04.03.2006 Matthäus

Der treue und der böse Knecht - Teil 1: Der treue und kluge Knecht

Mit einer erforschenden Frage leitet der Herr das erste Gleich¬nis ein: „Wer ist nun der treue und kluge Knecht ...?" Das erinnert uns an ein Wort des Apostels Paulus: „Im Übrigen sucht man hier an den Verwaltern, dass einer für treu befunden werde" (1. Kor 4,2). Es ist also ganz eine Frage der Verantwort¬lichkeit. Alle drei Gleichnisse haben diesen Grundgedanken gemeinsam, wenn auch der Blickwinkel jeweils ein anderer ist.

Dienst an den Heiligen

Das Gleichnis selbst handelt von einem Knecht, den sein Herr über sein Gesinde, über seinen Haushalt gesetzt hat. Der Knecht hat diese Stellung mit der ausdrücklichen Absicht sei¬tens seines Herrn erhalten, den übrigen Knechten und Mägden seines Hauses Nahrung zur rechten Zeit zu geben.

Die übertragene Bedeutung ist einfach zu erfassen. Hat doch der Herr Jesus auch heute ein >Gesinde<, hat Knechte und Mägde - solche, die Er „die Seinen" nennt und die Ihm unend¬lich nahe und kostbar sind. Für sie ist Er besorgt, besorgt dafür, dass sie stets zur rechten Zeit die rechte Nahrung bekommen. Wie beglückend ist diese Sorgfalt des verherrlichten Herrn für Seine Versammlung (vergleiche auch Epheser 5,29)!

Aber ist es nicht bemerkenswert, dass von den drei Gleich¬nissen dies an erster Stelle kommt? Sollen wir daraus vielleicht lernen, dass das Interesse des Herrn für Sein Volk hier auf der Erde in Seinem Herzen den ersten Platz einnimmt? Wir Menschen hätten wohl die Verkündigung des Evangeliums gegenüber einer verlorenen Welt an die erste Stelle gesetzt. Und wer würde auch nur im Geringsten die Wichtigkeit die¬ser Tätigkeit in Frage stellen? Im dritten Gleichnis kommt der Herr dann auch darauf mit allem Nachdruck zu sprechen. Doch die Beschäftigung mit denen, die drinnen sind, hat in gewisser Hinsicht Vorrang vor der Beschäftigung mit denen, die draußen sind. Das wird auch durch den dreifachen Auftrag des auferstandenen Herrn an Petrus im Blick auf Seine Schafe und Lämmer bestätigt: „Weide meine Lämmlein!" - „Hüte meine Schafe!" - „Weide meine Schafe!" (Joh 21,15-17).
Der Herr hat einen >Haushalt<: „Dessen Haus wir sind" (Heb 3,6). Treuem und verständnisvollem Dienst innerhalb dieses Bereiches misst der Hausherr in Seiner Liebe die größte Wich¬tigkeit bei. Sehen wir das auch so? Oder sind uns die geistlichen Bedürfnisse der Kinder Gottes nebensächlich, weil unser Interesse, unsere Predigt ausschließlich denen gilt, die draußen sind? Dann hätten wir ein wesentliches Merkmal der heutigen Zeit noch nicht recht erfasst. Denn für das Christentum ist solch ein Dienst an den Heiligen geradezu kennzeichnend, während das Judentum nichts Vergleichbares kannte. Wohl gab es auch in Israel ein „Lehren", aber es war stets ein Lehren oder Lesen des Gesetzes, ein Belehren des Volkes über das Ge¬setz (5. Mo 33,10; 2.Chr 17,7-9; Esra 7,10; Neh 8,7.8.18; 9,3).

Doch wie verhält es sich mit der Feststellung in Nehemia 8: „Und sie lasen in dem Buch, in dem Gesetz Gottes, deutlich, und gaben den Sinn an, so dass man das Gelesene verstand" (Vers 8)? War das nicht eine Art „Auslegung" im Sinne des Neuen Testaments? Nein, es hatte weit eher mit einer Übersetzung zu tun. Die Juden hatten in der Gefangenschaft ihre ursprüng¬liche Sprache, das Hebräische, verloren und stattdessen das verwandte Aramäische ihrer Bedränger als Umgangssprache angenommen. Das Gesetz aber war (wie fast das ganze Alte Testament) in Hebräisch verfasst, so dass die Juden damals das Vorgelesene nicht mehr richtig verstanden. Und so gaben ih¬nen die Leviten, die mit dem Hebräischen noch vertraut waren, den Sinn des Gelesenen an. Deswegen wird in Vers 12 gesagt: „Denn sie hatten die Worte verstanden, die man ihnen kundge¬tan hatte." Auch Kapitel 13, Vers 24, bestätigt die sprachlichen Schwierigkeiten der aus Babylonien Zurückgekehrten.

Welch ein Unterschied besteht also zwischen dem Belehren über das Gesetz mit seinen Anordnungen und dem Dienst in der christlichen Epoche! Heute leitet der Heilige Geist in die ganze Wahrheit, verkündigt das Kommende und verherr¬licht Christus. Er nimmt von dem, was dem Herrn Jesus ge¬hört, und gibt es uns (Joh 16,12-15). Das ist wahrhaft „Speise". Nichts in der jüdischen Haushaltung könnte dem an die Seite gestellt werden.

Der Dienst selbst kann natürlich nur durch das Won Gottes geschehen, wie es schon die Apostel zu Anfang der christli¬chen Epoche ausdrückten: „Wir aber werden im Gebet und im Dienst des Wortes verharren" (Apg 6,4). Und wenn der Dienst im Sinne seines Meisters und unter der Leitung des Heili¬gen Geistes geschieht, wird der treue und kluge Knecht den >Kindern< Milch und den >Erwachsenen< feste Speise zu geben wissen, wie sie es gerade nötig haben (1. Kor 3,2; Heb 5,12-14). Das ist es, was der Herr anschließend mit „damit beschäftigt" meint und was Er so wertschätzt.

Dem Herrn verantwortlich

Aber dann lernen wir aus diesem einfachen Gleichnis noch etwas: Der zu diesem Dienst berufene Knecht erhält seinen Auftrag nur vom Herrn, nicht von irgendwelchen Menschen, auch nicht von der Versammlung. Die Autorität zu diesem Dienst kommt nur vom Herrn, nur Er kann den Knecht über Sein >Gesinde< setzen. Selbst im Wort unterwiesen, soll er nun auch andere lehren. Später in den Briefen lernen wir, dass es der erhöhte Christus ist, der Seiner Versammlung Gaben gegeben hat: „Und er hat die einen gegeben als Apostel und andere als Propheten und andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer, zur Vollendung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für die Auferbauung des Leibes des Christus" (Eph 4,11-12).

Und wie der Auftrag und die Autorität allein vom Herrn ausgehen, so ist der Knecht in seinem Dienst auch nur dem Herrn verantwortlich. Es gibt keine menschliche Instanz, die sich da einmischen könnte. Dienst an den Heiligen ist eine göttliche Angelegenheit, und er geschieht unter dem Auge des Herrn. Deswegen geht es auch in unserem Gleichnis einzig und allein darum, wie der Herr, wenn Er kommt, das Tun Sei¬nes Knechtes beurteilt.

Damit sind wir bei einem weiteren Punkt. Was befähigt den Knecht zum Dienst in der rechten Weise? Was lässt ihn in al¬len damit verbundenen Schwierigkeiten in Treue damit fortfah¬ren? Die Hoffnung, dass sein Herr wiederkommt und dass es Lohn für alle Mühe gibt. „Siehe, ich komme bald, und mein Lohn mit mir" (Off 22,12). Wenn wir den Herrn Jesus lieben, werden wir auch sehnlich Sein Wiederkommen erwarten und werden uns in der Zwischenzeit in liebevollem Dienst denen zuwenden, die Er so unaussprechlich liebt.

Belohnung

Treue Ihm und Seinem >Haushalt< gegenüber wird Belohnung finden, unabhängig davon, worin der Dienst im Einzelnen be¬steht. Hier geht es natürlich darum, den Gläubigen das zu >es- sen< zu geben, was sie gerade brauchen. Doch gilt der Grund¬satz für jede Art von Dienst, den der Herr uns anvertrauen mag. Wenn dann der Herr kommt und findet den Knecht „damit beschäftigt", so bringt er ihm seine Anerkennung zum Ausdruck. „Glückselig" nennt er diesen Knecht. Mochten auch andere ihn abschätzig beurteilt haben, als habe er seine Energie in die falsche Richtung gelenkt (vgl. Mt 26,8.9} - dies ist das Urteil des Herrn.

Aber damit nicht genug, er wird ihn auch „über seine ganze Habe setzen". Er hatte den Knecht über sein Gesinde gesetzt, und weil er darin treu war, wird er ihn über seine ganze Habe setzen. Was das in sich schließt, deutet ein Vergleich mit Offenbarung 2, Vers 26, an: „Wer überwindet und meine Werke bewahrt bis ans Ende, dem werde ich Gewalt über die Nationen geben." Der Abfall von >Thyatira< wird die Zeit der Wiederkunft Christi kennzeichnen, und den Knecht, der in gefahrvoller Zeit seinem Herrn und Meister treu geblieben ist, wird Er in Seinem Reich auf einen Platz der Macht erhe¬ben. „Wenn wir ausharren, so werden wir auch mitherrschen" (2.Tim 2,12). Der Platz der Autorität und des Herrschens ist an sich Sein Platz, denn es ist „Seine ganze Habe". Hat nicht der Vater dem Sohn alles in die Hände gegeben und Ihn über die Werke Seiner Hände gesetzt (Joh 13,3; Heb 2,7)? Und doch will der Herr Jesus diesen Platz nicht allein einnehmen, Er will ihn nach dem Ratschluss Gottes mit den Seinen teilen. „Und wenn der Erzhirte offenbar geworden ist, so werdet ihr die unverwelkliche Krone der Herrlichkeit empfangen" (1. Pet 5,4). Unfassbare Gnade!