24.04.2020 Versammlung / Gemeinde | Menschliches Zusammenleben

Gefahren in der Nach-Corona-Zeit

Eine 2-Klassengesellschaft

An manchen Orten gibt es eine Übereinstimmung zwischen den Gläubigen, dass man - in kleiner Zahl - zusammenkommen kann. Aber es sind in aller Regel (bei weitem) nicht alle, die das auch tun. Manche folgen ihrem persönlichen Gewissen und verzichten auf das Zusammenkommen, weil sie es als Ungehorsam dem Staat gegenüber empfinden oder weil sie glauben, dass damit das wichtige Ziel, die Infektion nicht weiterzuverbreiten, verfehlt wird. Oder ...

 

An anderen Orten gibt es solche, die gerne zusammenkommen würden. Aber es gibt keine Einmütigkeit dazu, weil das Gewicht der Brüder bzw. Geschwister diesen Weg für falsch hält. Oder man hielt es nicht für richtig, das jeweilige Gewissen der/des anderen so vor dem Herrn zu akzeptieren bzw. man hatte Mühe damit, die kleineren Zusammenkommen in Häusern als Zusammenkommen als Versammlung (Gemeinde) auf der Grundlage der Schrift zu erkennen.

 

Die Gefahr einer Spaltung

Was kann die Folge sein? Eine 2-Klassengesellschaft. Die Schrift nennt das „Spaltung" oder „Riss" (vgl. 1. Kor 1,10; 11,18; 12,25; Mt 9,16). Es könnte dabei auch die Gefahr bestehen, dass sich die einen geistlicher oder die anderen gehorsamer empfinden. Dass man in Gruppen denkt.

 

Unabhängig von der Frage, ob man unterschiedlich gehandelt hat oder nicht, hatte man in jedem Fall unterschiedliche Überzeugungen, wie man am Ort handeln sollte. Und da ist die Sorge groß, dass Haarrisse bestehen bleiben: in Gedanken, in den Herzen. Das kann am Ort so sein, das kann auch überörtlich unter Brüdern und Geschwistern so sein, sogar unter Freunden.

 

Wie wichtig ist es, dass man aufeinander zugeht. Dass man diese Haarrisse wieder „verschließt". Dass keiner meint, er wäre der Geistlichere, der Gehorsamere, der Reifere inmitten der Gläubigen. Denn das führt dazu, dass die Spaltungen größer werden. Wir gehören zusammen und bilden zusammen - mit allen Gläubigen - den einen Leib Christi.

 

Viele Glieder - ein Leib

Für uns gilt heute, was der Apostel schon den Korinthern geschrieben hat: „Nun aber sind der Glieder zwar viele, der Leib aber ist einer. Das Auge aber kann nicht zu der Hand sagen: Ich brauche dich nicht; oder wiederum das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht; sondern vielmehr die Glieder des Leibes, die schwächer zu sein scheinen, sind notwendig; und die wir für die unehrbareren des Leibes halten, diese umgeben wir mit reichlicherer Ehre; und unsere nichtanständigen haben desto reichlichere Wohlanständigkeit; unsere wohlanständigen aber benötigen es nicht. Aber Gott hat den Leib zusammengefügt, indem er dem Mangelhafteren reichlichere Ehre gegeben hat, damit keine Spaltung in dem Leib sei, sondern die Glieder dieselbe Sorge füreinander hätten. Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit; oder wenn ein Glied verherrlicht wird, so freuen sich alle Glieder mit. Ihr aber seid Christi Leib, und Glieder im Einzelnen" (1. Kor 12,2ß-27).

 

Für unsere Situation ist besonders wichtig:

  1. Der Leib ist einer - und daher sollen wir alles daran setzen, keine Risse innerhalb des Leibes (hier am Ort) zuzulassen oder bestehen zu lassen.

  2. Keiner kann zu einem anderen sagen: Ich brauche dich nicht oder ich brauche euch nicht. Im Gegenteil: Wir brauchen einander. Wenn jetzt Risse entstanden sind, auch wenn es nur feine Haarrisse sind, dann ist es äußerst wichtig, im Miteinander alles zu tun, dass diese wieder verschwinden.
    Es ist sehr auffallend, dass der Riss zwischen Juda und Israel, zwischen Süd- und Nordreich, schon bestand, als von Trennung zwischen diesen beiden Teilen und Rehabeam und Jerobeam noch keine Rede war. Schon zu Sauls und Davids Zeiten gab es diese Unterschiede. Wenn wir nicht aufpassen, erleben wir dasselbe. Es ist unsere Verantwortung, die Verantwortung von uns allen, das zu verhindern. Niemand kann sich hier herausreden.

  3. Auch die Glieder, die schwächer zu sein scheinen, sind nötig. Wir alle brauchen einander, jeden anderen. Gott hat uns in dem Leib Christi gerade so zusammengestellt, dass wir voneinander abhängig sind und einander nötig haben. Das sollte keiner von uns außer Acht lassen. Jeder, auch der begabteste Gläubige, braucht seine Brüder und Schwestern. Vor allem aber sollte keiner meinen, der andere sei „schwächer" ...

  4. Gott möchte nicht, das es eine Spaltung im Leib gibt. Wir können nicht verhindern, dass es durch Böses usw. bereits Spaltungen und Parteiungen gibt, die nicht aufgehoben werden können. Vor allem sollten wir nicht so tun, als ob diese Unterschiede keine Bedeutung hätten. Aber das, was an uns liegt, was im Blick auf die Gläubigen gilt, mit denen wir direkt zu tun haben, sollten wir alles daran setzen, diesen Grundsatz Gottes für seine Versammlung (Gemeinde) zu beherzigen. Jeder soll mit Energie und Fleiß Sorge für den jeweils anderen Bruder (Schwestern natürlich eingeschlossen!) haben.

  5. Wenn ein Glied am Leib leidet (geistlich), dann leiden alle Glieder mit. Das heißt, wenn wir jetzt feststellen, dass es jemanden gibt, der unter der aktuellen Situation leidet, werden wir Mitempfinden haben. Sonst würden wir verleugnen, was es bedeutet, zum einen Leib zu gehören.

 

Gläubige, die uns „verloren" gehen

Gerade an solchen Orten, an denen aktuell keine Zusammenkünfte stattfinden, besteht eine andere Gefahr, die allerdings auch an den Orten vorhanden ist, wo es Zusammenkünfte gibt. Denn überall gibt es Gläubige, die - aus ganz unterschiedlichen Gründen - am Rand stehen.

 

Eine Zeit, wo man nicht zusammenkommt, ist ein „gute" Gelegenheit für einen Absprung. Vielleicht, weil man sowieso eigentlich nicht mehr mit dem Herzen dabei war. Oder, weil man Fragen im Blick auf den „Weg" hatte. Oder, weil es Streit unter den Gläubigen gab. Oder weil die Welt auch attraktiv ist. Oder ... Es kann viele Gründe geben.

 

Hier haben wir eine ganz besondere Verantwortung, dem Einzelnen nachzugehen. Das können und sollen wir, soweit das möglich ist, jetzt schon tun. Aber erst recht ist es wichtig, wenn wir dann wieder zusammenkommen können, mit einem liebenden Hirtenherz solchen nachzugehen, die in Gefahr stehen „abzuspringen". Oder die nicht mehr auftauchen. Es fällt nach so einer Zeit eben nicht mehr so sehr auf. Haben wir einen Blick und ein Herz für solche?

 

Unabhängigkeit und Verselbstständigung von „Häusern"

An manchen Orten ist man in der Zeit der Kontaktbeschränkungen in einzelnen Häusern in kleiner Zahl zusammengekommen. Die Grundlage dafür sind die Versammlungen in den Häusern, die wir in einigen Briefen des Neuen Testaments, auch in der Apostelgeschichte finden.

 

Nun war gleich zu Anfang der Kontaktbeschränkungszeit zu hören, dass das ja eigentlich die Urform des Zusammenkommens sei und dass es (schlechte) Tradition wäre, in größerer Zahl in Versammlungsräumen zusammenzukommen. Dieser Gedanke ist jedoch nicht schriftgemäß.

 

Richtig ist, dass man in der Apostelgeschichte in Häusern zusammenkam (Apg 2,46). Warum war das ganz am Anfang so? Weil viele Juden wegen des Festes in Jerusalem waren und man anders die Zusammenkünfte gar nicht hätte abhalten können. Auch später lesen wir dann davon, dass man in Häusern zusammenkam (Apg 12; 20; usw.).

 

Größere Zusammenkommen in den Briefen

In den Briefen haben wir aber sowohl Versammlungen in Häusern als auch viele Orte, wo die Geschwister offensichtlich an einem „gemeinsamen" Ort zusammenkamen. In den Briefen an die Epheser, Korinther, Kolosser, Thessalonicher, an die Philipper usw. ist keine Rede davon, dass man (nur) in Häusern zusammenkam. Es ist also ein irriger Gedanke zu meinen, Versammlungen in ganz kleiner Zahl oder in Häusern seien anderen Zusammenkommen vorzuziehen.

 

Im Gegenteil. Wir leben in einem Umfeld, das vom Leitspruch der Richterzeit geprägt ist: Ein jeder tat, was recht war in seinen Augen. Und das führt oftmals dazu, dass man gerne individuell handeln möchte, dass man unabhängig von anderen sein möchte. Auch von den anderen Zusammenkommen, mit denen man (eigentlich) in praktischer Gemeinschaft ist.

 

Auf dem Weg in die Unabhängigkeit?

Diese Gefahr ist auch jetzt festzustellen. Wenn man in vielen kleinen Häusern zusammenkommt, können manche auf den Geschmack kommen, das sollte man unbedingt so weiter führen. Man trifft sich eben mit Geschwistern in einem Haus, die in mancherlei Hinsicht gleichgesinnt sind, gleiche Gedanken haben und auch in dieselbe Richtung handeln. Solange das nicht unabhängig von anderen geschieht, ist dagegen auch nicht grundsätzlich etwas zu sagen. Aber die Gefahren steigen ...

 

Deshalb ist es so wichtig, dass nicht Einzelne einfach für sich entscheiden, in Häusern zusammenzukommen. Es muss ein Vorgehen der Brüderschaft sein. Und dass man von vornherein auch über diese vorübergehende Zeit hinausschaut und -denkt. Gottes Wort spricht sehr deutlich von der Einheit des Leibes und dem Auftrag, die Einheit des Geistes im Band des Friedens zu bewahren. Das sollten wir sehr genau erkennen und entsprechend auch handeln. Gerade in einer Zeit des Individualismus.

 

Vor diesem Hintergrund ist es sehr ratsam, bei diesem Thema nicht neue Konflikte zu schüren, sondern einen gemeinsamen Weg an einem gemeinsamen Ort zu gehen. Wenn es möglich ist, sich an einem Ort zu treffen, wenn für jeden Bruder Platz ist, seiner Verantwortung nachzukommen, gibt es überhaupt keinen Anlass, in der Zeit der Normalisierung etwas anderes zu tun als wie früher sich gemeinsam an einer Stelle zu versammeln.