27.08.2018 Buchbesprechungen | Dienst

Buchbesprechung: Lastentragen – die verkannte Gabe (Christa und Dirk Lüling)

Das Buch

Das mir vorliegende Exemplar des Buches Lastentragen – die verkannte Gabe; hochsensible Menschen als emotionale Lastenträger ist die sechste erweiterte Auflage aus dem Jahr 2010. Es widmet sich ganz besonders Menschen, die durch eine sogenannte Hochsensibilität geprägt sind. „Viele Hochsensible sind emotionale Lastenträger und davon wiederum hat ein großer Teil eine sehr verletzte Seele. Vor allem für diese Menschen ist unser Buch gedacht“ (S. 15).

Was für Kennzeichen haben solche hochsensiblen Personen oder hochsensible Lastenträger? „Als hochsensibler Lastenträger hatte ich in der Konferenz unbewusst die Nöte und Lasten der anderen Teilnehmer wahrgenommen und sie sogar wie ein trockener Schwamm aufgesaugt“ (S. 17/18). Es sind Menschen, die „ohne sich willentlich dazu entschieden zu haben, den inneren Zustand und die Lasten anderer Personen deutlich wahrnehmen und diese dann tragen, als wären es ihre eigenen Lasten“ (S. 19). „Nicht wenige Nobelpreisträger sind HSP“ (Hochsensible Personen, S. 19).

Das Buch umfasst 158 Seiten, ist gut lesbar geschrieben und im Asaph-Verlag erschienen. Es kostet 11,80 Euro.

 

Die Autoren

Dirk und Christa Lüling sind Gründer und Leiter der Familienarbeit TEAM.F – Neues Leben für Familien e. V. Sie sind dort unter anderem verantwortlich für die Schule für Gebetsseelsorge.

 

Gliederung

In den ersten Kapiteln versuchen Dirk und Christa Lüling, die Kennzeichen und Eigenschaften hochsensibler Personen herauszuarbeiten und typische Lebensgeschichten von HSLern (Hochsensiblen Lastenträgern) zu vermitteln. Dann beschreiben sie die Probleme, mit denen HSPler und HSLer mit sich und mit anderen besitzen, wie sie damit umgehen können, vor allem mit den ihnen zugefügten Verletzungen in Kindheit und Gesellschaft. Speziell wird diesen Menschen vorgestellt, wie sie mit ihrer „Besonderheit“ den Alltag besser bewältigen können.

Den Herausforderungen von HSLern in einer Ehe haben wir ein extra Kapitel gewidmet; schließlich versuchen Lülings, Betroffene zu gesegneten HSLern zu machen, die ihre Berufung erkennen. Eingestreut in das Buch sind eine Reihe von Erfahrungsberichten von HSLern.

 

Im Folgenden nenne ich einige einzelne positive bzw. negative Kritikpunkte am Buch:

 

+ Informationen über sensible Menschen

Es gelingt den Autoren, Menschen, die sich selbst nicht zu den (hoch)sensiblen Menschen zählen, Besonderheiten von Mitmenschen zu vermitteln, die „anders ticken“ als sie, weil sie sehr sensibel auf Stimmungen und Belastungen wie Streit etc. reagieren. Als „robuste“ Persönlichkeit macht man sich selten Gedanken, wie eigenes Verhalten bei solchen Menschen ankommt. Hierbei hilft dieses Buch.

 

+ Mutter als Hausfrau

Sehr hilfreich finde ich den Appell auf S. 60, dass es kein Makel für eine Ehefrau und Mutter ist, sich um die Familie, um die Kinder zu kümmern und nicht einer bezahlten Arbeit nachzugehen. „Überall ist ihre Arbeitskraft austauschbar, aber als Mutter und Vater sind Sie einmalig und unersetzlich!“

 

+ Vergangenheit muss nicht die Zukunft prägen

Eindrücklich vermitteln die beiden Autoren, dass Verletzungen, die wir in der Vergangenheit erlitten haben, unser heutiges und zukünftiges Leben nicht bestimmen und zerstören müssen. Wir können vergeben und die Verletzungen dem Herrn im Gebet übergeben. Dann sind wir mit seiner Hilfe auch in der Lage, ein gutes, ein positives, ein lohnenswertes Leben zu führen.

 

Das sind schon alle positiven Punkte? Ja, ich bin froh, drei gefunden zu haben. Ansonsten kann man vor diesem Buch nur ausdrücklich warnen. Bevor jetzt ein Gewitter über mich ergeht, füge ich hinzu: Natürlich gibt es Menschen, die sensibler sind als andere. Und natürlich gibt es solche Menschen, die härter sind als andere und allein dadurch weniger Verständnis für sensible Menschen haben und diesen sogar leider und zu Unrecht Verletzungen zufügen. Das alles aber hat überhaupt nichts damit zu tun, dass Dirk und Christa Lüling eine Klasse von Menschen aufmachen, die eine Besonderheit und Einzigartigkeit besitzen, die andere nicht haben. So, wie es den hochunsensiblen Menschen nicht gibt, gibt es auch nicht den hochsensiblen. Auf einer Linie aufgereiht gibt es von 0,01% sensiblen Menschen bis 99,99% sensiblen Menschen auf jedem beliebigen Punkt der Reihe Menschen, die dazwischenliegen. Aber eine besondere Gruppe von Hochsensiblen ist das Konstrukt mancher Psychotherapeuten, ansonsten entbehrt diese Theorie jeder Grundlage (vor allem in Gottes Wort).

Allein schon die Statistiken des Buches sind verwirrend und machen das Thema unglaubwürdig. „Über 80% der Studenten [der Seelsorgeschule des Team.F] sind Betroffene“ (S. 15). Dann sind es auf S. 18 erst 15–20%, dann 20% der Gesamtbevölkerung, die hochsensibel sind. Die werden sogleich als „Minderheit“ bezeichnet (so, als wäre eine 20-%-Partei wie die SPD eine Minderheit). Statistisch stehen diesen 20% zwar 80% gegenüber, aber die sind ja keine homogene Gruppe, sondern wieder Einzelgruppen, was Lülings offenbar übersehen. So könnte man fortfahren über die Statistiken in diesem Buch.

Ich beschränke mich im Folgenden auf die wesentlichen Kritikpunkte zum Buch.

 

- Keine vernünftige Definition

In der Beschreibung von HSPlern finden sich alle möglichen Menschen wieder, die mit Sensibilität nicht viel zu tun haben. Zurückhaltende Menschen mit Minderwertigkeitsproblemen, Menschen mit Einschränkungen, solche mit Handikaps usw. werden alle die Hand heben. Das aber hat mit einer seriösen Beschreibung einer besonderen Personengruppe von „Hochsensiblen“ nichts zu tun. Es fehlt schlicht eine abgrenzende, einschränkende und nachvollziehbare Definition. Da sie fehlt, können sich alle möglichen Menschen in diesen Beschreibungen wiederfinden, unabhängig davon, ob sie irgendetwas mit Hochsensibilität zu tun haben oder nicht.

 

- Der Herr Jesus wird vereinnahmt 

An mehreren Stellen werden bekannte Persönlichkeiten wie Nobelpreisträger etc. als HSPler vereinnahmt. Am schlimmsten ist, dass man sich nicht scheut, den Herrn als solchen darzustellen. An einer Stelle (S. 99) wird sein Name sogar damit verbunden, dass man zu seinen Defiziten stehen sollte. „Stehen Sie dazu, dass Sie kein so hohes Leistungsniveau oder Lebenstempo haben wie andere. Jesus war auch ein hochsensibler Lastenträger.“ Das halte ich für Lästerung.

 

- Binsenweisheiten für jedermann

In diesem Zusammenhang wird mehrfach vom Herrn (und HSLern) gesagt, dass sie „Tankstellen“ nötig hatten/haben, Ruhe und Rückzugsorte, um wieder Kraft zu sammeln. Abgesehen davon, dass der Herr ständig in Gemeinschaft mit seinem Vater war und lebte und diese Zeiten als vollkommener Mensch bewusst genoss, abgeschieden von den Volksmengen, sind das Ruhezeiten, die nicht vor allem Lastenträger nötig haben, sondern wir alle, ob wir sensibel sind oder nicht. Diese Tankstellen haben also mit HSLern nichts zu tun. Solche Binsenweisheiten, die auf Gläubige grundsätzlich zutreffen, finden sich ständig in diesem Buch (z.B. auf den Seiten 98; 104; 105; 107; 111; 116; 120; 130). Die dort zu findenden „Belehrungen“ und Erklärungen haben also nichts mit HSPlern zu tun, sondern mit dem Glaubensleben eines Gläubigen, egal welcher Couleur. Dazu gehört auch das Thema, wie man mit Verletzungen im Leben umgehen sollte. Das ist kein Exklusivrecht von HSPlern und HSLern, sondern damit hat jeder Gläubige zu tun. Es gibt niemand, der nicht Verletzungen erlitten hat.

 

- Seelsorgevorrang für HSLer

Es ist keine Frage, dass HSPler empfindsamer für Stimmungen und Probleme sind als andere. Das aber ist nicht die Definition eines Seelsorgers. Eine wichtige Voraussetzung eines Seelsorgers ist, dass er nicht an dem Hirtendienst zugrunde geht. Keine Frage, hier haben Nicht-Hochsensible Vorteile. Sie sind eher in der Lage, nicht einfach nur emotionalen Trost zu spenden (der womöglich das völlig Falsche ist), sondern auch klare Anweisungen und Hinweise zu geben, die weh tun. Sind damit Nicht-Hochsensible die geborenen Seelsorger? Weit gefehlt! Es sind diejenigen, die der Herr dazu beauftragt und begabt. Das ist sicherlich nicht der Fall, wie im Buch geschildert, von Geburt an. Aber der Herr hat Einzelne, die diese Aufgabe wahrnehmen, und zwar unabhängig von ihrer „Sensibilität“.

 

- Sehr charismatisch

Ein Grundübel dieses Buches besteht darin, dass es hochcharismatisch ist. Es empfiehlt an verschiedenen Stellen, in Sprachen zu reden und prophetische Worte auszusprechen. „Mein Eindruck oder Gefühl zu Beginn der Stille war ganz intensiv und real: Ich sah und spürte, wie jeder im Raum zu Jesus lief, auf seinen Schoß stürmte, mit seiner Not und Bedürftigkeit Jesu Herz suchte. Verwirrt schaute ich zu, fragend, beobachtend – selbst mit sehnsüchtigem Herzen, Jesus gerade jetzt zu begegnen ... Der ‚Nebel‘ lichtete sich und ich konnte endlich ganz klar wahrnehmen, wie Jesus gerade auf mich wartete, sein Schoß für mich frei war – ohne dass jemand anderer zu kurz kommen würde. So nahm ich meinen Platz in seinen Armen ein und spürte gemeinsam mit Jesus dem Vorhergegangenen nach“ (S. 80). Diese Schilderung zeigt, in was für einer Weise Mystizismus, Spekulation bis hin zu Okkultismus (besonders auch bei dem sogenannten prophetischen Reden, das es in dieser Form heute gar nicht mehr gibt, was Stellen wie Kolosser 1,25 deutlich machen) in diesem Buch Eingang gefunden hat. Dazu gehört beispielsweise auch, dass Christa Lüling und andere unbewusst die Lasten von ihnen ganz unbekannten Personen in einem Raum wahrnehmen können (wie sie sagen und meinen) und diese dann auf sich nehmen (z.B. S. 97) und Jesus übergeben. Das ist pure Phantasie, Mystizismus, Spekulation, Charismatik. Genauso, dass HSLer (oder sonst wer) Gedanken lesen könnten (S. 101–104).

Auf S. 88 findet man eine der Stellen, wo jemand in Sprachen betet (obwohl es diese Gabe schon zu Zeiten des Hebräerbriefes offenbar nicht mehr gab). Auf S. 92 sollen wir nach einem Gebet „hören, ob Jesus Ihnen etwas zuspricht“. Auf S. 93 ist man in der Lage, jemand anderes durch sein Gebet von „allen Etiketten und Aufträgen, die ihm in seinem Leben gegeben wurden“, zu lösen. Auf S. 94 spürte jemand, „wie Jesus jede einzelne Last nahm, sie hinter das Kreuz trug, um sie zu entfernen“. Für alle diese Dinge gibt es keinen Hinweis in Gottes Wort, auf den man das abstützen könnte.

 

- Unbiblisch – die Bibel kein Maßstab

Die Bibel kommt nur äußerst vereinzelt zu Wort. Stattdessen aber wird sehr oft vom Heiligen Geist gesprochen. Dass der Geist nur durch das Wort wirkt, dass dieses Wort der objektive Maßstab für jede Beurteilung sein muss, findet man in diesem Buch nicht. Beispielsweise wird das Lastentragen als eine besondere Gabe besonderer HSLer verkauft. Man nimmt Bezug auf Galater 6. Dass dort aber wir alle angesprochen sind, wird übergangen. Dass es dort gar nicht um eine Gabe, sondern um eine Aufgabe für uns alle geht, wird ignoriert.

Dann findet man unter anderem auf S. 86, dass man seine Gabe „an Gott zurückzugeben“ hat. Diesen Gedanken habe ich in Gottes Wort noch nie gefunden. Wenn der Herr uns eine Gabe anvertraut, dann haben wir Verantwortung, diese auszuüben. Aber wir haben weder das Recht noch die Fähigkeit, die uns übertragene Gabe Ihm zurückzugeben. Dass „Hochsensibilität“ ein Gabe ist (S. 95) habe ich ebenfalls nicht in der Bibel gefunden. Weitere unbiblische Aussagen finden sich unter anderem auf den Seiten 102; 126; 129; 130; 132; 135; 145.

 

- Hochmut

Dass solche falschen Einstellungen auch zu einer Selbstüberschätzung führen können, wird auf S. 154/155 deutlich. „In Sprachen zu beten ist dabei sehr hilfreich, und manchmal befehle ich sogar dem Teufel zu gehen.“ Als ob der Teufel Angst vor uns hätte, so dass wir ihm Befehle erteilen könnten. In Jakobus 4,7 heißt es: „Widersteht aber dem Teufel, und er wird von euch fliehen.“ Wir können ihn nicht kommandieren, er flieht auch nicht vor uns, sondern von uns. Warum? Weil er Christus auf unserer Seite sieht. Vor Ihm flieht er ganz gewiss. Wir sollen ihm widerstehen. Wir haben nie den Auftrag bekommen, ihm zu befehlen. Sonst kann ganz leicht das geschehen, wovon Lukas in Apostelgeschichte 19,13-16 schreibt.

Zu dem Hochmut gehört auch, dass sich die HSLer als Priester und Älteste und Hirten und Propheten etc. sehen, während andere als Hardliner bezeichnet werden: „Allein die Vorstellung, dass nur ziel- und aufgabenorientierte Hardliner das Sagen hätten, lässt einen HSL erschaudern.“ Das zeigt, wie die HSLer „alle anderen“ sehen: Die anderen sind Hardliner, vor denen man erschaudern muss. HSLer bewahren und schützen; die anderen zerstören.

 

Warnung

Vor der Lektüre eines solchen Buches kann man nur warnen. Der stark charismatische Einschlag mit mystischen Elementen führt dazu, dass man manchmal nicht weiß, ob das ganze Geschehen nicht sogar okkult geprägt ist.

Für Gläubige, die wirklich sensibel sind, stellt dieses Buch daher einen Bärendienst dar. Tatsächlich ist es wahr, dass wir Rücksicht auf Gläubige nehmen sollten, die (besonders) sensibel sind. Auch sie haben Gaben vom Herrn anvertraut bekommen, so wie jeder andere Gläubige auch. Es sind aber nicht diese Pauschalgaben, wie sie im Buch der beiden Autoren suggeriert werden. In jedem Fall sind die Gaben sensibler Personen genauso nützlich wie die von weniger sensiblen Personen. Ihren Aufgaben in einer Weise nachzugehen, die den Herrn ehrt, werden sie durch dieses Buch nicht lernen, wohl aber durch Gottes Wort.

Ein Buch kann nur so gut sein, wie es auf Gottes Wort gegründet ist und den Herrn in den Mittelpunkt stellt. Das ist bei dem vorliegenden Buch nicht der Fall.