14.05.2014Versammlung / Gemeinde

Versammlung Gottes – auch in der Endzeit praktizierbar? (FMN)

1. Was die Versammlung Gottes ist

Alle Menschen sind von Natur aus verlorene Sünder. Aber jeder, der durch den Glauben an den Erlöser und Herrn Jesus errettet ist, ist nun in Ihm mit allen anderen Gläubigen vereint. Sie alle sind Glieder eines Leibes, der Versammlung (Gemeinde, griech. ekklesia) des lebendigen Gottes, Kinder eines Vaters, und dadurch Brüder und Schwestern. Alle von neuem geborenen und mit dem Heiligen Geist versiegelten Christen gehören zu diesem Bau oder Haus Gottes, dessen Grundlage der Fels Jesus Christus ist (Eph 2,20.21). Er baut selbst, indem Er lebendige Steine zu diesem Haus zufügt (Mt 16,18; 1. Pet 2,5). Was Er baut, ist „wohl zusammengefügt" (Eph 2,21) und besteht nur aus lebendigen Steinen. Sie alle werden einmal in der Herrlichkeit des Himmels sein.

Gott wollte nicht einen verborgenen Leib, ein unsichtbares Haus, sondern ein sichtbares Zeugnis seiner Gegenwart auf der Erde. Darauf weisen schon im Alten Testament das Zelt der Zusammenkunft in der Wüste und der Tempel in Jerusalem hin. In seiner Versammlung will Gott verherrlicht und bezeugt werden, in dreierlei Hinsicht:

1.     in seiner Liebe und Fürsorge in Christus (als Braut, die Frau des Lammes; Eph 5,25 ff.),

2.     in der Einheit und der Abhängigkeit (als Leib Christi; 1. Kor 12,12 ff.) und

3.     in seiner Autorität und anbetungswürdigen Größe und Heiligkeit (als Haus oder als Tempel Gottes; Eph 2,20).

Zu diesem Zweck hat Er seinen Erlösten seinen Heiligen Geist, sein Wort und anfänglich die Apostel und Propheten gegeben, die den Grund der Versammlung in der Verkündigung legten, aber auch die verschiedensten Gnadengaben, besonders die Evangelisten, Hirten und Lehrer (Eph 4,11–16).

2. Unsere Verantwortung

Hier müssen wir nun unterscheiden. Einerseits sehen wir die Gnade Gottes in Christus, die uns „alles betreffs des Lebens und der Gottseligkeit geschenkt hat" (2. Pet 1,3). Auf der anderen Seite steht unsere Verantwortung, das, was Er gegeben hat, zu seiner Ehre und zu unserem Segen rein zu bewahren. Paulus schreibt seinen ersten Brief an Timotheus, „damit du weißt, wie man [nicht nur Timotheus, sondern jeder Christ] sich verhalten soll im Haus Gottes" (1. Tim 3,15). Den Arbeitern an diesem Bau wird zugerufen: „Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut" (1. Kor 3,10). Uns allen gemeinsam sagt der Apostel: „Ich ermahne euch nun, ich, der Gefangene im Herrn, dass ihr würdig wandelt der Berufung, mit der ihr berufen worden seid" (Eph 4,1). Diese Berufung schließt persönliche und gemeinschaftliche Absonderung von der Welt und von jeder falschen „Religion" sowie die Trennung von dem offenbaren Bösen durch das Hinaustun aus der Mitte der Gläubigen mit ein (das aber nach Gottes Gnadenabsichten doch noch zur Zurechtbringung dienen soll; 2. Kor 6,14 ff; 1. Kor 10,20 – 22; 1. Kor 5; 2. Joh 10).

3. Ein Blick in die Kirchengeschichte

Wenn wir die neunzehn Jahrhunderte der Geschichte der Versammlung (Gemeinde) auf Erden zurückschauend überblicken, dann erkennen wir, dass sie nicht bei dem geblieben ist, was von Anfang an war. Diese Entwicklung wird prophetisch schon in Offenbarung 2 und 3 in den sieben Briefen an die Versammlungen vorausgesehen. Anstelle eines dem Himmel angehörenden Fremdlings ist die Versammlung praktisch eine auf Erden etablierte Macht geworden. Statt Liebe sehen wir Streitigkeiten und Hass, statt Einheit menschliche Gruppierungen, die man zum Teil noch als gottgewollt ansieht, und statt Heiligkeit unheilige Verbindung von Licht und Finsternis, z. B. beim Abendmahl usw.

Aber wir wollen und dürfen nicht nur das menschliche Versagen auf der ganzen Linie sehen. Wir erkennen auch dankbar, dass es sogar in den finstersten Zeiten des Mittelalters treue Überwinder gegeben hat. Ich denke dabei an die Waldenser, die Hussiten, schließlich auch an Luther, Zinzendorf und viele andere. Allen diesen Reformierungsbewegungen war eins gemeinsam: Sie erkannten den bedauerlichen Zustand der Versammlung, deren praktischer Zustand weit entfernt war von den Gedanken Gottes. Sie trauerten darüber und trennten sich mehr oder weniger davon. Aber sie hielten doch an manchen menschlichen Einrichtungen fest, die der Heiligen Schrift widersprechen (Ämter, Kirchenordnungen, Bekenntnisse usw.). Sie kehrten nicht vollständig zum Wort Gottes zurück. Es bildeten sich eben neue „Kirchen", die in ihrer Zeit im Vergleich zu dem Alten positiver dastanden.

4. Gott wirkt noch

Seit fast 200 Jahren bewirkte und bewirkt Gott in besonderer Weise in den Seelen vieler beunruhigter ernster Christen den Wunsch, sich einfach so zu versammeln, wie sie es in Gottes Wort lasen. Sie wollten sich daher nicht nur von den menschlichen und eigenwilligen kirchlichen Gemeinschaften trennen, d. h von den religiösen Systemen, in denen Gott nicht mehr frei wirken konnte, wie Er es will. Er nährte in ihnen auch das Verlangen, keine „besseren" Formen aufzubauen, die ja auch wieder menschlich wären, sondern auf jede menschliche Organisation überhaupt zu verzichten und nur nach dem Wort Gottes zu handeln. Er sieht das Herz an und sucht wirkliche Aufrichtigkeit.

Der Herr hat diesen Christen durch sein Wort klargemacht, dass sie sich damals und wir uns heute vollständig von unbiblischen Organisationen und verderblichen Lehren, die in der Christenheit ständig zunehmen, zu trennen haben. Dass es in den verschiedenen christlichen Gemeinschaften Gläubige gibt, die zu dem einen Leib Christi gehören, die Segen verbreiten und gesegnet werden, bleibt unbestritten und ist eine Tatsache, die uns dankbar macht. Gott berücksichtigt in seiner göttlichen Weisheit immer das Maß der persönlichen Erkenntnis und Aufrichtigkeit. Der Herr Jesus hatte ihnen jedoch auch deutlich gemacht, dass persönliche Treue und das Herausgehen aus unbiblischen Gemeinschaften allein nicht genügt. Dies ist nur der erste Schritt zu einem Ihm wohlgefälligen gemeinschaftlichen Handeln (2. Tim 2,19–22). Gott wollte in seiner Versammlung auf Erden ein sichtbares Zeugnis seines Wesens vor der ganzen Schöpfung erstellen, und Er hat es auch getan (1. Pet 2,9).

Um dies praktisch zu verwirklichen, ist es nötig, sich zu dem zurückzuwenden, was von Anfang an war. Das heißt, wir müssen uns fragen, wie dieses Zeugnis von seinem Wesen nach seinem Wort dargestellt werden soll. Dabei kann es sich nicht darum handeln, den „Urzustand" der Versammlung Gottes wiederherzustellen. Die Zeit, in der Gott durch Zeichen, Wunder usw. mitwirkte, ist vorüber (Heb 2,4). Auch die sichtbare, öffentliche Einheit des ganzen Volkes Gottes ist nicht mehr vorhanden. Sie kann auch nicht wiederhergestellt werden.

Die Antwort auf dieses scheinbare Dilemma ist einfach: Gottes Wort bleibt Gottes Wort. Auch heute kann jeder aus Liebe zum Herrn Jesus, „der die Versammlung geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat“ (Eph 5,25), zurückkehren zu den bleibenden Grundsätzen des unveränderlichen Wortes Gottes. Wenn Gläubige dies in aufrichtiger Liebe zu ihrem Erlöser und Herrn tun, dürfen sie auch auf seine Verheißung vertrauen: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte" (Mt 18,20). Denn auch in einer Zeit, in der die Christen auf viele verschiedene christliche Gruppierungen zerstreut sind, kann man „als Versammlung“ zusammenkommen (1. Kor 11,18), wenn man sich nach dem Wort Gottes richtet und die Einheit des Geistes im Band des Friedens bewahrt (Eph 4,3). Es mögen nur wenige Erlöste an einem solchen Ort zusammenkommen. Wenn sie es jedoch im Gehorsam Gott gegenüber tun und in ihren Herzen alle Kinder Gottes in dem einen Leib Christi sehen und dementsprechend handeln, stellen sie diese Versammlung Gottes an ihrem Ort sichtbar dar.

Wenn sie sich jedoch nicht gleichzeitig von den von Menschen aufgerichteten christlichen Kirchen und Gruppierungen klar und deutlich trennen, können sie kein wirkliches, echtes Zeugnis der „Versammlung Gottes“ sein, sondern sind höchstens eine Sekte mit vielleicht besserer Bibelkenntnis als die übrigen.

5. Etwas aus dem Alten Testament

Die Bücher Esra und Nehemia beschreiben die Rückkehr eines kleinen Restes des einst so großen Volkes Israel. Die Periode nach der babylonischen Gefangenschaft war wie die heutigen Tage in gewisser Hinsicht eine „Endzeit". Zeitlich gehören die beiden Bücher mit den Propheten Haggai, Sacharja und Maleachi zusammen an das Ende der biblisch festgehaltenen Geschichte des Volkes Israel. Danach kamen die „400 Jahre des Schweigens", nach denen Gott „im Sohn“ zu uns geredet hat (Heb 1,1).

Nur eine relativ kleine Zahl von 42.360 Juden kehrte aus der großen Masse der in Babel gefangen gehaltenen Angehörigen des jüdischen Südreiches wieder in das Land ihrer Väter zurück. Dort begannen sie sofort damit, an dem Ort, den der Herr erwählt hatte, den Altar der Anbetung und der Gemeinschaft mit Gott „an seiner Stätte" wieder aufzubauen. Als nächstes wurden auf diesem Altar die vorgeschriebenen Opfer dargebracht. Dann machten die zurückgekehrten Juden sich auf, den Tempel, das Haus Gottes, an seiner Stelle wieder zu errichten, obwohl die frühere Herrlichkeit nie wieder erreicht wurde. Trotz mancher Widerstände von außen und Trägheit im Inneren des Volkes taten sie dies alles im steten Bewusstsein der Einheit des ganzen Volkes Israel. Dabei waren sie nur ein verschwindend kleiner Rest! Aber bezeichnenderweise wird nicht die zahlenmäßig viel stärkere Volksgruppe der nach Assyrien oder Babel verschleppten Israeliten, sondern die kleine Schar der Heimgekehrten von Gott als „ganz Israel" anerkannt (Esra 2,70)! Jeder Israelit, ganz gleich, wo er sein mochte, gehörte zu Gottes Volk. Aber die wenigen, die sich im Lande Kanaan befanden, d. h. an dem Ort, wo Er Sein Volk haben wollte, erkannte Gott öffentlich als sein Volk an. Sie repräsentierten das ganze Volk. Die mit den späteren Zügen unter Esra und Nehemia zurückkehrenden Juden fügten sich in diesen von Gott anerkannten Überrest ein und halfen einmütig mit beim Wiederaufbau, später auch der Stadt Jerusalem.

Was wäre wohl davon zu sagen, wenn diese späteren „Heimkehrer" in Palästina an anderen Orten Altäre oder Tempel nach Jerusalemer Muster gebaut hätten? Wie es nur ein Volk Israel gab, zu dem sie alle gehörten, so gab es auch nur eine Stadt Gottes und nur einen Ort, den der Herr erwählt hatte, um seinen Namen daselbst wohnen zu lassen (5. Mo 12,5). - Die Übertragung dieses alttestamentlichen Bildes auf unsere Zeit und Verhältnisse ist nicht schwierig.

6. Die wahre Einheit

Auch die Versammlung Gottes bildete von Anfang an nach seinem Willen nicht ein Nebeneinander von verschiedenen Versammlungen. Zwar werden im Neuen Testament die einzelnen örtlichen Gruppen von Gläubigen auch „Versammlungen" genannt: die Versammlung in Korinth, die Versammlung in Thessalonich, usw. Aber sie sind ein Teil eines Ganzen, der Versammlung des lebendigen Gottes. Dieser „eine Leib“ wird allerdings nicht global sichtbar, sondern besonders durch die Zusammenkünfte am Ort und durch das überörtliche Bewahren der Einheit des Geistes. So repräsentieren die örtlichen Versammlungen die weltweite Versammlung jeweils an ihrem Ort. Und genau das ist das eigentliche Ziel Gottes für die Seinen auf der Erde: seine Gedanken über den einen Leib, die eine Versammlung praktisch zu verwirklichen.

Nach Gottes Plan ist die Versammlung im Zeugnis, im Handeln und als Empfänger von Belehrung eins! „Da ist ein Leib" (Eph 4,4). Gemeinsame Probleme wurden gemeinsam besprochen und zur allgemeinen Kenntnis gebracht. Der Dienst der Gnadengaben galt für die Glieder der einen Versammlung an allen Orten und in allen Ländern und wurde auch so anerkannt. Auch die verwaltende Tätigkeit der Versammlung, also das Aufnehmen (oder bei einem sündigen Zustand: Ausschließen) eines Kindes Gottes in die praktische Gemeinschaft am Ort, ist nicht eine ausschließlich örtlich begrenzte Angelegenheit, sondern gilt für die ganze Versammlung. Sonst hätte Paulus sich nicht in die Angelegenheiten der Versammlung in Korinth „einmischen" dürfen (1. Kor 5,3). Daher spricht der Herr Jesus auch davon, dass die Handlung der örtlichen Versammlung, „auf der Erde“ geschieht (das Lösen bzw. Binden; Mt 18,18). Diese Dinge waren und bleiben die Kennzeichen der Versammlung Gottes und damit auch aller, die heute ihrer Verantwortung und ihren Vorrechten vor Gott entsprechend leben wollen.

Die Einheit der Versammlung Gottes auf der Erde beruht nicht darauf, dass verschiedene Versammlungen sich zusammenschließen oder sich gegenseitig anerkennen, sondern darauf, dass alle Gläubigen darin Glieder eines Leibes sind. Die Versammlung an einem Ort ist jeweils der Ausdruck und die Darstellung des eines Leibes (1. Kor 12,27). Die praktische Verwirklichung oder Darstellung der Einheit des Leibes in der richtigen inneren Haltung wird die Einheit des Geistes genannt. Sie sollen wir im Band des Friedens bewahren. Das heißt, wir wollen von Herzen Gemeinschaft am Tisch des Herrn pflegen und somit das Brot brechen mit allen denen, die als Kinder Gottes den Herrn aus reinem Herzen anrufen (2. Tim 2,22) – und wir handeln nach der Pflicht, diejenigen aus dieser praktischen Gemeinschaft auszuschließen, die sich bewusst mit Bösem verbinden.

Sollte es nicht auch unser Wunsch sein, bis zu dem baldigen Kommen des Herrn Jesus den vorgezeichneten Pfad nach seinem Wort zu beschreiten? Der Herr Jesus kann von uns Gehorsam gegenüber seinem Wort erwarten. Glaube ist ja Gehorsam und Vertrauen. Das steht nach Gottes Wort vor dem Erkennen und Verstehen. Gott wird einen solchen Glauben belohnen.

Folge mir nach - Heft 5/2014