25.06.2009 Ehe & Familie

Missbrauch!

Bei uns kein Thema! – oder doch?

Wenn man unter praktizierenden Christen erzählt, dass ein Kind von einem Christen missbraucht worden ist, erntet man häufig ungläubiges Kopfschütteln und einen Satz wie: "Das kann ich mir niemals vorstellen!" Entspricht das aber der Realität?

Die Schwierigkeit besteht darin, solche im Verborgenen geschehenen Sünden zu erkennen. Auf der einen Seite sind wir nicht aufgerufen, Detektiv zu spielen, und aufgrund bloßer Vermutungen anderen hinterher zu spionieren. Auf der anderen Seite sollten wir uns bewusst sein, dass wir Verantwortung tragen, mit solch schrecklichen Sünden biblisch umzugehen. Es geht um die Ehre unseres Herrn, die unter uns Geschwistern aufrecht erhalten bleiben soll, und es geht um die Opfer, die schon in dieser Welt häufig nicht den Mut haben, sich zu erkennen zu geben – wie viel weniger unter Gläubigen -, und daher nicht aus ihrer schlimmen Lage befreit werden.

Was sagt das Wort Gottes zu diesem Thema?

Die Schrift geht nicht explizit auf den Fall von Kindesmissbrauch ein. Und doch macht sie deutlich, dass es sich hierbei um eine Sünde besonderen Ausmaßes handelt. Im Alten Testament findet sich mit 3. Mose 18 ein ganzes Kapitel, das sich mit falschem sexuellen Verkehr innerhalb einer Familie auseinandersetzt. Dieser Verkehr war ganz prinzipiell verboten und wurde mit der Todesstrafe geahndet.

Auch das Neue Testament spricht eine klare Sprache. In 1. Korinther 5,1 ist davon die Rede, dass ein Mann Geschlechtsverkehr mit seiner Stiefmutter hatte – und dass dies eine Handlung war, die selbst in der damaligen, heidnischen Welt nicht stattfand. Im weiteren Verlauf des Kapitels wird dann genauso deutlich gezeigt, dass jede Form von Unzucht (Verse 9-11), und Kindesmissbrauch ist eine schreckliche Form dieser Unzucht, Sünde ist und Versammlungszucht zur Folge haben muss.

Aus Offenbarung 21,8 lernen wir, dass das Teil der Unzüchtigen (Hurer) im Feuersee ist, der Hölle, wenn sie nicht Buße tun und sich bekehren. Auch Römer 1,24 macht deutlich, dass ein solches abnormes Verhalten das Gericht Gottes auf sich zieht, in diesem Fall sogar die Folge von anderen Sünden ist.

Aus diesen Stellen können wir Gottes Sicht erkennen. Es handelt sich um eine schlimme moralische Sünde, die letztlich eine Sünde ist gegen den eigenen Körper (1. Kor. 6,18), gegen eine andere Person (in diesem Fall gegen ein Kind), und – gegen Gott, den Schöpfer und Erhalter aller Dinge. Abgesehen davon handelt jemand, der Kinder missbraucht, auch gegen die existierenden bürgerlichen Gesetze.

Das Opfer

Opfer sind in der Regel wehrlose Kinder, die sich den abnormen sexuellen Begierden eines Erwachsenen – es handelt sich dabei wohl in erster Linie um Männer – nicht entziehen können. Sie werden gezwungen, sich diesen Begierden unterzuordnen und sie über sich ergehen zu lassen. Das führt immer zu seelischen Schäden an den Kindern, da diese normalerweise nicht in der Lage sind, das an ihnen Geschehene zu verarbeiten. Da es sich bei den Tätern häufig um nahe Verwandte handelt, die mit Belohnungen locken und mit Strafen drohen, trauen sich die Kinder nicht, gegen diese schreckliche Behandlung aufzubegehren, sondern schlucken die Ängste und Nöte in sich hinein. Manchmal gibt es sogar eine gewisse Gewöhnung auf Seiten der dann Jugendlichen an diesen Missbrauch.

Bleibende Schäden sind trotzdem fast immer die Folge – schreckliche Träume, Selbstvorwürfe, Selbstzweifel und auch Minderwertigkeitsgefühle. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass viele von sich glauben, sie seien schlechter als andere Gläubige. Dabei wollen wir festhalten, dass die missbrauchten Kinder nicht an solchem Missbrauch Schuld tragen.

Den Opfern kann man nur raten, sich einer Schwester oder einem Bruder in der örtlichen Versammlung (Gemeinde), zu dem oder der sie Vertrauen haben, mitzuteilen. Es ist nicht ganz einfach, pauschal an dieser Stelle zu raten, wer für ein solches Gespräch geeignet ist. Es gehört nämlich sehr viel Einfühlungsvermögen und Abhängigkeit zum Herrn dazu. Zudem bedarf es auf Seiten des Opfers eines Überwindens, denn man muss etwas von höchst persönlichen Verletzungen preisgeben. Aber allein das kann schon eine wichtige Hilfe sein. Es hat keinen Sinn, Missbrauch in sich "hineinzufressen". Dann ist man häufig nicht in der Lage, diese Eindrücke biblisch und seelisch zu verarbeiten.

Der Täter

Sollte es einen Leser geben, der durch diesen Artikel erkennt, durch (Kindes-)Missbrauch Schuld auf sich geladen zu haben, dann gibt es eine Möglichkeit, zurecht zu kommen: Bekenne Deine Schuld – zunächst dem Herrn Jesus und dann demjenigen, den Du missbraucht hast. Auch dazu gehört Mut, aber es ist der einzige Weg, diese schlimme Sache in Ordnung zu bringen. Darüber hinaus sollte eine solche Person zu einem Bruder aus dem örtlichen Geschwisterkreis gehen und auch vor ihm ein Bekenntnis ablegen. 1. Korinther 5 ist sehr klar. Aber auch hier gilt: "Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist Gott treu und gerecht, dass er unsere Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit" (1. Johannes 1,9).

In diesem Zusammenhang ist wichtig, dass man weder vor sich selbst noch vor dem Opfer oder den Geschwistern irgend etwas beschönigt. Damit macht man die ganze Sache nur schlimmer, da man nicht den biblischen Maßstab an die Sünde und Schuld, die auf einem lastet (oder lasten sollte), anlegt.

Die Erst- oder Mitwisser

Zuweilen kommt es vor, dass bestimmte Personen von einem solchen Missbrauch Kenntnis erhalten. Dann sind sie dafür verantwortlich, dieses Wissen an eine geeignete Person weiterzugeben, ansonsten machen sie sich selbst mitschuldig. Sehr viel hängt davon ab, ob eine geeignete Person im näheren Umfeld bekannt ist. Es ist bei diesem Thema in der Tat sehr wichtig, dass man sich nicht gehen lässt und von solch spektakulären Dingen jeden informiert. Dazu ist der Anlass viel zu traurig und ernst. Wir müssen aber bedenken, dass es sich um eine sehr schlimme Sünde handelt, bei der sogar bürgerliche Gesetze gebrochen worden sind. Aus diesem Grund darf man derartige Kenntnisse nicht leichtfertig verdrängen, ohne sie weiterzugeben.

Häufig ist es natürlich so, dass man nur eine Ahnung davon hat, dass jemand (s)ein Kind missbraucht. Hier ist größte Vorsicht und Sorgfalt nötig. Am besten schaltet man daher einen Hirten oder Seelsorger ein, der die Gabe von dem Herrn hat, sich mit solchen Fällen auf eine gottgemäße Art und Weise zu beschäftigen.

Wie reagiere ich nun, wenn mir ein Betroffener bzw. jemand, der von einem Betroffenen unterrichtet wurde, von einem Fall des Missbrauchs berichtet? Wichtig ist zunächst einmal, nicht zu sagen: Das glaube ich nicht. Diese Reaktion hat leider dazu geführt, dass dieses Problem immer noch vielfach "totgeschwiegen" wird. Damit soll keiner Vorverurteilung das Wort geredet werden. Dennoch ist es wichtig, eine Äußerung von jemandem, der missbraucht wurde, ernst zu nehmen. Dann sollte, insbesondere wenn es sich um einen Betroffenen handelt, Verständnis gezeigt werden. Schließlich ist anzuraten, einen Seelsorger, oder gegebenenfalls einen Arzt einzuschalten.

Wachsamkeit ist nötig

Abschließend sei zu diesem traurigen Thema gesagt: Es ist zu hoffen, dass derartige Fälle nicht nur die Ausnahme sind, sondern es auch bleiben. Wir sollten uns allerdings nicht der Illusion hingeben, praktizierende Christen hätten mit diesem Thema gar nichts zu tun. Leider ist das Fleisch, die sündige Natur, in uns Gläubigen zu allem fähig. Vielleicht ist durch die Tatsache, dass ein solches Vergehen nicht zu Christen passt, diese Problematik unter Christen zu kurz gekommen oder ignoriert worden.

Es ist notwendig, wachsam zu sein. Über uns selbst - aber auch darüber hinaus!