23.06.2015Versammlung / Gemeinde | Persönlicher Glaube

Gibt es die „Zungenrede“ heute noch?

Dieser Text ist keine ausführliche Auseinandersetzung mit diesem Thema. Dazu gibt es inzwischen ausreichend Literatur. Er soll nur zum Nachdenken anregen.

 

Kürzlich las ich wieder einmal ein Pro & Kontra zu diesem Thema. Weil es eine äußerlich beeindruckende Sache ist, fasziniert sie viele. Gerade das Fleisch im Gläubigen ist anfällig für solche menschlich beeindruckenden Erscheinungen. Wie aber müssen wir die heutige Erscheinung beurteilen? Dazu ein paar Gedankenanregungen.

 

1.    Das Wort, das in Apostelgeschichte 2, 1. Korinther 12-14 und an anderen Stellen benutzt wird, bedeutet Sprache oder Zunge. Weil man bei dem „Zungenreden" heute fast nie eine Sprache erkennen kann, hat man sich in den betroffenen Kreisen auf den Ausdruck „Zungenreden" geeinigt. Damit ist es nicht (mehr) nötig, eine echte Sprache bei dieser „Gabe" zu sprechen. Es kann ja auch eine Engelssprache sein - wie man meint - die niemand versteht (vgl. 1. Kor 13,1). Damit geht man der Kritik aus dem Weg, dass es nur ein Lallen ist (was es in den meisten Fällen de facto auch ist).

2.    Was sagt Paulus in 1. Korinther 14: „Ich will in der Versammlung lieber fünf Worte reden mit meinem Verstand, um auch andere zu unterweisen, als 10.000 Worte in einer Sprache" (Vers 19). Ein Christ sollte seinen Verstand nie ausschalten. An jeder anderen Stelle würde man sagen: Sie sind von Sinnen! - wenn man ein solches Lallen hört (ich habe es einmal mit anhören müssen - es war grässlich, idiotisch, Sinn-los!).

3.    Nach Apostelgeschichte 2 und 1. Korinther 14 handelte es eindeutig um existierende Sprachen, die derjenige, der in Sprachen redete, nicht gelernt hat, die er aber aussprechen konnte, weil es eine Gabe Gottes war. Mit anderen Worten: Was heute beim sogenannten Zungenreden keine echte Sprache darstellt, kann nicht von oben kommen, von Gott.

4.    Für wen war die Sprachengabe? „Daher sind die Sprachen zu einem Zeichen, nicht den Glaubenden, sondern den Ungläubigen" (1. Kor 14,22). Wer diese Zielvorgabe des Apostels Paulus übersieht, missbraucht das Sprachenreden. Paulus verbietet es nicht, wenn keine Ungläubigen da sind - auch hier müssen wir vorsichtig sein. Aber ein Sprachenreden im Gottesdienst war nie der Sinn dieser Gabe.

5.    Paulus beschränkte den Gebrauch auf maximal zwei oder drei, und nur nacheinander (1. Kor 14,27). Wenn also im Gottesdienst Gläubige in Zungen beten, und das parallel, sind sie dem Wort Gottes ungehorsam. Es ist nicht nacheinander. Wenn in einer Zusammenkunft mehr als drei in Zungen reden, wäre es allein dadurch schon Ungehorsam. Das kann nicht von oben sein, von Gott.

6.    Paulus gebietet, dass das Sprachenreden nicht ohne Ausleger, Übersetzer eingesetzt werden darf. „Wenn aber kein Ausleger da ist, so schweige er in der Versammlung, rede aber sich selbst und Gott" (1. Kor 14,28). Wenn also heute in Zungen gesprochen wird, ohne dass dies unmittelbar danach erklärt und ausgelegt wird, handelt man im Ungehorsam Gott gegenüber. Das kann nicht von oben sein, von Gott.

7.    Es ist nie davon die Rede, dass alle in einer Sprache reden. Im Gegenteil! „Reden alle in Sprachen? Legen alle aus?" (1. Kor 12,30). Es ist also die Gabe von Einzelnen, nicht von Vielen. Wo daher die Gläubigen unter Druck gesetzt werden, dass sie nicht geistlich genug seien, sonst könnten sie in Sprachen reden, widerspricht man dieser rhetorischen Frage von Paulus. Das kann nicht von oben sein, von Gott.

8.    In Hebräer 2,3.4 wird davon gesprochen, dass die Wunderwirkungen am „Anfang" der christlichen Zeit Gottes bestätigende Begleitung der neuen Botschaft, der christlichen Verkündigung waren. Dort wird bemerkenswerterweise in der Vergangenheitsform geredet. Dazu passt, dass Kirchenväter davon gesprochen haben, dass sie und ihre Zeitgenossen keine Ahnung hätten, wovon konkret die Apostel gesprochen hätten. Man kann im 2. Jahrhundert etc. diese Wundergaben nicht mehr. Eigentümlich, dass sie in unserer Zeit (im 20. Jahrhundert) auf einmal auftauchte. Das zeigt deutlich: Das kann nicht von oben sein, von Gott.

9.    In 1. Korinther 13,8 sagt der Apostel Paulus, der selbst in Sprachen geredet hat, dass die Sprachen aufhören würden. Er benutzt dazu ein Wort für aufhören, das von einem Abklingen nach und nach zeugt. Wie ein kleines Flüsschen, das zu einem Bach wird und versickert. Das ist offenbar schon am Ende des ersten Jahrhundert gewesen. Von einem großen neuen Fluss am Ende der Zeit ist keine Rede.

10. Wie könnte Gott den traurigen Zustand der Zerrissenheit der Gläubigen heute durch solche Wunder bestätigen? Wir leben in den letzten Tagen. In den letzten Tagen der jüdischen Zeit vor dem ersten Kommen Jesu gab es keine äußerlichen Krafterweisungen. Johannes der Täufer sprach mit großer moralischer Kraft, aber er tat kein einziges Zeichen. Unser Herr eröffnete eine neue Zeit - und tat viele Wunder.

 

Wir wollen uns demütigen unter den Zustand der Gläubigen auf der Erde und nicht einer Zungenrede nachlaufen, die sich an das Fleisch des Gläubigen wendet, nicht aber von Gott kommt. Sie ist bestenfalls von Menschen inspiriert.