche Beurteilen, auf das natürliche Empfinden und auf die Gewohnheit der Apostel und der anderen Versammlungen (Gemeinden). Man mag aufgrund der persönlichen Beurteilung und des natürlichen Empfindens zu anderen Überlegungen kommen als Paulus. Dennoch bleibt bis heute

1.      seine apostolische Autorität bestehen, mit der er

2.      die Schöpfungsordnung als Grund für dieses Verhalten anführt, genauso wie

3.      die Gewohnheit des Apostels und

4.      die Gewohnheit der übrigen Versammlungen (Gemeinden) damals.

Sollte uns das nicht ausreichen, um auch heute diesen direkten Anweisungen Gottes durch seinen Apostel Folge zu leisten? Wer anfängt, an einer Stelle die Anordnungen Gottes abzuschwächen oder wegzustreichen, hat kein Mittel mehr in der Hand,

  1. anderen ein solches Vorgehen an anderer Stelle zu verwehren und
  2. wird sich immer dann, wenn es ihm selbst nicht gefällt, auch an anderen Stellen diese Abschwächungen zu erlauben.
  3. Dann hat das Wort seine Kraft über mein Leben verloren. Wie sagte mal jemand: Wenn ich anfange, das Wort Gottes zu beurteilen, hört das Wort Gottes auf, mich zu beurteilen.