13.10.2017 Schöpfung | Buchbesprechungen

Genesis, Schöpfung und Evolution von Reinhard Junker (Hg.) – eine Buchbesprechung

Im christlich-evangelischen-evangelikalen Bereich hat sich zunehmend Resignation im Blick auf die Frage verbreitet, wie die Welt entstanden ist. Viele haben den Eindruck, dass es unsinnig sei, weiter die Überzeugung zu vertreten, dass Gott die Welt in sechs Tagen gemacht hat (2. Mose 20,11). Man gebe sich der Lächerlichkeit preis, wenn man diese Auffassung angesichts der aktuellen naturwissenschaftlichen Überzeugungen der großen Mehrheit der Wissenschaftler noch aufrechterhalten würde. Daher schließt man sich lieber dem Konstrukt der theistischen Evolution an. Diese besagt, dass Gott tatsächlich der Schöpfer ist, dass Er aber „nur“ den Prozess der Evolution angestoßen habe, die sich dann so zugetragen habe, wie man das heute in den meisten Schullehrbüchern lernt.

 

Das Buch

Dieser Herausforderung stellt sich Reinhard Junker zusammen mit fünf weiteren Autoren in einem Sammelband des „Studium Integrale“, der von Wort und Wissen im SCM Hänssler-Verlag herausgegeben wurde.

 

Den Autoren geht es besonders darum, die Frage zu erörtern, inwiefern der biblische Schöpfungsbericht in 1. Mose 1–2 (oder besser die vielen Hinweise, die es im Alten und im Neuen Testament zu dieser Schöpfung gibt) echte Historizität darstellt.

 

Warum ist diese Frage so bedeutsam? Das schlichte Lesen von 1. Mose 1 lässt nur den Schluss zu, dass hier ein historischer Bericht gegeben wird. Wenn das aber Fiktion ist, wird letztlich die Wahrheit der ganzen Bibel in Frage gestellt. Denn dann würde Gott uns mit diesem Bericht in die Irre führen.

 

Der Inhalt

Das Buch ist in zwei größere Teile gegliedert. Im ersten Teil behandelt das Autorenteam, besonders Junker selbst, die Frage, ob Evolution als „Teil“ und Weg der Schöpfung durch Gott ein gangbarer Weg ist. Es wird also die Frage beantwortet, ob Evolution und Schöpfung durch Gott wirklich zusammenpassen. Die Antwort lautet schlicht: Das ist unmöglich. Der Weg, den die Evolutionshypothese beschreibt, ist mit einem Gott, der Licht und Liebe ist, unvereinbar. Es handelt sich um Gegensätze, die nicht zusammenpassen.

 

Im zweiten Teil des Buches gibt das Autorenteam einige Studien zum Buch Genesis (1. Mose) weiter. Die Autoren zeigen, dass der Bericht wirklich einen „geschichtlichen Ablauf“ meint und auch im Rahmen der Heilsgeschichte Sinn ergibt. In weiteren Aufsätzen werden die verschiedenen Auslegungslinien zu 1. Mose 1“2 vorgestellt und bewertet. Es wird deutlich, dass aus der Textgattung und dem Textaufbau nur ein historischer Bericht in Frage kommt.

 

Sehr genau sehen sich die Autoren die Einzelheiten der sogenannten zwei Schöpfungsberichte in 1. Mose 1 und 1. Mose 2 an, um zu zeigen, dass es nicht um zwei verschiedene und womöglich gegensätzliche Schöpfungsberichte geht. Vielmehr wird sozusagen mit einem Teleobjektiv auf einen besonderen Bereich der Schöpfung zurückgeblendet, nämlich auf die Erschaffung des Menschen.

 

Ausführlich wird auch die Länge der Schöpfungstage betrachtet und die Auffassung widerlegt, dass die Nennung von Tagen (JOM) Zeitabschnitte unbestimmter Länge meint. Die Autoren arbeiten deutlich heraus, dass es sich um 24-Stunden-Tage handelt. Auch die Historizität von Adam wird erläutert vor dem Hintergrund, dass sich in der modernen Theologie die Überzeugung durchgesetzt hat, dass Adam keine Person sei, sondern für die Menschheit insgesamt stehe.

 

In mehreren Aufsätzen widmen sich die Autoren zudem der Frage, seit wann es den Tod gibt, besonders in der Tierwelt. In zwei abschließenden Aufsätzen versucht ein Autor, eine Linie durch das 1. Buch Mose zu ziehen, um den Zusammenhang und die Struktur dieses Buches zu erschließen.

 

Die Autoren

Die sechs Autoren sind Theologen (Walter Hilbrands, Hendrik J. Koorevaar, Helge Stadelmann), Naturwissenschaftler (Reinhard Junker), Mediziner (Henrik Ullrich) oder geologische Mitarbeiter der Studiengemeinschaft Wort und Wissen (Manfred Stephan).

 

Der Nutzen

Besonders der erste Teil ist in der heutigen Zeit von großem Wert. Zunehmend hört man, dass angesichts der vorherrschenden Lehrmeinung zum Thema „Evolution“ (fast achselzuckend) der Rückzug vom biblischen Schöpfungsdenken angetreten wird. Die Autoren zeigen überzeugend, dass theistische Evolution keine Alternative für einen Christen sein kann, weil sie mit der Bibel nicht vereinbar ist. Beispielsweise wird sehr deutlich, dass der Tod in der Evolutionshypothese eine gänzlich andere Funktion hat als in der Bibel. Die einen sehen ihn als Voraussetzung für die Entwicklung von unten nach oben. Gott dagegen spricht vom Tod als Gericht Gottes wegen der Sünde des Menschen.

 

Sehr ausführlich und auch gut nachvollziehbar zeigen die Autoren zudem, dass der biblische Schöpfungsbericht in sich schlüssig ist und auch mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen übereinstimmt. Vor allem argumentieren die Autoren überzeugend, dass die verschiedenen theologischen Erfindungen, die ersten beiden Kapitel der Bibel in anderer Weise zu erklären, nicht haltbar und konsistent mit dem Rest des Wortes Gottes sind. Nein, in 1. Mose 1 und 2 handelt es sich um einen Bericht, der wirklich historisch aufzufassen ist.

 

Zudem bekommt der Leser einen guten Überblick über die aktuellen theologischen Erklärungsansätze und ist gewappnet für entsprechende Diskussionen in Schule, im Studium oder im Bekanntenkreis.

 

Heilsgeschichte

Ausgesprochen gut hat mir der Artikel von Helge Stadelmann über die Urgeschichte als Weichenstellung für eine heilsgeschichtliche Theologie gefallen, da der Autor hier den Blick über das 1. Buch Mose hinausreichen lässt. Genesis ist zunächst ein geschichtliches Buch. Aber es ist eben viel mehr als das. In diesem Buch findet sich letztlich der Keim (fast) jeder Wahrheit, die im Wort Gottes teilweise erst viel später konkret und direkt offenbart wird. Vor diesem Hintergrund ist dieser Artikel eine äußerst nützliche Anregung, über 1. Mose hinauszudenken, wenn man dieses erste Buch der Bibel (oder auch nur die ersten beiden Kapitel) liest.

 

Tage

Sehr wichtig ist auch die Auseinandersetzung mit der Frage, ob die „Tage“ in 1. Mose 1 Tage von 24 Stunden sind oder Zeitperioden unbestimmter Länge. Immer wieder wird auf diese zuletzt genannte Auslegungsweise versucht, eine Art Kompromissangebot an Vertreter anderer Entstehungsmodelle zu unterbreiten. Walter Hilbrands zeigt überzeugend, dass ein anderes Verständnis als das, dass es sich um jeweils 24 Stunden handelt, nicht haltbar ist.

 

Die 253 Seiten sind strukturiert aufbereitet und im Allgemeinen auch für Laien gut lesbar. Selbst das Nennen einzelner Wörter aus der Grundtextsprache (hauptsächlich in hebräischen Buchstaben) dürfte für die meisten Leser nicht dazu führen, dass sie das Buch zur Seite legen, auch wenn sie dieser Sprache nicht mächtig sind.

 

Fragezeichen

Eine grundsätzliche Frage bleibt offen: Kann man auf argumentative Weise eine falsche theologische, naturwissenschaftliche Auffassung „bekämpfen“? Letztlich begibt man sich so auf die Ebene der „Widerständler“. Und dann „gewinnt“ in einer solchen Diskussion oft derjenige, der den schärfsten Verstand und die besten Argumentationsfähigkeiten besitzt. Letztlich müssen wir festhalten, dass keiner von uns dabei war, als Gott diese Schöpfung erschaffen hat.

 

Die Hinweise, die wir aus der Natur bekommen, können immer wieder so oder so gedeutet werden. Die christliche Überzeugung ist und bleibt am Ende untrennbar verbunden mit dem „Glauben“, den man kaum argumentieren kann. Petrus und Paulus argumentieren, indem sie aus dem Alten Testament zeigen, dass Christus derjenige ist, der im Alten Testament angekündigt worden ist. Aber theologisch oder naturwissenschaftlich beweisen kann man das nicht. Der Glaube schließt eine Dimension ein, die dem Ungläubigen verschlossen bleibt.

 

Wiederholungen im ersten Teil

Im Vorwort verweist Reinhard Junker darauf, dass einige in diesem Sammelband veröffentlichten Artikel bereits an anderer Stelle erschienen sind. Dadurch ließen sich gewisse Überschneidungen nicht vermeiden. Insofern ist der Leser auf Wiederholungen vorbereitet. Allerdings sind diese vielfachen Wiederholungen gerade im ersten Teil, wo im wesentlichen Junker gegen die theistische Evolution argumentiert, wirklich störend. Es wäre besser gewesen, zwei, drei Artikel zu einem Artikel zusammenzufügen, als diese Wiederholungen in Kauf zu nehmen.

 

Lückentheorie

Innerhalb derer, die an die Historizität des Schöpfungsberichts glauben, gibt es unterschiedliche Auffassungen dazu, inwiefern ein externes Ereignis (wie der Fall Satans) zwischen 1. Mose 1,1 und 1 Mose 1,2 anzusiedeln ist. Es ist positiv zu vermerken, dass Hilbrands deutlich macht, dass man letztlich (aus Sicht des Autors) die sogenannte Lückentheorie, nach der ein solches Ereignis zwischen Vers 1 und 2 stattgefunden hat, theologisch nicht vollständig ausschließen könne.

 

Leider fehlt eine vernünftige Auseinandersetzung mit den wichtigsten Argumenten derer, die exegetisch eine solche Lücke für unabdingbar halten. Leider kommen hier auch in der verwendeten Literatur überzeugende „klassische“ Vertreter dieser Bibelauslegung überhaupt nicht zu Wort (zum Beispiel William Kelly, der sehr ausführlich zu dieser Frage Stellung bezogen hat, sowohl sprachlich als auch inhaltlich).

 

Das macht zugleich ein „Problem“ dieser kreationistischen Theologie deutlich: Man muss aus Sicht der naturwissenschaftlichen Überzeugungen argumentieren (zum Beispiel: vergleichsweise kurzes Bestehen der Erde) und ist damit nicht frei, die Bibel ungefärbt von solchen naturwissenschaftlichen Überlegungen zu verstehen und auszulegen. Gerade hier aber liegt ein Grundproblem der Naturwissenschaftler, dem sich auch gläubige Kreationisten nicht verschließen können: Sie müssen sich mit ihren Erkenntnissen immer der Herausforderung stellen, dass Erkenntnisse in der Naturwissenschaft endlich sind, weil sie widerlegt werden können. Und dann? Muss dann auch die Bibelauslegung wieder angepasst werden?

 

Da ist es besser, dass man schlichte sprachliche und inhaltliche Bibelauslegung vornimmt, die sich auch durch neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht verändern muss, wenn sie nahe an Gottes Wort und dem Kontext der unterschiedlichen relevanten Bibelstellen orientiert ist. Wenn man aber eine Bibelauslegung mit oder sogar wegen einer naturwissenschaftlichen Hypothese vor Augen vornimmt, besteht immer die Gefahr, dass man einseitig liest und auslegt (diese Gefahr besteht in gleicher Weise für den Rezensenten und jeden Bibelausleger, denn jeder von uns ist der Gefahr ausgesetzt, seine eigenen Gedanken in einen Abschnitt hineinzulesen!).

 

Die Übersicht über 1. Mose

Hendrik J. Koorevaar versucht in zwei Artikeln, eine rote Linie durch das 1. Buch Mose zu zeichnen. Dabei geht er zunächst von der sprachlichen Einteilung aus, die Gott selbst durch das Wort „Toledot“ (Geschlechter, Erzeugungen) vorgibt, das elfmal als solch ein Gliederungswort vorkommt. Das ist überzeugend. Leider fehlt die Orientierung an solchen sprachlichen Hinweisen manchmal in der sogenannten „Brüderliteratur“, obwohl Gott gerade auch durch sprachliche Hinweise solche Hinweisschilder aufstellt. Daher ist dieser Gliederungsvorschlag hilfreich.

 

Dann aber zeigt sich, dass Sprache zu wenig ist, um die Hauptlinie eines Bibelbuches zu erfassen. Gerade Theologen neigen dazu, sich in erster Linie mit sprachlichen Hinweisen zu begnügen, sich daran festzuhalten. Wenn man aber den Inhalt eines Buches erfassen möchte, muss man tiefer graben. Und hier zeigt sich die „Überlegenheit“ der sogenannten „Brüderliteratur“, die oft ein tiefes Verständnis der Botschaft Gottes in den einzelnen Bibelbüchern aufweist und daher rote Linien aufzeigen kann, die man in theologischen Werken oft vermisst, so auch in diesen beiden Artikeln. So nützlich die Toledot-Einteilung ist, man muss die Botschaft Gottes durch Genesis verstehen, um den Zusammenhang und rote Linien zu erkennen. Das vermisst man in den vorliegenden Artikeln leider.

 

Dieses „fehlende Zusammenspiel“ in der Auslegung von 1. Mose zeigt sich beispielhaft in den ausführlichen Überlegungen zu der Autorenschaft. Neben der seltsamen These, dass die ersten 4 Bücher Mose ursprünglich ein einziges Buch gewesen sein sollen, würde ein Blick nach Lukas 24,27; Johannes 5,46 usw. genügen, um zu erkennen, dass Gott selbst sagt, dass Mose der Verfasser dieses Bibelbuches gewesen ist. Wenn ich nichts überlesen haben sollte …, geben die Autoren des Buches diesen Hinweis leider nicht.

 

Fazit

Gerne empfehle ich dieses sehr hilfreiche Buch von Reinhard Junker et al. Es gibt einen guten Überblick über die aktuelle Diskussion zum Schöpfungsbericht und nimmt in klarer Weise „pro Schöpfergott und historischer Schöpfung“ Stellung. Es ist normal, dass man in Details bei Auslegungsfragen des Wortes Gottes unterschiedlich denken mag. Das bedeutet aber nicht, dass man nicht durch dieses Buch eine sehr gute Argumentationshilfe für Schüler, Studenten und auch ältere Christen zur Verfügung gestellt bekommt.

 

Dieses Buch macht Mut, dass man sich mit der Meinung, dass Gott der Schöpfer ist und Himmel und Erde in sechs Tagen gemacht hat, nicht verstecken muss. Es gibt ausreichend Argumente, diese Auffassung mutig zu vertreten.

 

Das Buch ist im SCM-Hänssler-Verlag erschienen und kostet 14,95 Euro. Es kann auch in der Christlichen Schriftenverbreitung (CSV-Verlag) erworben werden.