Das Gericht der Nachbarvölker Israels (V. 2.3)
Nach der Wende der Gefangenschaft für Juda und Jerusalem (V. 1) beschreibt Joel das Gericht der Nachbarvölker Israels (V. 2–16). Psalm 83 zeigt, dass es sich um folgende Nationen handelt: Edom1, Ismael2, Moab3, die Hageriter4, Gebal5, Ammon6, Amalek7, Philistäa8 und Assur9. Hesekiel 32 nennt ebenfalls eine Reihe von Nationen, nämlich Ägypten, Assyrien, Elam10, Mesech und Tubal11 sowie Edom und die Sidonier12.13
Es geht also vor allem um die mittelbaren und unmittelbaren Nachbarstaaten von Israel, d. h., vor allem um Nordarabien (Jordanien, Libanon, Palästina, Syrien, Irak, Iran). Hinzu kommen Ägypten und die palästinensischen Autonomiegebiete.
Wenn einige der in Psalm 83 und Hesekiel 32 genannten Völker auch zeitweilig von der Bildfläche oder in der politischen Versenkung verschwunden sind, so haben sie in der Geschichte Israels eine wichtige Rolle gespielt. Sie haben Israel bedroht und angefeindet. In der Zukunft werden sie ebenfalls wieder eine entscheidende Rolle einnehmen, besonders in der zweiten Hälfte der Drangsalszeit, der „Drangsal für Jakob“. Am Ende werden sie das gerechte Gericht Gottes empfangen. Einige von ihnen werden in den Auseinandersetzungen und Gerichten „am Tag des HERRN“ völlig vernichtet werden, andere werden geläutert und danach einen Platz des Segens im kommenden Friedensreich haben. Dazu zählen bemerkenswerterweise zwei Hauptakteure der Endzeit: Assyrien und Ägypten (Jes 19,23-25; Mi 7,12).14
Ort
„Schauplatz“ des Gerichts über die Nachbarvölker ist die Talebene Josaphat. Es ist nicht ganz klar, wo sie zu suchen ist. In der Bibel erwähnt nur Joel 4,2 sie. Dabei ist bemerkenswert, dass das Wort „Josaphat“ bedeutet: „der Herr hat gerichtet“. Daher haben einige angenommen, dass das Wort symbolisch gebraucht wird und ein Synonym für das Gericht des Herrn ist.15
Zeitpunkt
Der Zeitpunkt des Gerichts ist der „Tag des Herrn“ (vgl. Joel 4,14). Dieser Tag umfasst eine Reihe göttlicher Gerichte in einer festgelegten Abfolge. Sie werden sich im Verlauf der Drangsalszeit entfalten. Das Gericht im Tal Josaphat gehört zu den letzten Gerichten, die Gott durch den Herrn Jesus ausführen lässt (vgl. Joh 5,23). Es wird vollzogen nach seiner Erscheinung in Macht und großer Herrlichkeit – vor oder im Zusammenhang mit der Aufrichtung des Tausendjährigen Reiches.
Besonderheit
Das Gericht der Nachbarvölker steht in engem Zusammenhang mit dem Gericht über den Assyrer.16 Dennoch unterscheidet Joel zwischen beiden Gerichten, indem er sie getrennt voneinander beschreibt: das Gericht über den Assyrer in Kapitel 2 und das Gericht über die umliegenden Völker in Kapitel 4. Bemerkenswert: Die unterschiedliche Darstellung dient nicht dazu, eine zeitliche Trennung beider Gerichte zu betonen. Ziel des Propheten ist, sein besonderes Anliegen zu markieren: die Vernichtung des Assyrers. Um dies hervorzuheben, behandelt Joel beide Gerichte bewusst getrennt.
Schuldspruch
Dem Gericht über die Nachbarvölker liegt ein klarer Schuldspruch zugrunde. Sie haben sich Israel und dem Land Gottes gegenüber boshaft verhalten (Joel 4,13). Mehrere Schriftstellen bestätigen diese Tatsache (vgl. Ps 79,1-3; 83,1-6; Jes 29,1-8; 34,1-3; Jer 25,13-17; Sach 1,14-15; 12,2-3).17 Sie haben das Volk Gottes bedroht und angefeindet. Das geschah in der Vergangenheit, wird allerdings in der Zukunft wieder geschehen.
Drei Anklagegründe
Der Schuldspruch enthält drei Anklagepunkte, die Fehlverhalten konkret belegen. Es geht um:
- die Zerstreuung des Volkes (V. 2);
- die Teilung des Landes (V. 2);
- die Geringachtung und Entwürdigung der Juden (V. 3).
Grund 1 und 2
In Kapitel 2 lesen wir, dass die Priester den Herrn bitten, sein Volk zu verschonen und das Erbteil Israel nicht der Schmähung hinzugeben, damit die Nationen nicht spöttisch fragen: „Wo ist ihr Gott?“ (V. 17). In Kapitel 4 greift der Herr die Bitte auf. Doch nun spricht Er selbst von „meinem Volk“ und „meinem Erbteil“ (Joel 4,2). Die Worte, die zuvor aus dem Mund der Priester kamen, werden jetzt zur Grundlage der Anklage Gottes: Was die Nationen dem Volk und Erbteil des Herrn angetan haben, ist der Grund seines Gerichts über sie. Dabei handelt es sich um die Zerstreuung des Volkes Gottes („mein Volk“) und die Teilung des Landes („mein Land“). Beide Vergehungen stellen letztlich einen Eingriff in Gottes Eigentum dar.
Grund 3
Ein dritter Anklagepunkt bringt die Geringachtung und Entwürdigung des jüdischen Volkes ans Licht. Offensichtlich geht es um die Bewohner von Judäa, die bei der Eroberung Jerusalems gefangengenommen und durch Losverfahren unter die Nationen verteilt und wie Ware behandelt wurden (vgl. Ri 5,30; Obad 1,11; Est 3,7).18 Besonders verachtet wurden die Kinder der Juden, auf die Joel zu sprechen kommt (Joel 4,3). In tiefster moralischer Verrohung wurden sie als Zahlungsmittel missbraucht. So wurden Knaben als Lohn für eine Hure (Prostitution) oder Mädchen für den Wein der Berauschung (Alkoholmissbrauch) preisgegeben.
Das Urteil: Das Gericht ist berechtigt
Die Anklagegründe 1-3 offenbaren das entsetzliche und menschenverachtende Verhalten dieser Völker. Sie führen klar vor Augen, worin die Schuld besteht. Die Beweise sprechen für sich. Das Gericht ist berechtigt und notwendig – und zwar wegen ihrer bitteren Feindschaft gegen das alte Volk Gottes! Wer sich an Israel vergeht, greift Gott an (vgl. Sach 2,12).
Ermutigung: Gott entgeht nichts
Das kommende Gericht über die Nachbarvölker verdeutlicht zudem, dass Gott das viele Unrecht nicht vergessen hat, das seinem Volk und Erbteil angetan wurde bzw. noch angetan werden wird. Das gilt auch für unsere Zeit heute. Als Erlöste erleben wir immer wieder Feindschaft seitens der Welt. Nicht selten trifft Unrecht unser Leben. Gott wird es nicht vergessen. Einmal wird Er alles Böse, das seinen Kindern zugefügt wurde, in sein Licht stellen und richten (1. Pet 4,4.5). Ein Trost für jeden, der unter Anfeindung leidet.
Fußnoten
- 1 Heute Südjordanien
- 2 Heutiges Beduinenvolk und ein Sammelbegriff für arabische Völker, die Israel umgeben.
- 3 Heute Zentraljordanien
- 4 Lokalisierung nicht möglich
- 5 Entweder Teil der Gebirgskette Edoms oder phönizische Stadt Byblos im Libanon.
- 6 Heute Nordjordanien
- 7 Siedler im Süden Kanaans in der Nähe des heutigen Negev.
- 8 Heutiges Palästinensergebiet
- 9 Assur (Assyrien) ist eine Allianz von Staaten im Norden Israels (Iran, Irak, Türkei u.a.)
- 10 Heutiges Gebiet im Iran
- 11 Lokalisierung nahezu nicht möglich - vermutlich nördlich von Israel auf der Strecke zum südlichen Kaukasus.
- 12 Heute Libanon
- 13 Edom, Ammon und Moab sind „Verwandte“ Israels, die in Feindschaft gegenüber diesem Land stehen. Dagegen bilden Ägypten und Assyrien die Hauptakteure in der Endzeit, die dem Volk ebenfalls Feindschaft erweisen. Es wird also Hauptakteure und verwandte Akteure geben - neben weiteren anderen Mächten aus den Nachbarstaaten.
- 14 Persönlichen Anteil am Reich kann nur derjenige haben, der eine neue Geburt erlebt (Joh 3,5). Es wird also so sein, dass sich aus diesen Völkern Menschen bekehren, genauso, wie das bei dem Überrest der Juden und Israels der Fall sein wird.
- 15 Das Gericht in Harmagedon (Berg Megiddo) findet zu einem früheren Zeitpunkt statt (Off 16.19). Es ist nicht gleichzusetzen mit dem Gericht in der Talebene Josaphat in Joel 4.
- 16 Die Berichterstattung von Joel lässt kaum einen anderen Schluss zu. Denn sowohl in Folge des Gerichts über den Assyrer (Joel 2,23-27) als auch nach dem Gericht im Tal Josaphat (Joel 4,4-7.18-21) kündigt der Prophet eine Zeit des Friedens und Segens an. Beiden Gerichten folgt das Tausendjährige Reich. Zudem wird Assyrien als Zuchtrute Gottes gegen das Volk Israel von Gott gebraucht, danach aber selbst gerichtet werden (vgl. Jes 10,5-11).
- 17 Ein ähnliches Prinzip findet sich auch in Matthäus 25, wo das Kriterium des Gerichts die Haltung gegenüber den Brüdern ist (d. h. gegenüber den jüdischen Sendboten), die das Evangelium des Reiches verkünden (Mt 25,40.45).
- 18 Zur Zeit Joels war die hier beschriebene gottlose Praxis, über sein Volk das Los zu werfen und Jungen sowie Mädchen zu verkaufen, teilweise bekannt. Die Philister hatten dies getan, und auch Tyrus und Sidon waren daran beteiligt.
Quelle: bibelpraxis.de/a9796.html
Artikelreihe: Der Prophet Joel
- Einleitung
- Geschichtlicher Hintergrund
- 5 Appelle
- Der Tag des HERRN
- Gebet
- Invasion des Assyrers
- Bußaufruf
- Gottes Antwort auf den Überrest (2,18-27)
- Die Ausgießung des Geistes (3,1.2)
- Die Ausgießung des Geistes (Exkurs Pfingstpredigt)
- Gottes Gerichte in der Drangsalszeit (3,3.4)
- Errettung (3,5)
- Gericht der Nationen
- das Gericht der Nachbarvölker Israels
- Tyrus, Sidon und die Bezirke Philistäas
- Das Ende der Nachbarvölker
- Segnungen im Reich