05.05.2003Persönlicher Glaube | Dienst | Jesus Christus / Gott

Der Christ und die Politik ... DASS IHRE FORDERUNG GESCHEHE (Lukas 23,24)

Manche sind der Meinung, dass es Gutes bewirken könne, wenn „Christen ihre Stimme hören lassen“. Andere machen geltend, dass, so wie wir unserer himmlischen Berufung nachkommen, wir auch im Reich Gottes unsere Aufgaben wahrnehmen (was stimmt) und uns deshalb politisch betätigen sollten. Ob dieser letzte Punkt auch zutreffend ist, soll in diesem Aufsatz untersucht werden.

Prinzipien der Politik

Wir wenden uns dazu Lukas 23 zu. Nachdem die Feinde des Herrn Ihn vor den religiösen Autoritäten (dem Synedrium - Lk 22,66) angeklagt hatten, standen sie auf und „führten ihn zu Pilatus“ (23,1), dem römischen Statthalter der Provinz Judäa. „Sie fingen aber an, ihn anzuklagen“ (23,2). Die Anklage - dass der Herr die Nation verführe und verbiete, dem Kaiser Steuer zu geben ... - war völlig unbegründet (vgl. 20,25), aber dazu bestimmt, ihr Ziel zu erreichen. Vor dem religiösen Rat beschuldigten sie ihn der Lästerung, vor Pilatus war der Anklagegrund politischer Art.

Nach einer kurzen Untersuchung des Falls stellt Pilatus fest: „Ich finde keine Schuld an diesem Menschen“ (V. 4). Damit hätte für ihn der Fall erledigt sein sollen, aber wir lesen, dass die Volksmengen darauf bestanden, den Prozess fortzusetzen. An dieser Stelle zeigt sich ein erstes Element (demokratischer[1]) Politik. Worum es geht, ist nicht eine korrekte moralische Beurteilung der strittigen Frage, sondern die Meinung und Stimmung der Masse[2]. Eigentlich überrascht es nicht, dass dieses Prinzip in vielen Ländern zur allgemeinen Regel geworden ist. Nachdem man die Bibel als Gottes Wort und gültigen Maßstab verworfen hat, besteht ein Mangel an absoluten Werten, und damit gibt es auch keine Grundlage, auf die man eine „korrekte moralische Beurteilung“ stützen könnte. Wenn Menschen in einem solchen moralischem Vakuum leben (die Schrift nennt das Finsternis), wird das Urteil den Massen[3] übertragen. Die Folge war, dass der Mensch, der umherging und Gutes tat, umgebracht wurde, „indem sie ihn an ein Holz hängten“ (Apg 10,38.39). Wir tun gut daran, auf die alte Warnung achten: „Du sollst der Menge nicht folgen zum Übel tun“ (2. Mo 23,2).

Pilatus befindet sich nun in einem - wie wir es nennen würden - politischen Dilemma: die Volksmenge übt Druck aus gegen die rechte Handlungsweise. Als „guter“ Politiker macht er einen „klugen“ politischen Schachzug . „Galiläa“ ist erwähnt worden (V. 5), und sofort sieht Pilatus einen Ausweg. Wenn „der Mensch“ ein Galiläer ist, ergibt sich eine willkommene Gelegenheit für den Politiker, von diesem verwirrenden Fall loszukommen, indem er den Herrn zu Herodes schickt, dem Vierfürsten, der für dieses Gebiet verantwortlich war (V. 6.7). Hier zeigt sich ein anderes Prinzip der Politik: Wenn eine Sache klar ist, die rechte Vorgehensweise aber unpopulär, dann wird die Sache überhaupt nicht behandelt oder an jemand anders überwiesen. Natürlich sollte man es zugeben, wenn man in einigen Fällen nicht fähig ist, die Sache zu bearbeiten, oder nicht die richtige Person ist und sie deshalb an jemand anders übergeben muss. Jedoch sollte das Ziel sein, dass die Sache in der bestmöglichen Weise bearbeitet wird, und nicht, sich einer unliebsamen Aufgabe zu entziehen.

Nach dem Verhör vor Herodes (V. 8-12) muss Pilatus sich erneut mit dem Fall befassen. Sein nächster Schritt zeigt seine zunehmende Verlegenheit, das Problem zu lösen. Er wiederholt, was er schon bezeugt hat, nämlich dass er „an diesem Menschen keine Schuld gefunden“ habe (V. 14), und er führt Herodes an, um seinen Standpunkt zu bekräftigen (V. 15). Doch seine Schlussfolgerung muss den unbefangenen Beobachter überraschen: „Ich will ihn nun züchtigen und freilassen“ (V. 16). Dieser Urteilsspruch war berechnet und kam gleichzeitig seiner eigenen Absicht wie auch der der Volksmenge entgegen. Er würde ihm einerseits erlauben, Jesus freizulassen (wie er wohl wusste, dass er es sollte). Andererseits würde er die Volksmenge beruhigen, wenn er den Herrn auf zweifache Weise für schuldig erklärte: Erstens würde Er gezüchtigt werden - wozu auch die grausame Geißelung gehörte (Joh 19,1) -, und zweitens würde Er freigelassen werden, aber nicht wegen Unschuld, sondern weil Pilatus an dem Fest einen Verbrecher (!) freigeben musste (V. 17). So hätte Pilatus sein verstecktes Ziel erreicht, während er bis zu einem gewissen Grad auch dem Wunsch der Menge nachgegeben hätte. Kurz, sein Vorhaben entsprach dem Prinzip des Kompromisses. Der Christ erkennt hier deutlich wieder eines der Elemente, die für die Politik so kennzeichnend sind: Wenn Menschen bereit sind, Kompromisse in bezug auf ihre Grundsätze zu machen, dann werden sie sehr bald den Kompromiss zum Grundsatz machen[4].

Nun, trotz der Beliebtheit dieses Kompromissprinzips in der Politik, führt der Kompromiss nicht immer zum gewünschten Ergebnis. Pilatus wiederholt seinen Vorschlag ein weiteres Mal (V. 22), doch ohne Erfolg. Danach stehen wir in diesem Prozess um den Sohn Gottes vor dem erschütterndsten Augenblick. Trotz der Überzeugung des Richters und trotz der überwältigenden Beweise für die Unschuld des Menschen Christus Jesus lesen wir: „ Sie aber bedrängten ihn mit großem Geschrei und forderten, dass er gekreuzigt würde. Und ihr und der Hohenpriester Geschrei nahm überhand. Und Pilatus urteilte, dass ihre Forderung geschehe“ (V. 23.24). Dieser Richterspruch ist der Beweislage völlig entgegengesetzt, und der einfache, aber aufschlussreiche Grund ist: „Ihr ... Geschrei nahm überhand“. Wenn der Druck zu stark wird, dann beugt sich das politische Urteil diesem Druck. Der nächste Vers unterstreicht das: „Jesus aber übergab er ihrem Willen“ (V. 25). Der Sohn des Menschen schweigt zu dieser Vorgehensweise: „Er ... tat seinen Mund nicht auf ... wie ein Schaf, das stumm ist vor seinen Scherern“ (Jes 53,7).

Es war nicht nur die Stärke des Drucks und nicht nur die Raserei der Menge, weshalb Pilatus nachgab. Das Johannesevangelium zeigt, was ihn dazu veranlasste: „Die Juden aber schrieen und sagten: Wenn du diesen freilässt, bist du kein Freund des Kaisers“ (Joh 19,12). Im Bereich der Politik (und oft auch woanders) sichern gute Beziehungen zu einflussreichen Leuten die eigene Stellung und Karriere. Ein gerechtes Urteil, das die eigenen Aussichten und Beziehungen gefährdet, muss vermieden werden, koste es, was es wolle.

Diener des Königs

Ungeachtet der vorstehend aufgezeigten Prinzipien trifft der Herr selbst vor Pilatus eine Feststellung, die für jeden Christen ausschlaggebend sein sollte, der erwägt, sich politisch zu betätigen. Johannes berichtet, dass der Herr folgendes sagte: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt; wenn mein Reich von dieser Welt wäre, hätten meine Diener gekämpft, damit ich den Juden nicht überliefert würde; jetzt aber ist mein Reich nicht von hier“ (Joh 18,36). Entscheiden allein diese Worte nicht die ganze Frage?

Wenn Christen heute argumentieren, sie müssten politisch tätig werden, um ihre Rolle im Reich auszuüben, dann sollte doch das Wort des Herrn „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ klarmachen, dass es da um geistliche und nicht um bürgerliche Pflichten geht. Wenn andere auf die negativen Entwicklungen in unseren Gesellschaften hinweisen und behaupten, dass Christen das nicht dulden dürften, geben dann die Worte des Herrn nicht eine Antwort darauf? „Wenn mein Reich von dieser Welt wäre, hätten meine Diener gekämpft.“ Ein schockierenderes Ereignis als dieses Gerichtsverfahren um den Herrn hat es seitdem nicht gegeben. Trotzdem wurden seine Diener nicht aufgefordert zu kämpfen. Einer von ihnen, Petrus, hatte dies nicht verstanden und schlug dem Malchus das rechte Ohr ab (Joh 18,11). „Stecke das Schwert in die Scheide“ ist die ruhige Anweisung des Meisters.

Einfluss außerhalb der Politik

Nachdem wir einige Prinzipien oder Elemente geprüft haben, die der Politik zu Grunde liegen in einer Welt, die Christus verworfen hat - und den schrecklichen Ausgang im Fall aller Fälle - stimmt der Bibelleser vielleicht zu, dass die Beteiligung an der Politik kein Weg für einen Christen ist. Doch zugleich wird die Frage auftauchen: Wie können Christen denn überhaupt einen Einfluss in dieser Welt ausüben?

Christen sollen diese Welt beeinflussen und tun das auch. Doch nicht in der Form, dass sie „kämpfen“ und die Welt zu verbessern suchen. Der Gläubige ist vielmehr aufgerufen

· ein Licht zu sein (Mt 5,14 und Phil 2,15) - ein Zeugnis zu geben
· Salz der Erde zu sein (Mt 5,13) - Verderben zu verhindern
· zu beten (1. Tim 2,1.2)
· zu predigen, wenn man dazu gesandt ist (Röm 10,14.15)
· ein Vorbild zu sein (1. Pet 3,1.2)

Ein Beispiel, das viel Licht auf den Gegenstand wirft, bieten Abraham und Lot. Abraham war abgesondert, wohingegen Lot im Tor Sodoms saß, wo er mitbestimmte (1. Mo 19,1). Lot quälte seine gerechte Seele (2. Pet 2,7.8), und sein Zeugnis war so weitgehend preisgegeben, dass er, als er seine Schwiegersöhne warnte, in ihren Augen war „wie einer, der Scherz treibt“ (1. Mo 19,14). Er hatte überhaupt keinen Einfluss. Abraham dagegen lebte abgesondert. Er hatte keinen Platz in Sodom, und er nahm nicht einmal Geschenke von den Kindern Heths (1. Mo 23,3-16) noch von den Großen der Erde (1. Mo 14,23). Was war die Folge? Er gab ein viel klareres Zeugnis ab. Sie betrachteten ihn als einen Fürsten Gottes. Ironischerweise, so könnten wir sagen, war er es dann, der Lot befreien musste (1. Mo 14,16). Schau dir an, wie Sodom zerstört wird! (1. Mo 19,27-29) Abraham stand von fern, und seinetwegen wurde Lot gerettet (nicht umgekehrt).

Wir Christen haben einen weit erhabeneren Platz (Eph 2,6) und ein weit erhabeneres Ziel (Kol 3,2). Wenn wir uns bewusst sind, dass wir „Genossen der himmlischen Berufung“ sind (Heb 3,1), werden wir viel weniger mit irdischen Zielen beschäftigt sein. Ebenso lasst uns Acht geben, dass wir nicht in das praktische persönliche und gemeinsame Leben des Volkes Gott die gleichen Grundsätze einführen (wie etwa Mehrheitsentscheidungen). Da wir in demokratischen Ländern leben, erscheint uns eine solche Entwicklung so natürlich, aber wir können Gott danken für die absolute und unfehlbare Leitung durch sein Wort.

Es ist gesagt worden ...

Ein altes lateinisches Sprichwort sagt: „Vox populi, Vox dei“ (die Stimme des Volkes ist die Stimme Gottes). Andere hielten es für wahrer zu sagen: „Vox populi, vox bovis“ (die Stimme des Volkes ist die Stimme eines Ochsen). Manche haben gesagt, dass es sich oft noch schlimmer verhält, so dass wir sagen müssen: „Vox populi, vox diaboli“ (die Stimme des Volkes ist die Stimme des Teufels). Die vorstehend besprochene Stelle in Lukas 23 ist dafür ein schlagendes Beispiel. Das wird wahr bleiben und so lange andauern, wie der Nazarener verachtet und verworfen ist. Aber bald wird Er über die Erde herrschen, und dann wird es wahr werden zu sagen: „Vox regis, vox dei“ (die Stimme des Königs ist die Stimme Gottes).

Schlussfolgerung

Das Gerichtsverfahren vor Pilatus beschäftigt uns oft, wobei im Brennpunkt der Herr steht als das unschuldige Opfer, das Lamm Gottes, wie ein „Lamm, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Schaf, das stumm ist vor seinen Scherern“. Während wir seine einzigartige Vollkommenheit in diesem Gerichtsverfahren betrachten, sicherlich die Hauptaussage dieses Abschnitts, enthält der Bericht auch wertvolle Hinweise zum Wesen der Politik, die wir nicht übersehen sollten.

Insoweit Politik darauf abzielt, die Volksmenge zufrieden zu stellen, neigt sie zu Entscheidungen, die gegen den Willen Gottes sind. Der Ausgang des Verfahrens vor Pilatus illustriert die Gefahr für Entscheidungsprozesse, die sich auf Mehrheiten abstützen.

Trotzdem sollten Christen in einer Welt, die Christus verwarf, Einfluss ausüben, was sie auch tun, aber nicht, indem sie versuchen, die Welt zu verbessern, sondern um ein positives Zeugnis für Ihn zu geben.

Christen sollten äußerst vorsichtig sein, nicht politische Verfahren (wie Mehrheitsvotum) zu übernehmen, um Dinge des gemeinsamen Lebens zu regeln.

Es ist Gottes Plan, die Dinge in dieser Welt zurechtzubringen, nicht durch unsere Initiative, sondern durch die Aufrichtung des Reiches Christi auf der Erde (eben dem Ort, wo Er verworfen wurde - und noch verworfen ist. Im Tausendjährigen Reich wird Christus die Kirche zum Mittelpunkt seiner Regierung machen (Offb 20,6 und 21,9-27).

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[1] Demokratie ist nicht die einzige Wurzel des Problems. Entscheidungen, die Monarchen treffen, mögen sich ebenso gegen den Willen Gottes richten wie demokratische (z. B. Dan 2,5). Das Problem ist nicht so sehr die Art der Regierung als vielmehr die Tatsache, dass der rechtmäßige König abgelehnt worden ist.

[2] Denke z. B. an die politischen Debatten (im Westen) über Themen wie Abtreibung, Euthanasie, Homosexualität usw. Sollte ein Politiker aufstehen und diese Themen nach der Bibel beleuchten, es wäre das wohl das Ende seiner Karriere.

[3] Natürlich gibt es Situationen, in denen es nicht direkt um moralische Prinzipien geht. Auch sagt die Schrift, dass bei der Menge der Ratgeber Heil ist (Spr.24:6).

[4] Andererseits kann man auch an Beispiele des alltäglichen Lebens denken, wo ein Kompromiss angebracht ist. Gefahr kommt erst auf, wenn biblische Grundsätze preisgegeben werden, weil wir uns zufrieden geben mit einem Kompromiss mit einem menschlichen (oder weltlichen) Gesichtspunkt.