23.09.2020 Persönlicher Glaube

Die neue Natur und die alte Natur (2)

Manche Menschen sind fast von Geburt an gutmütig und religiös. Brauchen sie überhaupt eine neue Natur, von der du hier gesprochen hast?

Ganz sicher brauchen sie diese. Gerade der Mann, zu dem der Herr Jesus diese denkwürdigen Worte gesagt hat, „ihr müsst von neuem geboren werden" (Joh 3,7), war genau diese Art von Mensch. Moralisch, sozial, religiös, ja alles sprach zu seinen Gunsten. Und dennoch sprach der Herr diese Worte geradewegs zu ihm, nicht nur in abstrakter Weise (Joh 3,3), sondern in konkreter und direkt persönlicher Ansprache: „Ihr müsst von neuem geboren werden".

 

Es gibt die weitverbreitete Vorstellung, dass jeder zumindest einen Funken Gutes in sich trägt und dass man durch Gebet und Selbstkontrolle die Natur nur weiterentwickeln muss. Ist das schriftgemäß?

Nein, das ist unbiblisch, ja steht im Gegensatz zum Wort Gottes. Viele Abschnitte könnte man anführen, aber ich beschränke mich auf zwei:

 

Die erste ist sozusagen ein negativer Beweis. In Römer 3,9-19 haben wir ein vollständiges Porträt der Menschheit in ihren moralischen Eigenschaften. Die Einzelheiten werden vom Apostel Paulus aus alttestamentlichen Schriftstellen herausgegriffen. Zuerst kommen beeindruckende grundsätzliche Aussagen (V. 10-12), dann einschneidende spezielle Hinweise in abscheulichen Einzelheiten (V. 13-18). Nicht ein einziges Wort drückt etwas von diesem angeblich vorhandenen Funken des Guten aus. Wie ungerecht, wie unwahrhaftig ist das alles! Der Gott, der nicht lügen kann (Tit 1,2), beschreibt seine Geschöpfe hier und erwähnt nichts von diesem angenommenen Funken des Guten. Die Schlussfolgerung ist offensichtlich. Es gibt nichts Gutes im Menschen.

Der positive Beweis davon sieht so aus: „Und der Herr  sah, dass die Bosheit des Menschen groß war auf der Erde, und alles Gebilde der Gedanken seines Herzens nur böse den ganzen Tag" (1. Mo 6,5).

 

Der Apostel Paulus nennt dieselbe Wahrheit in anderen Worten, wenn er sagt: „Ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt" (Röm 7,18) - nicht einmal ein Funke an Gutem. Für diejenigen, die der Bibel glauben, sind diese Hinweise entscheidend. Man muss diesen Aussagen nichts mehr hinzufügen.

 

Wird man die alte Natur mit der neuen Geburt los, oder müssen wir das so sehen, dass eine bekehrte Person sowohl die alte als auch die neue Natur in sich besitzt?

Die alte Natur wird durch die neue Geburt nicht ausradiert. Sonst könnten wir nicht lesen: „Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns" (1. Joh 1,8). Auch wird die alte Natur nicht in die neue verändert. Die neue Geburt ist nicht wie der Stein des Philosophen, über den die Legende verbreitet wurde, dass alles, was er berühre, zu feinem Gold werde. Johannes 3,6 habe ich zitiert und dieser Vers zeigt das deutlich.

 

Der Gläubige hat beide Naturen, genauso wie es diese beiden Naturen in dem normalen Fruchtbaum im Garten vorhanden sind. Tatsächlich ist der Prozess der „Veredelung" nicht ungeeignet, um unsere Situation zu beschreiben. Durch die Veredelung wird der wilde Zweig, der in die erlesenen und kultivierten Apfeltriebe eingesetzt wird, gewissermaßen verurteilt. Man setzt das Messer an und schneidet die wilden Triebe stark zurück, damit der Veredlungsprozess stattfinden kann. Zudem wird in dem Moment, in dem der Gärtner die Veredelung vornimmt, der Baum nicht mehr als Wildwuchs und wilder Baum angesehen und bezeichnet. Von diesem Augenblick an bezeichnet der Gärtner den Baum mit dem Namen der Apfelsorte, in die er den Strauch veredelt hat.

 

Das gilt auch für uns. Beide Naturen sind vorhanden, doch Gott erkennt nur das Neue an. Wir sind daher als solche, die den Heiligen Geist empfangen haben, „nicht im Fleisch, sondern im Geist" (Röm 8,9).

 

Wenn die alte Natur noch da ist, müssen wir doch etwas tun. Wie sollen wir sie behandeln?

Natürlich sollen wir ihre Gegenwart nicht einfach ignorieren oder unbeeinflusst von ihren Handlungen in uns leben. Aber zugleich müssen wir erkennen, dass weder Vorsatz noch Anstrengungen zu irgendeinem guten Ergebnis führen. Wir sind dann weise, wenn wir uns mit Gottes Gedanken einsmachen und die alte Natur so behandeln, wie Er es tut. Beginne damit anzuerkennen, dass du nun mit der neuen Natur identifiziert wirst und daher das Recht hast, die alte Natur zu verleugnen, zu enteignen. „Nun aber vollbringe nicht mehr ich es, sondern die in mir wohnende Sünde" (Röm 7,17). Die neue Natur ist deine wahre Persönlichkeit, nicht die alte. Das haben wir auch bei dem veredelten Apfelbaum gesehen. Sobald die Veredelung wirksam ist, wird der Baum als kultivierter Apfel bezeichnet.

 

Da dies so ist, wird es einfach, sich richtig zu verhalten. Der Gärtner wird seinen neu veredelten Baum genau beobachten. Wenn der alte Wildbestand versucht, sich zu behaupten und aus seinen Wurzeln austreibt, wird er diese Triebe rücksichtslos abschneiden, sobald sie sichtbar werden. So solltest auch du das Kreuz Christi in deinem Leben als ein scharfes Messer für die alte Natur und ihre sündigen Begierden einsetzen.

 

„Tötet nun eure Glieder, die auf der Erde sind" (Kol 3,5). Die Wörter, die ich hier betont habe, entsprechen den Trieben des wilden Apfelbaums. Worin sie bestehen, zeigen der Rest von Vers 5 sowie die Verse 8 und 9 aus Kolosser 3. „Töte sie" heißt, bring sie in allen Einzelheiten in den Tod.

 

Dafür benötigst du geistliche Energie, Mut und eine Herzensentscheidung. Das alles besitzt du nicht in dir selbst. Deine einzige Kraft besteht darin, einfach auf den Herrn Jesus zu schauen und dich vorbehaltlos in die Hände seines Geistes zu begeben. „Wenn ihr durch den Geist die Handlungen des Leibes tötet, so werdet ihr leben" (Röm 8,13).

 

Werden wir die Kraft des Geistes durch eine große, persönliche Willensanstrengung erhalten und so überwinden, oder einfach, in dem wir uns Gott hingeben?

Die Schrift selbst gibt uns auf diese Frage die rechte Antwort:

  • „Stellt euch selbst Gott dar als Lebende aus den Toten und eure Glieder Gott zu Werkzeugen der Gerechtigkeit" (Röm 6,13).
  • „Stellt jetzt eure Glieder dar als Sklaven der Gerechtigkeit zur Heiligkeit" (Röm 6,19).
  • „Jetzt aber, von der Sünde frei gemacht und Gott zu Sklaven geworden, habt ihr eure Frucht zur Heiligkeit, als das Ende aber ewiges Leben" (Röm 6,22).

 

Die Vorstellung, dass die notwendige Kraft durch einen Akt unseres eigenen Willens erreicht wird, sieht wie ein letzter verzweifelter Versuch aus, ein bisschen Anerkennung für das Fleisch zu bekommen. Stattdessen sollten wir das Fleisch vollkommen verurteilen und allein Gott die Ehre geben.

 

Erreicht die neue Natur in dem Gläubigen jemals solch einen vollkommenen Stand durch geistliches Wachstum, dass sie ihn immun gegen die Wünsche der alten Natur macht?

2. Korinther 12 zeigt sehr deutlich, dass dies nicht so ist. In diesem Kapitel lesen wir, dass der Apostel Paulus, der vor allen anderen Christen bevorrechtigt war, in den dritten Himmel entrückt wurde. Das ist die unmittelbare Gegenwart Gottes. Dort hatte er Dinge gehört, die so erhaben waren, dass sie mit einer menschlichen Sprache nicht ausgedrückt werden können. Dann musste er sein normales Leben auf der Erde wieder aufnehmen und sagt uns, dass Gott ihm von diesem Augenblick an einen Dorn für das Fleisch gab. Dieser war eine besondere Schwachheit als Gegengewicht zu der erlebten Herrlichkeit, „damit ich mich nicht durch das Übermaß der Offenbarungen überhebe" (2. Kor 12,7).

 

Nun wird jeder anerkennen, dass das christliche Leben von Paulus von erhabenster und geistlichster Art war. Aber selbst mit diesem einzigartigen Vorrecht des vorübergehenden Aufenthalts im dritten Himmel und der damit verbundenen besonderen Einsicht in Gottes Ratschluss war er nicht in der Lage, die Selbsterhöhung zu überwinden, die in der alten Natur unabänderlich wohnt. Wenn das bei ihm so war, ist es auch bei uns nicht anders.

 

Kannst du mir irgendwelche Hinweise geben, die mir helfen, zwischen den Wünschen und Ansprüchen der alten Natur und denen der neuen Natur praktischerweise zu unterscheiden?

Ich kann dir nichts geben, was dir helfen könnte, ohne dass du Gottes Wort liest. Es ist notwendig, dass du immer wieder unter Gebet auf die Knie gehst, um dein Herz vor Gott zu prüfen. „Das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert" (Heb 4,12). Zudem steht uns der Thorn der Gnade zur Verfügung, damit wir Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe (Heb 4,16). Gottes Hoherpriester ist es, der diesem Thron Gnade verleiht.

 

Das Wort Gottes und das Gebet sind somit absolut notwendig, wenn wir zwischen den Gedanken und Wünschen, die wir in gegensätzlicher Weise in unserem Inneren vorfinden, unterscheiden und sie entwirren wollen.

 

Wenn wir das bedenken, kann es eine Hilfe sein, wenn wir uns daran erinnern, dass genauso, wie der Kompass des Schiffskapitäns immer Richtung Norden ausgerichtet ist, sich die neue Natur immer auf Gott ausrichtet, während die alte Natur immer das eigene Ich bedienen möchte. Alles das, was Christus als Gegenstand vor Augen hat, kommt aus der neuen Natur. Das dagegen, was letztlich das Ich ehren möchte, kommt aus der alten Natur.

 

Wenn man das verinnerlicht, werden sich viele scheinbar verwirrende Fragen von selbst lösen. Wenn wir fragen: „Was ist das verborgene Motiv, das mich in dieser Sache antreibt? Geht es wirklich um die Verherrlichung von Christus, oder geht es um Selbstdarstellung? Um welche der beiden Ziele geht es mir?