28.11.2017 Ehe & Familie

Masturbation

Für mich besteht das eigentliche Übel der Selbstbefriedigung darin, dass sie einen Appetit wegnimmt, der, bei bestimmungsgemäßem Gebrauch, das Individuum aus sich selbst heraus holt, um seine eigene Persönlichkeit zu vervollständigen (und auch zu korrigieren) mit der Persönlichkeit eines anderen Individuums (und schließlich durch Kinder und Enkelkinder), und diesen Appetit umkehrt:

 

Sie schickt einen Mann zurück in das Gefängnis seines Ichs, um dort einen Harem von imaginären Bräuten zu hüten. Und dieser Harem verhindert es, wenn er sich einmal daran gewöhnt hat, dass er jemals dort heraus kommt und sich wirklich mit einer realen Frau vereint. Denn dieser Harem ist immer zugänglich, immer dienstbereit, erfordert keine Opfer oder Anpassungen, und kann mit erotischen und psychologischen Attraktionen ausgestattet werden, mit denen keine reale Frau mithalten kann. Bei diesen schattenhaften Bräuten wird er immer verehrt, ist er immer der perfekte Liebhaber: Es werden dort keine Anforderungen an seine Selbstlosigkeit gestellt, seine Eitelkeit erfährt keinerlei Demütigung. Am Ende werden diese Bräute nur noch zum Medium, durch das er in zunehmendem Maß sich selbst anbetet...  Und es ist nicht nur die Fähigkeit der Liebe, die auf diese Weise sterilisiert wird, sondern auch die Fähigkeit der Phantasie.

Die wirkliche Ausübung der Phantasie soll aus meiner Sicht (a) uns helfen, andere Menschen zu verstehen, und macht es (b) möglich, auf Kunst zu reagieren, und für manche von uns auch, Kunst zu produzieren. Aber es gibt auch einen schlechten Gebrauch der Phantasie: Sie verschafft uns, in einer schattenhaften Form, einen Ersatz für Tugende, Erfolge, Auszeichnungen etc., die wir außerhalb in der realen Welt suchen sollten - z. B. indem ich mir ausmale, was ich alles tun würde, wenn ich reich wäre, anstatt Geld zu verdienen und zu sparen.

 

Selbstbefriedigung trägt diesen Missbrauch der Phantasie in den Bereich der Erotik hinein (was, wie ich denke, an sich schon schlecht ist), und ermutigt uns dadurch zu einem ähnlichen Missbrauch der Phantasie in allen anderen Bereichen. Schließlich ist es fast die größte Aufgabe im Leben, aus unserem Selbst heraus zu kommen, aus dem kleinen, dunklen Gefängnis, in dem wir alle geboren sind. Selbstbefriedigung muss genauso vermieden werden, wie alle anderen Dinge vermieden werden müssen, die diesen Prozess aufhalten. Die Gefahr ist, dass wir dahin kommen, das Gefängnis zu lieben.

 

Übersetzung: Frank Schönbach