04.01.2021 Versammlung / Gemeinde

Die Versammlung (Gemeinde) an einem Ort (1)

Inhaltsangabe (aus Brief 7)

In Brief 7 gibt William Kelly einen kurzen Überblick über sie sieben Briefe zum Thema der Versammlung in einer Stadt. Diese Überschiften geben wir an dieser Stelle wieder (weil die Briefe 4-7 über viele Einzelheiten damaliger historischer Entscheidungen berichten, die sich unserer Kenntnis entziehen und die beim Verständnis des Themas an sich nicht viel weiterhelfen, so dass wir sie nicht in übersetzter Form bringen wollen).

 

  1. In Brief 1 geht es darum, den Grundsatz der Einheit zu formulieren, wie die Schrift von dem einen Leib und der Einheit des Geistes spricht.

  2. In Brief 2 gehen wir auf die Einwände ein, die angeblich auf der Grundlage der Schrift gegen die im ersten Brief gezeigten Grundsätze der Einheit vorgebracht werden.

  3. In Brief 3 wird die Idee, eine Einheit allein auf einem örtlichen Zusammenkommen in einer (größeren) Stadt zu schaffen, auf der Basis der Schrift verworfen.

  4. In Brief 4 wird deutlich, dass der geistliche Zustand von Niedergang und Ruin in keiner Weise unsere Verantwortung einschränkt oder verändert.

  5. In den Briefen 5-7, die wir nicht übersetzt haben, werden diese Grundsätze auf die aktuellen Vorgänge (in London und England) angewendet (5). Im sechsen Brief werden die verschiedenen Vorschläge genannt und beurteilt, die anstelle der bisher anerkannten Vorgehensweise unterbreitet worden sind. In dem letzten Brief wendet sich William Kelly dann noch einmal an das Gewissen der Brüder, die sich ohne einen wirklich biblischen Grund gegen die bislang praktizierte, anerkannte Praxis gewendet haben.

 

Erster Brief 

Lieber Bruder,

du hattest den Wunsch, in schriftlicher Form das lesen zu können, was ich zu diesem Thema für Gottes offenbarten Willen halte in Übereinstimmung mit denen, die nach unserem Verständnis wahrhaft von Gott belehrt waren.

 

Die Einheit des Geistes bewahren

Der Grundsatz, um den es geht, fließt aus der großen und wertvollen Wahrheit hervor, dass wir von Gott dazu berufen sind, auf dem Boden des einen Leibes Christi unseren Lebenswandel zu führen. Wenn wir nicht so wandeln, können wir sicherlich nicht fleißig sein, die Einheit des Geistes zu bewahren (Eph 4,3).

Solange die Heiligen, die diesen einzig gottgemäßen Standpunkt einnehmen, nämlich im Glauben im Namen Christi versammelt zu sein, in einer Stadt nur an einem Ort zusammenkommen, wie das häufig der Fall ist, gibt es keine Schwierigkeiten. Niemand unter uns stellt ihr Recht und ihre Befähigung infrage, noch ihre Verantwortung. Selbst wenn sie nur zwei oder drei wären, bliebe ihr Vorrecht doch erhalten. Sie sind nicht die Versammlung und geben angesichts des heutigen Verfalls der Kirche auch nicht vor, das zu sein, da viele Glieder Christi in allen möglichen religiösen Gruppierungen zerstreut sind, ob organisiert oder nicht, ob groß oder klein.

Dennoch stehen sie in der Pflicht, gemeinsam nach dem biblischen Grundsatz im Heiligen Geist, der in Ewigkeit bleibt, in Übereinstimmung mit dem Herrn zu wandeln, ermuntert und gestärkt durch die gnädige Hilfsquelle für den bösen Tag: die Zusicherung der Gegenwart des Herrn, der ihre Handlungen genauso anerkennt wie zu dem Zeitpunkt, als die Versammlung noch ohne Trennungen war (Mt 18,18-20).

Vielleicht müssen sie in ihrer Schwachheit in Demut, Geduld und Liebe auf Ihn warten. Aber sie dürfen es in der vertrauensvollen Erwartung seiner Leitung durch sein Wort und seinen Geist tun. Unmöglich wird der Herr diejenigen im Stich lassen, die so in Abhängigkeit und Glauben versammelt sind. Wenn Hast und Eigenwille in Führern oder Geführten wirken, gibt es keine Garantie, dass Fehlentscheidungen oder gar Ungerechtigkeiten nicht bald Leid und Schmach für alle, die Ihn lieben, und Verunehrung für den Namen des Herrn nach sich ziehen.

 

Die Versammlung am Ort - Versammlungen in einer Gegend

Es stellt sich notwendigerweise die Frage der Einheit, zunächst ganz grundsätzlich durch die Tatsache, dass die Schrift in der ganzen Welt nur einen Leib, die Versammlung, anerkennt. Hinzu kommt, dass die Tatsache, dass Gottes Wort nie von mehreren Versammlungen in einer Stadt spricht, von praktischer Bedeutung ist. Wir lesen durchaus von Versammlungen (Mehrzahl) in einer Gegend oder Provinz. Aber Gottes Wort spricht immer von der Versammlung in Jerusalem, Antiochien, Ephesus usw. Wenn die Schrift schon innere Differenzen und Spaltungen (gr. schisma) verurteilt (1. Kor 1,10; 11,18; 12,25), dann äußere Parteiungen (gr. hairesis) umso deutlicher (Gal 5,20; 2. Pet 2,1).

Die Einheit muss bewahrt werden und ist von größtem Wert, vorausgesetzt, sie ist nicht fleischlicher oder weltlicher Natur, sondern die Einheit des Geistes (Eph 4,3). Sie ist mit dem Namen und der Herrlichkeit Christi verbunden, ganz zu schweigen von dem reichen geistlichen Segen, den sie für Gesinnung, Herz und Gewissen der Gläubigen mit sich bringt, die entsprechend handeln.

Schon bei den ersten Gläubigen, die diese Berufung kannten (Eph 4,1), prüfte Gott in sehr deutlicher Weise, inwieweit sie diese Einheit bewahren würden. Denn durch die beispiellose Krafterweisung des Heiligen Geistes wurden an einem Tag Tausende zum Namen Christi geführt und für den Herrn bestimmt, über das Maß normaler Zeiten hinaus.

 

In der Anfangszeit (Jerusalem)

Es liegt in der Natur der Sache, dass sie nicht über öffentlichen Gebäude verfügen konnten, auch wenn sie sicher sehr wünschten, alle gemeinsam an einem Ort zusammenzukommen. Vielmehr verkauften alle ihren Besitz, die Felder oder Häuser besaßen, um den Erlös an Bedürftige zu verteilen.

Sie verharrten noch eine Zeit im Tempel, da sie sich noch nicht vollständig von ihren alten Bindungen gelöst hatten. Doch brachen sie Brot zu Hause (nicht „von Haus zu Haus", wie es manche übersetzt haben und damit den falschen Eindruck von Unordnung entstehen lassen). Offensichtlich standen Räumlichkeiten, vor allem „Obergemächer" von nicht unbeträchtlicher Größe zur Verfügung.

Obwohl sie sich die Juden, die aus jeder Nation unter dem Himmel Christen geworden waren, auf diese Weise in vielen verschiedenen Häusern Jerusalems (und dann in anderen Städten) versammelten, spricht der Heilige Geist doch einheitlich von der Versammlung und nie von den Versammlungen eines Ortes.

Einen nützlichen Hinweis dazu finden wir in Apostelgeschichte 6. Die „ganze Menge" der Gläubigen fand einen Weg, gemeinsam zu handeln, obwohl zuvor berichtet wird, dass die Zahl der Männer (gr. andron) auf etwa fünftausend angewachsen war. Geht man zu weit anzunehmen, dass zusammen mit den gläubigen Frauen bereits doppelt so viele Gläubige dort waren?

Ich gebe zu, dass die Ernennung der sieben Diakone keine gewöhnliche Sache war. Noch erstaunlicher war die Gelegenheit in Apostelgeschichte 15, die „die ganze Menge" (V. 12) zusammenführte. Ich weise auf diese Stellen hin, da sie unabweisbare Beweise für das gemeinsame Handeln „der Versammlung" in einer Stadt sind, wie auch immer es zustande kam und selbst wenn viele Tausende betroffen waren. Wir lernen hier die durch die Schrift autorisierte Praxis, die von Beginn an vorgestellt wird.

 

Aufnehmen und Ausschließen

Wenn es irgendeine Pflicht gibt, die mehr als jeder andere untrennbar mit der Versammlung verbunden ist, , dann ist es die schriftgemäße Aufnahme und der schriftgemäße Ausschluss von denen, die den Namen des Herrn tragen. Geschieht das durch irgendeine Versammlung? Oder handelt man so auf dem Grundsatz der (einen) Versammlung? Ich spreche jetzt nicht von einem Ort, an dem sich alle versammelten Heiligen tatsächlich gemeinsam unter einem Dach versammeln, sondern von einer Stadt, in der die Gläubigen so zahlreich sind, dass sie wie in Jerusalem das Brot in mehreren Häusern brechen.

Die Schrift erkennt kirchliches Handeln nur dann an, wenn es auf dem Grundsatz der Einheit geschieht. 1. Korinther 5 ist nicht nur für die Korinther geschrieben worden, sondern für „alle, die an jedem Ort den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen, ihres und unseres Herrn" (1. Kor 1,2).

 

Örtliche Verantwortung und Einheit

Ich erkenne voll und ganz die örtliche Verantwortlichkeit an und bestehe auch darauf. Sie ist dort vorhanden, wo ein Fall auftritt und bekannt ist. Sie darf aber in der Praxis nicht auf Kosten der Einheit an dem betroffenen Ort bzw. der jeweiligen Stadt wahrgenommen werden. Damit eine Handlung der Versammlung von Gott ausgehen kann, muss sie wirklich und nicht nur der Form halber durch alle Gläubigen geschehen, die auf gottgemäßem Grund versammelt sind. Nur, wenn man an so etwas wie örtliche Unfehlbarkeit glaubte, wäre diese Handlung in Einheit nicht nötig.

Wenn so alle an einer Aufnahme oder an einem Ausschluss teilhaben, wäre es Unrecht, zwar die Verantwortung für die Handlung auf alle zu legen, zugleich aber nicht jedem die Möglichkeit einzuräumen, in gewissenhafter Weise zuzustimmen oder folglich auch Nachfragen zu stellen und gegebenenfalls in Gott gemäßer Weise der Pflicht eines Einspruchs nachzukommen.

 

Unabhängigkeit

Die losgelöste Handlung einiger Gläubiger oder „einer" Versammlung (das heißt eines von mehreren Zusammenkommen an einem Ort) ohne die Übrigen in der Stadt ist praktische Unabhängigkeit. Sie ist dem Geist und dem Buchstaben des Wortes Gottes entgegengesetzt. In einer Gegend handeln jeweils die einzelnen Zusammenkommen, die sich an diesem oder jenem Ort versammeln. Alle Gläubigen nehmen diese Handlung „prima facie" (auf den ersten Blick, zunächst) als von Gott kommend an. Dort liegt es in der Natur der Sache, dass es nach der Schrift kein gemeinsames Handeln der einzelnen Versammlungen gibt. Sie bilden eben nicht „die Versammlung [Einzahl] in Galatien", sondern die Versammlungen [Mehrzahl] in dieser Gegend.

Aber in einer Stadt ist das niemals so. Dort hat zwar die Schar vor Ort die erste Verantwortung für den Fall und dafür, eine schriftgemäße Handlungsweise vorzuschlagen. Alle Heiligen dort aber haben das Recht und die Pflicht, gemeinsam zu handeln. Sonst gibt es nicht länger die Versammlung in Jerusalem oder in London, sondern bloß eine menschliche, gemeindliche Einsmachung im Anschluss an eine  vollzogene Handlung, was in dieser Sache einer Leugnung der Einheit darstellt.

Für jetzt sage ich weiter nichts und verbleibe wie stets
in Christus von Herzen,

WK