13.11.2020 Lebensbilder | Buchbesprechungen

Letzte Begegnungen unter dem Galgen (Buchbesprechung; FMN)

Das Nazi-Regime

Die heutigen politischen Verhältnisse in Deutschland bewirken, dass die Ereignisse vor dem zweiten Weltkrieg aktuell wieder neu in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Kaum jemand aber will wahrhaben, was Gottes Wort über die Zukunft vorhersagt: Es wird viel schlimmer kommen, als es in Deutschland durch Hitler und in Europa auch durch andere Diktatoren je gewesen ist.

 

Manche dieser Despoten überlebten den Zweiten Weltkrieg. Andere wie Adolf Hitler begingen Suizid. Im Nürnberger Prozess standen die Hauptkriegsverbrecher (unter anderem Hermann Göring) vor dem Internationalen Militärgerichtshof sowie in zwölf weiteren sogenannten Nürnberger Nachfolgeprozessen vor einem nationalen US-amerikanischen Militärtribunal. Diese Gerichtsverfahren wurden in Nürnberg zwischen 1945 und 1949 abgewickelt.

 

Eine besondere Zielsetzung

Über diese Prozesse gibt es eine Reihe von Aufzeichnungen und Bücher. Manches ist darüber geschrieben und verfilmt worden. Im Buch „Letzte Begegnungen unter dem Galgen" aber geht es um etwas ganz Besonderes. Der amerikanische Militärseelsorger Henry Gerecke betreute als evangelischer Geistlicher zusammen mit einem katholischen Priester, Sixtus O'Connor, die Hauptangeklagten des Nürnberger Prozesses. Er wurde unter anderem deshalb für diese Arbeit ausgesucht, weil er deutsch sprach. Aber auch, weil er vertrauenserweckende Arbeit geleistet hatte. Mit 52 Jahren galt er als erfahrener und besonnener Seelsorger, was gerade in diesem Verfahren nützlich war.

 

Tim Townsend, ein amerikanischer Journalist, hat sich die Aufzeichnungen von Gerecke angeschaut. Er schrieb unter anderem für renommierte Zeitungen wie „Wall Street Journal" und „New York Times". Mehrfach wurde er als „Religion Reporter of the Year" ausgezeichnet. Aus seiner intensiven Recherche über die Aufzeichnungen zu den Nürnberger Prozessen und die Aufzeichnungen Gereckes ging das Buch „Letzte Begegnungen unter dem Galgen" hervor.

 

Ein Abgrund an Sünde und eine unfassbare Gnade

Es handelt sich um ein außerordentlich spannend geschriebenes Werk über 382 Seiten (SCM-Verlag). Es widmet sich nicht den Prozessen als solchen, sondern besonders der persönlichen Arbeit des Seelsorgers Henry Gerecke. Er zeichnet das Bild der verschiedenen Angeklagten und offenbart hinter ihrer öffentlichen „Maske" manche Unsicherheit, Hilflosigkeit, Angst. Bei manchen ist man erstaunt, eine bemerkenswerte Offenheit dem Evangelium gegenüber anzutreffen.

 

Zugleich schaut man in die Abgründe des menschlichen Wesens und Eigenwillens. Es gab Angeklagte, die ihre Bosheiten und Gewalttaten in dem Nazi-Regime nicht als verkehrt ansehen und bekennen wollten. Trotz vieler Appelle waren sie nicht bereit, sich angesichts ihres unausweichlichen Todes vor Gott zu beugen. Sie erkannten nicht, dass der Richter-Gott für sie zu einem Retter-Gott hätte werden können.

 

Die Botschaft vom Kreuz für Gewalttäter

Townsend gelingt es, von Beginn an einen Spannungsbogen aufzubauen, der bis zum Schluss erhalten bleibt. Er versetzt den Leser in die damalige Zeit zurück und zeigt etwas von der Arbeit eines Gefängnisseelsorgers. Ein solcher arbeitet mit Menschen, die unfassbar schlimme Dinge getan haben. Gerecke musste sich bei der Arbeit und angesichts mancher Vorwürfe mit der ethischen Frage auseinandersetzen: Darf man solch bösen Menschen überhaupt zur Seite stehen? Man kann beim Lesen dieses Buches immer wieder die innere Spannung nachempfinden, die bei einer solchen Arbeit für einen Seelsorger vorhanden ist, ja sein muss. Tatsächlich aber ist niemand zu böse, als dass Gott ihm nicht die gute Botschaft vom Kreuz von Golgatha vorstellen würde. Oder meinen wir, dass wir in uns selbst besser sind?

 

Der Autor zeichnet in diesem Buch ein ausgewogenes Bild von Henry Gerecke. Auch seine Schwächen oder seine Schwierigkeiten in Ehe und Familie werden nicht verschwiegen. Auf diese Weise erlebt der Leser auch das Spannungsfeld, in dem sich Henry und seine Frau vor, in und nach dieser Zeit befunden haben. Natürlich muss man bedenken, dass Gerecke eine protestantische Ausbildung absolviert hat und daher auch manche falschen Lehren vertritt, die in dieser „Kirche" gelehrt werden. Sie werden in diesem Buch allerdings nur am Rande erwähnt.

 

Ein besonderer Zugang zu den damaligen Führern

Gerade für junge Christen, die von sich aus eher selten einen Zugang zu den damaligen Ereignissen suchen, ist dieses Buch lesenswert. Es zeigt, wie schwach scheinbar starke Persönlichkeiten sein können und wie böse der natürliche Mensch ist, auch der christliche Mensch, wenn er sich nicht bekehrt und mit seinem Herrn lebt. Zudem sind manche Unterhaltungen, gerade die unmittelbar vor den Hinrichtungen, direkt zu Herzen gehend.

 

Das Buch ist 2016 in deutscher Sprache erschienen und kostet 19,99 Euro. Es ist beim Herausgeber von „Folge mir nach" erwerbbar. Letzte Begegnungen

 

Buchauszug (S. 298-300):

Andrus hatte eigentlich gewollt, dass die Verurteilten den Weg von der Zelle zur Turnhalle ohne Handschellen zurückgelegten, doch das wurde nach Görings Selbstmord geändert. In der Turnhalle würde Andrus dem Gefangenen die Handschellen abnehmen und darauf den Raum verlassen, womit er symbolisch den Delinquenten in die Obhut der Leute von Leutnant Tilles übergab - der Männer des Kommandeurs der Militärpolizei der Dritten US-Armee.

 

Zwei Militärpolizisten würden den Verurteilten an den Armen nehmen und zum Galgen führen. Hinter ihnen würden zwei weitere Militärpolizisten gehen und hinter diesen Gerecke bzw. O'Connor und ein Dolmetscher. Man würde den Gefangenen zu einem Tisch in der Nähe des Galgens führen, an welchem Mitglieder des Tribunals saßen, und ihn auffordern, seinen Namen zu nennen.

 

Anschließend würden zwei der Militärpolizisten den Delinquenten die 13 Stufen zu der Plattform des Galgens hochführen, gefolgt von dem Geistlichen. Die beiden anderen Militärpolizisten würden sich hinter den schwarzen Vorhang begeben, der die Leiche des Gehenkten verdecken soll. Sobald die Ärzte den Tod des Gehenkten festgestellt hatten, würden sie die Leiche vom Seil abschneiden, auf eine Trage legen und sodann hinter einem zweiten schwarzen Vorhang bringen, wo ein schlichter Sarg aus Kiefernholz wartete.

 

Um 1:00 Uhr ging Andrus mit zwei deutschen Beamten, mehreren Wärtern und den beiden Geistlichen im Schlepptau von Zelle zu Zelle, um jedem der Verurteilten sein Los noch einmal offiziell mitzuteilen. „Tod durch den Strang!", hallte die Stimme des Dolmetschers durch den Gang. Einer der Geistlichen blieb jeweils noch einen Augenblick in der Zelle und sprach kurz mit dem Verurteilten.

 

Eigentlich hätte Göring als Erster gehängt werden sollen; jetzt fiel diese fragwürdige Ehre Hitlers ehemaligem Außenminister zu. Speer hörte in seiner Zelle im ersten Stock, wie Andrus rief: „Ribbentrop!" Unten öffnete sich eine Zellentüre. Speer hörte gedämpfte Stimmen und das Scharren von Stiefeln auf dem Fußboden.

 

Gerecke ging in die Zelle hinein und betete mit Ribbentrop, während Andrus im Gang wartete. Ribbentrop sagte, dass er „all sein Vertrauen in das Blut des Lammes setzte, dass die Sünden der Welt wegträgt. Er bat Gott, sich seine Seele zu erbarmen".

 

Als Ribbentrop bereit war, rief Andrus durch die Tür: „Folgen Sie mir!" Speer hörte das Hallen ihrer Schritte in dem Gang unten, das sich langsam entfernt. Er saß aufrecht auf seiner Pritsche, die Hände wie Eis, und konnte kaum atmen.

 

Andrus führte Ribbentrop hinaus und die 35 m über den Hof zur Tür der Turnhalle. Gerecke und O‘Connor folgten. O‘Connor trug sein Franziskaner Habit, eine braune Kette in der Form eines Kreuzes, um die Taille eine weiße Kordel gebunden, die in drei Knoten endete, die für die franziskanischen Gelübde standen.

 

„Es war ein langer Weg", schrieb Andrus später. „Für uns alle!"

 

An der Tür zur Turnhalle angekommen, nahm Andrus seinen blank gewienerten Helm ab und verneigte sich. Ribbentrop verneigte sich ebenfalls.

 

Andrus‘ Klopfen ließ das drinnen schweigend wartende Hinrichtungsteam kurz zusammenfahren. Man öffnete die Tür. Ribbentrop ging hinein und hob die Hand vor die Augen, wegen der grellen Lichter. Es war jetzt 1:11 Uhr. Er blinzelte. Sein Blick streifte durch den staubigen, schmutzigen Raum.

 

Andrus nahm Ribbentrop die Handschellen ab und verließ die Turnhalle. Er hatte diese Gefangenen zu lange bewacht, um bei ihrem Tod zuzuschauen.

 

Die beiden Militärpolizisten nahmen Ribbentrops Arme. Jetzt sah er sie - die Mitglieder des Tribunals, die deutschen Offiziellen, den bayerischen Ministerpräsidenten Hoegner und den Generalstaatsanwalt Leistner, die US-Offiziere und Journalisten, die links von den Galgen an acht Klapptischen saßen.

 

Die Militärpolizisten führten Ribbentrop vor die Richter und forderten ihn auf, seinen Namen zu nennen. Er tat es, und sie führten ihn zum Galgen. Er blieb einen Augenblick stehen, dann stieg er die 13 Stufen hinauf, gefolgt von Gerecke.

 

Oben banden die Militärpolizisten Ribbentrop mit den Lederschnürsenkeln die Hände auf dem Rücken zusammen, dann fesselten sie mit einem Armeegürtel seine Beine.

 

Als er auf der Falltür stand, sprach er seine letzten Worte - einen Friedenswunsch für die Welt. Dann sah er Gerecke an und sagte: „Ich werde sie wiedersehen."

 

Gerecke sprach ein kurzes Gebet und schloss nach einem stillen Moment mit „Amen". Woods zog eine schwarze Kapuze über Ribbentrop Kopf, dann legt er ihm die Schlinge um den Hals. Er schaute zu dem Kommandeur der Militärpolizei hin, auf dessen Signal wartend.

Folge mir nach – Heft 11/2020