Psalm 4: Vertrauen auf den Gott der Gerechtigkeit

Die Verbindung von Psalm 3 und 4

In Psalm 4 hören wir erneut die Stimme Davids und damit in ihm die unseres Herrn, des verworfenen Messias. Während Er sich in Psalm 3 im Verborgenen an Gott wendet, erkennen wir in diesem Psalm mehr ein öffentliches Gebet. David verbindet sein Gebet mit Appellen an seine Feinde. Man kann auch sagen, dass der Psalmist gegen das gottlose Verhalten des Volkes protestiert. Dadurch zeichnet sich dieser Psalm durch die schon im ersten Psalm sichtbare Scheidung zwischen Gläubigen und Ungläubigen, zwischen Treuen und Untreuen aus.

Der öffentliche Charakter des Liedes wird auch dadurch deutlich, dass in diesem Psalm das erste Mal Anweisungen für den jüdischen Gottesdienst gegeben werden: „Dem Vorsänger, mit Saitenspiel". Offenbar wurde dieser Psalm später gemeinsam vom Volk gesungen, vermutlich auch im gottesdienstlichen Bereich.

Die enge Verbindung des vierten Psalms mit dem vorherigen wird auf mehrfache Weise deutlich:

  • Das „Sela" am Ende von Psalm 3 lässt erwarten, dass es nach kurzer Pause mit dem Lied weitergeht. Das Morgenlied (3,6) verbindet sich auf diese Weise mit dem Abendlied (4,9).
  • Die Gedankenführung und das Vertrauen auf Gott ist in beiden Psalmen ähnlich.
  • In beiden Psalmen verbindet David das Gedicht zeitlich mit seinem Schlaf. Während Psalm 3 ein Morgenlied ist (V.6), kann man Psalm4 ein Abendlied nennen (V. 9).
  • In beiden Psalmen sieht sich David von „vielen" umringt, die ihn verspotten und gegen ihn aufstehen (Ps3,3; Ps4,7).
  • In beiden Psalmen spricht er von der Bedrängnis, in die er durch Absalom gekommen ist (Ps3,2; Ps4,2).
  • In beiden Psalmen ist von seiner Herrlichkeit die Rede (Ps3,4; Ps4,3).

So kann man davon ausgehen, dass dieser Psalm in derselben Zeit gedichtet wurde wie der vorherige, vielleicht kurz darauf, als David in seiner Beziehung und seinen Erfahrungen mit seinem Gott geistlich weiter gewachsen ist. Während Psalm 3 sein persönliches Vertrauen zu Gott offenbart, lesen wir in Psalm 4 davon, dass er davon öffentlich sprechen kann. Er beruft sich sogar auf Gottes Gerechtigkeit. Das ist gerade im Blick darauf, dass die Zucht durch Absalom das Ergebnis des Versagens Davids mit Bathseba war (2. Sam 12,6.1-12), echtes Wachstum.

Was war damals geschehen? David hatte Hurerei mit der Frau Urijas, Bathseba, getrieben. Statt diese Sünde Gott und Urija zu bekennen, versuchte David, sie zu vertuschen. Er ging sogar noch weiter und ließ Urija ermorden. Gott sandte daraufhin Nathan, den Propheten, zu David. Nathan schilderte dem König in gleichnishafter Form die Sünde eines Mannes, die der Sünde Davids entsprach, nur nicht so weitgehend war. David antwortete in seiner Empörung darauf: Der sündigende Mann muss seine Tat vierfach erstatten. Damit sprach er selbst das Urteil über sich aus. David hatte Urija umgebracht - vier seiner Söhne würden als Zucht Gottes sterben müssen. Einer davon war Absalom, den Gott aber zugleich als Zuchtrute im Leben Davids benutzte, wie unser Psalm verdeutlicht.

Zurück zu den Psalmen: Während Gott in Psalm 3 der Schutz Davids und der Treuen war, ist Er in Psalm 4 das persönliche Teil des Gläubigen. Wenn auch die Umstände nicht besser geworden sind als in Psalm 3, gibt David die Hoffnung auf Gottes Eingreifen zur Umkehr des Volkes nicht auf. Wir haben in diesem Psalm also noch kein endgültiges Abfallen des Volkes von Gott, sondern es gibt noch Hoffnung.

In diesen schwierigen Umständen erfreut sich der Gläubige an dem Licht Gottes, das über ihm leuchtet. Er lebt in innerem Frieden trotz äußerlich schwieriger Umstände. Das ist nur möglich, wenn das persönliche Gewissen unbelastet ist durch Sünden. Nichts steht zwischen dem Gläubigen und Gott und sein Leben befindet sich in Übereinstimmung mit Gottes Gerechtigkeit.

 

Christus und der Überrest

Sehr schön zeigt der Geist Gottes in diesem Psalm die Verbindung zwischen Christus und dem gläubigen Überrest. David beginnt, sich persönlich an Gott zu wenden, spricht von seiner königlichen Herrlichkeit (V. 3). Dann aber macht er sich eins mit den Gläubigen („uns", V. 7), die ebenso wie er auf Gott vertrauten. Auf diese Weise erkennen wir in diesem Psalm eines der großen Kennzeichen des Buches: Christus macht sich mit dem künftigen gläubigen Überrest aus Juda eins und nimmt in seinem Leben auf der Erde ihre zukünftigen Leiden bereits vorweg.

In diesem Zusammenhang zeigt dieser Psalm eindrucksvoll die richtige Gebetshaltung eines Gläubigen. David beginnt und beendet diesen Psalm mit Gebet, so wie das ganze Leben unseres Herrn Gebet war (Ps 109,4). Alles hat unser Herr mit seinem Gott besprochen und dann aus dieser Haltung heraus auch Menschen angesprochen. Darin ist Er unser Vorbild.

Der Verlauf dieses Psalms könnte sogar so gedeutet werden, dass David prophetisch von den Leiden und der Auferstehung des Herrn Jesus spricht. Letztlich kann nur Er von dem Gott seiner Gerechtigkeit sprechen. In seiner Not hat der Herr zu Gott gerufen, der Ihn wegen seiner Vollkommenheit und Gerechtigkeit aus den Toten auferweckt und Ihn in weiten Raum gestellt hat (vgl. Ps 21,3). Er hat als Mensch in Niedrigkeit hier gelebt und ist gestorben. Nun befindet Er sich in vollkommener Sicherheit. So mussten die Menschen erkennen, dass Er der Fromme Gottes war, den Gott für sich selbst abgesondert hat. Nun ruft Christus den Menschen zu, ihre Sache mit Gott in Ordnung zu bringen.

Prophetisch zeigt uns dieser Psalm die Umstände, die schon im zweiten Psalm genannt worden sind. Das ungläubige Israel beginnt, von Gott und seinem Christus abzufallen. Es stellt sich damit auch gegen die Treuen inmitten des Volkes. Zugleich werden dadurch die Erfahrungen des Abgesonderten (Ps 1), des gläubigen Überrestes, deutlich. Dieser hält zu Gott und vertraut Ihm auch in schweren Prüfungen.

Noch ist das ungläubige Volk nicht vollständig abgefallen von Gott. Daher richtet der Geist Gottes noch einen Appell an die Ungläubigen. Vielleicht hat Er in diesem Psalm besonders die Nationen vor Augen, wie wir sie auch in Psalm 2 finden, während in Psalm 5 dann stärker die ungläubigen Juden in den Fokus geraten.

 

Die Struktur von Psalm 4

In diesem Psalm wechseln sich Gebet zu Gott und Ansprache an das ungläubige Volk ab. Das Gebet und die Gemeinschaft mit Gott führen zu der Kühnheit, Zeugnis vor Menschen abzulegen. Und das Bewusstsein der Stellung und Haltung der Ungläubigen lässt den Gläubigen verstehen, was für ein herrliches Teil er in Gott besitzt. Das bringt ihn zurück ins Gebet.

1.     V. 1: Das Vorwort

2.     V. 2: Der Ruf zu Gott um Hilfe

3.     V. 3-6: Ein Appell an die ungläubigen Feinde

4.     V. 7: Die Bitte um Antwort Gottes auf den Spott der Feinde

5.     V. 8.9: Charakterisierung des ausharrenden Gläubigen

 

Noch ein Wort zur äußeren Struktur dieses Psalms: Nach der Überschrift (V. 1) gehören jeweils zwei Verse zusammen, die nach Vers 3 und 5 mit einem Sela abgeschlossen werden. Zunächst spricht David zu Gott, dann zu den Menschen. Wie in Psalm 3 gibt es auch in diesem Psalm nach Vers 7 einen Einschnitt, auch wenn David kein weiteres „Sela" einfügt. Den Höhepunkt dieses Psalms finden wir in den Versen 8 und 9, wo David drei Schlussfolgerungen aus seinem Vertrauen zu Gott zieht. So beginnt der Psalm mit Gott und endet auch damit.

 

Vers 1: Die Überschrift

„Dem Vorsänger, mit Saitenspiel. Ein Psalm von David"

In 55 Psalmen finden wir die Überschrift „dem Vorsänger". Dieser Ausdruck kommt von einem Wort, das „Dirigieren" und „Aufsicht führen" bedeutet (1. Chr 23,4; Esra 3,8.9). Wer ist es, der den Lobgesang der Gläubigen anstimmt und inmitten der Versammlung Gott lobt (Ps 22,23; Heb 2,12)? Das ist der Herr Jesus. Nur Er kann diese Führung inmitten der Gläubigen übernehmen. Er ist derjenige, der aus eigener Erfahrung sprechen kann und unsere Gedanken, Empfindungen und Worte zum Lob Gottes anstimmt. Was Er inmitten der Umstände der Verwerfung empfunden hat, dient dem Volk Gottes heute und dem gläubigen Überrest künftiger Tage zur Stärkung und zur Ermunterung.

David selbst hatte Leviten benannt, die er zur Leitung des Gesangs im Haus des Herrn anstellte (1. Chr 6,16.17; 15,16-22). Wir lesen nicht, dass Gott entsprechende Anweisungen gegeben hätte. Aber David war der Lobgesang Gottes so wichtig, dass er in Übereinstimmung mit den gottesdienstlichen Verordnungen des Alten Testaments, die materieller Art waren, den Gesang und Gesangsdienst sowie Instrumentalbegleitung anordnete. Er tat das zur Ehre Gottes, wie wir heute Gott zur Ehre in unseren Herzen singen (Eph 5,18.19). Unser „Chorleiter" ist und bleibt der Herr Jesus durch den Heiligen Geist.

Dann ergänzt David, dass dieser Psalm „mit Saitenspiel" aufgeführt werden sollte. Das ist vermutlich eine ruhigere und gemäßigtere Begleitung als die Anweisung für Psalm 5 (Nechilot, Flöten). Es zeigt das typische Element der Psalmen: ein Singen mit instrumentaler Begleitung. 14 Mal finden wir dieses Saitenspiel im Alten Testament, neunmal in den Psalmen. David selbst hatte entsprechende Instrumente erdacht und gemacht (1. Chr 23,5; 25,1.3.6; Am 6,5).

Es ist erstaunlich und zugleich ermutigend, dass David gerade in solchen Notzeiten Energie und Kreativität einsetzte, um zur Ehre Gottes Lieder zu schreiben und zu spielen. Übrigens eine Praxis, die auch für Männer und Frauen Gottes in der christlichen Zeit zutrifft. Wir wissen von manchen, die gerade nach sogenannten Schicksalsschlägen und dem Heimgang naher Verwandter Gedichte und Lieder geschrieben haben, die uns heute noch zu Herzen gehen.

Vermutlich sind die Instrumente vom „Saitenspiel" Zupf- und Streichinstrumente wie die Harfe, die Zither, die Laute, die Gitarre sowie die Leier und keine Blasinstrumente wie die Nechilot aus Psalm 5. Es sind Instrumente, die beruhigen, wie man auch am Beispiel Elisas erkennen kann (2. Kön 3,15). Nicht jedes Instrument und nicht jeder Rhythmus ist für jede Art von Musik passend, schon gar nicht, was geistliche Musik betrifft. Daher auch die unterschiedlichen Musikanweisungen vor einigen Psalmen.

 

Vers 2: Der Ruf zu Gott und Gottes gnädiges Eingreifen

„Wenn ich rufe, antworte mir, o Gott [Elohim] meiner Gerechtigkeit! In Bedrängnis hast du mir Raum gemacht. Sei mir gnädig und höre mein Gebet!"

Wie einleitend bemerkt hören wir hier die Stimme unseres Herrn, des Messias‘ Israels. Er ist der Anfänger und Vollender des Glaubens (Heb 12,2), der die Schande des Kreuzes erlebte und für die vor Ihm liegende Freude diese Bedrängnis erduldete. In was für einen weiten Raum hat Gott Ihn gestellt: aus dem Tod in die Auferstehung, so dass Er der Anfang der neuen Schöpfung wurde und jetzt als verherrlichter Mensch im Himmel ist. Nur Er konnte in vollem Maß die Gerechtigkeit Gottes für sich in Anspruch nehmen: „Gerechter Vater! - Und die Welt hat dich nicht erkannt; ich aber habe dich erkannt" (Joh 17,25). Er hat sich in seinen Leiden in allem dem übergeben, „der gerecht richtet" (1. Pet 2,23). In seinem Gott fand Christus seinen Schutz, seine Sicherheit, seine Bewahrung, weil Er selbst gerecht war und mit dem Gott seiner Gerechtigkeit in tiefer Gemeinschaft lebte.

Aber es ist nicht nur unser Retter, den wir in diesen Gebetsworten hören. David lebt uns dieses Vertrauen vor, das der Überrest späterer Tage einmal offenbaren wird und worin wir heute in den Nöten, die Gott uns sendet, unseren Glauben verwirklichen sollten. Schon immer hat das Volk Gottes in solchen Nöten zu Gott gerufen. Dieses Vertrauen gründet sich auf die Erfahrung in der Vergangenheit. David rief in der Verfolgung Absaloms zu Gott, weil er früher vielfach erlebt hatte, dass Gott ihm in Verfolgungen zur Seite stand. „In Bedrängnis hast du mir Raum gemacht" - so hatte er Gott oft erfahren. Zu Zeiten Sauls hatte er einen Priester bei sich, durch den er Gott befragen konnte, um Gottes Willen zu erkennen. Einen solchen Priester hatte er jetzt nicht zur Seite. Aber er hatte Erfahrungen mit Gott gemacht, mit dem Gott seiner Gerechtigkeit.

Erfahrungen dieser Art können wir nicht beim Lesen des Wortes Gottes machen, so wertvoll und notwendig dies ist. Nein, Gott lässt uns solche Umstände erfahren, damit wir Ihn konkret und praktisch erfahren und damit unser Vertrauen zu Ihm erfahrbar wird. Diesen Glauben wird Er auch prüfen. Sein Ziel ist dabei, wie bei David, dass dieser Glaube zunimmt.

Gerade die Psalmisten offenbaren dieses belohnte Vertrauen immer wieder. Gott hatte seine Hilfe zugesagt: „Rufe mich an am Tag der Bedrängnis: Ich will dich erretten, und du wirst mich verherrlichen!" (Ps 50,15). David hat einmal gesagt: „Nahe ist der Herr allen, die ihn anrufen, allen, die ihn anrufen in Wahrheit" (Ps 145,18). Gott sagt seine Hilfe sogar für einen Zeitpunkt zu, der dem Gebet vorausgeht: „Und es wird geschehen: Ehe sie rufen, werde ich antworten, während sie noch reden werde ich hören" (Jes 65,24). So könnte man fortfahren. Das wird das großartige Erleben des gläubigen Überrestes in der großen Drangsal sein, das wir heute in unserem kleinen Maß vorwegnehmen können.

Warum konnte David sich so auf Gott berufen? Weil sein Gewissen in Frieden war. Er selbst hatte die Bedrängnis über sich gebracht, weil er mit Bathseba gesündigt hatte. Aber diese Sünde hatte Gott ihm aufgrund seines Bekenntnisses vergeben. So wusste David, dass Gottes Gerechtigkeit zu seinen Gunsten tätig sein würde. Gott hatte ihn zum König salben lassen, Gott hatte ihn eingesetzt, Gott würde sich um ihn kümmern.

Im Alten Testament spricht der Ausdruck „Gott meiner Gerechtigkeit" nicht von der Stellung des Gläubigen als Gerechten. Im Römerbrief sehen wir, dass Gott uns zu Gerechten gemacht hat, indem Er uns in Christus gerechtfertigt hat. Diesen Gedanken dürfen wir nicht in den Psalmen suchen. Hier handelt es sich um eine praktische Gerechtigkeit, die Gott zugunsten von David einsetzen würde und die zugleich die Quelle der Gerechtigkeit Davids war. Aber auch David wusste sich auf einem Weg der Gerechtigkeit (Ps 23,3), auf dem Gott ihn schützen würde. Menschen mochten gegen David aufstehen und ihn verwerfen. Gott aber stand zu dem Mann nach seinem Herzen. Er würde zeigen, dass David und nicht Absalom und das Volk in Übereinstimmung mit Ihm lebte.

David vergaß nicht, dass seine Gerechtigkeit von Gott abhing. Es ging nicht um Davids eigene Gerechtigkeit, die er nicht besaß. Nein, er bezieht sich auf Gott, in dem aller Segen liegt. Gott ist gerecht, und daher spricht der König hier nicht von Gott als demjenigen, der eine Beziehung zu David eingegangen war (Jahwe), sondern er nennt Ihn Gott (Elohim). Es ist der heilige, gerechte Gott, an den er sich wendet. Und zu diesem hatte seine Seele Vertrauen, weil er in Trennung lebte von Bösen, das ihn umgab.

Auffallend ist dabei, dass David Gott nicht bittet, ihn vor seinen Feinden zu rechtfertigen. Nein, er bittet um das Ohr Gottes, damit Er sich in der Bedrängnis seines Knechtes in Erbarmen zu ihm herniederneigt. Das war ihm wichtig und danach sehnte er sich.

 

In der Enge schenkt Gott Weite

Dann kommt die überraschende Wendung mit der bereits erwähnten Erfahrung Davids: „In Bedrängnis hast du mir Raum gemacht." Gott hatte ihn in eine Enge geführt, dann aber immer wieder neue Luft zum Atmen geschenkt. Gott schenkt uns in seinem Erbarmen das, was wir nicht verdienen, und gibt uns in seiner Gnade nicht das, was wir verdient haben. Gottes Volk hat diese Erfahrung immer wieder machen dürfen, obwohl sie zunächst paradox erscheint. Gott ist uns am nächsten und offenbart uns seine Liebe ganz besonders, wenn wir leiden.

Dasselbe Wort, das David hier für die Bedrängnis benutzt, hat er in Psalm 3,2 bereits für die Urheber seiner Not benutzt. Er befand sich in Not, in einer Angstsituation. Das ist das Empfinden von Enge, von Druck. Wenn man solch einen Druck auf irgendein Material ausübt, führt das zu Schrumpfung, Verkleinerung, Zusammenziehen, nicht aber zur Erweiterung. In einem Produktionsprozess wird Material so kleiner, solider, fester und stärker. So erwarten wir Reduktion und nicht Erweiterung.

Der Prozess im Geistlichen ist aber das Gegenteil von dem, was wir in dem Natürlichen und in der materiellen Welt erleben. Bedrängnis und Druck kann nicht anders empfunden werden als mühselig und schmerzhaft. Aber Gott benutzt genau das in seinen Händen, um uns in einen weiten Raum zu stellen. Wenn wir das mehr vor Augen hätten, würden wir nicht so ängstlich nach einem reibungslosen Leben Ausschau halten. Nur auf ruhiger See zu rudern wird uns solche Erfahrungen nicht schenken. Wir suchen nicht das Tal des Todeschattens (Ps 23,4), aber dieses Tal ist äußerst fruchtbar.

 

Petrus und Paulus

Wir haben schon im Leben des Herrn Jesus gesehen, wie wahr das ist. Wir finden im Neuen Testament dafür weitere Beispiele. Musste nicht Petrus durch selbstverschuldete Not Bedrängnis erleben? Wie David war er für seine Nöte selbst verantwortlich, in seinem Fall durch das Verleugnen des Herrn. Aber was macht der Herr aus diesen Nöten? Er hatte seinem Jünger schon angekündigt, dass dieser nach seiner Wiederherstellung zum Segen seiner Brüder handeln sollte (Lk 22,32). In der öffentlichen Wiederherstellung übergibt der Meister Petrus Aufgaben an Lämmern und Schafen. Das bezieht sich auf das ganze Volk Israel (Joh 21,15-19). Und die Apostelgeschichte zeigt, dass sein Dienst sogar das Einführen der Nationen in das Reich Gottes umfasste. Was für eine Weite durfte der geprüfte Jünger nach seiner Not erleben.

Ähnliches finden wir bei Paulus. Gott hatte seinem Knecht die Ermutigung geschenkt, in den dritten Himmel entrückt zu werden (2. Kor 12). Damit sich Paulus nicht überhob, wurde ihm ein Dorn für das Fleisch gegeben (V. 7). Was für eine Not! Es war ein Engel Satans, der Paulus mit Fäusten schlug. War das nicht eine Einengung? Nein, Gott führte Paulus in eine großartige Weite: „Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht" (V. 9). Göttliche Kraft, wie sie vorher nie tätig war in einem Knecht des Herrn, wurde durch die Bedrängnis bewirkt. Diese Kraft wurde in Schwachheit und durch die Gnade wirksam.

Kein Wunder, dass auch David um diese Gnade betete. Mit anderen Worten: Nur wenn wir in Not nach oben zu dem Herrn schauen, auf seine Gnade setzen und Vertrauen zu Ihm offenbaren, werden auch wir diese Weite erleben. Es wäre absurd, einen solchen Dorn zu erbitten. Aber wenn Gott so etwas in unserem Leben bewirkt, führt das zu großem Segen, wenn wir auf Ihn sehen und die Wege von Ihm annehmen. Könnte es sein, dass wir so wenig Weite in unserem Leben erfahren haben, weil wir schon bei dem kleinsten Stachel aufgeben?

In Psalm 4 wird der weite Raum mit Glaubensvertrauen verbunden. Interessanterweise spricht der Psalmist in Psalm 119 zweimal von weitem Raum in Verbindung mit dem Wort Gottes: „Den Weg deiner Gebote werde ich laufen, wenn du meinem Herzen Raum gemacht haben wirst ... Und ich werde wandeln in weitem Raum; denn nach deinen Vorschriften habe ich getrachtet" (V. 32.45). Glaubensvertrauen beruht immer auf dem Wort Gottes, das unser Leben prägt. Beides gehört zusammen.

Dieser weite Raum ist schon immer die Erfahrung der Gläubigen gewesen. Isaak musste erleben, wie die Philister ihm Böses wollten und die Brunnen verstopften. Dann aber schenkte ihm Gott einen neuen Brunnen, den er „Raum" nannte (1. Mo 26,22). Hiob hätte diesen weiten Raum ebenfalls eher erlebt, wenn er auf Gott in seiner Bedrängnis weiter vertraut hätte (Hiob 36,16). Später hat er genau das erfahren dürfen (Hiob 42). Man kann sagen, dass die Psalmen voll sind von diesem Gedanken.

 

Erbitten von Gnade

David hatte diesen weiten Raum erlebt. Das führte nicht dazu, dass er nun auf seine eigene Kraft vertraute. Er blieb sich bewusst, dass allein Gott diese Befreiung schenken konnte. Und er war sich darüber im Klaren, dass seine eigene Gerechtigkeit ihm nicht helfen konnte. So erbat er weiterhin das Erbarmen Gottes, wie er und andere das in vielen Psalmen getan haben. Auch der Gerechte ist darauf angewiesen, dass der gerechte Gott ihm gnädig ist und sich in Erbarmen zu ihm herabneigt.

Daher schließt David diesen Gedanken ab mit der Bitte, dass Gott sein Gebet hören und damit erhören möge. In Psalm 3,5 hatte er diese Erfahrung bereits geschildert. Gott hörte auf seine Gebete. Daher spricht er auch jetzt wieder voller Zuversicht zu Gott.

 

Vers 3: Der Tadel an den Fürsten Israels

„Ihr Männersöhne, bis wann soll meine Herrlichkeit zur Schande sein? Ihr liebt Eitles, geht auf Lüge aus. - Sela."

Jetzt wendet sich David an das ungläubige Volk und offenbart den Anlass für seine Bitte in Vers 2. Man hatte seinen Namen verleumdet und ihn zur Seite gestellt. Auch Unwahrheiten hatten seine Feinde über ihn verbreitet. Ihn, den König Gottes, hatte man vertrieben.

 

Männersöhne

Genau genommen spricht David die Fürsten, die Herausragenden des Volkes, an: Männersöhne. Schon in Psalm 2,2 hatte er von solchen Fürsten gesprochen. Es sind diejenigen, die besondere Verantwortung im Volk tragen und aus diesem herausragen (vgl. Ps 49,3; 62,10). Sie hielten sich für weise und ehrwürdig. David nimmt ihr Selbsturteil in gewisser Hinsicht ernst, zeigt aber die Torheit, die sie kennzeichnete.

Wieder sehen wir, wie David in der Lage ist, zwischen dem ungläubigen Volk und dem gläubigen Überrest zu unterscheiden. In Psalm 1 waren die Kennzeichen dieser gegensätzlichen Gruppen genannt worden. David identifizierte sich mit diesen Unterscheidungen. Auch wenn diese Fürsten letztlich in der Umgebung Absaloms lebten und ihn gar nicht hören konnten, wendet sich David an sie. Spätestens nach dem Tod Absaloms sollten sie ihre Torheit erkennen, anerkennen und bekennen. Wer hören wollte, konnte durch David die Botschaft Gottes erfahren.

 

Seine Herrlichkeit

Der König spricht hier von seiner Herrlichkeit. Was meint er damit? Zweifellos denkt er an seine Königswürde, die Absalom und das Volk mit Füßen traten. Der König war die besondere Herrlichkeit in Israel, denn der König war Gottes Vertreter auf der Erde. Das ungläubige Israel hatte David als König abgelehnt und ihn daher abgesetzt. Damit verwandelten sie die Herrlichkeit des gottesfürchtigen Überrestes in Schande. Hatten sie vergessen, dass Gott David zum König gemacht hatte? So ist es nicht seine eigene Herrlichkeit, wie David schon in Psalm 3 verdeutlicht hatte: „Du aber, Herr, bist ein Schild um mich her, meine Herrlichkeit und der, der mein Haupt emporhebt" (V. 4). Gott gab ihm diese Herrlichkeit, Gott war seine Herrlichkeit.

Wer somit den König David mit Füßen trat, behandelte auch Gott, den Gott Davids und denjenigen, der David zum König salben ließ, mit Schande. Damit war es kein Konflikt mehr zwischen David und Absaloms Leuten, sondern zwischen Absalom und Gott. Das hatten die Unterstützer des Königssohns vergessen.

 

Die Verachtung des Herrn und der Seinen

Bevor wir das weiterverfolgen, wollen wir an unseren Herrn denken. Er redete und handelte im vollen Bewusstsein, dass Er der Heilige Gottes war, vor dem sich sowohl sein eigenes Volk als auch die Menschen insgesamt niederbeugen mussten. Aber mit was für einer Blindheit und Bosheit waren diejenigen behaftet, die seine Herrlichkeit schändlich behandelten! Er war verachtet und verlassen von den Menschen (Jes 53,2). Auch hier steht ein Ausdruck, der sich auf die Hochgestellten des Volkes bezieht. Sie benutzten Lügen und suchten falsches Zeugnis, um Ihn zu Tod zu bringen. Ihr Geliebter war nicht der Geliebte Gottes. Sie suchten einen Messias nach ihren eigenen Begierden und damit nach ihrem Vater, dem Teufel. Sie wollten politische Befreiung, aber Gottes Ehre suchten sie nicht. Daher misshandelten sie den Geliebten Gottes. So verwarfen sie den Sohn der Liebe des Vaters, den wahren Eckstein. Wie hat dieses Verhalten den Herrn Jesus geschmerzt!

Sie wollten ein Zeichen vom Himmel sehen, obwohl Er schon viele göttliche Zeichen vollbracht hatte. Die Verwerfung des Gesalbten Gottes wird in künftiger Zeit dazu führen, dass der Mensch der Sünde, der Antichrist, das ganze Volk verführen und nichtigen sowie bösen Götzen zuführen wird (2. Thes 2,3-12).

In kleinerem Maß hat auch David dies erleben müssen. Diese Erfahrung wird ebenfalls das Teil des künftigen Überrestes sein. Ja Gott selbst musste später darüber klagen: „Ein Sohn soll den Vater ehren und ein Knecht seinen Herrn. Wenn ich denn Vater bin, wo ist meine Ehre? Und wenn ich Herr bin, wo ist meine Furcht?, spricht der Herr der Heerscharen zu euch, ihr Priester, die ihr meinen Namen verachtet und doch sprecht: ‚Womit haben wir deinen Namen verachtet?‘" (Mal 1,6).

Auch wir haben heute mit solch einer Verachtung zu tun. Und in allen Fällen ist es nicht nur Böses, was gegen Menschen getan würde, sondern etwas, was an solchen verübt wird, denen Gott selbst einen Platz der Ehre gegeben hat. Aber die Herzen der Feinde, mögen sie sich auch Volk Gottes nennen, sind auf wertlose Dinge ausgerichtet. Ihr Eifer gilt dem Falschen und falschen Dingen.

 

Lüge

Lüge ist ein großes Thema der Psalmen. Wir haben schon gesehen, dass der Antichrist in künftiger Zeit Lügen verbreiten wird. Satan ist der Vater der Lüge (Joh 8,44). 21-mal finden wir in den Psalmen diesen Ausdruck Lüge. Satan hat damals das ungläubige Volk zur Lüge verführt und wird das in Zukunft wieder tun (Jes 28,15). Auch heute ist ein Geist der Unwahrheit in der ungläubigen Christenheit vorhanden, die Gottes Wort verdreht und die wahren Gläubigen, den gläubigen Überrest, verwirft und verfolgt. Von einem solchen Weg möchte David das Volk abbringen. Das konnte er glaubwürdig tun, weil er in Gemeinschaft mit Gottes lebte, einen ständigen Umgang mit Gott pflegte.

Wie sehr ist auch heute dieser Aufruf nötig. Nicht nur die herausragenden Menschen inmitten der Christenheit, sondern auch viele Christen sind sich überhaupt nicht bewusst, dass sie Leeres lieben und der Lüge nachlaufen. Gott sucht diejenigen, die solche Menschen noch aufrütteln und ihnen die gute Botschaft bringen.

Es folgt das „Sela", eine Pause des Nachdenkens und Atemholens. Das gilt für David in seiner Bedrängnis, das gilt aber auch für die Ungläubigen, die ihn ablehnten. Es gilt auch uns.

 

Vers 4: Was Gott mit den Seinen tut

„Erkennt doch, dass der Herr den Gottesfürchtigen für sich abgesondert hat! Jahwe hört, wenn ich zu ihm rufe."

Auch im vierten Vers wendet sich David an seine Feinde. Er gab ihnen gewissermaßen noch einmal Zeit zum Nachdenken. Diese sollten sie nutzen, um zu erkennen, dass Gott David und denen, die sich auf Gottes Seite stellten, einen Platz der Auszeichnung gegeben hat. Wer sich gegen die stellt, die Gott für sich ausgewählt hat, stellt sich gegen Gott selbst.

 

Absondern - einen besonderen Platz geben

Das Wort, das David an dieser Stelle für „absondern" verwendet, finden wir abgesehen von Psalm 4 noch viermal in 2. Mose. Dort wird es jedes Mal verbunden mit dem besonderen Platz, den Gott seinem Volk im Gegensatz zum ungläubigen, bösen Volk der Ägypter gegeben hat. Ob sich David daran erinnert hat, dass Gott sein Volk damals zur Zeit Moses nicht allein gelassen hat in den furchtbaren Bedrückungen durch die Ägypter? Jetzt war David nicht in Ägypten. Aber sein eigener Sohn und dessen Heerscharen verhielten sich so, wie das feindliche Ägypten damals. Und Gott gab auch David und denen, die wie er gottesfürchtig auf Gottes Seite standen, einen gesonderten Platz des Segens.

„Aber gegen alle Kinder Israel wird nicht ein Hund seine Zunge spitzen, weder gegen Menschen noch gegen Vieh; damit ihr wisst, dass der Herr einen Unterschied macht zwischen den Ägyptern und den Israeliten" (2. Mo 11,7; vgl. 2. Mo 8,18; 9,4; 33,16). Gott hatte Israel einen Platz seiner Gunst geschenkt und das hatte Er jetzt auch mit David, seinem König getan. Dieses Wort „abgesondert" enthält diesen Gedanken, dass Gott demjenigen, den Er absondert, Gnade und Gunst gibt. Gott hat Wohlgefallen an dem Gottesfürchtigen und stellt ihn sich daher gütig zur Seite.

Gott hat die Seinen „in seine beiden Handflächen eingezeichnet" (Jes 49,16). Wer sie antastet, wie sich Absalom erdreistete, „tastet seinen Augapfel an" (Sach 2,12). Als Christen dürfen wir die Worte des Apostels Paulus hinzufügen: „Wenn Gott für uns ist, wer gegen uns? ... Wer wird uns scheiden von der Liebe des Christus? ... Denn ich bin überzeugt, dass nichts ... uns zu scheiden vermögen wird von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn" (Röm 8,31-39). Diese Frommen gehörten Gott. Der Herr Jesus sagt in einem seiner Gebete: „Dein waren sie, und mir hast du sie gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt" (Joh 17,6). Wir sind für Christus und für Gott ein besonderes Eigentum, sein Volk.

Und diejenigen, die der Herr absondert, die wird Er auch hören und erhören. David fügt an dieser Stelle nicht hinzu, dass Gott die Gebete dessen, der sich gegen die Seinen richtet, nicht hören wird. Aber diese Schlussfolgerung konnten seine Feinde selbst ziehen.

 

Gunst und Zucht

Wir erkennen aus den Worten Davids, dass er sich nichts auf eigene Kraft oder Würde einbildete. Er war sich bewusst, dass es allein Gottes Handeln war, ihn und die Gottesfürchtigen für sich zur Seite zu stellen und zu beanspruchen. Und weil Gott sie für sich absonderte, kümmerte Er sich um sie. Aber nicht nur das, deshalb handelte Er auch mit ihnen in Zucht, wenn sie Dinge taten, die Gott nicht gefielen. Gerade das musste David jetzt erleben.

Die Menschensöhne verfolgen ihre Eitelkeiten und Wege, ohne dass Gott im Allgemeinen sofort eingreift. Er wartet, bis sich ihre Bosheit aufgehäuft hat und Er sie im Gericht richten wird. Anders handelt Er mit den Seinen. Sie sind ständig vor seinen Augen, Er liebt sie, Er züchtigt sie aus Liebe, aber Er bewahrt sie zugleich.

Diese Hinweise zeigen, dass David nicht auf seine Königsherrschaft und seine Position setzte als Sicherheit gegenüber seinen Feinden. Er verband seine Hoffnung auch nicht mit einem Priester an seiner Seite. Er wusste sich in der Hand Gottes selbst und richtete sein Leben nach Gottes Gedanken aus. Das machte ihn zu einem solchen gottesfürchtigen Mann. Er gab Gott in seinem Herzen den richtigen Platz. Als Gegenstand der Gnade Gottes suchte er den Gott der Gnade und betete zu Ihm, um weiter Gnade zu erhalten. Nicht in sich selbst suchte er Kraft, sondern im Gott aller Gnade.

Man kann vielleicht auch sagen, dass wir hier zwei Erbteile finden. Einmal besitzt Gott sein Volk als Erbteil, wie es Mose in seinem Lied ausdrückt: „Denn des Herrn Teil ist sein Volk, Jakob die Schnur seines Erbteils" (5. Mo 32,9). Anderseits ist dadurch Gott selbst das Erbe der Gottesfürchtigen: „Der Herr ist das Teil meines Erbes und meines Bechers; du erhältst mein Los" (Ps 16,5). Gläubige hatten schon immer und werden auch weiter „einen besseren und bleibenden Besitz" haben, nicht nur ein materielles Erbe.

 

Christus

Wir wollen abschließend nicht vergessen, dass der Platz besonderer Wertschätzung und Absonderung ganz besonders auf unseren Herrn Jesus zutrifft. Er war in Vollkommenheit der Abgesonderte unter seinen Brüdern (1. Mo 49,26). Er ist derjenige, der das ganze Wohlgefallen des Vaters besaß und besitzt. Ihn hörte und erhörte Gott. „Du wirst meine Seele nicht im Hades zurücklassen noch zugeben, dass dein Frommer Verwesung sehe" (Apg 2,27).

Gott hat Ihm verschiedentlich den besonderen Ehrenplatz gegeben. Gerade in Zeiten, wo für das Auge der Menschen kein Unterschied zu sehen war zwischen Ihm und den anderen, zeichnete Gott Ihn besonders aus. Das war bei der Taufe des Johannes genauso wie auf dem Berg der Verklärung. Jeweils macht Gott deutlich, dass Er und Er allein sein geliebter Sohn ist, an dem Er Wohlgefallen gefunden hat. So sondierte der Vater den wahren Menschen, Jesus Christus, für sich von der Menge Israels aus.

 

Vers 5: Was der Gottesfürchtige für ein Zeugnis ablegen sollte

„Zittert, und sündigt nicht! Denkt in eurem Herzen nach auf eurem Lager und seid still! - Sela."

Noch immer wendet sich David an seine Widersacher. Diese hochgestellten Menschen besaßen in diesem Moment Macht und Waffen. Sie waren sogar in der Mehrzahl. Dennoch sollte David und mit ihm alle Gottesfürchtigen Zeugnis ablegen, auch wenn sie den Eindruck hatten, in der Zucht Gottes aufgerieben wurden.

Was war nun dieses Zeugnis? Die Feinde sollten zittern und erbeben, denn das Gericht Gottes wartete auf sie. Ist das nicht geradezu ein prophetisches Wort, das der König hier aussprach? Nur kurze Zeit später würde Joab über Absalom und seine Heere kommen und ihn besiegen. Es war eine dramatische Niederlage für diejenigen, die sich auf die Seite Absaloms gestellt hatten.

Wenn sie aber jetzt vor Gott zittern und ihren Sünden ein Ende bereiten würden, gäbe es noch Hoffnung. Dazu mussten diese Menschen innerlich ruhig werden und sich Zeit nehmen. David fordert sie auf, im Selbstgericht über ihren Weg und ihre Handlungen nachzudenken. Gerade die Einsamkeit und Stille der Nacht war das angemessene Mittel, zur Besinnung zu kommen. Noch heute ist es so, dass man dann, wenn man in einer Gruppe eingebunden ist und zusammensteht, kaum bereit ist, die eigenen Wege zu überdenken. Aber wenn man allein vor jemand und besonders vor dem Herrn steht, ändern sich die Verhältnisse. Dann gibt man einen falschen, bösen Weg eher zu.

Dieses Nachdenken im Inneren war gewissermaßen ein Selbstgespräch. Statt verleumderisch über den König zu spotten, sollten sie sich an ihre eigenen Herzen wenden. Mit anderen Worten: Sie sollten umkehren und Buße tun. Sie sollten ihre eigene Lage angemessen einschätzen, statt gegen den König vorzugehen. Auf diesem Weg würden sie sich vor ihren eitlen Wegen lösen.

Es ist hochinteressant, dass der Apostel Paulus diesen Vers in Epheser 4,26 zitiert: „Zürnt, und sündigt nicht!" Die Abwandlung des Verse liegt daran, dass Paulus die Septuaginta (LXX), die griechische Übersetzung des Alten Testaments zitiert. Dort steht statt „zittern" und „beten" „zürnt". Das hat vermutlich dazu geführt, dass manche auch schon in Psalm 4 „zittert" auf „seid erregt" abgewandelt haben, was aber dort nicht der Sinn der Stelle ist.

Kurz ein Wort zu Epheser 4: Der Apostel Paulus wendet sich an solche, die früher zu den Söhnen des Ungehorsams gehört hatten, jetzt aber Kinder Gottes geworden sind. Für Kinder Gottes gilt es, wirklich zu zürnen, wenn Gott und seine Heiligkeit angegriffen oder der Herr Jesus verspottet wird. Wir müssen allerdings aufpassen, dass wir dabei nicht sündigen. Unsere Emotionen verselbstständigen sich sehr schnell. Daher sollen wir Acht haben darauf, dass dieser Zorn uns nur kurzfristig erfasst. Dieses Zitieren hat manche Ausleger dazu gebracht, auch den Psalmvers als eine Ansprache an die Unterstützer Davids aufzufassen. Das aber scheint nicht dem Kontext von Psalm 4 zu entsprechen. David wendet sich in diesen Versen an diejenigen, die sich gegen ihn aufgestellt haben. Er warnt sie ausdrücklich davor, diesen Weg fortzusetzen.

 

Vers 6: Eine neue Lebensausrichtung

„Opfert Opfer der Gerechtigkeit, und vertraut auf Jahwe!"

In Vers 3 hat David die Feinde getadelt, zur Rede gestellt und überführt. Er stellt ihnen den Charakter ihres Lebens aus der Sicht Gottes vor. In Vers 4 wendet er sich an ihr Beurteilungsvermögen und das zeigt ihnen Gottes Handeln mit den Gläubigen. In Vers 5 lesen wir, dass sich David an das Gewissen seiner Feinde wendet, damit sie zur Umkehr geführt werden. In unserem Vers nun stellt er ihnen den einzig richtigen Lebensweg vor: Gott zugewandt. Nur auf diesem Weg kann es Segen für den Menschen geben, allein so kann er in Frieden leben.

 

Noch Hoffnung vorhanden für die Feinde

Diese Ansprache zeigt, dass es im Blick auf die Feinde noch Hoffnung gab. Bis jetzt war das ungläubige Volk noch nicht vollständig von Gott abgefallen. Das wird erst dann der Fall sein, wenn der Antichrist öffentlich in Israel regieren und sich mit dem götzendienerischen Römischen Kaiser verbinden wird. Soweit war es zur Zeit Davids noch nicht gekommen, auch nicht zur Zeit unseres Herrn auf der Erde.

So kann David seinen Appell an das Volk erneuern: „Opfert Opfer der Gerechtigkeit!" Sie sollten somit alles aus ihrem Leben entfernen und bekennen, was mit solchen Opfern in Widerspruch stand. David wusste, dass Gott „kein Gefallen an Schlachtopfern" hatte, schon gar nicht, wenn sie in Sünde lebten: „Sonst gäbe ich sie; an Brandopfern hast du kein Wohlgefallen. Die Opfer Gottes sind ein zerbrochener Geist; ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten (Ps 51,18.19). Opfer der Gerechtigkeit kann man Gott dann bringen, wenn man ein Leben in praktischer Gerechtigkeit führt.

 

Keine Heuchelei!

Absalom hatte in Unaufrichtigkeit und Heuchelei Opfer gebracht (2. Sam 15,12). Das war Gott nicht wohnannehmlich. Im Gegenteil! Wer mit Sünde und Rebellion vor Gott tritt, kann keinen inneren Frieden besitzen. Er wird durch Furcht geprägt sein (1. Joh 3,20.21). Auf David traf das Gegenteil zu. Er konnte in Dankbarkeit und Frieden ohne Angst vor Gott treten, mochten die Umstände noch so schwierig sein.

Erst dann, wenn die Dinge in Ordnung gebracht worden sind und man so mit gutem Gewissen Gott Opfer bringen kann, ist man auch in der Lage, wie David auf den Herrn zu vertrauen. „Wenn ich es in meinem Herzen auf Frevel abgesehen hätte, so hätte der Herr nicht gehört" (Ps 66,18). Daher wünschte David sogar für seine Feinde echte Umkehr. Er erhoffte nicht ihr Gericht, sondern ihr Wohlergehen, was natürlich auch ihm selbst zugutegekommen wäre. Vor allem aber hätten aufrichtige Opfer gezeigt, dass seine Feinde zu Gott umgekehrt wären. Und genau in diese Richtung gingen Aufforderung und Gebet Davids für seine Gegner. Darin ist er uns ein Vorbild.

David zeigt uns in diesem Psalm somit, dass das Vertrauen zu Gott auf Selbstgericht und redliche Opfer aufbauen. Das werden Israel und die Nationen in künftiger Zeit praktizieren, wenn sie Christus als Messias Israels anerkennen werden: „Sie [die Israeliten] werden Völker zum Berg laden; dort werden sie Opfer der Gerechtigkeit opfern, denn sie werden saugen die Fülle der Meere und die verborgenen Schätze des Sandes" (5. Mo 33,19).

Auch dem Gläubigen gilt, dass er sein Vertrauen auf den Herrn und nicht auf die eigenen Fähigkeiten setzen soll. David war ein erfahrener und erfolgreicher Heerführer. Aber er vertraute auf den Herrn, nicht auf sich. Absalom tat das Gegenteil und ging damit unter, natürlich besonders deshalb, weil er nicht mit Gott in Gemeinschaft lebte.

 

Vers 7: Das Angesicht des Herrn über uns

„Viele sagen: ‚Wer wird uns Gutes sehen lassen?‘ Erhebe über uns das Licht deines Angesichts, Jahwe!"

Die Antwort des ungläubigen Volkes auf die Ermahnungen und Aufforderungen Davids fallen negativ aus. Die Vielen sind die Masse des ungläubigen Volkes, das sich damals auf die Seite von Absalom stellte. Schon in Psalm 3,3 spotteten sie, dass es für David keine Rettung von Gott gebe. Sie haben sich geirrt.

So auch hier: „Wo ist denn das Gute, von dem Du, David, immer gesprochen hast?" Es ist der Spott, von dem Petrus im Blick auf die heutige Zeit spricht: „Wo ist die Verheißung seiner Ankunft?" (2. Pet 3,4). Von dem Guten und von der Erfüllung der Versprechungen ist doch nichts zu sehen! Sie irrten sich sehr und werden sich in Zukunft irren.

Diese Menschen zur Zeit Davids meinten, Gutes sei nur dann vorhanden, wenn es materiell, äußerlich gut steht. Sie suchten in ihrem Egoismus sich selbst. Aber David zeigt uns hier, dass das Gute in erster Linie die Gemeinschaft mit Gott und der innere Friede und innerliche Freude ist.

Äußerlich herrscht auch heute das Böse vor. Die Gottlosen bestimmen das Geschehen. Eine große Anzahl nennt sich zwar christlich, aber vom biblischen Christentum ist nicht viel bei ihnen zu sehen. Aber stimmt das überhaupt? Ist wirklich nichts Gutes zu erkennen, wie sie spöttisch im Unglauben sagen? Doch, wer Augen des Glaubens hat, wird auch weiter das Gute erkennen und der Herausforderung des Unglaubens durch Gebet und Glaubensgewissheit begegnen.

 

Das Licht seines Angesichts

Alles hängt vom Angesicht Gottes ab: „Lass dein Angesicht leuchten, so werden wir gerettet werden", sagte auch Asaph (Ps 80,20). Das war schon der Segenswunsch, den die Priester als Segensspruch über Israel in der Wüste aussprechen sollten: „Der Herr segne dich und behüte dich! Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig! Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden!" (4. Mo 6,22-27). Es sind ganz ähnliche Worte, wie wir sie in unserem Psalm wiederfinden.

So steht die Antwort des Glaubens fest. Sie besteht im Gebet des Glaubens und der Liebe. Was für vergängliche Dinge könnte man mit dem Licht der Gegenwart Gottes vergleichen? Er allein ist Bewahrung, Frieden und Sicherheit. Der Glaube sieht die Gunst Gottes sowie das Licht seines Angesichts und erfreut sich in der Gemeinschaft seines himmlischen Vaters.

Der Unglaube jagt vielen leeren Dingen hinterher. Er benutzt seine Energie und verausgabt sich für manche Attraktionen. Dennoch bleibt die Seele leer. Salomo musste das auf bittere Weise lernen. Er schrieb aus eigener Erfahrung von solchen Zerstreuungen: „Alles ist Eitelkeit und ein Haschen nach Wind" (Pred 2,17). Keine Hoffnung? Nein, für den Unglauben gibt es tatsächlich keine Hoffnung.

Aber für David gab es Hilfe, und zwar in Gott und nur dort. Es gibt wirklich Gutes, ewiges Gutes. Das können diejenigen mutig sagen, die von Ungläubigen herausgefordert werden. David kannte diese Gute nämlich nicht nur theoretisch, sondern aus Erfahrung. So waren seine Worte voller Kraft.

 

Die Quelle des Guten

In diesem Vers nennt der König die Quelle des Guten. In den Versen 8 und 9 nennt er dann noch drei Segnungen, die er in Gott erfahren hatte. Gutes findet man nicht in der Finsternis dieser Welt (vgl. Lk 22,53; Joh 13,30). Dort verbirgt Gott sein Angesicht (5. Mo 32,20). Wenn Er das tut, wird es finster um uns her und wir werden bestürzt (Ps 30,8). Um das Licht sehen und genießen zu können, müssen wir das Angesicht Gottes kennen und suchen. Diese Erfahrung hatte David gemacht, ja machen müssen, als er verschlungene Wege gegangen war. Und immer wieder suchte er das Angesicht Gottes. „Lass dein Angesicht leuchten über deinem Knecht, rette mich in deiner Güte" (Ps 31,17; vgl. Ps 44,4; 67,2.3; 80,4.8; 119,135). Er wusste: „Denn bei dir ist der Quell des Lebens, in deinem Licht werden wir das Licht sehen" (Ps 36,10). Wer die Nähe des Herrn sucht und kennt, braucht sich vor Feinden nicht zu fürchten.

Wir dürfen das in einem noch weitergehenden Sinn erleben: „Wir alle aber, mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauend, werden verwandelt nach demselben Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit als durch den Herrn, den Geist." Und: „Denn der Gott, der sprach: Aus Finsternis leuchte Licht, ist es, der in unsere Herzen geleuchtet hat zum Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi" (2. Kor 3,18; 4,6). Angesichts dieser Erfahrung können wir auf den Spott der Menschen antworten: „Er hat alles wohlgemacht, er macht sowohl die Tauben hören als auch die Stummen reden" (Mk 7,37). Wir sehen Gottes Angesicht nicht nur von hinten wie Mose (2. Mo 33,23). Wir haben seine volle Offenbarung in Christus.

 

Der König und die Seinen miteinander verbunden

An dieser Stelle dürfen wir nicht übersehen, dass in diesem Vers ein gewisser Wechsel stattfindet. Bislang hatte David in Ich-Form gesprochen. Jetzt aber macht er sich eins mit den anderen Gläubigen, mit dem Überrest: „Erhebe, Herr, über uns das Licht deines Angesichts!" So wird sich der Herr Jesus künftig einsmachen mit den Erfahrungen und Prüfungen des Überrests. Er ist es, der das Angesicht Gottes zu ihrem Segen über sie herabrufen wird. Weil Er auf ihrer Seite steht, werden sie gesegnet werden.

In dieser Weise entsprechen die herausfordernden Worte über den Mangel an Gutem den Angriffen des künftigen, ungläubigen Israel. Der Herr wird zu ihnen sagen: „So, wie diese ihre Wege erwählt haben und ihre Seele Gefallen hat an ihren Scheusalen, ebenso werde ich ihre Missgeschicke erwählen und ihre Schrecknisse über sie bringen; wie ich gerufen habe und niemand geantwortet hat, geredet und sie nicht gehört, sondern getan haben, was böse ist in meinen Augen, und das erwählten, woran ich kein Gefallen habe." (Jes 66,3.4). Im Gegensatz dazu wendet sich der Herr an den Überrest: „Hört das Wort des Herrn, die ihr zittert vor seinem Wort! Es sagen eure Brüder, die euch hassen, die euch verstoßen um meines Namens willen: Der Herr erzeige sich herrlich, dass wir eure Freude sehen mögen! Aber sie werden beschämt werden" (Jes 66,5). Und dann spricht Gott das kommende Gericht über das feindselige Israel aus (V. 6), wie es damals über Absalom kam und künftig über das ungläubige Israel kommen wird.

 

Vers 8: Das Angesicht des Herrn über uns

„Du hast Freude in mein Herz gegeben, mehr als zur Zeit, als ihr Korn und ihr Most viel waren."

In Vers 7 haben wir gesehen, dass die Antwort Davids auf die herausfordernde Frage seiner Feinde war, dass er auf das Licht des Angesichts des Herrn verwies. Aber offenbar fühlte er, dass es notwendig war, noch einige Einzelheiten hinzuzufügen. Das tut er in den beiden letzten Versen. Er nennt drei Kennzeichen des Guten, die er durch das Angesicht Gottes erfahren durfte:

·      Freude ·      Frieden ·      Sicherheit

Zunächst einmal spricht er davon, dass sein Herz mit Freude erfüllt war. Diese Freude war nicht mit materiellem Segen zu vergleichen. Mochten seine Feinde auch große Ernten einfahren: David war darauf nicht neidisch. Er erfreute sich der Gemeinschaft mit seinem Gott. Diese gab ihm auch in diesen traurigen Umständen, verfolgt von seinem Sohn und seinem Volk, tiefe innere Freude. Wie muss diese Aussage seinen Gott erfreut haben.

 

Himmlischer Segen

Wie viel mehr sollte das für uns gelten, die wir mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern gesegnet worden sind. Wir haben viel mehr als David! Wie traurig, dass wir unsere Freude so oft von äußerem Frieden und äußerlichen Umständen abhängig machen. Kennen wir in mühevollen Umständen noch die Freude an unserem Herrn und in Ihm, der uns alles ist und alles schenkt, was wir nötig haben? Sein himmlischer Segen übersteigt bei weitem alles Irdische, geschweige Weltliche. Diese Gunst Gottes sollte unsere Herzen wirklich erfreuen und die Wertschätzung zeitlicher sowie vorübergehender Segnungen übertreffen.

Warum können wir diese Freude genießen? Weil die Quelle dieser Segnungen in Gott ist, weil unser Segen von Ihm kommt und daher notwendigerweise unabhängig ist von irdischen Dingen. Daher geht es nicht um äußere Freude, sondern um die des Herzens. Die Welt hat manches zu bieten. Aber bleibende Freude kann sie uns niemals geben.

In Davids Tagen wurde irdischer Segen besonders durch Korn und Wein, durch Ernten dargestellt. Es sind die guten Dinge der Erde, die ebenfalls von Gott kommen. Wenn solche Ernten reichhaltig waren, durften sich Israeliten darüber freuen. Aber wenn die Freude nicht im Segen sondern in dem liegt, der segnet, kann man auch Missernten und Zeiten äußerer Not erleben und sich dennoch im Herrn freuen. Das tat David und darin ist er uns ein großes Vorbild.

 

Freude trotz Verlust

Noch stärker als in diesem Psalm finden wir diesen Kontrast im Propheten Habakuk. Er spricht von der Endzeit, wenn er schreibt: „Denn der Feigenbaum wird nicht blühen, und kein Ertrag wird an den Reben sein; und es trügt die Frucht des Olivenbaumes, und die Getreidefelder tragen keine Speise; aus der Hürde ist verschwunden das Kleinvieh, und kein Rind ist in den Ställen." Ist das nicht ein Grund zur Trauer, zum Weinen? Habakuks Antwort lautet: „Ich aber, ich will in dem Herrn frohlocken, will jubeln in dem Gott meines Heils. Der Herr, der Herr, ist meine Kraft und macht meine Füße denen der Hirschkühe gleich und lässt mich einherschreiten auf meinen Höhen" (Hab 3,17-19). Selbst wenn es nur Hungersnot gibt und es an allem fehlt, kann das Herz Freude im Herrn genießen. Ob das auch unsere Erfahrung ist?

Genau diese Haltung unterscheidet den Gläubigen vom Ungläubigen. Dieser hat nur Freude, wenn es ihm äußerlich gut geht. Und selbst dann kann die Seele dürr sein, wie das Volk Israel offenbart (4. Mo 11,6). Für uns aber hängt die Freude nicht von diesen Dingen ab, sondern von Gott. Da konnte David ein Flüchtling sein. Er freute sich in seinem Herrn. So erhebt sich seine Seele sogar über das Böse und die Anfeindungen.

Finden wir eine solche Haltung nicht auch beim Apostel Paulus, der in Philipper 4 zeigt, dass man sich allezeit im Herrn freuen sollte? Er offenbart diese Gesinnung ganz konkret, wenn er im weiteren Verlauf des Kapitels zeigt, dass die Umstände gut oder schlecht sein mochten: „Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt" (Phil 4,4.12.14) - in der Quelle allen Segens. Er ist auch für uns derjenige, in dem es keines Schattens Wechsel gibt, der derselbe ist und bleibt (Heb 13,8).

Wie großartig, dass Gott dennoch in Zeiten der Not Trost und sogar materielle Unterstützung gibt. War das nicht bei David der Fall in der Flucht vor Absalom? Da gab es einige Freunde, die ihm Betten, Becken, Töpfergefäße, Weizen, Gerste usw. brachten (2. Sam 17,27). Was für ein Trost für den Einsamen! Aber nicht darin lag die Freude Davids begründet, sondern in seinem Herrn.

 

Vers 9: Das Angesicht des Herrn über uns

„In Frieden werde ich sowohl mich niederlegen als auch einschlafen; denn durch dich allein, o Jahwe, lässt du mich in Sicherheit wohnen."

Was für eine Ruhe empfindet David an dieser Stelle. Dazu passt auch der Rhythmus des Liedes, der den Psalm wie mit einem Schlummerlied zu einem friedevollen Abschluss bringt. David geht es gut, obwohl er kein Wort darüber sagt, dass seine Feinde überwunden und verschwunden wären. Aber durch seinen Herrn und in Ihm hat er Frieden und Wohlergehen gefunden. Er ist zur Ruhe gekommen.

So ist sich David bewusst, wer ihm diesen Ruheplatz und Wohlergehen schenkt und wer seine Sicherheit ist und bleibt: Jahwe, der Gott Israels, der ihn liebt. Das war Davids Erfahrung. Es ist auch die Erfahrung aller, die auf Gott warten und für Ihn leben, mögen die Umstände noch so herausfordernd sein.

Wie oft wälzen sich Gläubige auf ihrem Lager, indem sie Lebensnöte oder Herausforderungen der nächsten Zeit in ihrem Herzen bewegen. David dagegen, der mit schwerer Drangsal in dieser Periode zu kämpfen hatte, verbindet das Niederlegen mit dem Einschlafen. In innerer Ruhe legt er sich nieder und weiß, dass Gott ihn sofort einschlafen lässt. Das Wort, das er für „sowohl" benutzt, bedeutet eigentlich „zusammen". Hinlegen und Einschlafen waren für ihn zwei Seiten derselben Medaille. David war sich sicher, dass er beides zugleich erleben würde. So groß war sein Vertrauen. Der Feind mag um ihn herum toben. Aber da gibt es den Einen, der ihm jede Ruhe verschafft.

 

Das Beispiel unseres Herrn

Hat das nicht auch unser Herr uns vorgelebt? Mit seinen Jüngern ging Er auf ein Schiff, um den See Genezareth zu überqueren. Es kam ein Sturmwind mit hohen Wellen. Die Jünger bekamen Angst. Unser Meister aber legte sich auf ein Kopfkissen und schlief in Frieden ein. Er wusste, dass sein Vater Ihn in Sicherheit ruhen ließ (Mk 4,35-41).

Das möchte man allen bedrängten und gequälten Seelen zurufen: Die Nöte könnt ihr nicht dadurch zur Seite schieben und verändern, dass ihr auf Eurem Nachtlager ständig über sie nachdenkt. Sie sind bei unserem Herrn an der richtigen, an der besten Stelle (Phil 4,6.7). Wenn ihr sie Ihm überlasst, wird Er euch seinen Frieden, den Frieden Gottes, schenken. Er wird euch in allem helfen, denn bei Ihm seid ihr geborgen.

Er ist der Gott des Friedens, der durch nichts erschüttert werden kann (Phil 4,9). Daher seid ihr in Sicherheit, wenn ihr euch in Gemeinschaft mit Ihm niederlegt und schlaft. „So seid nun nicht besorgt für den morgigen Tag, denn der morgige Tag wir für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat an seinem Übel genug" (Mt 6,34).

Hatte nicht auch der Herr einen anstrengenden Tag hinter sich in Markus 4? Hatte Er nicht viele Nöte vor sich am nächsten Tag? Dennoch ruhte Er in Sicherheit bei seinem Vater. Das dürfen auch wir so erleben!

 

In Frieden niederlegen

Wer sich der Gunst Gottes bewusst ist, kann sich in Frieden und Sicherheit niederlegen. Was kann uns anderes passieren als das, was zu unserem Segen dient? Gott ist für uns, unser Retter ist für uns. So wissen wir uns in guten Händen! Da mögen der Bedränger viele sein, sogar Zehntausende (Ps 3,2.7). Wir aber haben den Herrn, wir, die wir auf Ihn trauen. Das reicht aus sogar dann, wenn die ganze Welt gegen uns stünde.

Wenn man über den Frieden nachdenkt, von dem David hier spricht, wird klar, dass es nicht um einen äußeren Frieden handelte. Das hebräische Wort für „Friede" (schalom) bedeutet mehr als Abwesenheit von Krieg und Unruhe. Darin enthalten ist Wohlergehen, Bewahrung, ein erfülltes Leben und auch Zuversicht.

Ob David beim Schreiben dieses Verses an den Segen Benjamins gedacht hat? „Von Benjamin sprach er: Der Liebling des Herrn! In Sicherheit wird er bei ihm wohnen; er beschirmt ihn den ganzen Tag, und zwischen seinen Schultern wohnt er" (5. Mo 33,12). Vergessen wir nicht, dass die Bedeutung von Davids Namen „Geliebter" ist.

In Psalm 3 stand David morgens auf - mit seinem Herrn. Nun legt er sich nieder - mit seinem Herrn. David hatte einen sehr herausfordernden Tag voller Prüfungen hinter sich. Aber sein Herr war derselbe geblieben. Dieser hatte ihn inmitten von schwierigen Umständen ermutigt und erfrischt. Was für eine Gemeinschaft und was für ein Vertrauen offenbart er in seinen Herrn. Andere musste er warnen, sich gedankenlos hinzulegen, ohne über den Lebensweg nachzudenken (V. 5). Er dagegen kannte den Schlaf des Gerechten. Dieses Bewusstsein konnte er seinem Sohn Salomo vermitteln. Der schreibt: „So gibt er seinem Geliebten den Schlaf" (Ps 127,2).

Vom englischen Reformator Nicholas Ridley (ca. 1500 - 1555), Bischof von Rochester, wird Folgendes berichtet: In der Nacht, bevor er hingerichtet wurde, kam wohl sein Bruder zu ihm und bot ihm an, die letzten Stunden mit ihm zu wachen. Ridley aber lehnte dankend ab. Er wolle sich zu Bett begeben und wie gewohnt schlafen. Dabei soll er sinngemäß gesagt haben: „Ich lege mich, so Gott will, in Ruhe nieder und schlafe, wie jede Nacht, denn du bist es, Herr, du allein, der mich sicher wohnen lässt." Am Tag darauf wurde er auf einem Scheiterhaufen umgebracht.

 

Friede statt Unruhe

Wie aber kann man in Frieden schlafen und die Nöte und sich selbst vergessen? David wusste, dass der Herr sein Schild war. Warum sollte er da nicht schlafen können? Wenn Gott für ihn sorgte, was sollten dann eigene Sorgen helfen? Vergessen wir nicht, dass das nicht die erste Nacht im oft schwierigen Leben des Gläubigen, David, war. Er hatte bereits viele Lebenserfahrungen mit seinem Gott gemacht (vgl. Ps 3,6). Als sich unter Absaloms Herrschaft viele gegen ihn erhoben, hatte David zu seinem Herrn gerufen. Dieser hatte ihn erhört. So legte er sich auch jetzt wieder  in kindlichem Vertrauen nieder und schlief und erwachte, vom Herrn gestärkt. Wenn er das bereits einmal getan hatte, warum sollte er es nicht wiederholen können? Davon gibt er in diesem abschließenden Vers Zeugnis. Er überließ einfach alles Gott.

Wie ganz anders muss die Nacht von Absalom gewesen sein! Mit was für einer Unruhe, mit was für einer Ängstlichkeit wird er auf den Tag des Kampfes gewartet haben. Ein wenig können wir das an dem Handeln Ahitophels sehen. Dieser war früher ein Freund Davids gewesen und hatte sich nun als Ratgeber auf die Seites Absaloms geschlagen (2. Sam 15,12; 17,23). Dieser wusste, dass Gott über allem stand. So bereitete er seinem Leben durch die Sünde des Suizids ein Ende. Keine Ruhe den Gesetzlosen! Aber Friede den Gottesfürchtigen!

 

Sicherheit

Gott gibt aber nicht allein Frieden, sondern auch Sicherheit. Beides gehört zusammen. Wodurch kommt die Sicherheit? Allein durch Gottes Gegenwart. Menschen mögen drohen und gefährlich sein, uns sogar zu zerstören suchen. Mögen sie planen, unsere Herzen zu verletzen und uns das Leben zu nehmen. Was aber vermögen sie gegen unseren Gott? Er allein ist für uns Sicherheit. Wir selbst besitzen keine Kraft in uns. Aber wenn Er eine Mauer um uns baut, wer will diese durchdringen?

Wir sind in der Welt umgeben von enttäuschten, unzufriedenen und ernüchterten Menschen. Sie fragen, wo es Gutes gibt. Die Anzahl dieser Menschen nimmt nicht ab, sondern zu. Sind wir als Christen dann solche, die David gleichen und die Antwort geben: Wir haben Freude, Frieden und Sicherheit, weil wir Gott, unseren Vater, kennen und in Gemeinschaft mit Ihm leben? Wenn wir in Nöten etwas von dem weiten Raum kennengelernt haben, werden wir mehr in der Lage sein, dieses eindrucksvolle Zeugnis Davids auch weiterzugeben.

Wir kennen Gottes liebende Fürsorge, seine schützenden Arme, die Sicherheit der Zusagen unseres himmlischen Vaters. „Vor wem sollte ich mich fürchten?" (Ps 27,1). „Wer auf mich hört, wird sicher wohnen und wird ruhig sein vor des Unglücks Schrecken" (Spr 1,33).