Joel 2 – Angriff der Heere aus dem Norden
II: Bußaufruf (V. 12-17)
Gottes Ziel war es, das untreue Volk zur Umkehr zu bringen. Dazu wirkte Er auf zweifache Weise: durch äußere Umstände und durch Worte der Buße. In den Versen 1-11 hatte der Prophet die äußeren Umstände geschildert, das Gericht der Verwüstung von Juda und Jerusalem. Die Verse 12-17 beschreiben nun die Worte der Buße, die der Prophet in Form eines Bußaufrufs an Juda und Jerusalem richtete. Beide Wirkungsweisen sollten zu echter Umkehr führen.
Der Abschnitt des Bußaufrufs kann in zwei Teile aufgegliedert werden:
- Bußaufruf des Propheten (V. 12-14);
- Versammlung zur Demütigung (V. 15-17).
1. Bußaufruf des Propheten (V. 12-14)
Der Bußaufruf des Propheten an die Bewohner von Juda und Jerusalem offenbart in ergreifender Weise Gottes Handeln gegenüber dem Volk. Obwohl es in Untreue lebt, lädt Er zur Umkehr ein, um es an sein Herz zurückzugewinnen: „Aber auch jetzt noch, spricht der HERR: Kehrt um zu mir“ (Joel 2,12).
Dasselbe Handeln Gottes gilt auch für die Zukunft in der Zeit der Drangsal, wenn Er das Volk erneut zur Umkehr aufrufen wird, um es ganz für sich zu gewinnen (Überrest).
Die Umkehr des Volkes (damals und zukünftig) ist jedoch an „Bedingungen“ geknüpft. Vier wesentliche Merkmale werden genannt, die der Bußaufruf enthält:
- mit ganzen Herzen;
- mit Fasten;
- mit Weinen;
- mit Klagen.
Die genannten Merkmale verdeutlichen den göttlichen Grundsatz der Buße, bei der nicht äußere Reue entscheidend ist, sondern die Echtheit und Aufrichtigkeit des Herzens zählt (vgl. Joel 2,13).
Buße heute
Wie die Bewohner von Juda und Jerusalem damals in Untreue fielen, können Gläubige heute vom Weg der Nachfolge hinter dem Herrn Jesus her abkommen und in einen sündigen oder gleichgültigen Zustand geraten. Dann ruft Gott in seiner Liebe zur Buße auf (vgl. Off 2,5.16.21; 3,3.19). Ihm liegt daran, das verirrte Schaf an sein Herz zurückzuführen.
Nicht nur Buße – auch Gnade
Nachdem der Prophet zur Buße aufgerufen hat, stellt Gott dem Volk Gnade in Aussicht, wenn es bereit ist, umzukehren. Die Gnade würde in der Wiedererlangung der irdischen Segnungen sichtbar werden (in Rohstoffen wie z.B. Korn, Most oder Öl), die zuvor durch die Gerichte der Heuschreckenplage und Dürre genommen worden waren (Joel 1,4.16-20). Durch diese würde das Volk erneut in der Lage sein, Speis- und Trankopfer im Haus Gottes darzubringen.
In Vollkommenheit wird dies für den Überrest im Tausendjährigen Reich der Fall sein, wenn dieser durch Gottes Gnade die Segnungen des Landes wieder empfängt und Opfer bringt (Joel 2,14; vgl. Jes 66,20; Jes 18,7; 27,13). Damit hat neben dem Bußaufruf auch die Seite der Gnade eine prophetische Komponente.
Gnade heute
Heute gibt Gott eine überreiche Fülle an Gnade – eine Gnade, die uns im Herrn Jesus zuteilwird. Sie offenbart sich in unterschiedlichen Facetten, die jeweils eine besondere Bedeutung für unser Leben haben:
- Zunächst begegnete uns die errettende Gnade: Sie hat uns zum Glauben an Jesus Christus geführt und uns aus dem Zustand des Verderbens herausgerettet.
- Darüber hinaus erfahren wir tägliche Gnade: Inmitten von Leiden, Schwachheit und Anfechtung schenkt sie uns Kraft, treu zu bleiben.
- Eine besondere Form göttlicher Gnade ist die wiederherstellende Gnade: Sie wirkt, wenn ein Kind Gottes geistlich „Schiffbruch“ erlitten hat, um es auf die Pfade der Gerechtigkeit zu lenken und wiederherzustellen, damit Gott Opfer gebracht werden können aus reinen Herzen.
2. Versammlung zur Demütigung (V. 15-17)
Die Verse 12-14 stellen den Bußaufruf als auch den Ausblick auf Gnade für das Volk damals und zukünftig dar. Dabei geht es vor allem um die persönliche Seite jedes Einzelnen, der aufgerufen wird, umzukehren und auf Gnade zu hoffen. In den Versen 15-17 wird das gesamte Volk nun aufgerufen, sich zu einer nationale Demütigung zu versammeln. Hierbei handelt es sich um die gemeinsame Seite des Volkes.
Das „Sammelsignal“
In Vers 15 begegnet uns das zweite Posaunensignal auf Zion. Es ertönt, um das ganze Volk zu einer Festversammlung zusammenzurufen – in die Gegenwart des HERRN selbst (vgl. 4. Mo 10,3.7.8). Es ist ein „Sammelsignal“. Folgende „Klassen“ werden berufen:
- das allgemeine Volk;
- die Ältesten;
- die Kinder;
- die Säuglinge;
- die Priester.
Alle gesellschaftlichen, politischen und religiösen Schichten sollten sich einfinden, ein Fasten zu heiligen (d. h. sich in der Gegenwart des Herrn zu demütigen, um ihre Gefühle über die Sünde auszudrücken, die sie gegen Gott begangen haben).1 2
Die spezielle Haltung der Priester
Bei der Versammlung erhielten die Priester, die Diener des Herrn, die uns in Kapitel 1 bereits begegnet sind (V. 9.13) und das Volk vor Gott repräsentieren:
- spezielle Aufgaben und
- einen speziellen Platz.
Ihre Aufgabe war es, zu weinen und zu sprechen. Weinen bedeutet hier: Untreue zu bereuen und anzuerkennen, dass sie Gottes Gericht verdient haben. Außerdem hatten sie alle Rechte verloren, von Gott angenommen zu werden. Deshalb forderte Gott sie auf, zu sprechen: „Verschone, HERR, dein Volk und gib nicht dein Erbteil der Schmähung hin, dass sie den Nationen zum Sprichwort werden! Warum soll man unter den Völkern sagen: Wo ist ihr Gott?“ (Joel 2,17). Ihre gesprochenen Worte sind ein Appell an Gottes Treue, dass das Volk verschont und das Erbteil nicht geschmäht würde. Besonders bemerkenswert ist, dass sie dabei von „deinem Volk“ sprechen – ein Ausdruck, auf den wir später zurückkommen.
Ihren Platz zwischen der Halle und dem Altar nahmen die Priester ein, um sich gemeinsam mit dem Volk vor Gott zu beugen. Der Platz zwischen der Halle und dem Altar spricht von der Annäherung zu Gott auf der Grundlage dessen, wovon der Altar spricht: von der Person und dem Werk des Herrn Jesus. Nur in seinem Namen und wegen seines vollbrachtes Erlösungswerkes hat das Volk Gottes das Recht, Gott zu nahen.
Die prophetische Bedeutung der Versammlung
Die beschriebene Einberufung zur Versammlung hat ebenfalls einen prophetischen Charakter, der einen Ausblick auf eine Zeit gibt, in der sich ein kleiner, gläubiger Überrest in Jerusalem zusammenfinden wird, um sich aufgrund von Schuld in aufrichtiger Buße, Demut und unter Tränen vor Gott zu beugen.3 In dieser Zeit wird dieser gewissermaßen „zwischen der Halle und dem Altar“ stehen und Gott auf der Grundlage des Altars (Werk von Golgatha) nahen. Sie werden anerkennen, dass sie es waren, die das Lamm Gottes verworfen und gekreuzigt haben und keinerlei Anrecht besitzen, von Gott angenommen zu werden. Deshalb werden sie in tiefem Schmerz und echter Buße rufen: „Verschone, HERR, dein Volk und gib nicht dein Erbteil der Schmähung hin, dass sie den Nationen zum Sprichwort seien! Warum soll man unter den Völkern sagen: Wo ist ihr Gott?“
Wie oft werden die Gläubigen in der Zeit der Drangsal die schmerzlichen Worte hören: „Wo ist ihr Gott?“ – Worte des Spottes aus den Nationen, die tief in ihre Herzen dringen. Doch obwohl der Überrest kein Anrecht hat, wird Gott in seiner Gnade ihr Flehen erhören. Er wird sich über sie erbarmen und sie annehmen. Er wird sowohl das Volk als auch das Land verschonen. Die Grundlage für ihre Rettung und ihr Erbteil bleibt der Altar – das vollbrachte Werk von Golgatha.
Der Glaube des Überrest inmitten von Drangsal
Trotz der Tatsache, dass der Überrests vor dem Eintritt in das Tausendjährige Reich noch immer unter dem Gericht Gottes steht, zutiefst gedemütigt und den Titel „Lo-Ammi“ – Nicht-mein-Volk (Hos 1,9) tragen wird, wird er dennoch zu Gott rufen: „Dein Volk“ (Joel 2,17). Das ist wahrer Glaube, der diesen Überrest auszeichnen wird – ein Glaube, der nie an Gottes Treue gegenüber seinen Verheißungen zweifelt. Dieser Glaube ist beispielgebend für uns heute.
Fußnoten
- 1 Dass Fasten und Demütigung eng miteinander verbunden sind, zeigen die Anweisungen für den Sühnungstag in 3. Mose 23,27.29.32. Das dort verwendete Wort „demütigen“ kann auch mit „fasten“ oder „kasteien“ übersetzt werden.
- 2 Bemerkenswert in diesem Abschnitt ist das Hervortreten von Bräutigam und Braut - dem frisch verheirateten Mann und der frisch verheiratete Frau. Eigentlich denken sie überhaupt nicht daran, zu weinen und zu trauern, und auch nicht daran, für ein Hochzeitsmahl zu fasten. Aber auch sie können sich dem Ruf nicht entziehen, ihren Platz vor Gott einzunehmen. Sie verzichten auf ihr Recht zu jubeln, zu essen, zu trinken und sogar - so können wir annehmen - auf den ehelichen Verkehr, den sie als frisch Verheiratete eigentlich genießen dürfen, um an der gemeinsamen Demütigung teilzunehmen.
- 3 Die Einberufung der Versammlung in Joel 2,15 erinnert an die Versammlung in Kapitel 1,14, wo ebenfalls ein Fasten ausgerufen wurde. Doch wie unterschiedlich verläuft die Reaktion in beiden Fällen! Während der Heuschreckenplage lesen wir nur von einem Einzigen, der sich in seiner Not an den Herrn wandte - der Prophet selbst: „Zu dir, Herr, rufe ich“ (Joel 1,19). Es war ein einsames Rufen inmitten eines geistlich abgeirrten Volkes. In Joel 2,15 ist die Situation dagegen grundlegend verändert. Die Demütigung ist nun aufrichtig, die Buße tiefgreifend. Nicht nur ein Einzelner, sondern ein Überrest beugt sich unter die Hand Gottes. Es ist eine kollektive Wehklage, die Jerusalem erfüllen wird - eine Szene, die auch der Prophet Sacharja beschreibt, wenn er von der großen Wehklage spricht (Sacharja 12,10-14).
Quelle: bibelpraxis.de/a9296.html
Artikelreihe: Der Prophet Joel
- Einleitung
- Geschichtlicher Hintergrund
- 5 Appelle
- Der Tag des HERRN
- Gebet
- Invasion des Assyrers
- Bußaufruf
- Gottes Antwort auf den Überrest (2,18-27)
- Die Ausgießung des Geistes (3,1.2)
- Die Ausgießung des Geistes (Exkurs Pfingstpredigt)
- Gottes Gerichte in der Drangsalszeit (3,3.4)
- Errettung (3,5)
- Gericht der Nationen
- das Gericht der Nachbarvölker Israels
- Tyrus, Sidon und die Bezirke Philistäas
- Das Ende der Nachbarvölker