Der Prophet Joel (9) - Die Ausgießung des Geistes (3,1-2)

Lesezeit: 5 Min.

Joel 3 – Ausgießung des Geistes

I: Die Ausgießung des Geistes zu Beginn des Friedensreiches (V. 1-5)

Am Ende von Kapitel 2 spricht Gott eine wunderbare Verheißung über Israel aus: Im Tausendjährigen Reich wird Er sein Volk im eigenen Land materiell segnen – ein Segen, der dem Volk nach Jahren der Entbehrung tiefe Freude bereiten wird.

In Kapitel 3 verheißt Gott seinem Volk erneut Segen. Im Unterschied zu Kapitel 2 steht nun nicht mehr äußerer, sondern geistlicher Segen im Mittelpunkt – die Ausgießung seines Geistes „über alles Fleisch“. Dieser wird nicht auf Israel begrenzt bleiben, sondern die Nationen einschließen und Gottes grenzenlose Gnade sichtbar machen. Eine großartige Aussicht und Hoffnung.

Das kurze Kapitel lässt sich in drei Teile gliedern:

  • die Ausgießung des Geistes (V. 1-2)
  • göttliche Gerichte (V. 3-4)
  • Errettung (V. 5)

Die Ausgießung des Geistes (V. 1-2)

In Kapitel 2 hatte der Prophet Ereignisse geschildert, die zum Ende der Drangsalszeit stattfinden werden:1

  • der Invasion des Assyrers in Juda und Jerusalem (V. 1-11)
  • die Buße des treuen Überrests und die Versammlung zur Demütigung (V. 12-17)
  • die Antwort Gottes an den Überrest bei der Erscheinung des Herrn Jesus: die Vernichtung des Assyrers und die Wiederherstellung des Landes, sowie der Wiedererhalt aller Segnungen (V. 18-27).

Den geschilderten Ereignissen wird zu Beginn des Tausendjährigen Reiches die gewaltige Ausgießung des Geistes über alles Fleisch folgen (Joel 3,1). Diese knüpft an die Vernichtung des Assyrers und die Wiederherstellung des Landes an.2

Die Tragweite der Ausgießung

Die Tragweite der Ausgießung des Geistes geschieht „über alles Fleisch“. Diese umfasst:

  • Menschen aus dem Volk Israel, den gläubigen Überrest, den Gott dann wieder als eine nationale Einheit betrachten wird und
  • Gläubige aus den Nationen, die die Boten des Königs aufgenommen und das Evangelium des Reiches angenommen haben (Mt 25,34-40; 24,13-14; Off 7,9).

Die Tragweite erstaunt. Denn gewöhnlich richtet sich Joels Botschaft an Juda und Jerusalem. Doch in dem Moment, in dem er vom Segen Gottes zu Beginn des Tausendjährigen Reiches spricht (d. h. von der Ausgießung des Geistes über alles Fleisch), öffnet sich sein Blick: Er bleibt nicht bei Juda und Jerusalem stehen, nicht einmal bei Israel, sondern schließt die Völker der Erde mit ein (Off 7,9). Gerade darin wird die Größe und Herrlichkeit Gottes sichtbar – besonders seine Gnade, die keine Grenzen kennt.3

Die Einzigartigkeit im Buch Joel

Zahlreiche Propheten des Alten Testaments bezeugen ebenfalls die Ausgießung des Geistes zu Beginn des Friedensreiches. Im Unterschied zu Joel sprechen diese jedoch nicht von einer Ausgießung „über alles Fleisch“, sondern beschränken diese ausdrücklich auf Israel:

  • Der Prophet Jesaja sagt:
    • „… bis der Geist über uns ausgegossen wird aus der Höhe und die Wüste zum Baumgarten wird und der Baumgarten dem Wald gleichgeachtet wird (Jes 32,15).
    • „Denn ich werde Wasser gießen auf das Durstige und Bäche auf das Trockene; ich werde meinen Geist ausgießen auf deine Nachkommen und meinen Segen auf deine Sprösslinge (Jes 44,3).
  • Der Prophet Hesekiel verheißt:
    • „Und ich werde mein Angesicht nicht mehr vor ihnen verbergen, wenn ich meinen Geist über das Haus Israel ausgegossen habe, spricht der Herr, Herr (Hes 39,29).

Die Ausgießung ist unterschiedslos und wunderbegleitend

In Vers 1b und Vers 2 werden verschiedene „Gruppen“ von Menschen genannt, über die Gott seinen Geist in der Zukunft ausgießen wird. Joel unterteilt in Alter, Geschlecht, soziale Stellung und familiäre Beziehung:

  • Söhne,
  • Töchter,
  • Jünglinge,
  • Alte (Greise),
  • Knechte,
  • Mägde.

Durch die Auflistung unterschiedlicher „Volksgruppen“ wird der göttliche Grundsatz der Unterscheidungslosigkeit sichtbar, der der Ausgießung des Heiligen Geistes zugrunde liegt. Wenn Gott in der Zukunft seinen Geist ausgießen wird, geschieht das auf Grundlage seiner Gnade, in der Er nicht nur unabhängig von „Nationalitäten“ (d. h. „alles Fleisch“) sondern auch unabhängig von „Volksgruppen“ handelt.

Neben der Unterschiedslosigkeit betont der Prophet auch Wunder, die der Ausgießung des Geistes unmittelbar folgen werden. Durch diese wird das Wirken des Geistes sichtbar. Es wird gesagt, dass:

  • Söhne und Töchter weissagen;
  • Greise Träume haben und
  • Jünglinge Gesichte sehen.

Der Geist Gottes wird dann in einer Kraft wirken, wie sie in ihrer weltweiten Auswirkung bisher nicht gekannt ist. Einen Vorgeschmack auf diese kommende, machtvolle Wirksamkeit gab es, als der Heilige Geist am Pfingsttag auf die Erde kam. Zu Beginn der Christenheit geschahen in seiner Kraft viele Zeichen und Wunder. In viel größerem Umfang wird sich diese wunderwirkende Kraft entfalten, wenn der Herr Jesus wiederkommen und seinen Geist zu Beginn des Reiches über alles Fleisch ausgießen wird. Dann wird Gott die Kraft seines Geistes auf eine äußere, herrliche Weise sichtbar werden lassen.4

Der größere Segen liegt im Christentum

Im Unterschied zur Ausgießung des Geistes zu Beginn des Reiches wohnt der Heilige Geist heute (d. h. in der Zeit der Gnade) in den Gläubigen. Wir besitzen die „Erstlinge des Geistes“ (Röm 8,23). Dabei ist das Ausgießen des Geistes auf alles Fleisch, wie es der Prophet Joel schildert, nicht dasselbe wie die persönliche Innewohnung des Heiligen Geistes im Gläubigen und in der Versammlung. Diese zuletzt genannte Segnung ist weit höher und auf die Zeit des Christentums beschränkt. Zu keiner Zeit vorher und nachher wird der Geist Gottes in Menschen wohnen wie in einem Tempel, wie es heute der Fall ist. Dieser wirkt in uns:

  • indem Er uns auf die Herrlichkeit des verherrlichten Menschen Jesus Christus ausrichtet (Joh 16,14);
  • indem Er unser persönliches Verhalten formt, sodass die Frucht des Geistes sichtbar wird – eine Frucht, die sich in Liebe, Freude, Frieden, Langmut und weiteren göttlichen Eigenschaften offenbart (Gal 5,22);
  • indem Er sich im Dienst des Gläubigen erweist, damit dieser zum Segen der Zuhörer und zur Verherrlichung Gottes in Kraft ausschlägt (1. Pet 4,11);
  • indem Er uns in die ganze Wahrheit leitet (Joh 16,13), damit wir in der Erkenntnis der Gedanken Gottes wachsen, um diese mit der Hilfe Gottes in die Lebenspraxis umzusetzen;

Resümee

Halten wir folgende Punkte fest:

  • Die Prophezeiung in Joel 3 wird zu Beginn des Tausendjährigen Reiches in Erfüllung gehen;
  • die Tragweite der Ausgießung umfasst ganz Israel (Überrest) und die Nationen;
  • die Ausgießung offenbart Gottes grenzenlose Gnade;
  • sie wird ohne Unterschied auf Gruppen von Menschen und zudem in äußeren Zeichen und Wundern sichtbar werden;
  • die Geistesausgießung ist nicht gleichzusetzen mit der Innewohnung des Heiligen Geistes im Gläubigen heute.

Fußnoten

  • 1 Die Aufzählung beinhaltet nur die Ereignisse, die der Prophet bisher genannt hat. Andere Ereignisse, die ebenfalls stattfinden und in anderen prophetischen Büchern zu finden sind, bleiben an dieser Stelle unberücksichtigt.
  • 2 Hesekiel sieht dieses Geschehen zeitlich vor der Beschreibung des Tempels und des Landes im kommenden Friedensreich (Hes 40-48). Beide Propheten machen also deutlich, dass die Ausgießung des Geistes zu Beginn des Tausendjährigen Reiches stattfinden wird - nach der Vernichtung des Feindes, aber noch vor der Wiedereinsetzung des Opferdienstes im zukünftigen Tempel in Jerusalem.
  • 3 Der Ausdruck „über alles Fleisch“ bedeutet nicht „über jeden Menschen“. Vielmehr weist der Ausdruck darauf hin, dass die Ausgießung nicht auf Israel beschränkt bleibt, sondern sich auch auf die Nationen erstreckt.
  • 4 Die Wunderwirkungen in der Anfangszeit der Christenheit und im Tausendjährigen Reich haben wir heute nicht. Wer meint, heute durch Zeichengaben oder durch Sprachengaben wirksam werden zu müssen, hat sich geirrt. Gott hat diese ein Stück weit vorweggenommen in Apostelgeschichte 2, aber sie tragen das Kennzeichen der Zeit im Reich. Heute leben wir in einer Zeit großer Schwachheit. Die Kraft Gottes offenbart sich nicht in äußeren Wundern. Die Kraft des Geistes wird in Gläubigen z. B. im Ausharren schwieriger Verhältnisse, Anfeindungen, Herausforderungen am Arbeitsplatz, in der Familie, in der Versammlung Gottes sichtbar. Für das menschliche Auge erscheinen diese Wirkungen nicht eindrucksvoll. Doch wenn wir in der Kraft des Geistes ausharren, verherrlichen wir Gott.
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