30.03.2009 Dienst | Versammlung / Gemeinde

ProChrist 2009 – einige Gedankensplitter

Immer wieder wird ProChrist von bekannten christlichen Persönlichkeiten unterstützt und propagiert - andere äußeren Kritik an dieser Art der Evangelisation. An den Anfang dieses Artikels stelle ich den Wunsch, dass möglichst viele Menschen durch die Predigten von Ulrich Parzany zum lebendigen Glauben an Jesus Christus geführt werden. Ich schätze diesen Evangelisten sehr und bete darum, dass er die richtigen Worte in der richtigen Art und Weise äußert, um Menschen die Notwendigkeit von Bekehrung, Sinnesänderung und Bekenntnis ihrer Sünden deutlich zu machen.

Die Predigt des Evangeliums

Dennoch bin ich - nach wie vor - sehr unglücklich über manches, was mit ProChrist verbunden ist. Die Hauptsache: In der Predigt von Bruder Parzany kommt Sünde - ich will es vorsichtig sagen - so gut wie nicht vor. Ich meine, ich hätte dieses Wort heute kein einziges Mal gehört. Ja, in dem Übergabegebet kommt es vor. Einmal.

Es ist richtig und wichtig, dass die Menschen die Einladung Gottes und das Werben Gottes vernehmen. Das stand heute im Mittelpunkt. Aber ist das der Kern unserer Botschaft, der Kern des Evangeliums der Gnade Gottes?

  1. Predigt 1 von Petrus (Apg 2): Ihr habt Jesus Christus umgebracht. Ihr habt ihn gekreuzigt. Tut Buße! Lasst euch retten!

  2. Predigt 2 von Petrus (Apg 3): Ihr habt Jesus überliefert, verleugnet, getötet. Tut Buße und bekehrt euch, damit eure Sünden ausgetilgt werden.

  3. Predigt 1 von Paulus (Apg 13): Vergebung der Sünden wird verkündigt.

  4. Predigt 2 von Paulus (Apg 14): Ihr sollt euch von diesen nichtigen Götzen bekehren zu dem lebendigen Gott.

Man könnte so fortfahren. Immer wieder ist von der Notwendigkeit der Bekehrung und der Umkehr, von Buße und Sünden die Rede. Es ist wichtig, die Liebe Gottes zu betonen. Es ist genauso wichtig, die Heiligkeit Gottes zu betonen. Wer nicht beide Seiten vorstellt, stellt nur ein halbes Evangelium vor. Kein Wunder, dass ich von Menschen höre, die sich bei ProChrist „bekehrt" haben, dass sie das erst viele Jahre später getan haben. Leider. Es mag heute auch unter Christen verpönt sein, noch diese Sündenschuld in den Mittelpunkt zu stellen. Und natürlich müssen wir nicht immer zentral nur über diesen Punkt reden. Aber wir passen uns aus Angst an, die Menschen könnten sich abwenden. Reden wir noch „das Wort Gottes"?

Gebet zu Jesus?

Es erschüttert immer wieder, dass Ulrich Parzany sein Gebet zu „Jesus" und nicht zum „Herrn Jesus" spricht. Ist nicht auch das eine Anpassung an den Zeitgeist? Wissen wir eigentlich noch, mit wem wir es zu tun haben, wenn wir zu Jesus beten? Er ist der Schöpfer, der Allmächtige, der Herr. Und wir wagen es wirklich, Ihn in der Anrede - darum geht es mir - einfach mit „Jesus, hilf mir ..." anzusprechen?

Petrus wusste es besser. Als er unterging (Mt 14,30), rief er nicht: „Jesus, rette mich!", sondern: „Herr, rette mich!" Das ist die angemessene, respektvolle, ehrfurchtsvolle Anrede, die wir unserem Herrn und Meister schuldig sind. Der von Prediger Parzany als ein gewisses Vorbild angesprochene Pfarrer Wilhelm Busch hätte bestimmt nie zu „Jesus" gebetet. Für ihn war und blieb Er der Herr.

Der Ruf nach vorne

Es ist heute modern, ja fast gar nicht mehr anders anzutreffen bei vielen Evangeliumsveranstaltungen: Am Ende der Verkündigung werden diejenigen, die sich für Jesus Christus entscheiden wollen, nach vorne gebeten, um dann dem Verkündiger ein Übergabegebet nachzusprechen, durch das man sich - so heißt es - bekehrt. So auch bei ProChrist.

Als theologische Begründung für den „Ruf nach vorne" wird heute darauf verwiesen, dass die Bibel lehre, man müsse auch öffentlich zu dem stehen, was man glaubt. Man verweist dann zum Beispiel auf folgenden Vers: „Wenn du mit deinem Mund Jesus als Herrn bekennst und in deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn aus den Toten auferweckt hat, du errettet werden wirst" (Röm 10,9).

Aber ist mit dieser Bibelstelle wirklich gemeint, nach einer Evangeliumsveranstaltung nach vorne zu marschieren, um mit - oftmals vielen - anderen ein Übergabegebet nachzusprechen? Es geht doch vor allem darum, in einer Umgebung, die meinen Glauben nicht akzeptiert, zu diesem zu stehen. Bei Veranstaltungen wie ProChrist beispielsweise fällt es relativ leicht, sich zum Glauben zu bekennen. Da gibt es eine entsprechende Atmosphäre. Das kann also in Römer 10 sicher nicht gemeint sein. Aber in der Nachbarschaft, die ungläubig ist. In der Familie, die vielleicht den Herrn Jesus Christus ablehnt. Am Arbeitsplatz, wo man zu einem religiösen Spinner gestempelt wird; da sich zu Jesus Christus zu bekennen, das ist wirklich ein echtes Bekenntnis. Dazu gehört eine Menge Mut.

Hinzu kommt, dass es gruppendynamische Prozesse gibt. Es ist sicher nicht von ungefähr, dass zum Beispiel bei Bruder Parzanys Aufruf bei ProChrist, nach vorne zu kommen, auf einmal Musik gespielt wird. Dadurch werden die Gefühle angesprochen. Und unter dem gefühlsmäßigen Eindruck, dass der Prediger mich getroffen hat und dass jetzt eine Entscheidung von mir verlangt wird - und das kann ein absolut ehrlicher Eindruck sein - geht man nach vorne.

Gefühlsmäßige Entscheidungen können sehr trügen

Vergessen wir aber nicht die Warnung, die der Herr Jesus selbst ausspricht, als Er das Gleichnis vom Sämann sprach: „Der aber auf das Steinige gesät ist, dieser ist es, der das Wort hört und es sogleich mit Freuden aufnimmt; er hat aber keine Wurzel in sich, sondern ist nur für eine Zeit; wenn nun Drangsal entsteht oder Verfolgung um des Wortes willen, nimmt er sogleich Anstoß" (Mt 13,20.21).

Genau das ist oft die Erfahrung mit diesen „nach vorne Gehenden". Es werden nicht selten gefühlsmäßige Entscheidungen getroffen, die nicht wirklich Entscheidungen des Herzens, des Gewissens und für das Leben waren. Doch wir wollen für diejenigen, die an diesen Abenden „nach vorne" gegangen sind, beten, dass ihnen dies ein Anstoß für ein Leben der Nachfolge ist, oder, wenn sie noch nicht bekehrt sind, sie diesen entscheidenden Schritt noch tun. So sagen Menschen, die bei ProChrist „zum Glauben" gekommen sind, dass sie zum Teil erst viele Jahre später wirklich eine Bekehrung erlebt haben - mit Herz und Verstand.

Nachgesprochenes Gebet?

Abgesehen davon: Ist ein rein mechanisch nachgesprochenes Gebet wirklich eine eigene Willensentscheidung? Ist das die Bekehrung eines Menschen? Vielleicht das eine oder andere Mal. Oftmals sicher nicht!

Zugegeben, Ulrich Parzany weist die sich am Lichtkreuz versammelnden ausdrücklich darauf hin, dass sie das Gebet als das ihre sprechen sollen. Aber überrumpeln die gruppendynamischen Prozesse nicht diesen eigenen Willen?

Manchmal ist das leider so. Und dann hat man Menschen dramatisch fehlgeleitet, denen man nach dem Ruf nach vorne auch noch die Zusicherung zuspricht, sie seien erlöst. Und in Wirklichkeit sind sie nach wie vor in der Finsternis, ohne Gott! Zwar innerlich angesprochen, aber ohne echte Buße - das heißt innere Sinnesveränderung, Umkehr im Herzen - und ohne ein wirkliches Sündenbekenntnis. Welch ein Trugschluss kann daraus hervorkommen!

Theaterstück

Das Programm von ProChrist besteht aus Musik, Liedern, Interviews, Theater und einem Vortrag des Hauptredners und ehemaligem CVJM-Generalsekretärs Ulrich Parzany zu zentralen Themen des Lebens und des Glaubens. Wir dürfen aber nicht vergessen, was Paulus uns in der Bibel sagt: „Predige das Wort!" Es heißt nicht: Spielt Theater, macht Interviews, stellt einen Mega-Event auf die Beine. Es ist anscheinend - übrigens für uns alle! - so schwer geworden, einfach das Wort zu predigen, die Bibel und den Herrn Jesus Christus in den Mittelpunkt der Verkündigung zu stellen.

Natürlich ist es so, dass wir die Menschen in ihrem Umfeld abholen müssen. Aber meinen wir wirklich, dass es auf das „Drumherum" ankommt, um Menschen für den Herrn Jesus zu gewinnen? Buße, das heißt eine echte Sinnesänderung, Bekenntnis und Bekehrung haben mit dem Herzen zu tun. Und dabei geht es nicht in erster Linie um Gefühle und Emotionen, sondern um eine echte und tiefgehende Willensentscheidung.

Tatsächlich war am heutigen Abend das „Theaterstück" der vielleicht eindrucksvollste Teil. Den Tod vor Augen und das Geld in den Fängen - oder besser in den Fängen des Geldes - das spricht schon an. Wir wollen diese Wirkung gar nicht wegschieben. Schade, dass der Tod in seiner dramatischen Dimension, wie die Bibel ihn uns vorstellt, dann kaum noch Platz in der Predigt fand. Denn dieser Tod ist der große Feind des Menschen, bis heute.

Zum Schluss

Wir wollen alle von Herzen darum beten, dass möglichst viele Zuschauer, Zuhörer und Beteiligte von ProChrist ernst machen und sich bekehren, um dem Herrn Jesus nachzufolgen. Wir können auch um Segen für Ulrich Parzany bitten. Aber es liegt mir am Herzen, eine auf die Bibel gegründete Entscheidungshilfe zu geben, wenn man auf ProChrist angesprochen wird oder eingeladen wird, bei ähnlichen Veranstaltungen mitzumachen. Und dabei habe ich noch gar nicht auf das prinzipielle Problem der Zusammenarbeit dieser Veranstaltungsreihe in der evangelischen Allianz und in der Ökumene hingewiesen. Mir ging es in diesem Fall besonders um die inhaltlichen Elemente, die zu sehen, hören und besichtigen waren.