© Tyrus
Tyrus, Sidon und die Bezirke Philistäas (V. 4-8)
Die Verse 1-3 kündigten das Ende der Gefangenschaft für Juda und Jerusalem an, sowie das Gericht über die Nachbarvölker Israels.
Die Verse 4-8 bilden einen Einschub. Der Blick wird auf zwei Feinde aus den Nachbarvölkern gerichtet: die Philister und die Phönizier (mit ihren Hauptstädten Tyrus und Sidon). An ihnen macht Gott deutlich, dass das Gericht der Nachbarvölker einzelne Völkerschaften betreffen kann, die in besonderer Weise Schuld auf sich geladen haben. Diese werden ein besonderes Schicksal erleiden: Die Kinder Judas werden sie an die Sabäer verkaufen.
Gottes Verbundenheit mit seinem Volk (V. 4)
Der Abschnitt beginnt mit einer Frage des Herrn, die seine Verbundenheit mit seinem Volk und Land offenbart: „Was wollt ihr mir?“ Auf den ersten Blick mag die Formulierung rätselhaft erscheinen. Doch bei näherem Hinsehen wird deutlich, dass Gott die Feinde Judas sinngemäß fragt: „Was habt ihr mir angetan?“ Er fragt nicht, was seinem Volk oder seinem Land angetan wurde, sondern was Ihm widerfahren ist. Daraus lernen wir: Wer sich am Volk oder Land Gottes vergreift, vergreift sich am HERRN. Gott identifiziert sich mit seinem Volk und Land, mit dem Er verbunden ist (d.h. dem Überrest; vgl. Sach 2,12).
Als Saulus von Tarsus auf dem Weg nach Damaskus von einem Licht aus dem Himmel umstrahlt wurde, spricht der Herr in Herrlichkeit zu ihm: „Was verfolgst du mich?“ (Apg 9,4). Obwohl Saulus die Gläubigen auf der Erde verfolgte, verfolgte er in Wirklichkeit Christus im Himmel. Derselbe Grundsatz der Verbundenheit offenbart sich auch im Neuen Testament.
Aus den Berichten des Alten und Neuen Testaments wird deutlich, wie Christus:
- sich mit seinem Volk Israel verbunden weiß (Überrest in der Zukunft) und
- als verherrlichtes Haupt eine Einheit mit der Versammlung bildet, die sein Leib ist (vgl. Eph 1,23; Kol 1,18), die untrennbar mit Ihm verbunden ist.
Gottes Vergeltung an den Feinden
Die enge Verbundenheit Gottes mit dem zukünftigen Überrest erklärt, warum Gott das Unrecht am Volk vergelten wird. Er wird in dem Maß Gericht üben, wie seinem Volk Leid angetan wurde. Deshalb heißt es in Joel 4,4, dass Er das Tun der Völker auf ihren Kopf zurückbringen wird.
Auffallend ist die Formulierung „schnell, unverzüglich“, mit der Joel die göttliche Vergeltung beschreibt (Joel 4,4). Damit betont er die Entschlossenheit und Unmittelbarkeit des kommenden Gerichts. Wenn der Zeitpunkt von Gottes Eingreifen gekommen ist, wird es keinen Aufschub geben. Das Böse wird ohne Verzögerung gerichtet.
Gerichtsbegründung (V. 5.6)
Die Verse 5 und 6 begründen ähnlich wie bereits die Verse 2 und 3 die Anklage Gottes und das angekündigte Gericht über die Bezirke Philistäas sowie über Tyrus und Sidon. Im Mittelpunkt steht der Raub, der sowohl das Erbteil Gottes als auch die Kinder Judas betrifft. Fünf „Dinge“ werden genannt:
- Silber,
- Gold,
- kostbare Kleinode (Wertgegenstände),
- die Kinder Judas und
- die Kinder Jerusalems.
Während die Sachgüter1 (Silber, Gold und Kleinode) weggenommen wurden, zeigt sich im Umgang mit den Menschen (Kinder Judas und Jerusalems) eine noch tiefere Form an Bosheit. Die Kinder Judas und Jerusalems wurden schlichtweg an Griechen verkauft und damit wie bloße Handelsware behandelt.2 Das offenbart das zutiefst menschenverachtende Verhalten dieser Völker.
In einem außerbiblischen Bericht lesen wir:
Lysias erwählte Ptolemäus, Dorenas Sohn, Nikanor und Gorgias, tüchtige Hauptleute und Freunde des Königs, und er sandte mit ihnen 40000 Männer zu Fuß und 7000 Reiter, um das Land Juda einzunehmen und es zu zerstören nach den Geboten des Königs. Sie machten sich auf den Weg mit all ihren Truppen, und als sie ins Land Juda kamen, lagerten sie sich bei Emmaus in der Ebene. Als die Kaufleute des Landes von ihrer Ankunft hörten, nahmen sie mit sich viel Silber und Gold, und Fesseln, und sie kamen in das Lager der Syrer, um die Kinder Israel als Sklaven zu kaufen. Zu diesem Heer kamen die Truppen von Syrien und Philistäa hinzu.3
Eine Erweckung offenbart Gottes Allmacht und Gerechtigkeit (V. 7.8)
In der Zukunft wird Gott eine Erweckung der Kinder Judas und Jerusalems bewirken, um die Verschleppten zurückzuführen in ihr Erbteil. Diese Erweckung offenbart Gottes Macht auf der einen Seite als auch seine Gerechtigkeit.
Allmacht
Gottes Allmacht offenbart sich in der Rückführung der Juden aus fernen Ländern. Aus menschlicher Sicht ist sie nahezu unmöglich. Denn das Volk wurde weit von seinen Grenzen entfernt (Joel 4,6). Dennoch gilt die Tatsache, dass für Gott kein Ding unmöglich ist. In seiner Allmacht wird Er die verschleppten Bewohner aus Juda und Jerusalem zurück in ihr Land bringen. Die Entfernung spielt für Ihn keine Rolle. Der Prophet betont ausdrücklich: „von dem Ort, wohin ihr sie verkauft habt“ (Joel 4,7).
Gerechtigkeit
Das kommende Gericht der Nachbarvölker lässt zudem Gottes Gerechtigkeit hervorstrahlen (V. 7.8). Gott kündigt an, das „Tun“ der Völker auf ihren Kopf zurückzubringen (vgl. V. 4). Die Völker werden erleben, was sie Israel angetan haben. So, wie es in Richter 1,7 heißt: „Wie ich getan habe, so ist mir getan worden.“, wird der Herr die feindlichen Völker in die Hand seines Volkes geben. Und so, wie sie die Kinder Israel in die Sklaverei verkauft haben, werden sie selbst in die Hände der Söhne Judas gegeben und an ein fernes Volk – die Sabäer – verkauft werden. So wird Gott sein Volk (d. h. den künftigen Überrest) dazu gebrauchen, seine früheren Feinde zu züchtigen. Damit macht Er es zum Werkzeug seiner Gerechtigkeit (vgl. Obad 1,18; Mi 4,13; Sach 12,5–6; Ps 149,6–9; Est 9,1).
Der Abschnitt schließt mit den ergreifenden Worten: „Denn der Herr hat geredet“ (Joel 4,8). Damit wird das angekündigte Gericht über die Philister und Phönizier durch Gottes Wort selbst besiegelt. Was Er ausspricht, trifft ein, denn Er erweist sich seinem Wort gegenüber als treu. Gott ist treu. Das gilt sowohl für die Erfüllung seiner Verheißungen, als auch für die Ausübung von Gericht.
Fußnoten
- 1 Die genannten Schätze Silber, Gold und Kleinode können sowohl aus dem Tempel stammen als auch aus dem privaten Besitz der Juden. Die erbeuteten Gegenstände wurden in die Tempel der fremden Völker gebracht, in heidnische Kultstätten, in denen Götzen verehrt wurden. Besonders bemerkenswert ist die dreifache Betonung, dass es sich bei den geraubten Gütern um den Besitz des Herrn handelt („mein Silber“, „mein Gold“ und „meine besten Kleinode“). Alle Besitztümer waren also sein Eigentum (vgl. Hag 2,8). Damit wird der Raub zugleich zu einem Akt der Gotteslästerung, denn das Heilige wurde für götzendienerische Zwecke missbraucht.
- 2 Indem sie Israeliten an die Griechen verkauften, machten sie Gottes Volk nicht nur zu Handelsware, was an sich schon eine Entwürdigung ist. Durch die Verschleppung in ein fernes Land wurden sie zu Vertriebenen, die religiös entfremdet, sozial isoliert und von der Hoffnung auf Heimkehr praktisch abgeschnitten wurden.
- 3 1. Buch der Makkabäer (3,38-41) - eine apokryphe Schrift (alttestamentlicher Zeit)
Quelle: bibelpraxis.de/a9797.html
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Artikelreihe: Der Prophet Joel
- Einleitung
- Geschichtlicher Hintergrund
- 5 Appelle
- Der Tag des HERRN
- Gebet
- Invasion des Assyrers
- Bußaufruf
- Gottes Antwort auf den Überrest (2,18-27)
- Die Ausgießung des Geistes (3,1.2)
- Die Ausgießung des Geistes (Exkurs Pfingstpredigt)
- Gottes Gerichte in der Drangsalszeit (3,3.4)
- Errettung (3,5)
- Gericht der Nationen
- das Gericht der Nachbarvölker Israels
- Tyrus, Sidon und die Bezirke Philistäas
- Das Ende der Nachbarvölker
- Segnungen im Reich