12.01.2006Persönlicher Glaube | Dienst | Versammlung / Gemeinde

Vertrauen aufbauen – Beispiel Horst Köhler

Es gibt fast nichts, was Meinungsforscher nicht untersuchen. Regelmäßig beschäftigen sie sich mit dem Ansehen des jeweiligen Bundespräsidenten. Das Institut für Demoskopie Allensbach hat inzwischen herausgefunden, dass das Ansehen des aktuellen Bundespräsidenten, Horst Köhler, seit seinem Amtsantritt kontinuierlich gestiegen ist. Im Juni 2004 hatten 32 % eine gute Meinung von ihm. Im Laufe der letzten eineinhalb Jahre ist dieses Ansehen beständig auf mittlerweile 57 % gestiegen.

Seine wesentlichen Positivmerkmale sind dabei:

* spricht auch unbequeme Wahrheiten aus
* ist ein guter Redner
* geistreiche, sehr gebildet
* diplomatisch
* kennt das Ausland
* politisch neutral, steht über den Partien
* fähiger Politiker
* liebenswürdig, gewinnend, charmant
* bescheiden, zurückhaltend

Nun dürfte es den meisten von uns nicht so sehr um das Image und die Vertrauensgewinnung unsers Bundespräsidenten Horst Köhler gehen. Aber an seiner Person lernen wir, wie wir selbst das Vertrauen unserer Mitgeschwister und auch der Menschen, die wir evangelistisch erreichen wollen, erhalten können.

Es gibt Punkte, die sind vor allem Ergebnisse einer Begabung (guter Redner) oder unseres Elternhauses, unserer Herkunft (geistreich, gebildet), oder unserer beruflichen Entwicklung (Ausland). Darum soll es jetzt nicht gehen. Aber gibt es nicht Punkte, die wir sozusagen beeinflussen können?

Unbequeme Wahrheiten aussprechen

Schon immer hat man dann Vertrauen geschaffen, wenn man auch zu unbequemen Wahrheiten steht. Ist es nicht auffallend, dass gerade die Prediger (in evangelischen Kirchen), die die unbequeme Wahrheit der Bibel verkünden, die meisten Zuhörer finden? Es sind eben nicht diejenigen, die es allen recht machen wollen, die Vertrauen bekommen!

In der Bibel werden wir aufgefordert: „Deshalb, da ihr die Lüge abgelegt habt, redet Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, denn wir sind Glieder voneinander“ (Epheser 4,25). Die Wahrheit kann auch manchmal hart sein - keine Frage. Aber es ist auch wahr: „Treu gemeint sind die Wunden dessen, der liebt“ (Sprüche 27,6).

Zu den unbequemen Wahrheiten gehört es auch, das eigene Versagen anzuerkennen. Und das hat eine persönliche Komponente, aber auch eine gemeinschaftliche! Man wird dann das Vertrauen der Geschwister - ob jung oder alt - gewinnen, wenn man „ehrlich“ ist, sich selbst gegenüber, der eigenen Praxis gegenüber, und auch anderen gegenüber. Selbst, wenn die Wahrheit unbequem ist für einen selbst.

Diplomatisch, gewinnend, liebenswürdig

Zur Wahrheit zu stehen, auch wenn sie für andere hart ist, macht einen nicht notwendigerweise abstoßend. Das soll auch nicht so sein. Denn eine harte Wahrheit muss nicht hart rübergebracht werden. Andererseits: Diplomatisch zu sein heißt nicht, um den heißen Brei herumzureden.

Dass „wie“ ist von größter Bedeutung, nicht nur das „was“. Das sehen wir zum Beispiel in Verbindung mit der wichtigen Belehrung, die Einheit des Geistes zu verwirklichen. Denn zuvor heißt es, wie wir sie verwirklichen müssen: „Ich ermahne euch nun ... mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut, einander ertragend in Liebe“ (Epheser, Kapitel 4, Verse 1 bis 3).

Die Frage ist: Will ich meinen Gegenüber gewinnen - und kommt er auch zu diesem Eindruck! - oder geht es mir darum, ihm die Meinung zu sagen und recht zu behalten? Habe ich eine liebenswürdige, oder eine schroffe Art? Nur auf einem Weg gewinne ich - soviel an mir selbst liegt - das Vertrauen anderer!

Politisch neutral, steht über den Dingen

Die Beurteilung von Verhaltensweisen und Sachverhalten gehört mit zu der schwierigsten Übung für Menschen, auch für Christen. Wie und auf welcher Grundlage beurteilen wir? Reicht uns ein Zeuge, obwohl die Bibel immer wieder betont, dass zur Beurteilung einer Sache zwei Zeugen nötig sind? Das lesen wir zum Beispiel in Matthäus, Kapitel 18, Vers 16: „damit durch den Mund von zwei oder drei Zeugen jede Sache bestätigt werde“. Dabei werde ich mir nicht voreingenommen solche Zeugen suchen, die immer bereit sind, mir meine (vielleicht schon vorgefasste) Meinung zu bestätigen.

Zu dieser Frage des Vertrauens gehört auch, inwieweit wir bereit sind, einmal „neutral“ zuzuhören und nicht sogleich gegenüber einer Meinung aufzubrausen, die sich (noch) nicht mit der unseren deckt. Natürlich können wir im geistlichen Bereich nicht „neutral“ sein. Aber wir dürfen nicht meinen, unsere Meinung sei die (allein und grundsätzlich) richtige! Auch wenn wir überzeugt sein sollen, dürfen wir nicht von uns eingenommen sein.

Bescheiden, zurückhaltend

Man hat schon mal gesagt, dass Bescheidenheit eine Eigenschaft ist, die uns vielleicht angeboren ist, während Demut nur durch den Herrn Jesus und unter der Leitung des Geistes Gottes gelernt werden kann. Das mag so sein. Aber es ist auch wahr, dass wir uns durch ein bescheidenes Auftreten Vertrauen schaffen können.

Bescheidenheit und Bestimmtheit sind dabei keine Gegensätze. Der Herr Jesus war demütig - und in diesem Sinn bescheiden. Gleichwohl ist Er immer „bestimmt“ aufgetreten. Bescheidenheit kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass man den anderen zu Wort kommen lässt (zum Beispiel in den Wortbetrachtungen, Konferenzen). Dass man die Person des Gegenüber höher einschätzt als sich selbst. Dass man das Urteil und die Meinung des Gegenüber wertschätzt. Und dass man nicht von sich meint: Auf mich kommt es an. Ein Urteil kann nur gefällt werden, wenn ich es mit getroffen habe.

Horst Köhler hat bereits Vertrauen gewonnen - bei vielen. Auch wir sollen Vertrauen gewinnen. Dabei wollen wir nicht von Horst Köhler lernen, sondern von unserem Herrn. Bei Ihm sind wir in der richtigen Schule!