13.10.2005 Fragen und Antworten | Persönlicher Glaube

Der hebräische Knecht (Folge mir nach - Heft 7/2005)

Drei Fragen

Zum Ersten:

Lässt 5. Mose 15,1.12 den Schluss zu, dass das 7. Jahr der Freilassung mit dem Sabbatjahr zusammenfiel, oder war die Zählung der Dienstjahre eine Extraangelegenheit, die unabhängig vom Sabbat- u. Jubeljahrrhythmus erfolgte?

Zweitens: Unterschied zwischen einem Knecht, der im 7. Jahr frei wird, und dem, der erst im Jubeljahr frei wird (3. Mo 25,40): Musste ein Knecht etwa seinen „Modus“ sozusagen vorher festlegen?

Drittens: Erfolgte die „Bezahlung“ des hebräischen Knechtes erst nach Ende der 6-jährigen Dienstzeit mit Naturalien (5. Mo 15,13 ff.) oder musste der Käufer dem sich Verkaufenden auch am Anfang einen Geldbetrag bezahlen (2. Mo 21,32)? Während der 6 Dienstjahre hatte er ja offensichtlich sein Auskommen (2. Mo 21,11).

Und die letzte Frage: Wie war das Los von Frau und Kind, wenn der hebräische Knecht ohne sie nach 6 Jahren frei ausgehen wollte? Kamen sie im Jubeljahr frei oder sollten sie „ewig“ dem Haus des Dienstherrn gehören wie die Knechte von den Beisassen oder Fremdlingen (3. Mo 25,46)?
Ich wäre Euch sehr dankbar, wenn Ihr mir in diesen Fragen etwas unter die Arme greifen könntet und bin gespannt darauf.

Mit freundlichem Gruß

M.S.



Antworten

Liebe M.,

die Vorschriften über den hebräischen Knecht in 2. Mose 21 und 5. Mose 15 haben schon immer die Herzen von gläubigen Lesern angesprochen, weil sie so gut erkennbar den Einen vorstellen, der in ganzer Wirklichkeit der Knecht war, der seinen Herrn liebte, der seine Frau und seine Kinder liebte und deshalb „auf ewig“ diente.
Wenn nun bei der Beschäftigung mit diesem Gegenstand Fragen - auch solche praktischer Art - aufkommen, so möchte ich versuchen, einige Gedanken dazu vorzustellen. Ich hoffe, dass sie auch die Fragen einigermaßen zufriedenstellend beantworten.

Zu Frage I.

1) Aus den Texten des 2., 3. und 5. Buches Mose zu den Erlassjahren (Sabbatjahr und Jubeljahr) erkenne ich nicht, dass der hebräische Knecht im Sabbatjahr frei ausgeht, sondern im 7. Jahr nach 6-jährigem Dienst. Er - und auch sein Gläubiger - musste bei seiner materiellen Not nicht warten bis zu einem Sabbatjahr, um dann 6 Jahre Dienst zu leisten und im folgenden Sabbatjahr wieder frei zu sein.

2) Das Sabbatjahr scheint eher ein Ruhejahr für das Land zu sein (keine Ernte) und ein „Ruhejahr“ für den Israeliten, der Schulden hatte (5. Mo 15,2), weil diese ihm jetzt erlassen wurden.

3) Das Jubeljahr war ebenfalls ein Jahr der Ruhe für das Land, zum anderen aber auch ein Jahr, wo der Verarmte, der sich als Knecht verkauft hatte, weil er alles, auch sein ganzes Erbteil (Land) verloren hatte, wieder zu seinem Eigentum kam (3. Mo 25,41). Auch er selbst musste im Jubeljahr immer freigelassen werden, selbst wenn die Zeit der 6 Jahre von 5. Mose 15 noch nicht abgeschlossen war. Allerdings finden wir keine eindeutige „Synchronisierung“ der von Ihnen genannten Vorschriften, so dass wir das nur schließen können.

4) Zusätzlich: Die Schrift zeigt im weiteren Verlauf des von Ihnen schon angeführten Kapitels 3. Mose 25, dass ein Israelit sich zu jedem Zeitpunkt verkauft haben konnte, wenn oder weil er verarmt war (Verse 50-52); hier wird nämlich eine Berechnung der möglichen Lösungssumme von den Jahren abhängig gemacht, die noch bis zum Jubeljahr bleiben (vgl. 3. Mo 25,15.16). Auch die parallel zu verstehende Handlung beim Kreditgewähren in 5. Mo 15,7-10, besonders Vers 9, (in Verbindung mit 3. Mo 25,37.50-52), kann diesen Gedanken stützen.

5) Zu Frage II.

Siehe die Antwort zu Frage I, 1) und 3)
Der „Modus“ ergab sich aus der Schwere seiner sozialen Situation. Da die Vorschrift, in 2. Mose 21 lesen, ganz am Anfang der Gebote vom Sinai zu finden ist, scheint sie die „normale“ Ordnung darzustellen. 3. Mose 25 ist vielleicht in diesem Sinn eine Erweiterung der Vorschrift von 2. Mose 21, da es Fälle geben mochte, bei denen 6 Jahre Dienst nicht reichten, um die Schuld abzutragen. Dann war das Gesetz aus 3. Mose 25 anzuwenden.
Es ist übrigens auffallend, dass nur 2. Mose 21 von einem hebräischen „Knecht“ (dort auch nur von einem männlichen!) spricht. Weder 3. Mose 25 noch 5. Mose 15 nennen den Israeliten „Knecht“. Warum nicht? Vielleicht liegt die Antwort darin, dass 2. Mose 21 in erster Linie ein Hinweis auf das Kommen und die Person des Herrn Jesus ist, während wir aus 3. Mose 25 und 5. Mose 25 stärker die Anwendung auf das Volk Israel (und damit auch auf uns) finden. Der Herr Jesus hat sich zum Knecht erniedrigt - freiwillig. Wir sollen nie einen unserer Mitgeschwister als unseren Diener betrachten.

Zu Frage III.

Der hebräische Knecht hatte sich wegen Verarmung im Allgemeinen an den Schuldherrn verkauft (der ihn vielleicht aber „weiterverkaufte“) und diente wie ein Tagelöhner, wurde also auch in den Jahren seines Dienstes nach den Grundsätzen des Tagelöhners (3. Mo 25,40) entlohnt. Am Ende der Dienstzeit ging er nicht nur frei aus, d.h. ohne verbliebene Schulden, sondern Gott bestimmte in seiner Güte noch, dass er von dem Segen Gottes für den Herrn, dem er gedient hatte, auch einen Teil bekam: Der Herr sollte ihn nicht leer entlassen, sondern ihm reichlich von den Erträgen des Landes „aufladen“ (3. Mo 25,14).
Zu Frage IV.

In 2. Mose 21,4 heißt es, dass nur die Frau, die der Herr seinem Knecht gegeben hatte, und ihre gemeinsamen Kinder dem Herrn gehören sollen, d.h. sie blieben im Stand der Knechte, d.h. als Tagelöhner, bei ihrem Herrn. Dieser Herr hatte nun nach den gleichen Grundsätzen für sie zu sorgen. Mir scheint, dass dann die Anweisungen in 2. Mose 21,7-11 entsprechend beachtet werden mussten, und dass außerdem die Frau als Frau des hebräischen Knechts, eines Israeliten, (ob sie nun selbst aus Israel oder vielleicht „von den Nationen“ oder den „Beisassen stammte) sowie ihre Kinder jedenfalls im Jubeljahr frei ausgehen mussten.

Ob aber wirklich ein Knecht, dem sein Herr eine Frau gegeben hat, sie und ihre gemeinsamen kleinen Kinder nach maximal knapp 6 Jahren Ehe zurücklässt?

Müssen wir hier nicht auch bedenken, dass sich manche prophetischen Stellen im Alten Testament nur im Hinblick auf ihre Erfüllung durch den Herrn Jesus erklären lassen? Für Ihn kam es nicht in Frage, seine Frau (die irdische Braut, Israel, die himmlische Braut, die Versammlung) und seine Kinder (die Gläubigen individuell) zurückzulassen. Er liebte sie. Das ist es, was uns immer zur Bewunderung treibt.

Die gesamten Anordnungen Gottes zu diesen Fragen zeigen die barmherzige Fürsorge Gottes für die Armen und Verarmten seines Volkes, genau so wie wir das auch in Bezug auf Witwen und Waisen von Gott kennen.

Herzliche Grüße in unserem Herrn Jesus Christus

Dein Rainer Brockhaus

(Folge mir nach - Heft 7/2005)