Gestörte Beziehung – wie weiter? (Buchbesprechung)

Lesezeit: 3 Min.
Gestörte Beziehung – wie weiter?

Wenn Ehepartner über ihren Schatten springen

von Kurt Blatter

In diesem sehr ausführlichen Buch (344 Seiten) geht der Schweizer Chirurg, Gesprächstherapeut und Publizist Kurt Blatter auf das Problem gestörter Ehebeziehungen ein. Ausgangspunkt seines Buches sind viele und vielfältige Gespräche mit Ehepaaren, deren Beziehungen gestört oder nahezu zerstört waren. Hinzu kommt die Erfahrung aus vielen Seminaren mit Teilnehmern, die der Meinung sind, in einer gestörten Beziehung zu leben.

Blatter geht in seinem Buch sehr analytisch vor. Er beschreibt zunächst die gestörten Beziehungen und fordert zum „Hinsehen“ auf. Teil dieses ersten Kapitels ist es, den „Teufelskreis“ in manchem Eheleben zu erkennen und zu erstehen, wann eine Beziehung nicht mehr allein durch eigene Anstrengungen zu kitten ist, so dass man Hilfe von außen, durch einen christlichen Seelsorger nötig hat. Oft sind es die Männer, die sich gegen eine Ehetherapie streuben, so die Erfahrungen von Blatter.

Im zweiten Kapitel geht es dann darum, die Hintergründe für die allgegenwärtigen Eheprobleme heute zu verstehen. Blatter geht sehr ausführlich auf die krank machenden Faktoren wie aktuelle Ideologie, Einfluss der Umwelt, äußere Zwänge und innere Prozesse ein. Er unterscheidet zwischen den besonderen Ursachen der Störungen bei der postmodernen Frau und dem postmodernen Mann und übersieht auch nicht die Kinder, die ein Störfaktor in der Ehe sein können. Ebenfalls geht er auf das Problem „Sexualität“ ein.

Im dritten Kapitel fordert Blatter auf zum „Aufbrechen und Entwirren“. Mit anderen Worten: Wenn keiner den Anfang macht, um das Problem anzugehen, wird es nie zu einer Lösung kommen. Wie im ersten Kapitel deutlich gemacht, ist es oft die Erfahrung, dass die Beziehungen derart gestört und zerstört sind, dass man es nicht mehr ohne fremde Hilfe schafft. Dieses Eingeständnis mache aber, so Blatter, gerade den Männern viel Mühe. Blatter nennt in diesem Kapitel erste Schritte, die jeder gehen kann und beschreibt auch die Gratwanderung einer geschlechtsspezifischen Seelsorge, wenn also nur eine Seite sich einer Therapie unterzieht, die andere aber nicht will. Gleiches gelte, wenn sich die Frau einem Frauenkreis oder der Mann einem Männerkreis anschließe, in dem man zwar dieselben Probleme bei anderen Personen des gleichen Geschlechts erkenne, damit aber keinen Schritt auf eine Lösung zugehe.

Das vierte Kapitel ist eine Art Anhang. Darin sucht Blatter dann Antworten und Hintergründe für das heutige Dilemma. Dabei kommt auch der heute vielleicht schon wieder abflauende Feminismus zu Wort. Darin sieht Blatter eine in vielen Punkten durchaus zutreffende Analyse der aktuellen Probleme, nicht jedoch einen Lösungsweg.

Im fünften Kapitel gibt Blatter einige Arbeitsblätter weiter, die man in der Seelsorge mit gestörten Ehen einsetzen könne. Er fügt auch einige anonyme, ausgefüllte Fragebögen an, damit man sich eine bessere Vorstellung von den Ergebnissen machen kann. Hinzu kommt die Auswertung aus vielen Fragebögen seiner Arbeit über das Bild, das Frauen von Männern und umgekehrt haben.

Das letzte Kapitel ist ein Essay -Anhang, den Kurt Blatter auf die eheliche Beziehung anwendet: seine Urlaubsentdeckungsreise zu einer Insel, die zunächst unbekannt und unberührt vor ihm lag, die er dann aber näher kennenlernte.

Mein Eindruck von diesem Buch ist, dass es sehr nützlich ist für Ehepaare, die in einer echten Krise stecken. Das Ziel des Buches und der Arbeit von Blatter ist, auch „kaputte“ Beziehungen wieder zusammenzuführen, damit man sich nicht für den Weg der Trennung und Scheidung entscheidet. Sicher ist das Buch sehr, sehr lang und zuweilen dadurch etwas zu lang, mühsam zu lesen. Letztlich sind aber alle Kapitel interessant im Blick auf Hintergründe, Fakten und Hilfestellungen. Auch für solche, die – jedenfalls eine erste – Hilfe geben möchten, ist es eine sehr sinnvolle Lektüre. Dabei sollte man aber die eingefügten Fragebogen nicht stur verwenden, sondern auf den jeweiligen Fall anwenden. Ein gewisses Manko dieses Buches ist aus meiner Sicht, dass es im Allgemeinen (bis auf Ausnahmen) den Männern mehr Schuld an den gestörten Beziehungen zuweist als den Frauen. Es ist wahr, dass die Männer die Hauptverantwortung in der Ehe tragen. Dass es aber – im Allgemeinen – die Männer sind, die sich ändern müssen, erscheint doch etwas einseitig (ich hoffe, nicht nur aus Sicht eines Mannes …).

Das Buch ist im Brunnen-Verlag erschienen und wurde 1996 herausgegeben.

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