07.10.2004 Persönlicher Glaube

Herr, lehre uns beten! (2)

Wie beten?

In welcher Haltung sollen wir uns Gott nahen?

Äußere Haltung

„Geh in deine Kammer“, sagt der Herr Jesus (Matth. 6, 6), „und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist“. 2. Kon. 4,1-6 zeigt uns dies im Vorbild. Im ärmlichen Zimmer sehen wir die Mutter und ihre zwei Söhne allein mit den zusammengebrachten leeren Gefäßen. Sie sind nicht mehr als drei, doch Gott ist anwesend. In ihrer Verzweiflung hatte die Mutter zu Elisa geschrien. Wie sollte sie ihre Kinder vor dem Gläubiger (für uns: Satan) retten? Sie nahm das wenige Öl, goß ein, und in der Stille dieser Wohnung geschieht das Wunder. Als die Gefäße voll sind, hört das Öl auf zu fließen. Nach dem Maße ihres und ihrer Söhne Glauben beim Sammeln der leeren Gefäße hatte Gott geantwortet. Man soll sein Gebet nicht zur Schau tragen wie die Pharisäer (Matth. 6, 5), wenn es auch Fälle geben kann, bei denen es nicht angebracht ist zu verbergen, daß man betet, wie bei Daniel in seinem Obergemach (Dan. 6, 11).

Nichts kann diese Vertrautheit „im Verborgenen“ mit dem Herrn ersetzen. Er lädt jeden dazu ein, der, wenn Er an die Tür klopft, Ihm auftun wird. „Wenn jemand meine Stimme hört und die Tür auftut, zu dem werde ich eingehen und das Abendbrot mit ihm essen, und er mit mir“ (Offb. 3,20). War der Herr Jesus selbst nicht das beste Beispiel? Früh am Morgen, spät am Abend und selbst in der Nacht sehen wir Ihn einen öden Ort aufsuchen, um zu beten. Im Haus des Petrus, wo Er in Kapernaum herbergte, hatte Er keinen Platz, wohin Er sich allein zurückziehen konnte, „und frühmorgens, als es noch sehr dunkel war, stand er auf und ging hinaus und ging an einen öden Ort und betete daselbst“ (Mark, l, 35).

Man kann selbstverständlich an jedem Ort beten (1. Tim. 2, 8). Paulus betete im Gefängnis; in Apg. 21,5 kniete er mit den Gläubigen von Tyrus am Ufer nieder und betete. „Vom Ende der Erde werde ich zu dir rufen“, sagte der Psalmist (Ps. 61, 2ff; PS. 139, 9. 10). Aus dem Inneren des Fisches rief Jona in seiner Bedrängnis zu Jehova (Jona 2, 2.3).

Wir dürfen uns auch zu aller Zeit an Gott wenden. Eph. 6, 18 unterstreicht dies und fügt hinzu: „hierzu wachend in allem Anhalten“. In einem kritischen Moment, als der König ihn fragte, warum sein Angesicht traurig sei, und sein Leben von der Antwort abhing, sagt Nehemia: „Da betete ich zu dem Gott des Himmels; und ich sprach zu dem König ...“ (Neh. 2,4. 5). David wünschte zu wohnen im Hause Jehovas alle Tage seines Lebens, unter anderem, „um nach ihm zu forschen in seinem Tempel“. Nicht nur einmal, sondern immer.

Welche Haltung soll man im Gebet einnehmen? Oft sind die Gläubigen auf den Knien, so wie Paulus mit den Ältesten von Ephesus (Apg. 20, 36) oder der Herr selbst in Gethsemane. Doch man sieht sie auch stehen, wie Josaphat in 2. Chr. 20, 5. In 1. Chr. 17,16 lesen wir, daß David sich vor Jehova niedersetzte. Bei Jona oder dem Schacher am Kreuz ist nicht die äußerliche Haltung wichtig, sondern ihr Herz redet, und das zählt. Wir haben in unseren Zusammenkünften die Gewohnheit, uns zum Gebet zu erheben; aber unsere Brüder in England bleiben sitzen. Wenn es sich um das private oder auch um das gemeinsame Gebet handelt, ist es gut, sich den örtlichen Gewohnheiten anzupassen, aber darüber hinaus ist es sehr wichtig, ein Empfinden für die Gegenwart Dessen zu haben, an den man sich wendet. Man sollte sich auch, besonders was das öffentliche Gebet betrifft, an die Ermahnung von 1. Kor. 11, 4.5 erinnern.

Manchmal findet man im Neuen Testament das Gebet in Verbindung mit Fasten. In Apg. 13, 2.3, als die Propheten und Lehrer von Antiochien bezüglich Bar-nabas und Saulus vom Heiligen Geist Weisung erhielten, fasteten sie. Sie fasteten, bevor sie sie entließen, aufs neue. Als Paulus und Silas „in jeder Versammlung Älteste gewählt hatten, beteten sie mit Fasten und befahlen sie dem Herrn, an welchen sie geglaubt hatten“ (Apg. 14, 23). Nach 2. Kor. 6, 5 und 11, 27 (dort wird Hunger und Durst gesondert erwähnt, was uns sagt, daß das Fasten freiwillig war) scheint der Apostel daran gewöhnt zu sein.

Es handelt sich dabei entweder um körperliches Fasten (gänzliches oder teilweises Enthalten von Nahrung, aber auf alle Fälle kein Enthalten von Getränken) oder besonders ein moralisches Fasten (Enthalten von an sich guten Dingen, um sich auf die Dinge Gottes zu konzentrieren), wichtig ist das Ablegen dessen, was von Ihm trennen könnte, um seine ganze Aufmerksamkeit dem Gebet zu widmen. Jes. 58,3-7 gibt uns genaue Anweisungen in bezug auf die moralische Tragweite des Fastens. Auf jeden Fall ist Fasten kein Verdienst. Wenn man sich vom Herrn gelegentlich zum Fasten geführt fühlt, um Zeit für das Gebet zu gewinnen oder sich dem Gebet ganz zu widmen, dann immer im Gefühl der Gnade Gottes und Seiner Güte, die auf unsere Bitten nach Seiner Weisheit antwortet.

Mit wem beten?

In erster Linie natürlich allein, und das unablässig, immer einige besondere Augenblicke behaltend, um mit Gott allein zu sein.

Aber auch als Familie, wie die Witwe des Propheten. Welch ein Beispiel für die Kinder, wenn sie feststellen, daß das Gebet für die Eltern eine Freude und ein Vorrecht ist und nicht eine Aufgabe, die man entbehren könnte. In PS. 136 ist die Familie um den Tisch versammelt. Die Gegenwart des Herrn ist da. Wie könnte man Ihm nicht danken, selbst wenn Besuch da ist!

Für das Leben der Versammlung haben die Gebetsversammlungen ihre besondere Bedeutung. Andere haben darüber ausführlich geschrieben. In Verbindung mit dem Gebet gibt der Herr die Verheißung: „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte“ (Matth. 18, 20). In Apg. 12, 5 betete die Versammlung anhaltend für die Freilassung des Petrus.

Der betende Bruder muß von allen Anwesenden verstanden werden; nur so können sie das Amen zu seinem Gebet sprechen (1. Kor. 14, 16). Die anderen sollen durch ein Gebet nicht belehrt oder ermahnt werden. Derjenige, der der Mund der Versammlung ist, wendet sich an Gott, nicht an Menschen. Wenn das Gebet der Versammlung äußerst wichtig ist, schließt dies nicht aus, daß einige zum Gebet zusammenkommen. Apg. 12 berichtet uns, daß viele noch während der Nacht im Hause der Maria versammelt waren und beteten (V. 12). Jakobus und die Brüder waren nicht da (V. 17), Es handelte sich also um eine kleinere Gruppe. Daniel betete mit seinen Freunden (Kap. 2, 17. 18); Paulus betete mit den Ältesteten von Ephesus (Apg. 20, 36); man findet noch mehr Beispiele.

Wie schön ist es schließlich, daß Ehegatten miteinander beten können (nach 1. Petr. 3, 7). Nichts kann sie mehr zu einer Einheit verschweißen, mehr die Harmonie verbessern. Sie müssen sehr darauf bedacht sein, daß nicht irgend etwas in der gegenseitigen Beziehung ihre Gebete verhindert. Wenn dies der Fall ist, ist es wichtig, zuerst zum Herrn zu kommen, um die Fehler zu bekennen, dann, daß jeder sie dem anderen gegenüber eingesteht. Dann kann wieder in Dankbarkeit zusammen gebetet werden.

Es sei noch kurz bemerkt, daß es viele Lieder oder Strophen gibt, die in Wirklichkeit Gebete sind. Laßt sie uns im Geiste des Gebets singen. Sie sind leicht zu erkennen.

Moralische Haltung

In welcher inneren Haltung sollen wir Gott nahen?

Zunächst mit Achtung und Ehrerbietung. Wir lesen in Pred. 5, 2: „Sei nicht vorschnell mit deinem Munde, und dein Herz eile nicht, ein Wort vor Gott hervorzubringen; denn Gott ist im Himmel und du bist auf der Erde“. Selbst wenn Er sich uns als Vater offenbart, sollten wir im Geiste und im Herzen die Größe Dessen festhalten, an den wir uns wenden. Er bleibt der Vater, „der ohne Ansehen der Person richtet nach eines jeden Werk“ (1. Petr. l, 17). Das schließt Demut mit ein. Man sollte nicht viele Worte machen, man sollte sich Zeit nehmen, die Worte zu wählen, und sollte Ihn bitten, zu uns zu reden, wie es Samuel damals tat: „Rede, dein Knecht hört“ (1. Sam. 3, 10), und nicht: Höre, dein Knecht redet! Unsere Beziehung zum Vater ist die eines Kindes, das sich vom Vater geliebt weiß und Ihm im Vertrauen naht.

Wir haben das Vorrecht, im Namen Jesu und im Heiligen Geiste zu bitten (Jud. 20), und das „zu aller Zeit“ (Eph. 6, 18). Selbst wenn wir nicht wissen, „was wir bitten sollen, wie es sich gebührt, aber der Geist selbst verwendet sich für uns in unaussprechlichen Seufzern“ (Rom. 8, 26). Das Gebet, das der Herr Seine Jünger lehrte, entspricht der Epoche, in der sie lebten. Für sie ist der Vater im Himmel (Matth. 6, 9); dies ist noch nicht „mein Vater und euer Vater“. Sie hatten den Heiligen Geist noch nicht empfangen (Joh. 7,39). Eine festgelegte Formulierung des Gebets wird ihnen gegeben; wie wunderbar sind die Gedanken und die Vorrechte, die es enthält: Zuerst die Herrlichkeit Gottes, Seine Interessen, dann unsere Bedürfnisse. Doch wir, als Kinder Gottes, werden nicht aufgefordert, ein stereotypes Gebet nachzusprechen. Wir wenden uns an den Vater oder an den Herrn Jesus, durch den Geist, der uns anleitet, uns so auszudrücken, wie es den entsprechenden Umständen angemessen ist, einzeln, zu mehreren oder als Versammlung.

Im Jakobusbrief finden wir in Verbindung mit dem Gebet drei Seelenzustände: Man bittet nicht (4,2), man bittet übel (4, 3) oder man bittet im Glauben (l, 6). Im selben Brief betet der Gläubige besonders, wenn er Trübsal leidet (5, 13) oder krank ist (5, 14), und - wie wir schon gesehen haben - einer für den anderen (5, 16). Elias war ein Mensch von gleichen Gemütsbewegungen wie wir, hatte aber auch den gleichen Gott (V. 17)! Das wahre Gebet ist aufs engste mit Glauben, mit dem Vertrauen auf die Güte Gottes verbunden, aber auch mit der Gewißheit, daß nur Er zu antworten vermag. Wenn wir nach Seinem Willen forschen, kann Er uns die Sicherheit der Erhörung schenken. Er ist der Gott, der „gibt“.

Es ist auch wichtig, mit einem guten Gewissen zu bitten: „Wenn ich es in meinem Herzen auf Frevel abgesehen hätte, so würde der Herr nicht gehört haben“, sagt der Psalmist (Ps. 66, 18). Auch der Herr Jesus selbst unterstreicht, wie unsere Beziehung zu Gott gestört wird, wenn wir dem Bruder nicht vergeben (Mk. 11, 25. 26). Jesaja sagt: „Siehe, die Hand Jehovas ist nicht zu kurz, um zu retten, und sein Ohr nicht zu schwer, um zu hören; sondern eure Missetaten haben eine Scheidung gemacht zwischen euch und eurem Gott“ (Kap. 59, 2). Wenn die Sünde erkannt worden und wirklich bekannt worden ist, „wird jeder Fromme zu dir beten, zur Zeit, wo du zu finden bist“ (Ps. 32, 6). Der Apostel war so frei, die Brüder zu bitten, für ihn zu beten, „denn wir halten dafür, daß wir ein gutes Gewissen haben“ (Hebr. 13, 18).

Wenn unsere Gebete anscheinend ohne Echo bleiben, sollten wir da nicht nach dem Hindernis suchen? Vielleicht Hochmut, eine verweigerte Verzeihung, eine Uneinigkeit mit anderen oder wie bei Jakob ein „Handel“ mit Gott: „Wenn Gott mit mir ist und mich behütet auf diesem Wege, den ich gehe ... so soll Jehova mein Gott sein“ (1. Mose 28, 20. 21). Wie viele Jahre der Zucht waren nötig, bis der Patriarch gelernt hatte, daß alles Gnade ist (1. Mose 48, 15). Im Gegensatz dazu betet Jabez: „Wenn du mich reichlich segnest und meine Grenze erweiterst, und deine Hand mit mir ist, und du das Übel fern hältst, daß kein Schmerz mich trifft!“ Er legt seine Bitten vor Gott im Vertrauen auf Seine Güte, indem er sich auf die den Vätern gegebenen Verheißungen (1. Mose 28, 13-15) verläßt, „und Gott ließ kommen, was er erbeten hatte“ (1. Chr. 4,10).

Unsere Fehler müssen aber niemals ein bleibendes Hindernis für unsere Gebete sein. Vor dem Begehen des Fehlers flüstert uns Satan ein: „Das ist nicht so schlimm.“ Nach dem Fehler flüstert er dagegen: „Das war zu viel“. Aber auf Grund des Blutes Christi, auf Grund Seines Werkes und Seines Opfers können wir immer zu Gott zurückkehren und die Freude im Gebet erleben, daß Er gegen Christus gerecht ist, wenn Er vergibt, und Seiner Verheißung treu ist, wenn Er es tut. Vergessen wir darüber aber nicht, daß wir schuldig sind, unserem Bruder, der uns Unrecht getan hat, zu vergeben, uns miteinander zu versöhnen, wenn wir einander Unrecht getan haben (Matth. 5, 23.24).

Ein Haupthindernis des Gebets wird uns durch einen Bericht in Jer. 42 aufgezeigt. Die Männer, die zu Jeremia kommen, um ihn zu befragen, was sie tun sollen, haben bereits ihre Entscheidung getroffen: nach Ägypten hinabzuziehen. Sie hofften, der Prophet würde ihr Vorhaben bestätigen. Sie bitten ihn, zu Jehova zu rufen, und versichern, auf dessen Stimme zu hören. Gott wartet mit der Antwort 10 Tage, läßt ihnen Zeit zu überlegen. Jeremia warnt dann Jochanan und die anderen Obersten in entschiedener Weise vor dem Hinabziehen nach Ägypten; wenn sie im Lande Kanaan blieben, hätten sie sich nicht vor dem babylonischen König zu furchten. Doch bei den Männern steht fest, daß sie hinabziehen wollen, und sie klagen den Propheten an, er rede Lügen, er sei nicht von Gott gesandt (43, 2).

Den Weg, dem man folgen will, bei sich gewählt zu haben und dann Gott zu bitten, uns Seinen Willen zu zeigen, ist ein häufiger Fehler. Sicherlich ist es oft schwierig, vor allem, wenn es um die Verlobung geht, in aller Aufrichtigkeit zum Herrn zu kommen, um Ihn wegen der Wahl zu fragen. Deshalb ist es wichtig, dies zu tun, bevor das Herz bereits gebunden ist, sonst ist unsere ganze Hoffnung, daß Er unsere Entscheidung bestätigt! Und auf einem anderen Gebiet: „Ein Fallstrick des Menschen ist es, vorschnell zu sprechen: Geheiligt! und nach den Gelübden zu überlegen!“ (Spr. 20,25) Zu schnell begibt man sich auf solch einen Weg, nimmt einen Auftrag an, ohne zu überlegen - und nachdem man ihn angenommen hat, will man die Dinge vor dem Herrn entscheiden. Ist dies nicht eine List des Feindes, der verhindern will, daß wir zuerst mit einem noch freien Geist zu Gott kommen, um den Wegen zu folgen, die Er uns zeigen wird?

Endlich ermahnt der Meister die Seinen, keine eitlen Wiederholungen zu gebrauchen. Diejenigen, die dies tun, bilden sich ein, ihres vielen Redens wegen erhört zu werden. Tatsächlich glauben sie nicht an eine Antwort. Traditionsgemäß oder gewohnheitsmäßig wiederholen sie vergebens dieselben Formulierungen, dieselben Wendungen. „Seid ihnen nun nicht gleich“, sagt der Herr Jesus. Dies zeigt, wie ernst es ist, in der Versammlung ein Gebet zu sprechen, ein Gebet durch den Geist, in Harmonie mit den Gedanken der Versammlung und nicht Phrasen, gleich ob es sich um Danksagungen oder Bitten handelt. Einige einfache, von Herzen kommende Worte mit Glauben sind besser und wirksamer.