Sich übervorteilen lassen

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Hier liegt zweifellos eine gewisse Schwierigkeit vor, die schon von vielen empfunden worden ist. Sie wird nur von Fall zu Fall und nicht ohne innere Not, gewiss auch nicht nach einem festgelegten Schema zu klären sein. Für den Christen ist das Ertragen zugefügten persönlichen Unrechts eine Grundhaltung, die ihn stets kennzeichnen sollte.

Ertragen ist angesagt

Schriftstellen wie "Rächt nicht euch selbst, Geliebte" (Römer 12, 19) und "Widersteht nicht dem Bösen, sondern wer irgend dich auf deinen rechten Backen schlagen wird, dem biete auch den anderen dar; und dem, der mit dir vor Gericht gehen und deinen Leibrock nehmen will, dem lass auch den Mantel" (Matthäus 5, 39.40) weisen in dieselbe Richtung wie 1. Korinther 6, Vers 7. Von unserem großen Vorbild, dem Herrn Jesus, wird in 1. Petrus 2 gesagt: „Der, gescholten, nicht wiederschalt, leidend, nicht drohte, sondern sich dem übergab, der recht richtet" (Vers 23).

Das Einnehmen dieser Grundeinstellung schließt jedoch nicht aus, dass wir -wenn die Natur des Falles es erfordert - dem Gedanken nähertreten müssen, ob wir nicht im Sinne von Matthäus 18 zu dem Bruder, der gegen uns gesündigt hat, hingehen müssen, um ihn von dem Bösen zu "überführen". Unmöglich kann er ja in dem Zustand, in dem er sich befindet, wirklich glücklich sein.

Überführen ist kein Recht verschaffen!

Doch dieses Überführen hat nichts damit zu tun, dass man sich Recht verschaffen möchte, sondern es hat das Gewinnen des Bruders zum Ziel (Vers 15). Die Korinther stritten dagegen um ihre Rechte und gingen damit sogar vor die weltlichen Gerichte. Diese Verhaltensweise muss der Apostel ernstlich tadeln; und er tut das dadurch, dass er ihnen die christliche Grundhaltung vorstellt: "Warum lasst ihr euch nicht lieber unrecht tun? Warum lasst ihr euch nicht lieber übervorteilen (oder: berauben)?"

Solange man um sein vermeintliches Recht kämpft, ist man durchaus nicht in der Lage, den Bruder zu "gewinnen"; ja, es erheben sich Zweifel darüber, ob dann überhaupt ein Fall von "Sünde gegen den Bruder" vorliegt. Aber selbst wenn wir von derartigen Gefühlen persönlicher Rechtfertigung frei sind, müssen wir sorgsam prüfen, ob es sich wirklich um einen Fall von Sünde gegen uns handelt.

Gnade ist nötig

Wie leicht täuschen wir uns in dieser Beziehung! Manches beruht auf reinen Annahmen oder Vermutungen. Auch wird es m. E. viele Vorkommnisse geben, die, obwohl sie nicht gut waren, wegen ihrer Geringfügigkeit von uns nicht hochgespielt werden sollten. Solche Dinge sollten wir mit Langmut ertragen (Kol 3, 12). Wann und wo im Einzelfall die Grenze erreicht ist, dass man eben doch einen Dienst der "Fußwaschung" nach Johannes 13 ins Auge fassen muss, kann uns nur unser guter Herr und Meister selbst klarmachen. Wenn unsere Beweggründe lauter sind, wird Er es uns an der nötigen Klarheit, Weisheit und Kraft nicht fehlen lassen, sondern nächst dem Wollen auch das Vollbringen schenken (vgl. Phil 2, 13).

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