14.10.2014 Persönlicher Glaube

Auserwählt „nur“ nach Vorkenntnis Gottes (FMN)

Frage:

Manche Gläubige verstehen unter der „Auserwählung vor Grundlegung der Welt" eine Auswahl, die Gott selektiv getroffen hat. Sie meinen, dass Gott ohne Rücksicht auf das Leben der Menschen einige von ihnen für sich auserwählt hat, andere aber nicht. Ist das nicht ungerecht?

Und steht das nicht im Widerspruch zu 1. Petrus 1,1.2? Dort schreibt der Apostel Petrus an Gläubige, „auserwählt nach Vorkenntnis Gottes, des Vaters". Das heißt doch, dass Gott Menschen nicht „einfach so" auserwählt hat, sondern sie deshalb auserwählt hat, weil Er wusste, dass sie sich bekehren würden. Oder wie ist dieser Vers zu verstehen?

 

Antwort:

Deine Frage gliedert sich in zwei Teile, auf die ich gerne jeweils einzeln eingehen möchte.

  1. Zunächst geht es um die Gerechtigkeit Gottes. Dabei ist es ganz wichtig festzuhalten, dass Gott immer gerecht handelt. Das ist Er sich selbst schuldig, da Er Licht und Liebe ist. Wir können sein Handeln manchmal, vielleicht sogar oft nicht verstehen. Aber wenn wir das Vertrauen aufgeben, dass Er gerecht ist, werden wir in vielen Lebensbereichen Zweifel bekommen. Und das führt dazu, dass unsere Glaubensbeziehung zu Gott nicht mehr vertrauensvoll sein kann..
    Dass Gott niemals ungerecht handelt, wird allein daran deutlich, dass Er keinen Menschen verdammt, weil dieser nicht auserwählt worden ist. Für die Verdammnis ist allein der Mensch selbst verantwortlich, und zwar durch sein Ablehnen der göttlichen Gnade. Andererseits aber ist Gott, eben weil Er Gott ist, frei (und zugleich gerecht, weil Er nie gegen diese Gerechtigkeit handelt), wenn Er Menschen Gnade erweist. Das hat Er in der Auserwählung getan. Wir können seine Liebe zu uns nicht verstehen, sondern nur bewundern; das heißt denjenigen, der uns so geliebt hat.
  2. Nun komme ich zu 1. Petrus 1,1.2. Hier steht tatsächlich, dass Gott Menschen „nach Vorkenntnis" auserwählt hat. Ist das ein Widerspruch zu Epheser 1,4? Keineswegs! Beides liegt auf einer Linie.
    Zunächst stellt sich die Frage: Ist „Vorkenntnis" eine Art „passives" vorheriges Wissen, oder bedeutet es ein aktives ins Auge fassen, ein im Voraus Ausersehen? In Römer 8,29 wird das Zuvorerkennen mit dem Vorsatz der Berufung verbunden. Hier ist zweifellos ein aktives Ausersehen (und nicht einfach ein vorheriges Wissen) gemeint. Und bei Petrus? Spricht er im Unterschied zum Apostel Paulus nicht oft die Themen von einer praktischen Seite an? Richtig. Aber auch er bezieht den Ratschluss Gottes mit ein. Das wird sofort deutlich, wenn man 1. Petrus 1,20.21 liest: Wir sind nicht mit vergänglichen Dingen erlöst worden, „sondern mit dem kostbaren Blut Christi ...; der zwar zuvor erkannt ist vor Grundlegung der Welt, aber offenbart worden ist am Ende der Zeiten um euretwillen." Petrus zeigt ganz deutlich, dass das Werk Christi Teil des Ratschlusses Gottes ist. Aber es kommt noch etwas hinzu, was sehr wichtig ist: Die Vorkenntnis Gottes bezieht nicht einfach auf das Tun des Menschen (Bekehrung usw.), sondern auf die Personen selbst. Das gilt sowohl für Christus als auch für uns. Gott setzt Personen zur Erlangung der Errettung (1. Thes 5,9), Gott wählt Personen zur Errettung (2. Thes 2,13), und Gott „auserwählt" Personen nach seiner Vorkenntnis (1. Pet 1,2).
    Natürlich wusste Gott schon immer, wer sich bekehren würde. Aber wenn Er tatsächlich Menschen auserwählt hätte, weil Er wusste, dass sie sich bekehren würden, wäre es keine echte, aktive Auserwählung gewesen. Dann hätte Er reagiert, nicht agiert. Gott ist unumschränkt und souverän, auch unabhängig von seiner Allwissenheit im Blick auf die Bekehrung eines Menschen das zu tun, was sein souveräner Wille der Liebe ist.

Gerne füge ich Gedanken zu diesem zweiten Teil der Frage an, die man in dem Buch „Von Gott verstoßen?" (S. 28.29) von Christian Briem nachlesen kann:

„Es ist auch für uns von äußerster Wichtigkeit, dieser Wahrheit unser Herz zu öffnen. Wie leicht gehen wir mit menschlichen Erwägungen an das Wunder der Gnade Gottes heran, um es uns irgendwie erklärbar zu machen! Doch das ist letzten Endes nichts anderes als Unglaube. Manche haben sich nämlich die Auserwählung aufseiten Gottes so vorgestellt, dass Gott in Seiner Allwissenheit eben das Tun der Menschen voraussieht und dann aufgrund dieser Kenntnis seine Auswahl trifft. Zur Begründung wird gewöhnlich auf 1. Petrus 1, 1.2 verwiesen, wo wir die Worte ‚auserwählt nach Vorkenntnis Gottes, des Vaters' finden. Doch mit dieser Stelle kann man nicht ein derart passives, unbeteiligtes Vorherwissen Gottes beweisen. Weder der 20. Vers in demselben Kapitel noch der 29. Vers in Römer 8, wo jeweils das entsprechende Verb „vorherwissen" oder „zuvorerkennen" vorkommt, geben solch einem Gedanken Raum. Viel eher weisen sie auf eine gewisse Aktivität Gottes in seinem Zuvorerkennen hin. Auch bezieht sich dieses Vorherwissen oder Zuvorerkennen Gottes in beiden Stellen auf Personen (einmal auf Christus selbst, einmal auf die Gläubigen), nicht aber auf ihr Verhalten oder ihren Zustand. Die Erwählung ist im Ratschluss Gottes, nicht im Tun des Menschen begründet."

 
Folge mir nach - Heft 10/2014