27.06.2004Lebensbilder

Miller, Andrew Miller (1810 - 1883)

Noch während Andrew Miller seiner großen Firma vorstand, war er längere Zeit Laienprediger einer schottischen Baptistengemeinde in London, für die er selbst die Kapelle hatte bauen lassen. Wenn er in London weilte, predigte er in seiner Kapelle, aber fast die Hälfte seiner Zeit war er damit beschäftigt, bei Evangelisationsarbeiten in verschiedenen Gegenden des Landes behilflich zu sein.

Nach Andrew Millers eigenem Bericht wurde er in dieser Zeit von einem Christen eingeladen, einer Bibelstunde beizuwohnen, die jede Woche in dessen Hause stattfand. Er nahm die Einladung an, aber da ihm diese Art von Zusammenkünften völlig fremd war, ging er im Abendanzug dort hin, um dann zu seinem Schrecken zu entdecken, daß er der einzige so gekleidete Gast war! Man begab sich zunächst zu einem Imbiß ins Eßzimmer, und daran anschließend fand im Wohnzimmer die Wortbetrachtung statt. Nach dem Gebet wurde ein Abschnitt aus der Heiligen Schrift ehrfürchtig verlesen, und es folgte eine äußerst fesselnde Unterhaltung, in der die Wahrheiten der Bibel erklärt wurden.

Andrew Miller entdeckte, daß ihm alle diese Wahrheiten noch völlig fremd waren; er vergaß seine aus dem Rahmen fallende Kleidung und beschloß, auch die nächste Bibelstunde zu besuchen, wenn der Gastgeber ihn wieder dazu einladen würde. So geschah es, und während er nun Woche für Woche die Stunden aufsuchte, lernte er mehr und mehr die wunderbare Wahrheit Gottes, Seine großen Ratschlüsse und Seine Liebe und Gnade in der Erlösung verstehen.

So kam es dazu, daß er eines Sonntags in den Jahren 1852 oder 1853 seiner Gemeinde mitteilte, er könne nicht länger ihr Prediger sein. Von der nächsten Woche an wolle er sich nur noch mit denen versammeln, die, wie er, die biblischen Grundsätze des Zusammenkommens im Namen des Herrn Jesus anerkannten und zu verwirklichen suchten. Der größte Teil seiner Gemeinde kam am nächsten Sonntag wieder, um sich von nun an in Absonderung vom Bösen auf der Grundlage der Einheit des Leibes Christi zu versammeln. Von dieser Zeit an begann Andrew Miller einen mehr und mehr geschätzten Platz unter den Brüdern einzunehmen, mit denen er nun vereint war.

Er war ein Evangelist mit einem Herzen voll Liebe zu den Verlorenen und wurde für viele alte und junge Seelen das Werkzeug zur Bekehrung. Selten verkündigte er das Evangelium, ohne daß Tränen über seine Wangen strömten, wenn er von der Liebe des Herrn Jesus sprach und die Gewissen seiner Zuhörer wachrütteln wollte. Es war sein großer Kummer, zu sehen, wie wenig Interesse für das Evangelium in vielen Versammlungen, die er besuchte, vorhanden war.

Aber als hochbegabter Redner konnte Andrew Miller auch seine gläubigen Zuhörer so fesseln, daß sie ihm außergewöhnlich lange bei seinen Vorträgen zuhören konnten, ohne daß sie ermüdeten. Er wurde deshalb von vielen der begabteste Redner unter den älteren Brüdern genannt.

Andrew Miller war eng mit C. H. Mackintosh (siehe Seite 82) befreundet, mit dem er ab 1858 viele Jahre gemeinsam die Monatsschrift „Things New and Old" (Neues und Altes) herausgab. In diesen Heftchen, die vielen zum Segen dienten, wurde in einfacher und klarer, aber gleichzeitig in gründlicher und liebevoller Weise die Wahrheit für Gläubige dargelegt. Andrew Miller war es auch, der C. H. Mackintosh zum Schreiben der Betrachtungen über die fünf Bücher Mose ermunterte; er schrieb selbst ein Vorwort dazu und finanzierte großenteils ihren Druck.

Am bekanntesten ist wohl Andrew Millers dreibändiges Werk über die Kirchengeschichte, das schon 1888 auch in deutscher Übersetzung erschien. Er schrieb auch eine kurze Übersicht über den Ursprung, die Entwicklung und das Zeugnis der allgemein sogenannten „Brüder". Bekannt sind auch seine Betrachtungen über das Lied der Lieder und über die Psalmen 23 und 84.

Andrew Miller war auch ein enger Freund John Nelson Darbys (siehe Seite 40). Als dieser schon auf seinem Sterbebett lag, befand sich Andrew Miller gerade schwerkrank in Bournemouth. Täglich erkundigte sich J. N. Darby nach Andrew Millers Wohlergehen. Ungefähr ein Jahr später, am 8. Mai 1883, ging auch Andrew Miller heim zu seinem Herrn. Er hatte viel für Ihn gearbeitet und mußte vor seinem Ende noch schwer leiden. Als er am Schluß seines Lebens auf die Vergangenheit zurückschaute, die Gegenwart betrachtete und in die Zukunft vorausblickte, rief er einmal mit großem Nachdruck aus tiefster Seele aus: „Nichts zählt als Christus allein!"
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