Indem ihr euch gegenseitig lehrt und ermahnt

Lesezeit: 5 Min.

Ermahnung ist nicht populär

Das ist letztlich zu unserem Schaden, weil es dazu führt, dass wir zunehmend gegen jede Ermahnung abstumpfen und Kritik nicht mehr ertragen können. Es erscheint uns eben unnormal, wenn einer „plötzlich“ in unser Leben hineinspricht, und wir fühlen uns angegriffen.

Das Problem fängt schon bei der Kindererziehung an, da die heutige Pädagogik einen Fokus auf das Loben setzt und zugleich das Kritisieren, noch mehr das Bestrafen, negativ bewertet. Wenn man heute Kindern ein kleines elektronisches Spielzeug, z.B. zum Buchstabenlernen schenkt, hört man bei jedem wiederholten Fehlversuch nur noch die Worte: „Schade, du hast es fast geschafft, versuch es noch einmal“ oder Ähnliches. So etwas fördert jedenfalls nicht die Kritikfähigkeit und legt ein Fundament dafür, dass wir mit Zurechtweisung und einer gewissen gefühlsmäßigen Enttäuschung, die damit einhergeht (vgl. Heb 12,11), nicht umgehen können.

Das Lebensmotto der Toleranz wird heutzutage sehr groß geschrieben – auch wenn es manchmal sehr einseitig gebraucht wird – und kann leider auf uns Christen derart abfärben, dass selbst in den Zusammenkünften manchmal nur noch wenig Ermahnung zu finden ist. Gott sagt, dass Spötter Zurechtweisung ablehnen und den Weisen nicht aufsuchen (Spr 15,12). Das sollten wir nicht vergessen.

Folgen mangelnder Ermahnung

Doch wozu führt das, wenn Fehlverhalten – in der Familie oder als Versammlung – nicht mehr (genug) angesprochen wird? Müssen wir nicht mit Wehmut im Herzen zugeben, dass unser Zustand vielerorts sehr schwach ist und sich z. B. wenige Menschen bekehren? Nimmt nicht immer mehr die Welt unsere Zeit in Anspruch, weil wir am Smartphone kleben und die digitale Welt uns gefangen hält? Besteht nicht die Gefahr, dass sich unsere Gesinnung zunehmend zu einem bequemen „Urlaubschristentum“ verändert, das versucht, das Leben auf dieser Erde maximal auszukosten? Wie leicht entfremden wir uns als Geschwister mehr und mehr und denken nicht mehr „dasselbe“ (Röm 12,16; 15,5; Phil 2,2; 4,1). Dann kommt es leicht dazu, dass wir gewisse Geschwister als Belastung empfinden. Wir müssen aufpassen, uns nicht zunehmend der Welt im Verhalten, in der Denkweise und im Äußeren anzupassen. Machen wir nicht manches Mal von unserem Recht und der Freiheit unserer eigenen Überzeugungen Gebrauch und übergehen den Schwachen in seinen Überzeugungen (vgl. Röm 15,1)?

Gründe für mangelnde Ermahnung

Woran kann es liegen, dass (zu) wenig Ermahnung stattfindet? Sind wir vielleicht zu wenig mit der Liebe Christi erfüllt? Trauen wir uns noch, etwas anzusprechen, nachdem wir selbst versagt haben und meinen, die Missstände nicht ansprechen zu können, da wir womöglich Angst haben, selbst wiederum von jemand anderem in einer anderen Sache ermahnt werden zu können? Oder fehlt der Mut, weil man schnell als gesetzlich, extrem und „rechtskonservativ“ abgestempelt werden könnte? Ja, es kann sein, dass man müde wird zu ermahnen, weil man eine Sache bereits angesprochen und sich doch nichts geändert hat oder weil die Reaktion der anderen unfreundlich war. Vermutlich haben wir erlebt, dass dann, wenn wir bei unserem Gegenüber einen wunden Punkt ansprechen, die Atmosphäre nicht sonderlich angenehm gewesen ist. Das ist normal und sollte uns nicht überraschen.

Wir alle brauchen Ermahnung

Doch haben wir nicht alle Ermahnung nötig? Der Apostel sagt uns: „Lasst das Wort des Christus reichlich in euch wohnen, indem ihr in aller Weisheit euch gegenseitig lehrt und ermahnt mit Psalmen, Lobliedern und geistlichen Liedern, Gott singend in euren Herzen in Gnade“ (Kol 3,16). An dieser Stelle wird nicht das griechische Wort „parakaleo“ benutzt, dass auch mit ermuntern und bitten übersetzt werden kann, sondern „nutheteo“, das an anderen Stellen mit zurechtweisen wiedergegeben wird. Wir alle brauchen also gegenseitige Ermahnung, die in Weisheit und mit dem Wort des Christus geschieht. So hat Paulus es ebenfalls getan, in keinem Brief fehlt es an Ermahnung. Sei es mehr die „ermunternde Ermahnung“ wie bei den Ephesern (z.B.: „Ihr Männer liebt eure Frauen… ihr Kinder, gehorcht euren Eltern“) oder mehr die zurechtweisende Ermahnung wie bei den Korinthern (z.B. „Warum lasst ihr euch nicht lieber unrecht tun? ... Werdet rechtschaffen nüchtern und sündigt nicht, denn einige sind in Unwissenheit über Gott; zur Beschämung sage ich es euch.“). Paulus hat sie reichlich angewandt, manchmal sogar öffentlich (Phil 4,2). Den Ältesten von Ephesus konnte er in seiner Abschiedsrede sogar sagen: „Darum wacht, und denkt daran, dass ich drei Jahre lang Nacht und Tag nicht aufgehört habe, einen jeden mit Tränen zu ermahnen.“ (Apg 20,31). Es geschah anscheinend regelmäßig, und zwar jedem gegenüber und das in Ephesus, wo der geistliche Zustand gut war! Möge der Herr uns mehr mit seiner Liebe erfüllen, dass wir so mit Tränen uns gegenseitig ermahnen, weil uns am Bruder und der Schwester liegt, weil wir den Schaden eines Fehlverhaltens abwenden wollen und vor allem, weil wir den Herrn zu ehren suchen. Ja, es kommt natürlich darauf an, wie wir ermahnen, weil es wie alles für den Herrn aus Liebe und in Liebe geschehen muss (vgl. 1.Kor 13,1-3). Doch wenn wir uns geprüft haben und dann Frieden finden, können wir mit der Zustimmung des Herrn rechnen, wenn wir denken, dass wir den Dienst der Ermahnung tun sollten (vgl. Röm 12,8).

Ermahnung annehmen

Seien wir aber ebenso bereit, uns ermahnen und zurechtweisen zu lassen! Gläubige jeden Alters und jeder sozialen Stellung haben es nötig (vgl. 1.Tim 5,1.2; Eph 6,1-9). Möge der Herr uns helfen, dass wir nicht aufbrausen oder blockieren, wenn uns jemand etwas sagt! Nehmen wir es an und denken darüber nach, anstatt den Nacken zu verhärten (Spr. 29,1). Oft ist es uns im Augenblick nicht sofort ersichtlich, dass wir eine solche Ermahnung benötigen, da wir von uns oder unserer Handlungsweise überzeugt sind. Aber nach einigem Nachdenken und Beten ändert sich unsere Sichtweise doch und wir merken, dass der Herr den Bruder oder die Schwester benutzt hat, um uns etwas zu sagen. So ist jede Korrektur, ob sanft oder vielleicht doch unsanft an uns geschehen, zum Segen für uns, weil wir sie von unserem Herrn annehmen und ihm so in unserem Leben ähnlicher werden. Lasst uns dankbar sein für jede biblisch fundierte Korrektur!

Beitrag teilen

Verwandte Artikel

Gott braucht DICH! Manuel Seibel Erst liest man vom Engel Jahwes, der Gideon erscheint. Dann merkt man allerdings, dass dieser Engel des Herrn Gott selbst ist. Er offenbart sich diesem jungen Mann, der sich für Gottes Volk einsetzt. Gideon ist davon so beeindruckt, dass er sich ... Video ansehen
Drei Lehren zum 20. Jahrestag des Tsunami Manuel Seibel Vor 20 Jahren fand der furchtbare Tsunami im indischen Ozean statt. Es lohnt sich, einmal stille zu stehen und drei Punkte zu überdenken. Podcast anhören
IOC-Entscheidung zu Russland - richten wir mit Ansehen der Person? Manuel Seibel Der IOC unter Thomas Bach hat entschieden, Russlands Sportler als neutrale Teilnehmer der Olympiade 2024 in Paris mitmachen zu lassen. Ist das ein Kniefall vor Putin? Und wie "richten" wir als Gläubge? Was sind die Merkmale unseres Handelns und ... Podcast anhören
Bloß und aufgedeckt Michael Hopp Jeder hat mit dem Herrn Jesus zu tun! Früher oder später. Die Frage ist, ob wir mit Ihm als Heiland "zu tun haben" wollen ... Artikel lesen
Sich gegenseitig helfen Manuel Seibel "Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge heraus, und dann wirst du klar sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen" (Mt 7,5) - eine kurze Andacht. Artikel lesen
Hybris und das COP28-Abschlussdokument von Dubai Manuel Seibel Es ist schon bemerkenswert, mit was für einer Selbstsicherheit Politiker auftreten und meinen, jetzt habe man etwas Gutes für die Umwelt getan und das Klima gerettet. Bis heute kann keiner genau sagen, wie "Klima" genau zu definieren ist, ... Podcast anhören