An des Herrn Tag

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„Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse in der Drangsal und dem Königtum und dem Ausharren in Jesus, war auf der Insel, genannt Patmos, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Ich war an des Herrn Tag im Geist, und ich hörte hinter mir eine laute Stimme wie die einer Posaune" (Off 1,9.10).

Ich, Johannes, euer Bruder

Johannes war inzwischen ein betagter Mann. Er war der Schreiber des Evangeliums, das die Herrlichkeit des Sohnes Gottes vorstellt. Nun sollte er davon schreiben, dass Christus wiederkommen und von der Erde Besitz ergreifen sollte.

Johannes war ein Apostel, aber stellt sich vor als Bruder. Was er uns jetzt mitteilt, ist nicht etwa eine Erfahrung, die für Apostel oder begabte Diener reserviert ist. Er schreibt als Bruder.

Mitgenosse in der Drangsal...

Johannes befand sich in einer schwierigen Situation. Worin diese bestand, werden wir gleich sehen. Jedenfalls spricht er von „Drangsal", von einer Notsituation. Einerseits war er ganz allein. Andererseits betrachtete er sich als „Mitgenosse". Viele seiner Glaubensgeschwister befanden sich in einer ähnlichen Situation, aus ähnlichem Grund. Sie waren geographisch isoliert. Dennoch waren sie „Mitgenossen".

...und dem Königtum

Aber ihre Gemeinschaft bezog sich nicht nur auf das Leiden und die Not, sondern auch auf das Königtum. Dieses Königtum oder Reich wird einmal in Macht kommen (dann gibt es keine Not, Elend, Seuchen oder „Drangsal" mehr). Aber vorher ist das Königtum mit Leiden verbunden. Noch regiert Christus nicht auf der Erde. Das spürte Johannes und das spüren wir bis heute. Auch darin wusste Johannes sich in Gemeinschaft mit vielen anderen.

...und dem Ausharren in Jesus

In dieser Zeit heißt es „warten" und „ausharren". Wir warten darauf, dass der Herr in konkreten Notsituationen eingreift und wir warten darauf, dass Er kommt, uns zu sich holt und dann auch diese Welt in Ordnung bringt. Wenn man unter schweren Umständen wartet, ist Ausharren gefragt. Auch darin war Johannes nicht allein. Er wusste sich in Gemeinschaft mit anderen. Sie waren Mitgenossen in dem Ausharren.

Ein zweiter Punkt versüßt das Warten: Es war das Ausharren „in Jesus". Der Herr hat selbst gelitten und ausgeharrt. Der Herr verbindet die Gläubigen. Und Er ist die Quelle der Kraft, die wir brauchen, um auszuharren.

War auf der Insel, genannt Patmos

Patmos ist eine abgelegene griechische Insel. Johannes spricht von sich in der Einzahl. Wir müssen davon ausgehen, dass er der allein war, dass er keinen Kontakt zu anderen Gläubigen hatte.

Um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen

Johannes war dort „um des Wortes Gottes willen". Er war im Rahmen der Christenverfolgung nach Patmos verbannt worden. Aber er spricht nicht von der Feindseligkeit der Menschen, sondern vom Wort Gottes und vom Zeugnis Jesu. Dafür war er bereit zu leiden. Aus seinen Worten hört man nicht die leiseste Andeutung von Bitterkeit heraus.

Ich war an des Herrn Tag im Geist

Was konnte er tun? Er war ganz allein, ohne Kontakt mit Gläubigen. Nun kam „des Herrn Tag", das heißt der erste Tag der Woche. Vor vielen Jahrzehnten hatte er miterlebt, dass der Auferstandene plötzlich in der Mitte stand, die versammelten mit den Worten „Friede euch" grüßte und ihnen seine Hände und seine Seite zeigte. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen.

Am nächsten Sonntag, nach acht Tagen, war er wieder dabei. Und sicher auch seitdem, wenn immer es ihm irgendwie möglich war. Aber jetzt war ein Sonntag gekommen, an dem er ganz allein war. Was tun? Eine einzelne Person kann sich nicht „versammeln". Dazu braucht man wenigstens zwei oder drei. Aber Johannes war sich tief bewusst, dass es der Tag des Herrn war. Der Ausdruck ist sehr speziell. Es ist der dem Herrn gehörende Tag, der durch den Herrn gekennzeichnete Tag. Er kommt nur an einer einzigen anderen Stelle im Neuen Testament vor: „des Herrn Mahl" (1. Kor 11,20). Beides gehört zusammen: des Herrn Tag und des Herrn Mahl (vgl. Apg 20,7). Beide sind durch den Herrn gekennzeichnet. Aber jetzt war ein ganz merkwürdiger gekommen: ein Tag des Herrn ohne Mahl des Herrn.

Aber er war „im Geist". Er war gedanklich mit Dem beschäftigt, Dem dieser Tag gehörte. Weder Verbannung noch Isolation konnten ihn daran hindern, Christus zu genießen und sich mit Ihm zu befassen. Und der Herr bekannt sich dazu. Gerade an diesem Tag und in dieser Situation sprach Er zu Johannes. Obwohl es um Prophetie ging, tat Er es an diesem Tag, an dem Christen ganz besonders an ihren Herrn denken.

Und heute?

Wenn immer wir uns mit Gläubigen als Versammlung zusammenkommen können, ist es ein riesiges Vorrecht - selbst wenn es nur ganz wenige sind. Vielleich haben wir, habe ich, es längst nicht genug geschätzt. Wo der Herr heute noch die Möglichkeit gibt, das Mahl des Herrn zu essen (so dass die Kennzeichen des Tisches des Herrn 1 gegeben sind), können wir Ihm nur danken. Wo Einzelne ganz isoliert sind, dürfen sie wie Johannes auf Patmos „an des Herrn Tag im Geist" sein. Dasselbe gilt an Orten, wo Gläubige Zeit brauchen, um einen gemeinsamen und einmütigen Weg zu finden, um seinem Wunsch und Vermächtnis zu entsprechen: „Tut dies zu meinem Gedächtnis" (1. Kor. 11,24.25).

„Ich aber, Gott zu nahen ist gut für mich; ich habe meine Zuversicht auf den Herrn, HERRN, gesetzt, um alle deine Taten zu erzählen" (Ps 73,28).

„Und es geschah, während sie sich unterhielten und sich miteinander besprachen, dass Jesus selbst sich näherte und mit ihnen ging" (Lk 24,15).



Fußnoten

  • 1 Die Einheit des Leibes, die Absonderung vom Bösen und die Autorität des Herrn, dessen Tisch es ist (1. Kor 10,14-22).
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