Die Bibel verstehen – vier Voraussetzungen (FMN)

Lesezeit: 5 Min.

Verständnis kommt nicht von alleine

Als der Evangelist Philippus sich auf dem Weg nach Gaza befand, begegnete ihm ein Kämmerer aus Äthiopien. Dieser war damit beschäftigt, den Propheten Jesaja zu lesen. Allerdings verstand er nicht viel davon. Auf die Frage, ob er auch verstehe, was er lese, antwortete er nur: „Wie könnte ich denn, wenn mich niemand anleitet?“ (Apg 8,30.31).

Damit zeigt er, dass er sich bewusst war, auf die Hilfe eines anderen angewiesen zu sein, der ihm das Wort Gottes auslegen konnte. Das allerdings ist nur ein „Schlüssel“ von gleich mehreren. Die Bibel nennt vier Voraussetzungen, die notwendig sind, um die Gedanken Gottes erfassen zu können. Dabei bleibt der biblische Grundsatz bestehen, dass wir immer nur stückweise erkennen (1. Kor 13,9). 

Voraussetzung 1: Die Neugeburt

Die erste Voraussetzung zum Verständnis der Bibel ist die neue Geburt (Joh 3,3.5.7). Ohne die Neugeburt bleiben uns die Gedanken Gottes im Wesentlichen verschlossen. Einen schlagenden Beweis dafür liefert uns die Begebenheit von Nikodemus. Er war ein gebildeter Mann in Israel. Von ihm wurde sogar gesagt, dass er „der Lehrer Israels“ sei (Joh 3,10). Als der Herr Jesus ihm jedoch die Lehre der neuen Geburt vorstellte, verstand er sie nicht. Verwundert fragte er: „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er etwa zum zweiten Mal in den Leib seiner Mutter eingehen und geboren werden“ (Joh 3,4)? Diese Frage offenbarte seine Unwissenheit. Der natürliche Verstand, auch wenn er noch so gebildet ist, kann die göttlichen Gedanken nicht wirklich erfassen.

Dabei hätte Nikodemus die Lehre von der neuen Geburt eigentlich kennen können. Schließlich wird sie im Alten Testament angedeutet (vgl. Hes 36,25-27). Doch solange Nikodemus das göttliche, ewige Leben nicht besaß, konnte er nicht verstehen, was diese Wahrheit in sich schloss. „Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was des Geistes Gottes ist, denn es ist ihm Torheit“ (1. Kor 2,14).

Das bedeutet allerdings nicht, dass dem natürlichen Verstand die Gedanken Gottes vollständig verschlossen bleiben. Gerade dann, wenn Gott einen Sünder zur Buße führt, kann Gott ihm den Weg zur Bekehrung durch sein Wort aufzeigen (Ps 25,8). Dazu wird der Geist Gottes tätig, der den Menschen heiligt (1. Pet 1,2), das heißt aus der Welt herausnimmt und zu Gott bringt. Dazu benutzt Er das Wort Gottes, das das Gewissen des natürlichen Menschen, der es mit aufrichtigem Herzen liest, anspricht und zur Buße führt.

Voraussetzung 2: Der Heilige Geist

So wichtig und entscheidend die Neugeburt zum Verständnis der Bibel ist, so bildet sie dennoch nicht die alleinige Grundlage dazu, die ganze Wahrheit des Wortes Gottes verstehen zu können. Das sehen wir bei den Jüngern. Denn sie waren von neuem geboren.

Dennoch sagte der Herr Jesus zu ihnen: „Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten“ (Joh 16,12.13). Damit stellte der Herr Jesus den Jüngern vor, dass neben der Neugeburt auch das Licht des Heiligen Geistes notwendig ist, um seine göttlichen Gedanken erfassen zu können (s. 1. Joh 2,27). Wir können Gott gar nicht genug dafür danken, dass Er uns diese göttliche Person auf die Erde gesandt hat und dass der Geist in uns wohnt. Ohne Ihn bleiben wir letztlich ahnungs- und hilflos.

Voraussetzung 3: Geistlich leben

Neben dem Besitz des ewigen Lebens und der Innewohnung des Heiligen Geistes kommen wir zu einem dritten „Schlüssel“, den uns die Bibel nennt: Ein Leben unter der Leitung des Heiligen Geistes. Oder anders ausgedrückt: ein Leben, das wirklich geistlich geführt wird und durch Gehorsam geprägt ist (Joh 7,17)..

„Und ich, Brüder, konnte nicht zu euch reden als zu Geistlichen, sondern als zu Fleischlichen, als zu Unmündigen in Christus. Ich habe euch Milch zu trinken gegeben, nicht Speise; denn ihr vermochtet es noch nicht, aber ihr vermögt es auch jetzt noch nicht, denn ihr seid noch fleischlich“ (1. Kor 3,1-3).

Die Korinther waren zweifellos wiedergeboren und mit dem Heiligen Geist versiegelt. Aber leider führten sie ein Leben, in dem ihnen der Geist nicht in dem Umfang die Wahrheit aufschließen konnte, wie Er es grundsätzlich tun kann. Sie lebten fleischlich. Unter ihnen gab es Streit und Neid (1. Kor 3,4). Paulus konnte ihnen dadurch keine feste Speise geben, sondern nur Milch.

Daraus lernen wir, wie wichtig es ist, nicht nur den Heiligen Geist zu besitzen, sondern sich durch den Heiligen Geist auch leiten zu lassen. Dann kann Er in unserem Leben wirken und uns das Verständnis des Wortes Gottes geben (1. Kor 2,15). Paulus nennt solche Gläubige, die sich vom Geist leiten lassen, „Geistliche“. Ihnen schenkt Er das Licht zur Erkenntnis und zum Wachstum.

Voraussetzung 4: Gaben

Ein weiterer Schlüssel zum Verständnis des Wortes Gottes ist die Hilfe durch Gaben, die der Herr Jesus als verherrlichter Herr im Himmel seiner Versammlung gegeben hat (Eph 4,11; 1. Kor 12,8). Es sind Gläubige, die Christus der Versammlung zur Seite stellt und die zur Auferbauung der Versammlung dienen und das Wort Gottes verständlich erklären.

Jeder von uns, und ist er noch so geistlich gesinnt und begabt, hat diese Gaben nötig. Wir alle brauchen sie, und Gott hat sie gegeben, denn ohne sie würden wir Gottes Wort und dessen „Linien“ kaum erkennen können (Ps 119,130). Daher ist es wichtig, dass wir beim Erforschen des Wortes Gottes auf ihre Erklärungen zurückgreifen – seien sie schriftlich oder mündlich.

Es ist ein Irrtum zu glauben, man könne die Bibel „im Alleingang“ verstehen lernen. Das haben wir bei dem Kämmerer oben schon gesehen. Auch wenn Gott es bewirken könnte, bleibt der göttliche Grundsatz bestehen, dass Gläubige durch Gläubige, die Gott in seiner Gnade dazu befähigt hat, unterwiesen werden.

Ihre Dienste sollten wir gerne annehmen. Gerade in der heutigen Zeit, in der wir dazu neigen, Gottes Wort nur noch oberflächlich zu lesen, ist es wichtiger denn je, sich Zeit zu nehmen, um die Bibel mit den Erklärungen und Hinweisen bewährter Bibelausleger zu lesen und unter Gebet zu studieren.

Fazit

Der Herr schenke bei uns eine Lebensführung, in welcher der Geist Gottes wirken und uns das Wort Gottes aufschließen kann! Zugleich brauchen wir die von Gott gegebenen Gaben. Ihre wertvollen Erklärungen zu nutzen, ist für jeden Gläubigen zum Segen und großem Nutzen. Denn je tiefer wir die Gedanken Gottes erfassen, je größer wird uns der Herr Jesus Christus und die Aspekte der Wahrheit, die mit dieser Person verbunden sind.

Folge mir nach – Heft 1/2022

Beitrag teilen

Verwandte Artikel

Verstehst du auch, was du liest? Walter Gschwind Die Sprache der Bibel ist keineswegs trocken. Artikel lesen
Voraussetzungen der Jüngerschaft (Lk 14,26-33) (FMN) Klaus Brinkmann Wenn sich ein Mensch bekehrt, ist es normal, dass er den Wunsch hat, dem Herrn Jesus nachzufolgen. Aber der Wunsch allein reicht nicht aus. Der Herr Jesus beschreibt in Lukas 14 anhand von Beispielen aus dem damaligen tagtäglichen Leben, was Er ... Artikel lesen
Wunderheilungen, Zungenrede, Power Evangelium - was sagt die Bibel? (FMN) Tobias Walker Viele wünschen sich eine große Kraftentfaltung in ihrem Glaubensleben. Da klingt das Angebot attraktiv: Wunderheilungen - Zungenrede - Power-Evangelium. Wäre das nicht erstrebenswert oder auch erlebenswert? Finden wir darin eine Erfüllung ... Artikel lesen
Die tägliche Bibelandacht (2) (FMN) Manuel Seibel Mit dieser Artikelreihe wollen wir gerne junge Christen motivieren, die Bibel zu lesen. Allerdings geht es nicht nur um das Lesen, wie dieser Beitrag deutlich machen soll. Artikel lesen
Dönges, Dr. Emil Dönges (1853-1923) Arend Remmers Emil Dönges erblickte am 2. September 1853 als Zweitältester Sohn von Philipp Dönges und dessen Ehefrau Josefine, geb. Knab, in Becheln, einem kleinen Dorf auf der Höhe zwischen Rhein und Lahn, das Licht der Welt. (Zwischenüberschriften von ... Artikel lesen
Die tägliche Bibelandacht (7) (FMN) Manuel Seibel Jeder kennt Zeiten in seinem Leben, in denen er keine große Vorfreude hatte, die Bibel zu lesen. Dennoch ist es gut, auch in solchen Phasen eine Bibelandacht zu machen. Da ist es hilfreich, sich gute Vorbilder zu suchen. Es verwundert wohl ... Artikel lesen