14.01.2020 Esra | Versammlung / Gemeinde

Nach Kraft rufen? (Esra 7)

Geliebte Brüder, für solche, die sich heute in der Stellung eines Überrestes befinden, ist dies eine äußerst wichtige Sache. Ein großer Fallstrick in diesem Zustand des Niedergangs ist das vergebliche Rufen nach Kraft. Kraft war vorhan­den zu Beginn der Geschichte der Versammlung, jetzt jedoch befindet sie sich in einem Zustand des Verfalls. Nicht Kraft sollten wir uns wünschen, sondern Selbstgericht; Selbstgericht und ein Herz, das gehorchen möchte, das den Willen Gottes tun möchte – und das geht immer zusammen mit Selbstgericht. Darin liegt der Unterschied.

Wenn Menschen meinen, das größte Bedürfnis sei Kraft, dann geben sie mehr oder weniger Gott die Schuld an diesem Zustand. Sie sprechen davon, dass es heute so viel Schwachheit gebe: „Es hat keinen Zweck, zusammenzu­kommen, um den Herrn anzubeten oder etwas anderes zu tun, denn wir haben keine Kraft.“ Törichte Gedanken! Solchen, die wissen, dass das Entscheidende, das Wesent­liche, was Gott in der Versammlung gewirkt hat, die Sendung des Heiligen Geistes ist, der für immer in ihr wohnt, sind diese Gedanken höchst sonderbar; denn wenn der Heilige Geist keine Kraft ist, dann weiß ich nicht, was sonst.

Geliebte Freunde, was wir wirklich wünschen, ist Glauben an die Kraft, die wir empfangen haben – nicht Unmut und Klagen, als hätte Gott die Kraft hinweggenommen und als ob es nun unsere Sache sei, in unserer armseligen und elenden Weise voranzugehen und um Kraft zu rufen. Keineswegs! Was wir zu tun haben, ist, unsere Hand auf den Mund zu legen und uns in den Staub zu beugen und den Platz wahrer Demütigung einzu­nehmen, wo Dinge sind, die das Wirken des Geistes Gottes behindern. Der große Punkt ist, in wahrer Demut Seinen Willen tun zu wollen.

Vor einigen Jahren gab es unter gewissen Personen, die den Namen des Herrn trugen, ein reges Wirken; und for­mell stellten sie sich auf diesen Standpunkt, dass sie Kraft nötig hätten. Und sie riefen zu Gott um Kraft, sie riefen um Kraft um jeden Preis. Was war die Folge? Sie empfin­gen Kraft; aber ich bin davon überzeugt, dass diese Kraft tatsächlich von Satan kam und nicht von Gott; und obwohl dort anscheinend höchst bemerkenswerte Dinge geschahen, sogar eine Art von trauriger Nachahmung der Gabe des Zungenredens, war es doch unecht und Heuche­lei; es war keine Wirklichkeit, es war von Satan.

Dieses Bestreben begann und endete auch mit einem ganz schrecklichen Abweichen von der Wahrheit Gottes und der vollständigsten Verunehrung, die bis auf jenen Tag jemals auf den Namen des Herrn gebracht wurde. Soweit ich weiß, hat es in der Kirche niemals eine systemati­schere Verunehrung des Herrn Jesus gegeben als diese, die als die Folge dieses ganzen Bestrebens eintrat. Was uns, geliebte Freunde, demgegenüber jedoch kennzeich­nen sollte – das wahre Werk Gottes, worin wir durch Gottes Gnade unser Teil haben –, ist dies: nicht das Rufen um Kraft und Verharren im Ungehorsam, bis wir Kraft empfangen, sondern das Abstehen vom Bösen und das Suchen nach Gott, um zu lernen, das Gute zu tun; das Anerkennen dessen, dass die Kirche und ganz besonders auch wir persönlich gesündigt und versagt haben; und das sofortige Absondern von allem, von dem wir wissen, dass es in Seinen Augen übel ist – entsprechend dem Licht, das Gott uns gegeben hat.

Das sind genau die Empfindungen, die auch das Herz Esras erfüllten. Sein Herz war von dem Wunsch durch­drungen, den Willen Gottes zu tun. Das ist etwas Großes. „Denn Esra hatte sein Herz darauf gerichtet, das Gesetz des HERRN zu erforschen und zu tun und in Israel Satzung und Recht zu lehren. Und dies ist die Abschrift des Briefes, den der König Artasasta dem Priester Esra, dem Schriftgelehrten, gab.“ Bei diesem Punkt brauche ich nicht länger zu verweilen. Esra ist nun ermächtigt, zu han­deln; aber der wichtige Punkt, den wir dabei beachten müssen, ist der Vorsatz seines Herzens, den Willen Gottes zu tun.

Und auch wir sind heute berechtigt, damit zu rechnen; wenn nämlich unsere Herzen auf den Herrn ausgerichtet sind, wie wir das z.B. bei der Versammlung in Phila­delphia finden. Wie stellt sich der Herr uns dort vor; was sagt Er über Sein Handeln? „Siehe, ich habe eine geöff­nete Tür vor dir gegeben“ (Off 3,8). Er hat die Macht, zu öffnen, und niemand wird schließen; und zu schließen, und niemand wird öffnen. In dem Buch, das wir hier be­trachten, ist der König Artasasta das Bild eines Mannes, der Esra eine geöffnete Tür zeigt. Ja, doch das Herz Esras war darauf gerichtet, den Willen Gottes zu tun. Gott benutzt sämtliche äußeren Umstände; und Er öffnet den Weg, wenn unser Herz innerlich darauf ausgerichtet ist, das zu tun, was in den Augen des Herrn richtig ist. Wir haben keinen Grund, uns jemals über die Umstände zu beklagen, wenn nur unser Herz in Übereinstimmung mit dem Herrn ist. Der Herr kann und wird für alles Übrige sorgen.

Was wir also zu tun haben, ist, uns selbst zu richten. Ich bin davon überzeugt, dass genau das der große Mangel in dem Überrest der Christenheit in der gegenwärtigen Zeit ist und nicht das Rufen um Kraft, die, wenn sie uns gege­ben würde, zu unserem Verderben wäre. Wir brauchen vielmehr Ballast, um die empfangene Wahrheit tragen zu können, als dass wir mit vollen Segeln (so befürchte ich jedenfalls) in einer noch ungeziemenderen Weise, als es jetzt schon der Fall ist, voranstürmen. Denn wissen wir nicht alle, dass unsere Erkenntnis weit über die Gnade, die wir haben, hinausgeht? Und denkt ihr, dass wir uns noch mehr davon wünschen sollten, um noch kopflastiger zu werden? Ich bin genau von dem Gegenteil überzeugt.

Statt dass wir jetzt durch großes Gehabe mehr vor­täuschen, als wir sind, haben wir vielmehr den Geist des Selbstgerichts nötig. Wir sollten danach trachten, die Wahrheit Gottes in Demut und in Liebe und in einem tiefen Bewusstsein unseres Zukurzkommens zu bewahren. Das ist es, was uns eigentlich geziemt; danach sollten wir uns ausstrecken. In einem solchen Zustand der Dinge Kraft zu besitzen, wäre verderblich für uns, davon bin ich überzeugt, und deshalb danke ich Gott, dass es Ihm nicht gefallen hat, uns mehr Kraft von dieser Art zu geben. Was wir nötig haben, ist, dass der Geist in unserem Selbst­gericht tätig ist; und wenn das der Fall ist, dann wird der Segen wie ein Strom fließen.

Vorträge über das Buch Esra (William Kelly)