Den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche

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Dies war aber keineswegs ein Erfordernis des Gesetzes, das, im Gegenteil, dem Buchstaben gemäß Timotheus durch seine Geburt in eine bedauerliche Lage eines Außenseiters versetzte. Die Beschneidung des Timotheus war eigentlich ein Akt der Gnade von Seiten desselben Apostels, der sich gegen die Beschneidung des Titus energisch gewehrt hatte. Noch weniger wäre die Beschneidung des Titus, der aus den Nationen war, mit den Beschlüssen der Versammlung zu vereinen gewesen, die kurz zuvor in Jerusalem stattgefunden hatte. Bei jener Gelegenheit wurde ja die Frage aufgeworfen, ob das jüdische Joch auf die Gläubigen aus den Nationen gelegt werden sollte, und die Brüder kamen dabei zur Einsicht, dass ein solcher Zwang weder wünschenswert noch erlaubt sei.

Bei Timotheus handelte es sich um den Sohn einer Jüdin, gegen welchen die Juden, wegen des Vaters, ein Vorurteil gehabt hätten. Aller Wahrscheinlichkeit nach war der Vater gestorben, denn nichts lässt darauf schließen, dass er noch am Leben war. Er hätte sonst den unbeschnittenen Zustand seines Sohnes vermutlich beibehalten. Lebte der Vater nicht mehr, so konnte Paulus freier handeln; der gleiche Befürworter der Freiheit, der sich die Beschneidung des Titus nicht hatte aufzwingen lassen, nahm es auf sich, Timotheus zu beschneiden.

Christliche Freiheit – richtig verstanden!

Es ist von großer Wichtigkeit, dass wir lernen, unsere Seelen der Weitherzigkeit der göttlichen Wahrheit zu unterziehen. Die Grundsätze, die in den Fällen von Timotheus und Titus angewandt wurden, waren verschieden, weil die Natur ihrer Umstände völlig voneinander abwich. Aber die Behandlung beider Fälle war der Ausdruck christlicher Freiheit; weder in dem einen noch in dem anderen Falle war der Apostel unter Gesetz, sondern unter Gnade. Was könnte lehrreicher für uns sein? Wie sehr sind wir in Gefahr, gerade das Gegenteil zu tun! Fleisch und Gesetz gehen gewöhnlich Hand in Hand; wir aber sind zur Gnade und zur Wahrheit berufen, die durch Jesum Christum geworden ist.

Wir wollen daraus lernen, die Auffassung zu vermeiden, ja ihr entgegenzutreten, dass es nur einen Grundsatz gebe, der unseren Weg bestimmt. Wenn die Beziehungen und die Umstände der Personen sich völlig voneinander unterscheiden, ist es nicht so. In einem solchen Falle besteht die Weisheit darin, aus Gottes Wort die Belehrungen des Geistes zu suchen, um für jede einzelne Angelegenheit Licht zu empfangen. Natur und Tradition neigen immer wieder zur Verknöcherung, die von der Weisheit Gottes, in welcher wir zu urteilen und zu handeln berufen sind, weit entfernt ist. Denn ein Grundsatz, so richtig und gesund er sein mag, wie zum Beispiel der, Titus nicht zu beschneiden, würde im Falle eines Timotheus den Zweck verfehlen. Die Gnade beschnitt ihn, um den Mund der Juden zu stopfen, wiewohl der Buchstabe des Gesetzes ihn eher ausgeschlossen hätte, als ihn zu beschneiden.

Sturheit in den Dingen Gottes führt immer in die Irre

Ein einfältiges Auge, auf Christum und auf Seine Gnade gerichtet, wird den richtigen Weg entdecken, und die Gnade weiß, wo sie unbeugsam und wo sie nachgiebig sein muss. In der Beschneidung des Timotheus sehen wir das weise Vorgehen eines Mannes, der, frei von allem, sich zum Knechte aller machte, auf dass er mehr Seelen gewinne. Er sagt: „Ich bin den Juden geworden wie ein Jude, auf dass ich die Juden gewinne; denen, die unter Gesetz sind, wie unter Gesetz (wiewohl ich selbst nicht unter Gesetz bin), auf dass ich die, welche unter Gesetz sind, gewinne; denen die ohne Gesetz sind, ohne Gesetz (wiewohl ich nicht ohne Gesetz vor Gott bin, sondern Christo gesetzmäßig unterworfen), auf dass ich die, welche ohne Gesetz sind, gewinne“ (1. Kor. 9,20-21).

Welch eine eindrucksvolle Lektion für Timotheus, im Blick auf seinen Dienst als Begleiter und Mitarbeiter des Paulus, so groß auch der Unterschied zwischen ihnen sein mochte! Die Gnade kann, wo keine Forderung ist, eine gute Strecke entgegenkommen, wenn aufrichtige Übungen da sind; während sie jeden Versuch herausfühlt und abweist, der darauf zielt, Dinge aufzuzwängen, die von Gott nicht gutgeheißen werden und mit der Gnade unvereinbar sind.

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Mit freundlicher Genehmigung des Beröa Verlages
Halte Fest Jahrgang 1968 - Seite: 230

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