16.04.2005 Esther

Die Zerstreuten unter den Nationen - eine Betrachtung über das Buch Esther -

Einleitung

Betrachten wir denn die zehn Kapitel, aus welchen das Buch besteht, der Reihenfolge nach. Vier Punkte sind es, die in den berichteten Ereignissen uns in besonderer Weise vor Augen treten:

1. Der HERR Gott wirkt in wunderbarer, aber geheimer Weise.
2. Die Juden inmitten der Heiden (Nationen).
3. Der Heide oder die herrschende Macht.
4. Der große Widersacher.

Esther 1 bis 3

Der Heide oder die herrschende Macht

Das Buch beginnt mit einer Darstellung des Heiden, welchem jetzt die Macht und Herrschaft anvertraut ist. Es ist indes der Perser, nicht der Chaldäer, oder "die Brust von Silber", nicht "das Haupt von Gold", in dem großen Bilde, das Nebukadnezar im Traume sah. (Dan. 2) Wir lesen hier mehr das zweite als das erste Kapitel aus der Geschichte der heidnischen Oberherrschaft auf Erden. Wir sehen den Herrscher der Welt nicht im Beginn, sondern mehr in der weiteren Entwicklung seiner Laufbahn; in sittlicher Hinsicht ist es jedoch dieselbe Person. Gleich Moab bleibt ihm sein Geschmack, und sein Geruch ist nicht verändert. (Jer.48,11) All der Hochmut, der in Nebukadnezar zum Ausdruck kam, findet sich wieder in Ahasveros. Keine Spur von demütigem Sinn, keine Frucht der Buße, keine Erkenntnis von sich selbst oder von dem, was ihn als Geschöpf geziemt, ist in diesem Manne der Erde wahrzunehmen. Die Lüge der Schlange, welche im Anfang von so entscheidendem Einfluß auf den Menschen war, ist wirksam wie immer. Der alte Wunsch, Gott gleich zu sein, zeigt sich jetzt bei dem Perser, wie er früher bei dem Chaldäer hervorgetreten war. Der eine hatte seine Königsstadt erbaut, und hatte sie dann voller Stolz angeschaut und gesagt: "Ist das nicht das große Babel, welches ich zum königlichen Wohnsitz erbaut habe durch die Stärke meiner Macht und zu Ehren meiner Herrlichkeit?" Der andere veranstaltet jetzt ein Fest und zeigt hundertundachzig Tage lang seinen Fürsten und Vornehmen die ganze Ausdehnung seiner Herrschaft, "den herrlichen Reichtum seines Königreichs und die glänzende Pracht seiner Größe". Ja, der Perser geht noch weiter. Wir entdecken bei ihm ein dreistes Begehren, gleichsam als Gott in Persien anerkannt zu werden, was wir in Babel nicht sahen. Dies tritt uns in drei bemerkenswerten persischen Verordnungen entgegen.

Zum ersten durfte niemand unaufgefordert in der Gegenwart des Königs erscheinen. War aber je einmal diese Verordnung übertreten worden, so hing Leben und Tod des Betreffenden von dem Belieben des Königs ab. Zweitens durfte niemand traurig vor dem König sein; seine Gegenwart mußte dem ganzen Volke Ursache und Antrieb sein zu Freude und Glück. Drittens konnte kein für den Bereich seiner Herrschaft erlassenes Gebot umgestoßen werden; es stand fest für immer.

Das sind in der Tat Anmaßungen. Sie gehen über alles Maß hinaus in dem Bestreben des Menschen, sich selbst als Gott darzustellen. Und wir wissen, daß dieser Geist wirksam bleiben wird, bis die Zeiten der Nationen vorüber sein werden und der Heide seine Ungerechtigkeit voll gemacht hat.

Gott wirkt in wunderbarer, aber geheimer Weise

Nun aber beginnt die Hand Gottes ihre Wunder zu tun inmitten all der Festlichkeiten und dem Gepränge, womit das Buch seinen Anfang nimmt. Die Freude des königlichen Gastmahls wird gestört: ein Flecken entstellt die schöne Form, in welche sich all diese Größe und Pracht kleidet. Die heidnische Königin weigert sich, der Gelegenheit zu Willen zu sein und zu diesem Tage allgemeiner Freude ihren Beitrag zu bringen. Dies führt dahin, daß das jüdische Volk in den Vordergrund tritt und schließlich zum Hauptträger der Handlung wird, bis es am Ende über alle Gedanken und jede Berechnung hinaus auf Erden hervorragt.

Der Anfang war unscheinbar, der Anlaßarm und gering. Vastis Laune, die sie zu einem Verhalten verleitete, das ihr Leben in Gefahr brachte, war das "kleine Feuer", welches einen "so großen Wald" anzündete. Was könnte bedeutungsloser sein, als die Laune eines hoffärtigen Weibes? Und doch läßt Gott Ergebnisse daraus hervorgehen, die damals nur Ihm selbst im Plan bekannt waren, deren Erfüllung aber an dem kommenden Tage jüdischer Herrlichkeit geschaut werden wird.

Vasti wird abgesetzt. Sie wird verworfen als das Weib des Persers, und andere werden gesucht, würdigere als sie, um ihren Platz einzunehmen.

Die Juden inmitten der Heiden (Nationen)

Damit mag wohl die Frage laut werden: Inwieweit darf ein Jude eine derartige Gelegenheit zu seinem Vorteil auszubeuten suchen? Kann Heiligkeit sich die Verderbtheit zunutze machen? Kann das Volk Gottes sein Nasiräertum, seiner Absonderung zu Ihm hin, vergessen? Nein; und doch willigt Esther ein, in dieser Zeit vor den König zu treten, als wenn sie mit all den Töchtern seiner unbeschnittenen Untertanen in Gemeinschaft stände!

Dies mag uns wohl in Erstaunen setzen, wenn wir die Dinge durch irgend ein Licht beurteilen, daß weniger rein und durchdringend ist als dasjenige, in welchem Gott selbst wohnt. Das Sittlichkeitsgefühl des Menschen, der Urteilsspruch gesetzlicher Verordnungen, die Stimme des Berges Sinai selbst, alles das genügt zu Zeiten nicht. Wir müssen im Lichte wandeln, wie Gott im Lichte ist. Wir müssen Einsicht haben in "die Zeiten", wie einst Issaschar, bevor wir wissen können, "was Israel tun muß". (Vgl. 1.Chron.12,32)

Hatten nicht einst auch Männer aus Bethlehem-Juda sich moabitische Weiber genommen, ohne dafür getadelt zu werden? War nicht selbst Joseph in seiner Heirat von der Heiligkeit Abrahams abgewichen, und Moses von den Verordnungen des Gesetzes? War nicht Rahab, obwohl eine Tochter der Unbeschnittenen, von Juda aufgenommen worden und so, dem Fleische nach, eine Stammutter von Davids Herr geworden? Und hatte nicht Simson ein Weib von Timna genommen, das zu dem Gebiet der Philister gehörte?

Das Volk Gottes befand sich bei Gelegenheit dieser besonderen Ereignisse nicht in dem richtigen, ordnungsmäßigen Zustande; darin findet das Geschehene seine Rechtfertigung. Das Licht göttlicher Weisheit tritt in solchen Zeiten gleichsam an die Stelle der Verordnungen. Die Juden befanden sich zur Zeit Esthers in der Zerstreuung. Joseph war, wenn wir es so ausdrücken wollen, wieder in Ägypten, Mose in Midian und die Söhne von Bethlehem-Juda in Moab; und Esther bleibt dafür, daß sie zum König geht, geradeso ohne Tadel, wie Joseph für seiner Heirat mit Asnath, oder Mose für seiner Ehe mit Zippora, oder Machlon für seine Verbindung mit Ruth. Sie alle stehen in diesen Dingen eben so vorwurfsfrei vor Gott dar, wie David, als er die Schaubrote aß. Ja, diese Dinge waren von Gott, wie Simsons Heirat mit einer Tochter der Philister deutlich so anerkannt zu werden scheint. (Vgl. Richt. 14,4)

Seltsamerweise wird also der Jude, wie wir in dem Vorstehenden sahen, wichtig für die herrschende Macht, und zwar in noch höherem Maße, als ich bis jetzt zu bemerken Gelegenheit hatte: er wird wichtig für des Königs Sicherheit sowohl, als auch für sein Glück. Mordokai wird der Beschützer des Königs, wie Esther sein Weib geworden war. Hierüber gibt uns das Ende des zweiten Kapitels Bericht. Der König wird beiden Personen gegenüber zum Schuldner. Trotz all seiner Größe und den Quellen des Glücks und der Kraft, welche mit seiner Größe in Verbindung standen, wird er ein Schuldner der Zerstreuten von Juda. Sie erlangen Wichtigkeit für ihn. Sein Herz und sein Kopf, wenn ich mich so ausdrücken darf, müssen dies anerkennen.

Haman, der Amalekiter

Doch noch eine andere Person tritt auf den Schauplatz. Wenn einerseits der Jude in ungewöhnlicher Weise persönliche Gunst und Annahme bei dem König findet, wird andererseits sein Feind mit gleicher Ungewöhnlichkeit zu einer hohen und geehrten Stellung erhoben, die ihn in den Stand setzt, seine feindseligen Gelüste zu befriedigen. Ein Amalekiter ist dem König an Würde und Herrschaft am nächsten! Über alle Fürsten des Landes wird Haman, der Agagiter, erhoben; warum, wird uns nicht gesagt. Wir hören betreffs seiner nichts von hervorragender Tüchtigkeit oder von besonderen Diensten, die er dem König erwiesen hätte. Anscheinend ist einfach das königliche Belieben die Ursache von allem. Für das Volk war er ein Fremder, der von weit her kam, und dessen Nationen nahezu vergessen war; der Abkömmling einer Nation, die einst in den Kindheitstagen der Völker an hervorragender Stelle gestanden hatte, jetzt aber gleichsam aus den Blättern der Geschichte gestrichen war. Andere, die in ihrem Auftreten weit stolzer und gewaltiger waren, als Amalek es je gewesen, der Assyrer, der Chaldäer und nunmehr der Perser, hatten ihn völlig in den Schatten gestellt. Und doch erscheint dieser Amalekiter jetzt vor uns als der Zweite neben Ahasveros, dem Perser. An Würde, Stellung und Macht hat Haman nur noch einen über sich.

Ein Wiedererstehen des alten Amalek

Das ist in der Tat eine seltsame Erscheinung. Der große Feind Israels aus der Zeit, da das Volk noch in der Wüste weilte, erscheint hier, wo Israel sich in der Zerstreuung befindet, in demselben Charakter wie damals. (Vgl. 2. Mose 17) Es ist seltsam, einen Amalekiter dem persischen Throne zunächst stehend zu finden. Das Herz des großen Königs jener Tage wandte sich ihm zu und versetzte ihn in eine Stellung, die ihn fähig machte, die Rolle des alten Amalek weiter zu spielen in seiner anmaßenden Herausforderung Gottes und der Feindschaft gegen Sein Volk. Wer hätte das je erwartet? Der Name Amalek sollte unter dem Himmel verschwinden, und von den Tagen Davids an bis zu jenem Augenblick war dieses Volk, wie man wohl sagen darf, kaum gesehen worden. Nun aber kommt es wieder zum Vorschein, wir wissen kaum, wie; und bald steht es in einer Kraft und Blüte da, wie in seinen besten Tagen.

Ich wiederhole, das ist sehr merkwürdig. Es ist gleichsam ein Wiedererstehen, ein Wiederaufleben aus dem Tode, dem Tiere gleich, dessen Todeswunde geheilt wird, und von dem es heißt: "welches war und nicht ist und da sein wird". (Vgl. Offbg. 13 und 17)

Haman, der Vertreter des großen Widersachers der letzten Tage

Der Agagiter tritt auf als der Vertreter des großen Widersachers, des stolzen Abtrünnigen, welcher Gott, Seinem Volke und Seinen Absichten widersteht. Solche Personen hat es zu allen Zeiten gegeben. Er ist das Vorbild jenes mächtigen Abtrünnigen, der am Tage des Herrn zu Fall kommen wird. Nimrod, in den frühesten Tagen des 1. Buches Mose, stellt ihn dar, der Pharao in Ägypten desgleichen, ebenso Amalek in der Wüste und Abimelech zur Zeit der Richter; hier, in der Zerstreuung, ist es Haman, und später, im Neuen Testament, Herodes. Selbsterhebung, ungläubiger Stolz, Verweigerung jeder Gottesfurcht, verbunden mit einer eingewurzelten Feindschaft gegen Sein Volk, das sind die Kennzeichen, die wir, in ihrer Gesamtheit oder doch teilweise, bei jedem dieser Männer wiederfinden. In der vollen Form eines frechen, schrecklichen Abfalls werden sie jedoch in der Person des Tieres ihren Ausdruck finden, welches mit seinen Verbündeten am Tage des Herrn oder beim Gericht der Lebendigen sein Ende finden wird. Die Propheten haben von ihm geredet als dem "Glanzstern, dem Sohn der Morgenröte", als dem "Fürsten von Tyrus" und, wie wir wohl annehmen können, als dem "Tor, der in seinem Herzen spricht: Es ist kein Gott!" sowie unter manchen anderen Bezeichnungen. Die Offenbarung zeigt uns den Abtrünnigen, wie schon erwähnt, unter der Gestalt eines Tieres, welchem der falsche Prophet ein Bild machen läßt, damit es angebetet und bewundert werde von seiten der ganzen Welt, und welches sein Malzeichen wie einen Brand in die Stirn eines jeden Menschen drückt, so daß niemand kaufen und verkaufen kann, als nur die, welche das Malzeichen, den Namen oder die Zahl des Tieres, tragen.

Der Widersacher denkt, doch Gott lenkt!

Weiter können wir bemerken, daß die Absicht wie auch die Person des großen Widersachers der letzten Tagen in diesem großen Haman ihren Ausdruck findet. Er muß das Blut aller Juden haben; sein Herz ist nicht zufrieden mit dem Leben des einen, der ihm die geforderte Ehrerbietung verweigert hatte. Er muß die Seelen des ganzen Volkes haben. Aus ihm weht der Geist des Feindes Israels, welcher dereinst sagen wird: "Kommet und lasset uns sie vertilgen, daß sie keine Nation mehr seien, daß nicht mehr gedacht werde des Namens Israels!" (Ps. 83) Der Amalekiter und sein Anhang werfen das Los, das Pur, nur um den Tag zu bestimmen, an welchem die Vertilgung vor sich gehen soll. Aber Gott sei Dank! wir wissen, das Los kann "in dem Busen geworfen werden, aber all seine Entscheidung kommt von dem Herrn". (Spr. 16,33) So war es auch hier. Elf lange Monate, vom dreizehnten des ersten Monats bis zum dreizehnten des zwölften Monats, d. i. von dem Tage an, an welchem das Los geworfen wurde, bis zu dem Tage, an welchem es entschied, daß das Hinschlachten des Volkes stattfinden sollte, werden gegeben, um Gottes Pläne für Sein Volk und dessen Widersacher zur Reife kommen zu lassen.

Dies redet mit deutlicher, lauter Stimme zu unseren Ohren. Zwar vernehmen wir nichts von einer Botschaft, aber wir hören die Stimme. Der Name Gottes wird nicht einmal genannt, aber alles ist das Werk Seiner Hand und der Ratschluß Seines Herzens.

Haman findet keinen Widerstand von seiten seines Herrn, des Königs. Er sagt ihm, unter den Völkern seines Reiches wohne ein Volk zerstreut und abgesondert, daß er nicht bestehen lassen dürfe, weil die Gesetze desselben von denen jedes anderen Volkes verschieden seien. Siehe da das Geheimnis der Feindschaft der Welt von damals und von heute! "Diese Menschen verwirren ganz und gar unsere Stadt und verkündigen Gebräuche, die uns nicht erlaubt sind anzunehmen, noch zu tun." (Vgl. Apstgsch. 16, 20.21) Der Wunsch Hamans wird erfüllt, und der grausame Befehl geht von dem Palast zu Susan aus. In Eile nimmt er seinen Weg zu allen Teilen der Welt, dem Bereich der großen "Brust von Silber". Infolge dessen kommt die ganze jüdische Nation unter das Todesurteil.

Mordokai, der Vertreter des Überrestes

Der Befehl muß auch zu den zurückgekehrten Gefangenen gelangt sein, denn Judäa war zu jener Zeit eine Provinz des persischen Reiches. Sie alle mußten lernen auf Ihn zu vertrauen, der die Toten ins Leben zurückruft, der das Nichtseiende ruft als Seiend, und der in dieser Welt in Auferstehungsmacht handelt. Der Überrest von Israel mußte lernen, in den Fußstapfen des Glaubens seines Vaters Abraham zu wandeln. Der Glaube mußte geübt werden, denn der Herr wollte sich für eine Weile nicht offenbaren, obwohl Er an Sein Volk dachte und es beschirmte, ohne dabei aus Seiner Verborgenheit herauszutreten. Damit ist der Augenblick für Mordokai gekommen, um auf dem Schauplatz zu erscheinen als der Vertreter dieses Überrestes, als der Besitzer jenes Abraham ähnlichen Glaubens in einer schweren Stunde. Die Gottesfurcht dieses treuen und geehrten Mannes zeigt sich zunächst in seiner Weigerung, sich vor dem Amalekiter niederzuwerfen. Schon die gewöhnliche, allen gemeinsame Pflicht, nur den wahren Gott, den Gott Israels, anzubeten, würde ihm das verboten haben. Aber Mordokai hatte einen weiteren Grund zu seinem Verhalten. Sollte wohl ein Jude sich vor einem Abkömmling jenes Stammes niederbeugen, von welchem der Gott der Juden erklärt hatte, daß Er Krieg auf immerdar mit ihm führen werde? Sollte er sich niederwerfen vor einem Mann, der, anstatt vor dem Herrn des Himmels und der Erde in den Staub zu sinken, aufgestanden war, um die Mach Gottes zu verhöhnen, ja, um Sein Volk vor Seinem Angesicht zu vertilgen.

Mordokai, ein treuer Kämpfer Gottes

Mordokai bringt durch dieses Verhalten sein Leben in die größte Gefahr. Aber sei es so. Das kann sein Tun nicht im geringsten beeinflussen. Seine Gesinnung ist dieselbe wie die seiner drei Brüder, Sadrach, Mesach und Abednego, welche einem früheren Haman antworten konnten: "Wir halten es nicht für nötig, dir ein Wort darauf zu erwidern. Ob unser Gott, dem wir dienen, uns aus dem brennenden Feuerofen zu erretten vermag, - und Er wird uns aus deiner Hand, o König, erretten, - oder ob nicht, es sei dir kund, o König, daß wir deinen Göttern nicht dienen und das goldene Bild, welches du aufgerichtet hast, nicht anbeten werden!"

Das ist an und für sich wahrhaft schön; aber noch schöner wird es, wenn wir es in der Verbindung betrachten, in welcher es steht. Denn erst die harmonische Vereinigung verschiedener Züge macht die Vorzüglichkeit eines Charakters aus. Wir müssen "männlich und stark sein", und doch muß "alles bei uns in Liebe geschehen". In Ihm, bei welchem alles von vollkommener sittlicher Schönheit war, gab es keinen Zug, der nicht zu einem anderen gepaßt hätte; alles stimmte zu einander, die Verbindung war vollkommen. Bei Mordokai erblicken wir Ähnliches. Bei ihm geht Güte mit Gerechtigkeit gepaart. Er hatte seine Liebe und Herzensgüte darin bewiesen, daß er seine verwaiste Nichte erzog, gerade so als ob sie sein eigenes Kind gewesen wäre. Und jetzt ist er treu und unbeugsam. Hatte er vordem in Liebe und Barmherzigkeit gehandelt, so zeigt er sich jetzt als ein Mann. Er erweist die durch das Gebot bis Königs geforderte Ehrenbezeugung nicht, obgleich er damit sein Leben aufs Spiel setzt.

Esther 4 bis 7

Die mannigfachen Seelenübungen, wie wir sie in diesen Kapiteln bei Esther und Mordokai wahrnehmen, sind ein Gegenstand von großem Interesse. Die Hand und der Geist Gottes wirken hier miteinander in der Geschichte Israels, und zwar in derselben wunderbaren Weise, wie sie uns in den Psalmen und in den Propheten entgegentritt. Gottes Hand gestaltet die Umstände, der Geist bildet den Sinn. Von diesen beiden Dingen, mit denen sich ein sehr großer Teil des prophetischen Wortes beschäftigt, erhalten wir hier lebendige, persönliche Illustrationen in den Herzensübungen, durch welche wir diese beiden Heiligen Gottes hindurchgehen sehen, sowie in den wunderbaren Umständen, durch welche sie geführt werden.

Mordokai, ein Mann des Glaubens

Nachdem der verhängnisvolle Befehl erlassen ist, zerreißt Mordokai seine Kleider, fastet und legt Sacktuch an. Dabei rechnet er aber doch auf Befreiung. Eine solche Verbindung ist kostbar. Im Leben des Elia finden wir auch ein Beispiel davon. Er wußte, daß der Regen kommen würde; aber trotzdem wirft er sich zur Erde nieder und tut sein Angesicht zwischen seine Kniee, wie einer, der sich in "inbrünstigem Gebet" befindet. (Vgl. 1. Kön. 18; Jak. 5,16-18) Der Herr selbst gibt uns ein zweites Beispiel. Er weiß und bezeugt, das Er im Begriff steht, Lazarus vom Todesschlafe aufzuwecken; aber Er weint, wenn Er sich dem Grabe nähert. Ähnlich ist es hier mit Mordokai. Er will von seiner Trauer nicht ablassen. Er weist auch jeden Trost zurück, so lange der Befehl gegen sein Volk bestehen bleibt, obwohl er ganz fest auf Befreiung in der einen oder anderen Weise rechnet. Das ist eine andere jener Verbindungen, welche zur Bildung eines Charakters von sittlicher Schönheit notwendig sind, und wovon wir bereits ein Beispiel in diesem Israeliten "sonder Trug" wahrgenommen haben.

Esther ist, als das schwächere Gefäße, ebenso schön in ihrem Geschlecht. Wohl mag sie nötig haben, von Mordokai gestärkt zu werden; aber ihr Mitgefühl für die Not ihres Volkes ist zart und tief. Sie sieht Schwierigkeiten und fühlt Gefahren, und eine Zeitlang redet sie von ihren Umständen. Aber darin liegt nichts Verkehrtes. Sie sagt Mordokai, welch ein Wagestück es sei, wenn sie unaufgefordert in die Gegenwart des Königs trete. Ich wiederhole, es war nicht verkehrt, so von ihren Umständen zu reden, obwohl Schwachheit sich darin offenbaren mochte. Aber Mordokai tritt ihr, als das stärkere Gefäß, mit einem Rat zur Seite, und er erscheint als einer, der in der Sache Gottes und Seines Volkes über Umständen und menschlichen Gefühlen steht. Er sendet Esther, trotzdem er sie so lieb hatte, eine Antwort, die keinen Einspruch erlaubt; und sein Herz ist ruhig und fest inmitten der Gefahren. Er thront gleichsam auch auf Wasserfluten, in der kostbaren Macht Dessen, der die Wogen für uns betreten hat. Es gibt, wenn ich mich so ausdrücken darf, in dem Opfer, das er darbringt, weder Sauerteig noch Honig. Er geht nicht mit Fleisch und Blut zu Rate, noch blickt er auf die höher und höher steigenden Gewässer. Sein Glaube ist siegreich, und das schwächere Gefäß wird durch ihn gestärkt. Esther entschließt sich, zu dem König hineinzugehen. Wenn sie umkommt, so kommt sie um; aber sie fühlt sich durch die erhaltene Belehrung im Stande, alles für Ihr Volk zu wagen. Dabei "achtet" sie, obwohl sie unter der Prüfung nicht "ermattet", dieselbe doch auch nicht "gering". Sie wünscht, daß Mordokai und alle ihre Volksgenossen in demütigem, abhängigem Geist vor Gott für sie beschäftigt seien, auf daß sie Gnade erlange und ihr Weg in die Gegenwart des Königs seinen Zweck erfülle.

Esther – „meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht“

Demzufolge begibt sie sich am Ende des dreitägigen Fastens, ihr Leben aufs Spiel setzend, in den inneren Hof des Königshauses, wo der Herrscher auf seinem königlichen Throne sitzt. Doch die Herzen der Könige sind in der Hand des Herrn. Das zeigt sich auch hier. Esther erlangt Gnade in den Augen des Ahasveros, und er reicht ihr das goldene Szepter.

Darin war alles eingeschlossen. Der Ausgang der ganzen Angelegenheit war damit gegeben. Alles hing von der Bewegung des goldenen Szepters ab. Es war Gottes Ratschluß, Sein Wohlgefallen, Seine unumschränkte Gnade, welche alles ordnete. Das Volk war gleichsam schon gerettet. Das Szepter hatte alles zu Gunsten der Juden und zum Verderben ihrer Widersacher entschieden, mochten diese auch noch so hoch und mächtig, noch so zahlreich und listig sein. Gott hatte die Sache in Seine Hand genommen. Und wenn Er für uns ist, wer könnte dann wider uns sein? "Sei fern von Angst", so sprach der Herr auch hier zu Seinem Volke, "denn du hast dich nicht zu fürchten, und von Schrecken, denn er wird dir nicht nahen. Siehe, wenn man sich auch rottet, so ist es nicht von mir aus; wer sich wider dich rottet, der wird um deinetwillen fallen. Siehe, ich habe den Schmied geschaffen, der das Kohlenfeuer anbläßt und die Waffe hervorbringt, seinem Handwerk gemäß; und ich habe den Verderber geschaffen, um zu zerstören. Keiner Waffe, die wider dich gebildet wird, soll es gelingen; und jede Zunge, die vor Gericht wider dich aufsteht, wirst du schuldig sprechen." (Jes. 54,14-17)

Esther nahte herzu und rührte das Szepter an. Sie machte Gebrauch von der Gnade, die sie besucht hatte; aber sie tat es in aller Ehrerbietung, und das Szepter blieb sich treu. Es erweckte keine Hoffnungen, die es auch nicht zu verwirklichen bereit war. Es hatte bereits von Frieden zu ihr geredet; und Friede, weit mehr als Friede, sollte ihr zu teil werden. "Was ist dir, Königin Esther?" sagt Ahasveros zu ihr, "und was ist dein Begehr? Bis zur Hälfte des Königreichs, und sie soll dir gegeben werden!"

Das ist sehr gesegnet. Ich wiederhole, das Szepter blieb sich selbst treu. Welch eine Wahrheit finden wir hierin zum Ausdruck gebracht! Die Verheißung Gottes und das Werk des Herrn Jesu, sie gleichen diesem Szepter. Sie sind Pfänder, die uns unter der gütigen Hand unseres Gottes zum voraus gegeben sind, und die Ewigkeit wird sich ihnen treu erweisen; ja, endlose Zeitalter der Herrlichkeit, Zeugen des vollendeten Heils, werden sie einlösen. Nichts ist zu groß für die Einlösung solcher Pfänder, wie hier das halbe Königreich der Esther zu Füßen gelegt wird.

Esther, ein Zeugnis von der vollkommenen Weisheit Gottes

Die Art und Weise indes, wie Esther von der ihr so gebotenen Gelegenheit Gebrauch macht, ist eine der herrlichsten und köstlichsten Früchte des Lichtes und der Kraft des Geistes, welche wir unter den vielen Wundern entdecken, die Gottes Meisterhand uns in diesem Buche vor Augen führt.

Anstatt um die Hälfte des Königreichs zu bitten, anstatt sogleich das Haupt des gewaltigen Amalekiters zu fordern, ersucht sie nur darum, daß der König und Haman zu einem von ihr bereiteten Male kommen möchten. Das ist in der Tat merkwürdig! Wer hätte eine solche Verwertung eines nahezu unbeschränkten Versprechens erwartet? Die Bitte erinnert uns an die Antwort, welche der göttliche Meister selbst, Er, der "die Weisheit Gottes" ist, dem samaritischen Weibe gab. Sie bat um das lebendige Wasser, und Er forderte sie auf, ihren Mann herbeizuholen. Schien das nicht unerklärlich seltsam zu sein? Aber es war, wie wir wissen, ein Strahl des reinsten Lichtes, der von der Quelle des Lichtes selbst ausging. Ähnlich ist es hier. Die Bitte Esthers war wirklich seltsam. Aber sie war, wie wir gleich sehen werden, nichts Geringeres als ein Zeugnis von der vollkommenen Weisheit des Geistes, der diese Frau erleuchtete und leitete. Es war der Weg, um den großen Widersacher zur vollen Ausreifung seines Abfalls zu bringen, zur Erreichung jenes mächtigen Höhepunktes von Stolz und Selbstbefriedigung, von welchem ihn herabzustürzen die Hand Gottes von Anfang an Vorbereitungen getroffen hatte. Esther handelte unter der Leitung des Geistes in ähnlicher Weise mit Haman, wie die Hand Gottes einst mit dem Pharao in Ägypten gehandelt hatte. Das Gefäß des Zornes bereitet sich wieder selbst zum Gericht zu (vgl. Röm. 9,22), und es muß von einer Höhe herabgestürzt werden, zu welcher seine eigenen Lüste und der Gott dieser Welt es hinaufgetrieben haben. Esther wird in Gottes Hand das Werkzeug, welches ihm Gelegenheit gibt, seinen Abfall voll zu machen. Sie zeigt sich hier in wunderbarer Weise in das Geheimnis aller dieser Dinge eingeweiht. Auch am zweiten Tage bittet sie Haman und den König zum Mahle, nur diese beiden miteinander. Damit war die schwindelnde Höhe erreicht, von welcher der Abtrünnige fallen sollte.

Er kann alles dieses nicht ertragen. Es ist zu viel für ihn. Sein Herz ist überladen; befriedigter Stolz hat es bis zum Überlaufen gesättigt. Er kann sich nicht bezwingen. Gerade seine Verderbtheit treibt ihn auf dem Wege der Natur weiter. Aber so ist es stets. Es war naturgemäß, daß er alle seine Herrlichkeiten seinem Weibe und seinen Freuden kundtat. Fleisch und Blut vermögen so etwas zu schätzen, und der Stolz muß so viele Schmeichler und Verehrer um sich haben sie nur möglich. Zugleich verlangt er aber auch seine Opfer. Da Mordokai sich immer noch weigert Haman die Ehre zu erweisen, die er verlangt, wird ein fünfzig Ellen hoher Galgen aufgerichtet, an den er gehängt werden soll.

Jede verborgene Sache findet den Tag ihrer Offenbarwerdung.

Das was Mordokai seiner Zeit dem König über seine beiden Kämmerer Bigthana und Teresch berichtet hatte, muß jetzt, nachdem es bis dahin vergessen oder wenigstens unbeachtet geblieben war, wieder ins Gedächtnis kommen. So werden auch die Tränen, die Küsse und die Salbe der liebenden Sünderin in Luk. 7 und die entsprechenden Vernachlässigungen des Pharisäers für einen Augenblick stillschweigend übergangen; aber sie kommen alle ans Licht, ehe die Szene schließt. Denn es ist nichts verborgen, das nicht offenbar werden wird. Gott läßt nichts unbeachtet vorübergehen. Mordokais Tat bleibt nicht auf immer vergessen. Sie kommt zu ihrer vollen Anerkennung, und das sogar angesichts des großen Widersachers, geradeso wie das liebende Tun der Sünderin ausführlich vor den Ohren ihrer Ankläger wiedererzählt wird. (Luk. 7,36-50)

Die Nacht nach dem ersten Mahle der Königin Esther verlief schlaflos für Ahasveros. Denn wie Gott Seinen Geliebten den Schlaf gibt, so hält Er zu Zeiten auch die Augen der Menschen für sie offen durch Gedanken des Hauptes auf ihrem Lager. Indem Er Unterweisung gibt durch Gedanken zur Nachtzeit, beschäftigt Er sich mit den Herzen der Menschenkinder. So war es auch hier. Der schlaflose König fordert das Gedächtnisbuch der Chroniken, in welchem die Tat des Mordokai aufgezeichnet war, und liest nun den Bericht über das, was sich einige Jahre vorher zugetragen hatte. Und so wie es wahr ist, daß "der Mensch alles was er hat für sein Leben gibt", so dünkt auch hier den König bei der unerwartete Entdeckung der Tat des Mordokai, durch welche sein Leben bewahrt worden war, nichts zu hoch oder zu ehrenvoll für seinen Retter.

Kein Zufall, sondern alles Gottes Plan

Doch stehen wir hier einen Augenblick still, um die wunderbare Verkettung der Umstände in dieser Geschichte zu betrachten. Da ist Haupt- und Nebenplan, ein Rad inmitten eines Rades, wie wir es ausgedrückt finden (vgl. Hes.1,16), ein Umstand abhängig vom anderen; und alles und jedes wirkt zusammen, um die wunderbaren Werk Gottes zu vollführen.

Da finden wir in dieser Geschichte das merkwürdige Auftauchen von Jude und Amalekiter nebeneinander. In der Tat, eine seltsame Erscheinung, wie ich es schon früher hervorgehoben habe. Jude und Amalekiter treten auf in dem fernen persischen Reiche, und zwar befinden sich beide in Stellungen der Gunst und Autorität vor dem dortigen Königsthron. Dann begegnen sich Vastis Laune und Esthers Schönheit. Weiter fällt die Tatsache auf, daß Mordokai als Einziger von dem Anschlag gegen das Leben des Königs vernimmt. Dann bestimmt das Los den Tag für die Ermordung der Israeliten, aber so, daß noch elf Monate übrigbleiben, um Pläne zur Reife kommen und Änderungen eintreten zu lassen. Da wird ferner das Herz des Königs bewegt, Esther das goldene Szepter entgegen zu reichen. Ferner sehen wir die Schlaflosigkeit des Ahasveros und seine auf das Gedächtnisbuch der Chroniken gerichteten Gedanken. Und schließlich muß Haman gerade zu diesem besonderen Zeitpunkt den Hof des Palastes betreten.

Welch eine innige Verwebung von Kette und Einschlag zeigt sich in diesem allem! Welch eine Einfädelung von Umständen, und wie geht schließlich aus allem ein so seltenes, farbenprächtiges Gewebe hervor; und doch tritt, wie wir gesehen und bereits gesagt haben, Gott in all der Zeit nicht hervor, ja, Sein Name wird nicht einmal genannt!

Wie gesegnet ist auch dies! Befriedigt durch das Werk Seiner Hand und in den Ratschlüssen Seines Geistes, kann der Herr eine Zeitlang verborgen bleiben, ohne an die Öffentlichkeit zu treten oder die Ihm gebührende Verehrung zu empfangen. Wir sind auf unserem Pfade zu etwas Ähnlichem berufen. Wir sollen unser eigenes Werk prüfen, an uns selbst allein Ruhm haben, und nicht an den anderen (Gal. 6,4), ohne unsere Geheimnisse auszuplaudern, oder die Blicke unserer Mitbrüder auf uns zu lenken. Es ist wahrlich groß, ungesehen zu wirken, unbeachtet zu dienen. O über die tiefen Ratschlüsse jener Weisheit, die das Ende von Anfang an kennt, und über das wunderbare Wirken jener Hand, welche selbst die Herzen von Königen lenken kann, wie es ihr gefällt!

Haman fällt.

Eine sprichwörtliche Redensart sagt: Wer kann voraussehen, was ein Tag gebiert? Das sehen wir auch in Hamans Geschichte. Schon ehe das Mahl des zweiten Tages beginnt, stehen Seresch und die Freunde einem ganz anderen Harman gegenüber, als dem, welchen sie nach Beendigung des ersten begrüßt hatten. Haman fällt; und wie fällt er! Wir müssen ein wenig dabei verweilen, um von dem Charakter dieses großen Ereignisses genaue Kenntnis zu nehmen; so wichtig ist es für die Darstellung des Gerichts Gottes.

Haman fällt tief

1. Es wurde der Größe Hamans gestattet, so zuzunehmen und zu wachsen, damit er in der Stunde des höchsten Stolzes, der höchsten Vermessenheit fiele.

Das ist überaus lehrreich; denn so war Gottes Weise von jeher. Den Erbauern des Turmes zu Babel wurde erlaubt, ihr Werk fortzusetzen, bis sie ein Wunder daraus machten. Nebukadnezar wurde Zeit gegeben, seine große Stadt zu vollenden. Das Tier in der Offenbarung wird solange Gedeihen haben, bis die ganze Welt sich hinter ihm her verwundert. So wird auch hier Haman getragen, bis er auf dem Gipfelpunkt seiner Macht angelangt ist. Im Augenblick der stolzesten Erhebung sucht das Gericht Gottes alle diese heim. Auch Herodes, als ein weiteres Beispiel, wurde von Gott geschlagen und starb, als das Volk ihm zurief: "Eines Gottes Stimme, und nicht eines Menschen!" (Vgl. Ps.37, 34.36)

Haman fällt in seiner eigenen Schlinge

2. Haman wird in seiner eigenen Schlinge gefangen. Die Ehrung, die er sich selbst zugedacht hatte, wird Mordokai zuteil, und an den Galgen, den er für Mordokai errichtet hatte, wird er selbst gehängt.

Das enthält ebenfalls eine Belehrung für uns. Denn auch dies war Gottes Weise und wird es fernerhin sein. Daniels Ankläger werden in die Grube geworfen, welche sie für ihn bestimmt hatten; und die Feuerflamme tötete die Männer, welche die Kinder der Gefangenschaft in den feurigen Ofen warfen. Und so finden wir das Schicksal der Widersacher und Abtrünnigen der letzten Tage in der Geschichte dieser Welt vorhergesagt: "Er läßt ihre Ungerechtigkeit auf sie zurückkehren". (Vgl. Ps. 7, 9 ,10 , 35 ,57 , 141 usw.) Satan selbst, der die Gewalt des Todes hat, wird durch den Tod überwunden. (Hebr. 2,14)

3. Haman fällt plötzlich.

So wird es dem letzten großen Feinde ergehen. Das Gericht des Herrn wird kommen wie ein Dieb in der Nacht, wie der Blitz, der von Osten ausfährt und bis gen Westen leuchtet. "In einer Stunde", heißt es von dem Babylon der Offenbarung, "ist ihr Gericht gekommen." Die Gerichte über die Welt vor der Flut und über die Städte der Ebene fanden in gleicher Weise statt; sie sind, gleich dem Fall des Agagiters, Vorbilder von einem kommenden Gericht.

4. Haman fällt ganz und gar

Sein Untergang ist ein vollständiger.

Dasselbe Schicksal wird den großen Feind und mit ihm diesen gegenwärtigen Zeitlauf treffen.
Die Nachkommen des Verräters werden ausgerottet (vgl. Ps.109), die Kindlein Edoms hingeschmettert an den Felsen (Ps.137), Hamans Söhne sämtlich nach ihm gehängt; sie alle zeigen im Bild den gänzlichen Fall und die Vernichtung alles dessen, was sich jetzt wider Gott erhebt, die Reinigung von allem durch den Besen des göttlichen Gerichts. Der "Mühlstein" in Offenbarung 18 sagt es uns, und Prophezeiung auf Prophezeiung hat es seit langem angekündigt.

Der Sturz des großen Amalekiters ist in all den Zügen, die bei ihm hervortreten, voll vorbildlicher Bedeutung. Wir leben in einer Zeit der Weltgeschichte, die seine Person besonders bedeutungsvoll und belehrend für uns macht. Täglich können wir beobachten, wie der Herrn die Absichten der Welt immer mehr ihrer Vollendung näher kommen läßt, wie Er ihr erlaubt, alle ihre erstaunlichen Reize zu entfalten und ihr ganzes System zu entwickeln, bis sie schließlich, gleicht dem Turme zu Babel, die strafende Heimsuchung des Himmels auf sich herabzieht. Plötzlich, in einem Augenblick, und völlig wird das Werk des Gerichts vor sich gehen, und dann wird nicht eine Spur - wie herrlich ist es, das sagen zu können! - von der Welt des Menschen übrigbleiben. Ihr Stolz und ihre Zügellosigkeit, mit allen ihren bösen Früchten, werden dahin sein, und eine Welt, die passend ist für die Gegenwart des Herrn der Herrlichkeit, wird in strahlendem Glanze dastehen.

Esther 8 bis 10

Das Buch Esther schließt mit der Befreiung der Juden gerade in dem Augenblick, als das Verderben über sie hereinzubrechen drohte, sowie mit ihrer Erhöhung im Reiche und der Beschreibung ihrer Freudenfeier.

Welch ein geheimnisvolles Wirken der Hand Gottes!
Welch ein geheimnisvolles Wirken der Hand Gottes haben wir in allem bisher Gesehenen wahrgenommen! Der Amalekiter, der große Widersacher, wird in der Stunde seiner stolzesten Erhebung zu Boden geschmettert, und sein Andenken wird gänzlich ausgetilgt; während der Jude, sein ersehntes und erwartetes Opfer, Befreiung aus aller Gefahr findet, als nur noch ein Schritt zwischen ihm und dem Tode war, worauf er zu Gunst und Ehren emporsteigt und seinen Platz unmittelbar neben dem Throne erhält.

Welch eine Geschichte! müssen wir wieder und wieder ausrufen. Wahr in allen ihren einzelnen Umständen, und zugleich von vorbildlicher Bedeutung, weil sie uns auf die letzten Tage der Geschichte der Juden und der ganzen Erde hin, auf jene Tage, von denen die Propheten immer wieder geredet haben, die Tage des Zusammenbruchs des Menschen der Erde und der Erhöhung des Volkes Gottes in Gottes Königreich.

Mordokai – der Jude erhält einen neuen Platz

Mordokai, anstatt wie bisher im Tore des Hofes zu stehen, tritt jetzt vor den König und erhält dessen Fingerring, das Zeichen von Amt und Gewalt. So erhält auch der Jude am Ende dieses Zeitalters seinen neuen Platz. Die ganze Schrift bereitet uns darauf vor, und hier sehen wir es bildlich dargestellt. Hiermit enden die geschichtlichen Schriften des Alten Testaments, und hiermit endet auch, vorbildlich, die Geschichte der Erde.

Die Hauptcharakterzüge in der Geschichte Israels, wie wir sie in den Propheten dargestellt finden, sind folgende:

1. Gegenwärtige Verwerfung der jüdischen Nation und Verbergen des Angesichts Gottes ihr gegenüber, verbunden mit ihrer durch die göttliche Vorsehung bewirkten Erhaltung inmitten der Völker der Erde.

2. Gegenwärtige Auswahl eines Überrestes und am Ende jene Buße, welche Israel, als Nation, ins Reich bringen wird.

3. Gericht ihrer Widersacher und Bedränger, Hand in Hand mit der Niederwerfung ihres großen ungläubigen Feindes.

4. Befreiung, Erhöhung und Segnung Israels in den Tagen des Reiches, wobei das Volk wieder die Führerschaft unter den Nationen in die Hand nehmen wird.

Diese vier Punkte, die zu den großen, von den Propheten behandelten Gegenständen gehören, finden wir auch in dem kleinen Buche Esther. Ich wiederhole deshalb: Dieser letzte alttestamentliche Bericht von dem Volke Israel versinnbildlicht und verbürgt ihre gegenwärtige Bewahrung während der ganzen Dauer der Herrschaft der Nationen, sowie ihre Herrlichkeit in den letzten Tagen, wenn das Gericht an ihren Feinden vollzogen werden wird.

Charakterzüge des kommenden Tausendjährigen Reiches

Verschiedene besondere Züge des kommenden Tausendjährigen Reiches finden sich gleicherweise hier dargestellt. Die Furcht vor den Juden fällt auf ihre Feinde, auf alle, welche um sie her wohnten, so daß diese von jedem Versuch, ihnen Schaden zuzufügen, abgehalten werden. Diese Erscheinung war in der Blütezeit des Volkes wahrgenommen worden, und sie ist durch die Propheten vorhergesagt als daß dereinstige Teil Israels. Susan, die Hauptstadt der heidnischen Welt in jenen Tagen, jauchzt über die Erhöhung des Juden; ebenso wird, wie alle prophetischen Schriften uns sagen, die ganze Welt fröhlich sein unter dem Schatten des Thrones Israels zur Zeit des zukünftigen Reiches. Viele von dem Volke des Landes wurden Juden; dasselbe lesen wir wieder und wieder als der Zukunft vorbehalten in den Propheten. So heißt es z. B. in Jes. 2,3: "Viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt und laßt uns hinaufziehen zum Berge Jehovas, zum Hause des Gottes Jakobs! Und Er wird uns belehren aus Seinen Wegen, und wir wollen wandeln in Seinen Pfaden. Denn von Zion wird das Gesetz ausgehen, und das Wort Jehovas von Jerusalem." Der Thron, welcher den Juden erhöht und seinen Bedrücker zu Fall gebracht hat, übt eine allumfassende Herrschaft aus, indem er dem Lande und den Inseln des Meeres eine Abgabe auferlegt; so wird auch der König in Zion "herrschern von Meer zu Meer, und vom Strome bis an die Enden der Erde".

Ahasveros – Bild der königlichen Autorität auf Erden

Hier, in unserem Buche, möchte ich noch hinzufügen, stellt Ahasveros die Macht oder die königliche Autorität auf Erden dar. Der Thron, auf welchem er saß, war damals der erste unter den Nationen. Er verkörpert gleichsam "die Macht" und stellt so, in einem schwachen Vorbilde, die Macht dar, welche in den zukünftigen Tagen des Reiches von einem göttlichen Haupte ausgeübt werden wird. Freilich entfaltete sich diese Macht in der Hand des Persers zuerst im Bösen, indem sie die gottlosen Plänen Hamans diente; aber hernach erhöhte sie den Gerechten. Jedenfalls stellt Ahasveros, wie gesagt, die Macht, die königliche Autorität auf Erden, dar. Wie Salomo in Jerusalem, so hat auch er persönlich Böses verübt. Wohl mag er Reue darüber empfunden haben, aber immerhin waren seine persönlichen Wege zwischen böse und gut geteilt. Nichtsdestoweniger finden wir in ihm in allgemeiner bildlicher Weise die Darstellung der Macht, und so ist er ein Schatten von Christo auf dem Throne der Herrlichkeit, jenem Thron, der die Welt in Gerechtigkeit richten wird.

Alles das ist voll vorbildlicher Schönheit und Bedeutung. Die Tage des Ahasveros und des Mordokai waren Tage Salomos und Tage der Prophezeiung, welche auf die Zeit des kommenden Tausendjährigen Reiches, der Herrschafts Gottes auf Erden und unter den Nationen, hinwiesen. Sie waren die Tagen Josephs in Ägypten vergleichbar. Mordokai in Persien nahm eine ähnliche Stellung ein wie Joseph in Ägypten. So enthält denn das erste wie das letzte geschichtliche Buch des Alten Testaments diese verschiedenen, aber verwandten Berichte von dem, was kommen wird zur Zeit des Endes und des Gerichts über die Reiche der Nationen.

Die Tage der Purim verherrlichen alles dieses. Sie feiern den Triumph nach dem Siege, die Freude des Reiches nach der Errichtung desselben. Die Juden legte es sich auf, dem Worte Mordokais und Esthers gemäß, den 14. und 15. Tag des zwölften Monats, des Monats Adar, zu Tagen des Gastmahls und der Freude zu machen, weil sie an diesen Tagen Ruhe erlangt hatten vor ihren Feinden und ihre Trauer sich in Freude, Glanz und Ehre verwandelt hatte. Die Purimtage erinnern uns an das Passah; sie verherrlichten die Befreiung vom Lande der Perser, wie das Passah die Befreiung vom Lande Ägypten darstellte. Oder, wenn man es lieber so will, die Purim waren ein zweiter Sang am Roten Meere, oder ein zweites Lied der Debora und des Barak nach der Vernichtung des Kanaaniters - eine kleine Probe von dem Gesang, der an dem gläsernen Meer erschallen wird (Offbg. 15), oder wiederrum, wenn man es lieber so will, von der Freude Israels in den zukünftigen Tagen des Reiches, wenn sie Wasser schöpfen werden aus den Quellen des Heils. (Vgl. Jes. 12) die Psalmen 124 und 126, welche für die zukünftigen Tage der Herrlichkeit und Freude Israels zuvor bereitet sind, atmen denselben Geist, der Israels in den Tagen Mordokais und Esthers beseelt haben muß.

Es ist lieblich und ermunternd, alles dieses zu verfolgen, diese immer wiederkehrenden vorbildlichen Erzählungen zu lesen, während wir noch auf dem Wege sind und auf den vollen Chor ewiger Harmonieen in Gegenwart der Herrlichkeit warten. Die Kirche in ihrem Kindesalter, wie wir sie in Apostelgeschichte 4 dargestellt finden, nimmt in diesem Geist Bezug auf den zweiten Psalm, geschaffen wie er ist für den Tag, an welchem Gottes König auf dem Berge Zion sitzen wird, nachdem der Feind seinen Untergang gefunden hat und die Könige der Erde gelernt haben, sich vor Ihm niederzuwerfen. Gott hat Wohlgefallen an Seinen Werken. "Denn du hast alle Dinge erschaffen, und deines Willens wegen waren sie und sind sie erschaffen worden", singen die vierundzwanzig Ältesten in Offenbarung 4. Er erhält daher die Werke Seiner Hände, als ihr Schöpfer. Er hat Wohlgefallen an den Ratschlüssen Seiner Gnade und Weisheit. Deshalb hat Er bis zu diesem Tage das Volk der Juden erhalten, und Er wird es erhalten, bis die Frucht Seiner Ratschlüsse in Seinem Reiche in die Erscheinung treten wird. Sein Reich wird sich auf den Ruinen und dem Gericht der Nationen aufbauen, und Christi Welt, "der zukünftige Erdkreis", wird glänzen in Herrlichkeit und Reinheit und Segnung, nachdem die "gegenwärtige böse Welt" zusammengefallen und hinweggetan sein wird.

Das Tausendjährige Reich – vorgebildet in der Geschichte und prophezeit durch die Propheten

Von diesem zukünftigen Reich, dem Tausendjährigen Zeitalter, haben die Propheten in der mannigfaltigsten Weise gesprochen; es ist aber auch von Anfang an in allen möglichen Arten von Vorbildern und ganzen oder teilweisen Abschattungen, in geschichtlichen Bruchstücken und dergleichen, dargestellt worden, so wie wir es z. B. hier am Schluß des Buches Esther erblickt haben. Verordnungen, Prophezeiungen und Geschichten - aller haben dazu auf ihre Art und Weise beitragen müssen:

Geschichtliche Vorbilder

Schon ehe die vor der Flut lebenden Heiligen diesen Schauplatz verließen, redete der Geist der Prophezeiung durch Lamech und rief ihnen ein die Erde betreffendes Verheißungswort zu: Zu seiner Zeit sollte Tröstung statt Fluch auf ihr sein. (S. 1. Mose 5)

In Noah, dem Menschen der neuen Welt, erblicken wir eine bildliche Erläuterung dieser Prophezeiung: nach dem Gericht durch die Flut ersteht die Erde gleichsam wieder in neuer, oder in Auferstehungs-Gestalt; ein Pfand, ein Vorbild von der Tausendjährigen Zeit, liegt also vor uns.

Das Land Ägypten unter der Regierung Josephs ist ein ähnliches Bild.

Unter dem Gesetz finden wir Schatten von derselben Tausendjährigen Ruhe in dem wöchentlichen Sabbath, dem jährlichen Laubhüttenfest und in dem alle fünfzig Jahre wiederkehrenden Jubeljahre.

Auch jene leider nur so kurz währende Zeit, wo die Stämme Israels in den Tagen Josuas ins Land einzogen und hier als ein beschnittenes Volk das Passah feierten und dann ungesäuerte Kuchen von dem Erzeugnis des Landes aßen, zeugt, wenn auch in anderer Form, von demselben glücklichen Geheimnis. (Vgl. Josua 5)

Später redete die blühende Regierung Salomos in ausgedehnterer Form, voll und reich, von dem gleichen Geheimnis.

Ja, was ich noch erwähnen möchte, selbst die Begegnung Jethros mit dem befreiten Israel am Berge Gottes, in den Tagen ihrer Wüstenreise, war, obwohl in anderer Gestalt, ein Vorbild von demselben zukünftigen Tage der Herrlichkeit. (Vgl. 2. Mose 18)

Und so haben wir hier, in den Tagen der Zerstreuung, die nämliche Sache vor uns.

Prophezeiungen

Prophezeiungen auf Prophezeiungen begleiten diese Verordnungen und diese Geschichten. Nicht nur durch viele, sondern auch durch ganz verschiedenartige Zeugnisse wird uns die Wahrheit von dem Reich, das noch errichtet, und von der Herrlichkeit, die noch geoffenbart werden soll, bestätigt. Immer wieder werden wir auf die großen und herrlichen Ausgänge der Ratschlüsse Gottes hingewiesen, auf jenen Vorsatz, der seine Erfüllung finden wird "in der Verwaltung der Fülle der Zeiten".

Das Neue Testament gibt uns ähnliche bildliche Erläuterungen und Verheißungen. Die Verklärung ist eine davon. Die "Wiedergeburt“ in Matth. 19,28 weist ebenfalls darauf hin. Die ersten Geschehnisse in der Offenbarung sind bahnbrechend für das, was da kommen soll; und am Ende des Buches sehen wir das Reich der Herrlichkeit vor unseren Augen erscheinen, wenn die heilige Stadt vom Himmel herabkommt, "die Herrlichkeit Gottes habend", und wenn dann die Nationen, welche dem Tausendjährigen Reiche angehören, in ihrem Lichte wandeln.

Das Buch Esther - ein Blickwinkel vom Anfang bis zum Ende der Zeit

So finden wir denn, daß das Ende des Buches Esther in Verbindung steht mit Dingen aus dem allerersten Anfang bis zum letzten Ende der Zeiten, und zwar durch "das ganze Buch" hindurch, in all den Handlungen und Aussprüchen Gottes im Fortschreiten der Geschichte dieser Welt. Das ist wunderbar. Welch ein Zeugnis ist es für die Schriften, die das Wort Gottes ausmachen! Welch ein Beweis von dem Wehen desselben Geistes in allen seinen Teilen! Wie redet es zu uns von dem Gott, der "von Anfang an das Ende verkündet, und von alters her was noch nicht geschehen ist"! (Jes. 46,10) Auch wir, teurer Leser, haben unseren besonderen Platz in den Gedanken Gottes und nehmen eine Stelle ein in Seinem großen Ratschluß.