07.06.2016 Ehe & Familie | Versammlung / Gemeinde | Fragen und Antworten

Wie verhält man sich gegenüber einem Gläubigen, der in der Sünde lebt? (FMN)

Frage:

Liebe Redaktion von „Folge mir nach",

 

eine Person aus meiner engsten Familie hat sich vom Herrn abgewandt und ist in die Welt gegangen und lebt - soweit ich das beurteilen kann - in einer ungöttlichen Beziehung mit einem Ungläubigen. Sie hat aber noch nicht am Brotbrechen teilgenommen.

 

Ich habe es auch aus dem Wort Gottes immer so verstanden, dass die Familie weiterhin mit einer solchen Person Kontakt haben darf oder sogar sollte, um dieses Familienmitglied auf den Herrn hinzuweisen.

 

Nun habe ich aber eine andere Frage: Wie ist es mit Freunden? Es geht mir speziell um den Vers in 1. Korinther 5,11: „Nun aber habe ich euch geschrieben, keinen Umgang zu haben, wenn jemand, der Bruder genannt wird, ein Hurer ist oder ein Habsüchtiger oder ein Götzendiener oder ein Schmäher oder ein Trunkenbold oder ein Räuber, mit einem solchen nicht einmal zu essen." Das hat mich verunsichert. Heißt das konkret, dass ich diese Person nicht einladen kann, wenn gläubige Freunde zu Besuch sind?

 

Meint „Bruder" in diesem Zusammenhang jemand, der schon in Gemeinschaft am Tisch des Herrn war, oder auch jemanden, der ganz allgemein ein Bruder/eine Schwester in der örtlichen Versammlung war?

 

Über eine Beantwortung dieser Frage wäre ich euch sehr dankbar, da auch in meiner Umgebung und Freundeskreis darüber Uneinigkeit oder Unsicherheit herrscht und niemand so recht weiß, was der Wille Gottes in dieser Frage ist.

 

Da ich glaube, dass es auch viele andere Glaubensgeschwister in dieser Situation gibt, möchte ich euch auch fragen, ob ihr die Frage demnächst einmal im „Folge mir nach" in der Fragenrubrik für alle öffentlich beantworten könnt.

 

Liebe Grüße, F.

 

Antwort:

Liebe F.,

 

herzlichen Dank für Deine Frage, die tatsächlich manche Gläubigen beschäftigt, lehrmäßig und auch praktisch. Es ist wichtig, sich auch bei diesem Thema an Gottes Wort zu halten.

 

Worum geht es in 1. Korinther 5?

 

Bevor ich auf die Frage eingehe, wer „Bruder" nach 1. Korinther 5,11 ist, scheint es mir zweckmäßig zu sein, die Grundsätze zu erklären, die uns der Apostel in 1. Korinther 5 vorstellt. In Korinth hatte jemand, der als Gläubiger angesehen wurde, sexuellen Verkehr mit seiner Stiefmutter. Paulus erklärt anhand des Bildes vom Sauerteig den Grundsatz, dass Gemeinschaft mit jemand, der sich in einem solch bösen Zustand befindet, verunreinigt (Verse 6-8). Gott duldet eine solche Verbindung nicht unter den Gläubigen, denn sie verunehrt und beleidigt Ihn und macht den Gläubigen, der sich diese Gemeinschaft erlaubt, im Blick auf sein Glaubensleben unrein. Gott nennt die Sünde „Sauerteig". Sauerteig ist dadurch geprägt, dass er sich in einem Teig ausbreitet. Genauso ist es mit Sünde, die nicht bekannt und gelassen wird. Sie trägt in sich den Charakter, dass sie sich verbreitet und jeden verunreinigt, der sich mit ihr oder demjenigen, der in Sünde lebt, einlässt. Daher erwartet Gott von uns, dass wir uns von diesem Sauerteig trennen und ihn aktiv ausfegen. Nur durch die Trennung von jemand, der in Sünde lebt, ist es möglich, praktisch dem zu entsprechen, was wir der Stellung nach sind: rein.

 

Diesen Grundsatz wendet der Apostel im Folgenden auf die Korinther und damit auf das praktische Glaubensleben der Versammlung an. Er zeigt, dass es nicht darum geht, keinen Kontakt mit den Menschen der uns umgebenden Gesellschaft zuzulassen (Verse 9.10). Dann müssten wir aus dieser Welt hinausgehen, denn unsere Gesellschaft wimmelt von Menschen dieser sündigen Lebenspraxis. Wir können diese Welt nicht verlassen. Den Kontakt aber zu denen, die zu den Gläubigen gezählt werden, müssen wir aufgeben.

 

Der Apostel nennt eine Reihe von Beispielen für einen sündigen Zustand eines Christen (Vers 11), um das zuvor erläuterte Prinzip zu veranschaulichen. Diese Aufzählung ist beispielhaft und nicht erschöpfend. Nur durch eine konsequente Wegwendung von einem solchen, der Christ genannt wird, den Paulus „Bösen" nennt, kommt man der Verantwortung nach, die Gottes Wort uns auferlegt. Dazu gehört, keinerlei Umgang mit einer solchen Person zu pflegen, ja nicht einmal mit ihr zu essen. Gerade durch das gemeinsame Essen wird nämlich in diesem Fall Gemeinschaft ausgedrückt.

 

Paulus begründet diese Haltung und dieses Verhalten damit, dass wir diejenigen zu richten haben, die drinnen sind. Sie sind als Christen bekannt, so dass wir ihnen gegenüber Pflichten besitzen, die wir nach „draußen" zu Ungläubigen nicht wahrnehmen können. Mit „richten" meint Paulus die Fähigkeit zu unterscheiden, zu beurteilen und in diesem Fall auch den sündigen Lebensstil zu verurteilen.

 

Was heißt „Bruder" in 1. Korinther 5?

 

Im Allgemeinen wenden Gläubige diese Belehrungen von 1. Korinther 5 auf jemand an, der am Brotbrechen teilnimmt. Der Apostel bezieht diese Anweisung auf „jemand, der Bruder genannt wird".  Wen meint er damit?

 

Mehr als zehnmal benutzt Paulus in diesem Brief den Ausdruck „Bruder", das erste Mal schon im ersten Vers des ersten Kapitels. Einer der Absender dieses Briefes ist Sosthenes, „der Bruder". Offensichtlich meint Paulus mit „Bruder" jemand, der an den Herrn Jesus glaubt und dessen Sünden vergeben sind.

 

In 1. Korinther 5,11 heißt es nun nicht, dass der Angesprochene ein Bruder ist, sondern dass er so genannt wird. Das heißt, er wurde in Korinth als jemand angesehen, der gläubig ist. Er bekannte sich zu dem christlichen Glauben und lebte inmitten der Gläubigen.

 

Wodurch bekennt man den christlichen Glauben? Dadurch, dass man das anderen gegenüber sagt. Wer sich taufen lässt, bekennt sich dadurch auch zum Herrn Jesus. Natürlich gehört zu einem solchen Bekenntnis normalerweise auch, dass man den Glauben im täglichen Leben verwirklicht.

 

Ein Bekenntnis aber kann wahr oder falsch sein. Die Person in 1. Korinther 5 war als Christ bekannt und hat zuvor christlich gelebt. Aber dann kam ein Augenblick, wo dieser Mann begann, Hurerei mit seiner Stiefmutter zu treiben und somit ein Leben in moralischer Sünde zu führen. Jetzt bekannte er sich zwar noch zum Glauben und hielt sich zu den Gläubigen, aber sein Leben entsprach diesem Bekenntnis nicht mehr.

 

Ist man nur dann „Bruder", wenn man am Brotbrechen (Abendmahl) teilnimmt?

 

Es gibt manche Christen, die zwar getauft sind und die Zusammenkünfte besuchen, aber nicht am Brotbrechen teilnehmen. Wenn sie getauft sind und sich als Christen zu erkennen gegeben haben, werden sie natürlich als „Bruder" (oder Schwester) angesehen und geachtet. Sie sind also Beispiele für jemand, der nach 1. Korinther 5,11 „Bruder genannt wird", selbst wenn sie (noch) nicht am Gedächtnismahl teilnehmen. Und entsprechend ist auch ihre Verantwortung.

 

Es ist übrigens ein Irrtum zu meinen, dass man deshalb, weil man nicht am Brotbrechen teilnimmt, frei ist, zu sündigen oder in Sünde zu leben. Ein ebensolcher Denkfehler liegt vor, wenn man meint, weil die in Sünde lebende Person nicht am Brotbrechen teilnimmt, könnten wir weiter Umgang mit ihr pflegen. Bruder ist man auch dann, wenn man den Tod des Herrn (noch) nicht verkündigt. Daher findet der Grundsatz von 1. Korinther 5 auch auf eine solche Person Anwendung.

 

Freundschaften - Treffen

 

Manche versuchen, sich dieser Versammlungszucht durch Weggehen von den Zusammenkünften und von den Gläubigen an diesem Ort zu entziehen. Andere haben nicht am Brotbrechen teilgenommen und schließen sich jetzt einer christliche „Gemeinde" ihrer Wahl an. Doch in allen Fällen handelt es sich um jemanden, der Bruder genannt wird, und deshalb muss der Grundsatz dieses Kapitels angewendet werden. Allerdings müssen die Dinge klar belegt sein. Es ist auch notwendig, die Sache den Glaubensgeschwistern am betreffenden Ort mitzuteilen. Selbst dann, wenn (noch) keine entsprechende Mitteilung gemacht wurde, bin ich gehalten, den Anweisungen von 1. Korinther 5 zu gehorchen. Denn ich weiß ja von einem solchen sündigen Zustand und ich weiß auch, dass entsprechende, intensive Bemühungen, eine Umkehr und Wiederherstellung zu bewirken, ergebnislos verlaufen sind.

 

Es sollte deutlich sein, dass dieses Hinaustun ein Zusammensein junger Leute mit jemand unmöglich macht, der sich als „Böser“ (1. Kor 5,13) offenbart hat. Den Sonderfall, wie man mit den engsten Familienangehörigen umgeht, behandeln wir später. Aber Umgang in Form persönlicher Kontakte oder eines gemeinsamen Essens über die engste Familie hinaus wäre nach meinem Verständnis von 1. Korinther 5 Ungehorsam diesen Versen gegenüber. Wenn man vorher mit einem Christen befreundet war, der jetzt in Sünde lebt, kann man nach Vers 11 keinen Umgang mehr mit ihm halten. Dass damit das Pflegen einer Freundschaft unmöglich wird, muss nicht betont werden. Das trifft dann auch auf den in Deiner Frage genannten Fall zu, eine solche Person mit anderen gläubigen Freunden zusammen einzuladen. Das gilt im Übrigen auch für Feiern, die über die engste Familie hinausgehen. Das ist für die betreffende Person nicht leicht und tut weh. Aber wir dürfen wissen: Es ist der von Gott vorgesehene Weg – auch zur Wiederherstellung des Freundes. Das gibt Kraft auch für solche schwierigen und schweren Situationen.

 

Kann man einem „Ausgeschlossenen" nicht dadurch helfen, dass man Kontakt hält?

 

Manchmal wird gefragt, ob man denjenigen, der jetzt in Sünde lebt, nicht dadurch besser gewinnen kann, dass man Kontakt hält. Kann man ihn nicht immer (mal) wieder auf sein falsches Leben hinweisen? Das aber lässt 1. Korinther 5 nicht zu. Vers 5 lässt die Hoffnung und das Gebet des Apostels erahnen, dass der Böse noch zur Einsicht, Umkehr und zu einem aufrichtigen Bekenntnis kommt: „damit der Geist errettet werde" (1. Kor 5,5). Tatsächlich ist ein Ziel des Ausschlusses die Wiederherstellung des Betroffenen. Er soll innerlich zur Umkehr kommen, die „Buße zum Heil" erfahren (2. Kor 7,10). Doch gerade wegen seines sündigen Zustands benötigt er diese „Traurigkeit" der Trennung von den Geschwistern. Die Strafe von den Vielen soll enden, wenn seine innere Umkehr deutlich geworden und durch ein verändertes Leben auch glaubwürdig ist. Die Versammlung darf und soll ihm dann vergeben und ermuntern, ihm gegenüber Liebe zeigen (2. Kor 2,7.8).

 

Wir müssen bedenken, dass Gott besser weiß als wir, wie ein solcher Böser (Vers 13) zur Umkehr kommt. Gott sagt ausdrücklich, dass wir keinen Umgang mit einer solchen Person haben sollen, nicht einmal mit ihr essen dürfen. Wenn wir uns daran halten, ist das die beste Voraussetzung dafür, dass er zur Einsicht kommt. Er muss natürlich auch wollen. Durch Kontakthalten, vielleicht mit dem gut gemeinten Ziel, ihm innerlich zu helfen, zerstören wir geradezu die züchtigende Handlung und bewirken das Gegenteil dessen, was bezweckt werden soll. Besonders misslich ist, wenn sich manche an dieses Wort halten, andere dagegen die Zucht unterlaufen und z. B. an einem Treffen mit einem „Bösen" teilnehmen. Diese Spaltung inmitten der Gläubigen hat immer wieder Schaden bewirkt.

 

Diejenigen, die in Sünde leben, fühlen sich eines Sinnes mit denen, die sie weiter begrüßen und aufnehmen. Aus ihrer Sicht sind das die Christen, die „christlich" leben, obwohl in Wirklichkeit das Gegenteil der Fall ist. Zugleich lehnen sie die Gläubigen ab, die sich schweren Herzens an die Zuchthandlung der örtlichen Versammlung halten und den „Bösen" isolieren. Dadurch verfehlt die Zucht ihre Wirkung. Paulus spricht einmal sogar davon, dass man, vielleicht ungewollt, die Versammlung Gottes verachten kann (1. Kor 11,22). Man muss sich bewusst machen, dass man durch unbiblisches Verhalten sogar Schuld im Blick auf den Ausgeschlossenen und seine Wiederherstellung auf sich lädt.

 

Manche meinen auch, dass man Christen, die zum Beispiel durch Süchte (Alkohol, Drogen, usw.) in Sünde leben, wenigstens seelsorgerliche oder therapeutische Hilfestellungen geben sollte. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass der Apostel in 1. Korinther 5 mit dem Hinweis auf den Trunkenbold etwas nennt, was mit einer Sucht in Verbindung steht. Selbst in diesem Fall spricht er nicht davon, dass man während der Ausschlusszeit und vor der Wiederaufnahme als Hirte (Seelsorger) geistliche Hilfestellung geben sollte. Tatsächlich ist es so, dass man im Vorfeld des Wegwendens und Hinaustuns längst solche Ratschläge erteilt hat. Wenn der Betroffene diese nicht angenommen hat, ist das ein Hinweis darauf, dass er nicht will. Die Empfehlungen selbst wird er wohl kaum vergessen haben, wenn ein Ausschluss aus der Versammlung erfolgt ist. Wir sollten auch in diesem Punkt nicht über Gottes Wort hinausgehen. Gott weiß, was Er tut, wenn Er selbst mit dem „Bösen" handeln will: „Die aber draußen sind, richtet Gott" (V. 12). Das heißt natürlich nicht, dass ein Betroffener nicht nach wie vor beispielsweise zu einem (gläubigen) Arzt gehen kann, um medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Der Arzt behandelt ihn nicht als Gläubigen, sondern als Patienten.

 

Was ist mit der Familie des Betroffenen?

 

Nachdem wir die Grundsätze des Wortes Gottes zu dieser Frage überdacht haben, bleibt Deine Eingangsfrage übrig: Was ist, wenn es sich um meinen engen Verwandten handelt?

 

Diese Frage ist nicht so ganz leicht zu beantworten. Denn wir finden dazu im Neuen Testament keine konkrete Antwort. Es ist klar, dass der Apostel Paulus in 1. Korinther 5 nicht über die (blutsverwandte) Familie spricht, sondern über die Beziehungen in der Versammlung Gottes. Dadurch sollte deutlich werden, dass Beziehungen im engsten natürlichen Bereich (Eltern, leibliche Geschwister) bestehen bleiben. Mein leiblicher Bruder bleibt mein Bruder, auch wenn er in Sünde lebt. Der Ehemann einer Gläubigen, der sich als Böser erweist, bleibt Ehepartner.

 

Heißt das, dass man diese Beziehung im konkreten Fall weiter dafür nutzen sollte, seelsorgerlich an der Person weiterzuwirken, die in Sünde lebt? Es geht nicht darum, Regeln aufzustellen, sondern den Blick für die Grundsätze zu schärfen. Dann wird der Herr auch in jedem konkreten Fall ein geistliches Verhalten wirken. Wir müssen in jedem Fall aufpassen, nicht im Widerspruch zu den Belehrungen von 1. Korinther 5 zu handeln. Das Verbot des weiteren Umgangs mit dem „Bösen" nach 1. Korinther 5 zeigt nach meinem Verständnis, dass man den Betroffenen durch biblische Hinweise gerade nicht dafür gewinnen konnte, sein sündiges Leben aufzugeben. Wenn jemand sich trotz Warnung, Ermahnung und anderer Hilfestellungen entschieden hat, in der Sünde zu verharren, sind die geistlichen Bemühungen der Versammlung ausdrücklich zu Ende gekommen. Sie übergibt einen solchen dann dem Herrn, damit Er die Person durch seine göttliche Zucht zur Einsicht bringt. Die Familie darf und wird sich vom Herrn Weisheit erbitten, dies bei ihren Kontakten zu beachten, ohne die familiären Beziehungen zum Ausgeschlossenen ganz aufzugeben.

 

Diese Thematik ist nicht einfach, sie bringt viel Not, manche Tränen - und hoffentlich auch intensives Gebet hervor. Zudem sollten wir den betroffenen Familien/Freunden solcher Personen unsere Anteilnahme auf geeignete Weise bekunden. Gerade Eltern, aber auch Freunde fühlen sich innerlich getroffen. Da benötigen wir Gnade und Weisheit im Umgang miteinander. Aber wir dürfen sicher sein: Dem Herrn gehorsam zu sein ist zum Segen - für den Betroffenen, für unsere Mitgläubigen und auch für uns selbst. So werden wir Gott ehren.

 

Die Antwort ist jetzt etwas länger ausgefallen. Aber ich hoffe, dass die Zusammenhänge dadurch klarer geworden sind. Wenn für Dich noch Fragen offengeblieben sind, kannst Du gerne noch einmal nachhaken.

 

Herzliche Grüße im Herrn Jesus Christus

 

Manuel Seibel

 

Folge mir nach - Heft 6/2016