Der Prophet Joel (10) - Die Ausgießung des Geistes (Exkurs Pfingstpredigt)

Lesezeit: 5 Min.

I: Die Ausgießung des Geistes zu Beginn des Friedensreiches (V. 1-5)

Exkurs: Die Pfingstpredigt von Petrus

In Apostelgeschichte 2 wird die erste Predigt des Apostels Petrus geschildert, die er am Pfingsttag hielt. In seiner Ansprache zitiert er die Verse 1-5 aus Joel 3 mit Ausnahme des letztes Satzteiles. Dieses Zitat hat im Lauf der Kirchengeschichte zu unterschiedlichen Auffassungen geführt:

  • Einige vertreten die Ansicht, dass sich die Prophetie Joels mit dem Kommen des Heiligen Geistes an Pfingsten bereits vollständig erfüllt habe.
  • Andere wiederum vertreten die Auffassung, die endgültige und vollständige Erfüllung dieser Prophetie stehe noch aus.

Welche der beiden Sichtweisen sind nun korrekt? Das schauen wir uns im Folgenden an!

Der geschichtliche Hintergrund der Pfingstpredigt

Nachdem der Herr Jesus auf die Erde gekommen, gestorben und siegreich auferstanden war, kam der Heilige Geist zehn Tage nach der Himmelfahrt an Pfingsten auf die Erde (Apg 2,1-4). Seit diesem Ereignis wohnt Er in den Gläubigen – damals zunächst in den Aposteln und in allen, die Jesus Christus im Glauben annahmen – und in der Versammlung, die durch das Kommen des Geistes gebildet worden war. Wenn diese zunächst nur aus Menschen aus dem Judentum bestand, kamen später auch Menschen aus den Nationen zum Glauben, die der Versammlung hinzugefügt wurden.

Die Bedeutung des Zitats aus Joel 3

Als die Versammlung an Pfingsten gegründet wurde, begann Gott also damit, die engen Grenzen des Judentums zu überschreiten. Die Botschaft vom Segen der Erlösung durch Jesus Christus sollte nun auch zu den Nationen gebracht werden. Genau deshalb zitierte Petrus aus Joel 3(a) – denn im ganzen Alten Testament gibt es keine andere Stelle, die so klar davon spricht, dass der Heilige Geist nicht nur über Israel, sondern auch über Menschen aus den Nationen ausgegossen wird. Diese „Grenzüberschreitung“ nahm an Pfingsten ihren Anfang. Gott schenkte seinen Geist sowohl Gläubigen aus den Juden als auch aus den Nationen. Wie klar und passend greift Petrus – vom Heiligen Geist geleitet – gerade diese Stelle auf! Es hätte keine passendere Schriftstelle geben können.

Außerdem gibt es keine andere alttestamentliche Prophetie, die die Zeichen und Wunder im Zusammenhang mit dem Heiligen Geist so deutlich beschreibt wie die aus Joel 3,1(b). Nur Joel zeigt, dass im kommenden Tausendjährigen Reich Zeichen und Wunder eine Folge der Ausgießung von Gottes Geist sein werden. Etwas ganz Ähnliches geschah auch an Pfingsten: Der Heilige Geist kam auf die Erde, und durch seine Kraft geschahen am Anfang der Christenheit viele Zeichen und Wunder. Die Apostel begannen plötzlich, in fremden Sprachen zu sprechen, obwohl sie diese nie gelernt hatten. Petrus machte anhand der Prophetie aus Joel deutlich, dass diese Sprachwunder kein menschliches Werk waren, sondern von Gott selbst gewirkt – durch die Kraft des Heiligen Geistes. Um dies zu untermauern, zitierte er die bekannte Stelle aus Joel 3, in der solche Wunder ausdrücklich mit dem Heiligen Geist verbunden werden.

Teil- oder Vollerfüllung?

Dabei war es nicht seine Absicht zu sagen, dass sich die Prophetie in ihrer ganzen Tiefe und Fülle bereits an Pfingsten erfüllt hätte. Vielmehr wandte Petrus die Worte Joels auf das damalige Geschehen an – als eine Vorwegnahme. Dies zeigt sich auch in der Formulierung: Es heißt nicht – wie so oft in den Evangelien – „damit erfüllt würde, was durch den Propheten geredet ist“ (Mt 1,22; 2,15.17.23; 4,14; 8,17; 12,17; 13,14.35; 21,4; 26,56; 27,9; Lk 22,37; Joh 12,38; 13,18; 15,25; 17,12; 18,9.32; 19,24.28.36), sondern schlicht: „Dies ist es“ (Apg 2,17).

Die Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten war also nicht die Erfüllung der Prophetie Joels, sondern eine Art Vorauserfüllung! Die eigentliche Verwirklichung steht in untrennbarem Zusammenhang mit der zukünftigen Aufrichtung des Tausendjährigen Reiches und dem „Tag des Herrn“, der in Joel 3,4 ausdrücklich genannt wird.

Abschluss

Abschließend möchte ich die entscheidenden Ereignisse, die der Ausgießung des Geistes nach Joel 3 vorausgehen müssen, in einem kurzen Überblick zusammenfassen (beschränkt auf die Ereignisse, die im Buch Joel zuvor genannt worden sind). Die Auflistung macht noch einmal deutlich, dass die vollständige Erfüllung der Prophetie bisher noch nicht erfolgt sein kann. Es handelt sich um folgende Punkte:

  1. Drangsalszeit – eine Zeit großer Not für Israel, die die Invasion des Assyrers einschließt (Joel 2,1-11);
  2. Umkehr – ein gläubiger Überrest findet zur Buße und demütigt sich vor dem Herrn (Joel 2,12–17);
  3. Erscheinung Christi in Macht und Herrlichkeit (Joel 2,18);
  4. Vernichtung des Assyrers – der Erzfeind Israels wird endgültig gerichtet (Joel 2,20);
  5. Wiederherstellung des Landes und aller Segnungen (Joel 2,19.21-27);
  6. Ausgießung des Geistes über alles Fleisch – Beginn des Tausendjährigen Reiches (Joel 3,1).

Das Schweigen Petrus´ über Jerusalem und Zion

Bei dem Zitat aus Joel 3 gab Petrus in seiner Rede den Abschnitt nicht vollständig wieder. Er endete in der Mitte von Vers 5. Dabei wäre es für Petrus zu natürlich gewesen, Joel 3,5 bis zum Ende zu zitieren, denn für den Augenblick wirkte Gott tatsächlich in Jerusalem. Aber erfüllt mit Heiligem Geist ließ er diesen Teil weg, der sich auf die Zukunft Israels bezieht.

Der Grund für das Weglassen des letzten Teils des Verses liegt in dessen Verbindung zur Stadt Jerusalem und dem Berg Zion – dem Ort, von dem aus der Herr Jesus im Tausendjährigen Reich regieren wird (Obad 1,17). Diese Verbindung ist besonders für die Zeit des Tausendjährigen Reiches von großer Bedeutung. Dann wird durch den auf der Erde regierenden Christus die Tür des Heils für Juden wie auch für die Nationen geöffnet werden, sodass jeder, der den Namen des Herrn anruft, errettet werden wird.

In der damaligen Rede des Petrus bei Einführung einer neuen Haushaltung – die der Gnade, des Heiligen Geistes oder der Versammlung –, wäre ein direkter Bezug auf Jerusalem und Zion nicht angemessen gewesen. Denn in der gegenwärtigen Zeit des Christentums geschieht die Errettung durch einen verherrlichten Christus im Himmel, außerhalb von Zion und Jerusalem. Dieser Ort steht aktuell nicht im Mittelpunkt. Dennoch kann jeder, der den Namen des Herrn anruft, heute errettet werden (Apg 2,21).

Für die Zukunft muss die Tür der Errettung für das Reich noch geöffnet werden. Das geschieht durch Christus, der dann von Zion und Jerusalem aus jedem, der Ihn anruft, Errettung schenken wird. Wunderbarer Herr!

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