15.07.2016Ehe & Familie | Buchbesprechungen

Buchbesprechung: PorNö – Aussteigen aus dem Egosex (Christine Rammler)

Was macht das Betrachten pornografischer Inhalte mit Menschen? Und was für Konsequenzen hat das Betrachten derartigen Materials? Das sind zwei der vielen Themen, die Christine Rammler in Verbindung mit Pornografie in ihrem ersten Buch behandelt hat: Egosex - was Porno mit uns macht (meine Buchbesprechung dazu ist unten verlinkt).

 

Nun hat Christine Rammler ein Folgebuch geschrieben. Darin beschreibt sie auf 128 gut lesbaren Seiten, wie man nach ihrer Auffassung einen Weg aus diesem Pornografie-Kreislauf schafft, der einen früher oder später erdrückt.

 

Das Buch

Im Unterschied zum ersten Buch hat die Autorin dieses Mal eine insgesamt sehr annehmbare (und nicht obszöne) Sprache gewählt (bzw. gibt keine solche aus Gesprächen wieder). Damit fällt ein Hauptkritikpunkt des ersten Buches weg. Das erste Buch schafft im Wesentlichen Transparenz darüber, was durch Pornografie mit uns geschieht. Rammler zeigt in diesem Folgewerk deutlich auf, dass es einen Weg gibt aus der Pornografiesucht heraus. Mit anderen Worten: Man kann das erste Buch nicht lesen, ohne auch zum zweiten zu greifen. Beides gehört zusammen. Allerdings würde dann, wenn man nur das zweite Buch liest, ebenfalls etwas fehlen. Denn das Bewusstsein, was Pornografie eigentlich auslöst, führt oft erst dazu, dass man erkennt, wie wichtig es ist, davon zu lassen.

 

Gerade gute Lösungsansätze sind im Bereich der Seelsorge sehr wichtig. Daher ist es gut, dass ein solches Buch im Blick auf Pornosucht-Befreiung Perspektiven aufzeigt. Das Buch ist dieses Mal in einem schwarzen Einband herausgegeben worden. Es ist bei SCM erschienen und kostet 9,95 Euro.

 

Gliederung

Das Buch gliedert sich in sieben Kapitel. Christine Rammler vergleicht den Weg aus der Pornografiesucht mit einer Bergwanderung. So beginnt der Weg damit, dass man sich einen Überblick über den Weg bis zur Bergspitze verschafft und die Landkarte verinnerlicht (Kapitel 1). Um den Berg „zu schaffen", muss man losgehen. Daher ist es nötig, dass sich ein Ausstiegswilliger auch „aufmacht". Er muss Energie einsetzen, um sich an den Fuß des schweren und beschwerlichen Berges zu begeben (Kapitel 2). Die Autorin verschweigt nicht, dass der Weg anspruchsvoll ist. Aber sie zeigt auf, dass es sich lohnt, ihn zu gehen.

 

Dann folgen vier Etappenziele, die nötig sind, um das Ziel, die Bergspitze zu erreichen. Das Freiwerden von der Pornosucht benötigt Zeit! Abschließend wird im letzten Kapitel der Blick nach vorne gerichtet. Denn wenn man eine solche Sucht fürs Erste hinter sich gelassen hat, heißt dies nicht, dass das Leben von nun an einfach ist. Versuchungen bleiben. So muss man den Blick nach vorne (oder besser eigentlich: nach oben) richten.

 

Alle sieben Kapitel folgen im Aufbau einer gewissen „Schablone":

 

  1. Wissenswert: Hier gibt es grundsätzliche Hintergrundinformationen zum jeweiligen Thema.
  2. Nachdenklich: Im zweiten Teil stellt die Autorin Fragen, die man für sich selbst beantworten sollte, um wirklich Nutzen von dem Buch zu haben. Man stellt sich gewissermaßen vor einen Spiegel.
  3. Gesprächig: Nun geht es darum, mit Freunden ins Gespräch zu kommen, um sich auszutauschen. Dadurch bleibt man auf diesem Weg nicht allein. Man hat Gemeinschaft mit Gläubigen und bekommt Hilfestellungen im Weg aus dem Sumpf heraus.
  4. Aktiv: Jetzt geht es darum, konkrete Schritte zu gehen, um den Sumpf zu verlassen. Denn bislang hat man „nur" darüber nachgedacht, was im Sumpf los ist und was man verändern möchte. Nun aber muss man „Täter des Wortes" werden.
  5. Göttlich: In diesem Teil gehst Du ins Gebet, um Dich vor Gott zu stellen. Menschen sind eine Hilfe. Aber letztlich geht es darum, ein Leben zur Ehre Gottes zu führen.
  6. Gelernt: Zum Abschluss eines jeden Kapitels zieht man für sich (und mit den Freunden) Resümee: Was habe ich dazugelernt?

 

Teil 3 zeigt, dass man ohne Freunde nicht auskommt, wenn man von der Pornografiesucht wegkommen möchte. Dazu ist es wichtig, dass man absolutes Vertrauen zu den jeweiligen Freunden hat. Diese braucht man. Aber man hat die „richtigen Freunde" nötig. Denn es muss sichergestellt sein, dass das, worüber man redet, in der Gruppe bleibt und nicht durch die Gemeinde (Versammlung) wandert. Dasselbe gilt für Seelsorger, die man mit hinzunehmen möchte.

 

Im Folgenden nenne ich einige einzelne positive bzw. negative Kritikpunkte:

 

+ Aktiv werden

Die Autorin macht sehr deutlich, dass man sich „in Bewegung setzt und einen Berg bezwingt" (S. 21). Von selbst kommt man nicht von der Pornografie los. So zeigt Rammler, dass man sich aktivieren muss. Man muss wollen und auch losgehen. Zugleich aber gibt es ein Ziel, eine herrliche Aussicht, bei der man nicht mehr bis zum Hals (und den Augen) im Sumpf steckt. Auch dieses Ziel zeigt die Autorin von Anfang an, um zu motivieren.

 

+ Beten

Immer wieder in diesem Buch die Wichtigkeit des Betens unterstrichen. „Sag Gott dafür einfach, dass du dich für sein Angebot entscheiden willst. Wenn es dir schwerfällt, die ‚richtigen' Worte zu finden, kannst du einfach folgendes Gebet sprechen ..." (S. 23.24; vgl. auch S. 65). Man kann die Bedeutung des Gebets im Prozess der Befreiung von dieser Sucht gar nicht genug unterstreichen.

 

+ Treffende Beschreibung von Pornografie

Auf S. 28 ist eine sehr nützliche Beschreibung von Pornografie zu finden. Unter anderem heißt es: „Pornografie reduziert. Reduziert Menschen auf bestimmte Körperteile. Reduziert eine unendliche Vielfalt an Emotionen, Gedanken und komplexen Wahrnehmungen auf ein einziges Gefühl: die Lust." Das hilft, das Verkehrte an Pornografie zu verstehen.

Weiter heißt es: „Ganz egal, wie viele Pornos auch immer wir schauen, ihr Hunger ist niemals endgültig befriedigt. Ganz im Gegenteil, denn mit jedem Mal Porno füttern wir das Tier der Lust in uns noch mehr, so dass es stärker und stärker wird. Und irgendwann schauen wir dann Dinge an, von denen wir niemals für möglich gehalten hatten, dass wir sie jemals anschauen würden."

 

+ Warnung vor Satan

Sehr hilfreich ist die Warnung vor dem Teufel und seinen Taktiken. Das kommt auf den Seiten 61.62 deutlich hervor. „Eines muss man diesem Flüstern der Versuchung lassen: Alles klingt immer irgendwie logisch und gut begründet. Im Fall von Jesus zum Beispiel argumentiert diese leise Stimme mit einer Stelle aus der Bibel, also mit einem Auszug aus den Wahrheiten Gottes." Aber die Autorin zeigt auch, dass man überwinden und der Versuchung Satans widerstehen kann (S. 64).

 

+ Konsequent sein

Gut ist, dass Christine Rammler darauf hinweist, dass man konsequent sein muss, um zu einem Überwinder zu werden. „Veränderung fängt nicht an, wenn ich ‚vielleicht' sage. Freiheit ist nicht möglich, wenn ich ‚vielleicht' sage. Veränderung fängt an, wenn ich Ja sage." (S. 91)

 

- Unkenntnis der Schrift

Leider gibt es immer wieder im Buch Einzelheiten, die nicht mit Gottes Wort übereinstimmen. Beispielsweise liest man auf S. 22, dass Mose Gott zum ersten Mal in seinem Leben „erlebte“, als er vor dem brennenden Dornbusch stand. Natürlich „sah“ er Gott dort zum ersten Mal. Aber wie hätte er sich gegen Ägypten und für sein geliebtes Volk Israel entscheiden können, wenn er Gott nicht gekannt hätte? Diese Entscheidung traf er deutlich vor der Begegnung des Dornbuschs. Hat er Gott in den 40 Jahren bei seinem Schwiegervater nie erlebt? Das ist abwegig.

 

- Gottes Wort an Mose = Gottes Hilfe für Sünder?

Auf den Seiten 22.23 wird suggeriert, dass man die Zusagen Gottes an Mose auch auf jemanden beziehen kann, der in Sünde lebt (Pornografie). Als ob Gott einem solchen Menschen Mut zusprechen würde. Nein, Gott ist zu rein von Augen, um auf Sünde zu sehen (Hab 1,13). Und Er lässt uns nicht im Stich, wenn wir in Sünde gekommen sind. Dafür gibt es Bibelstellen wie 5. Mose 29. Niemand aber sollte der Illusion anhängen, Gott würde uns schon helfen, egal wie unser Zustand ist. Nein, Er erwartet von uns, dass wir mit dem Bösen brechen (wollen).

 

- Falsche Vorstellung von Gott

Dazu gehört auch, dass die Autorin nicht versteht, dass Gott Sünde im Leben eines Menschen nicht akzeptieren kann, schon gar nicht im Leben eines Gläubigen: „Gott hat ganz und gar kein Problem mit Deinem Pornoverhalten.“ (S. 88, auch S. 89.113). Doch! Gott hasst die Sünde. Er hat ein Problem mit unserer Sünde.

 

- Bekehrt? Unbekehrt

Immer mal wieder fragt man sich, ob derjenige, den Rammler anspricht, bekehrt oder unbekehrt ist (z. B. S. 42.44.93). Ein Unbekehrter muss zunächst seine Sündenschuld mit Gott bereinigen, das heißt, Jesus Christus als Retter annehmen. Vorher kann er gar keine Hilfe von Gott erwarten, da er zu Ihm überhaupt keine Beziehung besitzt.

 

- Sünde

Der furchtbare Missbrauch der Film-Darstellerinnen wird in diesem Buch nicht thematisiert. Auch das tiefe Leid der „Partnerinnen“ kommt zu kurz. Themen wie Schuld, Buße, Trauer und Zorn Gottes über Sünde im Leben von Gläubigen und besonders auch von Ungläubigen (siehe Eph 5,6; Kol 3,6) werden nicht oder nicht deutlich genug erwähnt. Leider wird heute auch unter Christen nur noch wenig über „Sünde“ gesprochen. Wir alle gewöhnen uns an, Sünde zu „verniedlichen“. Auch in diesem Buch kommt das Wort "Sünde" fast nie vor. Es verharmlost das, was wir im Ungehorsam Gott gegenüber tun, wenn es „nur noch“ um schädliche Lebensmuster etc. geht, die den Benutzer selbst zerstören (was ja auch stimmt). Durch eine (liebevolle aber) klare Sprache schrecken wir Leser nicht an, sondern helfen ihnen weiter.

 

- das Gipfelkreuz überschlagen?

Dieses Buch beschreibt in einem längeren Kapitel als Höhepunkt das Ankommen am Gipfelkreuz Eindrücklich berichtet die Autorin über das Kreuz und das Versöhnungswerk des Herrn. Aber wie kann man angesichts einer Leserschaft, die teilweise noch nicht gläubig ist oder wenig mit dem Glauben zu tun hat, im Kapitel davor vorschlagen, dieses zentrale Kapitel einfach zu überspringen und den Abstieg vom Gipfel in ein erneuertes Leben anzutreten - ohne Erneuerung, ohne Gott und seinen Geist? Mit keinem Wort wird erwähnt, dass diese Entscheidung in die Hölle führt.

 

- Gesetzlichkeit?

Eine große Herausforderung ist es, wie man seinen Pornografie-Konsum reduzieren bzw. einstellen kann. Ich bin vorsichtig, jedes „Nachhalten“ von Reduktion usw. direkt als gesetzlich zu brandmarken. Dennoch muss man hier sehr aufpassen, dass man sich nicht von 2 Stunden auf 1 Stunde pro Woche bewegt und das als „Erfolg“ verbucht. Das nämlich wäre Gesetzlichkeit. Denn dann sagt man sich: Jetzt bin ich schon besser, und ich arbeite weiter daran, Gott noch ein Stück mehr zu gefallen. In diese Richtung geht eine Bemerkung auf S. 57: „Probiere dich einfach aus und trainiere die hohe Kunst von Willenskraft und Selbstdisziplin.“ Es geht nicht um Willenskraft in uns und Selbstdisziplin. Dann werden wir früher oder später scheitern. Wir müssen uns ganz auf Gott stützen. Nur so werden wir überwinden können.

 

- Unehrerbietig gegenüber dem Herrn Jesus

Aus meiner Sicht besteht da vielleicht größte Problem dieses Buches darin, dass die Autorin mehrfach in unehrerbietiger Weise über den Herrn Jesus spricht. Das sind nicht viele Passagen. Aber wo immer man unseren Retter nicht in seiner Vollkommenheit (an)erkennt, müssen wir uns als Gläubige heiligen, trennen. Vielleicht ist es schlicht Unkenntnis von Rammler, was die Person unseres Retters betrifft. Das wollen wir zu ihren Gunsten annehmen.

Beispielsweise schreibt sie, dass Satan all das, was Christus „über sich selbst geglaubt hat“, in Frage stellt. Der Herr Jesus hat überhaupt nichts über sich geglaubt. Er ist der ewige Sohn Gottes, der weiß, wer Er ist: der Sohn Gottes! (S. 61). Weiter heißt es: „Im Falle von Jesus will das leise Flüstern der Versuchung seinen Stolz mit unterschiedlichen Angeboten füttern.“ (S. 61) Unser Herr besaß keinen Stolz! Er hat sich auch nicht selbst an göttlichen Wahrheiten erinnern müssen (S. 64).

Besonders schlimme Passagen finden sich in diesem Zusammenhang auf den Seiten S. 109-111. Dieses Kapitel sollte man möglichst nicht lesen, weil es den Herrn Jesus in unbiblischer Weise beschreibt. Das Lesen verunreinigt uns.

 

- Gebetserhörung hängt nicht von uns ab

Christine Rammler suggeriert, dass die Wirkung unserer Gebete von der Art des Gebets abhängt: „Wie aktiv und konkret du betest, entscheidet also über die Durchschlagskraft deines Gebets und damit letztlich über deinen Erfolg.“ (S. 104). Das ist einfach nicht wahr! Gottes Liebe und Barmherzigkeit ist viel größer als unsere Vorstellungskraft! Als unsere schwachen Formulierungen. Wenn Gebetserhörungen von uns abhingen, hätte niemand „Erfolg“. Nein, alles hängt von Gott ab. Dennoch ist es wahr, dass Gott wünscht, dass wir so konkret wie möglich bitten. Wir sollten uns keineswegs hinter irgendwelchen Floskeln verstecken.

 

- Selbstvergebung gibt es nicht

Immer mal wieder liest und hört man davon, dass man sich selbst vergeben müsse. Dieser Gedanke hat allerdings in Gottes Wort keine Grundlage. Gott vergibt uns, wenn wir unsere Sünden bekennen (1. Joh 1,9). Darauf dürfen wir uns von Herzen stützen! Aber wir selbst haben uns nichts zu vergeben, wir können es auch gar nicht. Es ist letztlich der große Widersacher der Gläubigen, Satan, der uns einreden will: „Das war so schlimm, das kannst Du Dir selbst gar nicht vergeben.“ Und das Gewissen des Menschen, auch des Gläubigen, ist dann oft so unsicher, dass er sich dieses Misstrauen des Teufels einreden lässt. Nein, wir brauchen unsere eigene Vergebung nicht, weil wir Gottes Vergebung geschenkt bekommen. Und es geht allein darum, dass Gott uns vergibt. Und wenn wir etwas gegen einen Menschen getan haben, dann müssen wir es diesem ebenfalls bekennen. Die Aussage: „Ich entscheide mich auch, mir selbst zu vergeben“ (S. 104), ist somit leider irreführend und verstärkt das Problemgefühl, dass manche Christen haben: Kann ich mir das überhaupt vergeben? Nochmal: Nein, das kannst Du nicht, aber Du brauchst es auch nicht. Letztlich ist es sogar Hochmut, wenn man meint, man könne sich selbst vergeben. Auslöser könnte vielleicht sogar eine innere Angst sein. Aber vor Gott und seinem Urteil brauchen wir keine Angst zu haben. Er liebt uns und vergibt uns in unserem Retter, dem Herrn Jesus.

 

- Verheiratet?

Auch in diesem zweiten Buch von Rammler ist nicht klar, ob die Rede von Ehepaaren ist oder von Paaren, die unverheiratet zusammenleben. Diese Differenzierung sollte in einem christlichen Buch nicht ausgelassen werden. Dadurch kann man Lesern einen Weg deutlich machen, der in Übereinstimmung mit Gottes Wort ist und Gottes Gedanken ernst nimmt.

 

Empfehlung?

Kann man die Lektüre dieses Buches empfehlen? Ja, ich meine, dass diese Publikation hilfreich ist für solche Christen, die mit Pornografiesucht zu tun haben. Auch für Seelsorger auf diesem Gebiet. Die Schwächen habe ich aufgezeigt. Aber dieses Werk zeigt einen Weg mit Gott auf, durch den man aus dem Sumpf dieser Sünde herauskommt.

 

Ich wünsche Dir, dass Du das mit Gottes Hilfe schaffst, wenn Du mit Pornografie Last hast.

 

[August 2016]