05.05.2003Fragen und Antworten | Epheser

Glaube - eine Gabe Gottes

Unumschränktheit und Verantwortung

Die Frage berührt die Unumschränktheit der Gnade Gottes auf der einen und der Verantwortlichkeit des Menschen auf der anderen Seite. Beide Seiten sind wahr. Die Errettung ist nicht das Werk des Menschen, sonst wäre sie nicht "durch die Gnade". Alles, was vom Menschen kommen könnte, ist ausgeschlossen: "Durch die Gnade seid ihr errettet, mittelst des Glaubens; und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es."

Das Kind Gottes ist durch das Werk Gottes "von neuem", "von oben" geboren (Joh 3,3.7), und weil es ganz Sein Werk ist, wird von dem Gläubigen auch gesagt, er sei "aus Gott" geboren (Joh 1,13; 1. Joh 5,1). Der Wille des Fleisches hat daran keinen Anteil (Joh 1,13). Dass es ganz das Werk Gottes ist, macht auch Jakobus 1,18 klar: "Nach seinem eigenen Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit gezeugt." Gott gibt ewiges Leben.

Leben bekommt man geschenkt!

Niemand kann von sich aus von neuem geboren werden, niemand kann sich selbst göttliches Leben geben, und niemand will - das ist das Erschütternde daran -, niemand will dieses Leben haben (Joh 1, 4.5; 3,9), will zu Gott kommen, der Licht und Liebe ist. Da ist tatsächlich keiner, der Gott suche, auch nicht einer (Röm 3,9-12). Und als der Herr Jesus hier war, musste Er zu den Juden sagen: "Ihr wollt nicht zu mir kommen, auf dass ihr Leben habet" (Joh 5,40). Er hatte die Liebe und Güte Gottes, seines Vaters, vollkommen den Menschen gezeigt. Das Ergebnis dieser Offenbarung Gottes aber fasst Er in den ergreifenden Worten zusammen: "jetzt aber haben sie gesehen und gehasst sowohl mich als auch meinen Vater" (Joh 15, 24). Die Gesinnung des Fleisches, des Menschen in seinem natürlichen Zustand, ist eben Feindschaft gegen Gott, und sie ist dem Gesetz Gottes nicht untertan, ja sie vermag es auch nicht (Röm 8,7).

"Wer kann dann errettet werden?", so möchten auch wir angesichts dieser hoffnungslosen Ausgangslage fragen. Sie wäre tatsächlich hoffnungslos, wenn nicht Gott in seiner Gnade trotz alledem wirken und den sündigen Menschen zu seinem Sohn ziehen würde (Joh 6,44). Er tut das durch den Heiligen Geist, mittelst des Wortes Gottes (vgl. "aus Wasser und Geist geboren" in Joh 3,5). Der Heilige Geist wirkt an der Seele des Menschen, um ihm ein Bewusstsein von der Heiligkeit und Liebe Gottes, aber auch von dem eigenen verlorenen Zustand zu geben, Er will in ihm - und das ist allein Gnade unermessliche Gnade - Vertrauen zu Gott, Vertrauen auch zu dem Heiland der Sünder erwecken. Beachten wir dabei: Vertrauen ist nichts anderes als Glaube. Öffnet sich nun das Herz des Menschen diesem Wirken, diesem Werben für die Liebe Gottes in seinem Sohn, dann gibt Gott in Verbindung mit dem von Ihm hervorgerufenen Glauben neues, göttliches Leben - das ewige Leben.

Leben und Glaube gehören zusammen

Deswegen kann man nicht Leben vor dem Glauben oder unabhängig vom Glauben haben, wie man umgekehrt auch nicht glauben kann, ohne Leben aus Gott zu besitzen. Das eine geht Hand in Hand mit dem anderen, und man kann nicht das eine vor das andere setzen. Der Glaube ist ebenso eine Gabe Gottes wie das ewige Leben , das damit in Verbindung steht. jeder, der an den eingeborenen Sohn Gottes glaubt, hat (es heißt nicht "bekommt" ewiges Leben (Joh 3,16, 1. Joh 5,13).

Aber dieses neue Leben, das in Gott selbst seine Quelle hat, bringt Früchte im Menschen hervor, von denen der Gehorsam zu Gott und die Umkehr zu Ihm die ersten und wichtigsten sind. Wir sehen das so schön bei der Bekehrung von Saulus von Tarsus in Apg 22. Keine Frage, dass er, noch im Staube liegend, bereits an den Herrn Jesus glaubte, denn unverzüglich wird der erste Impuls des neuen Lebens, Gehorsam, sichtbar: "Was soll ich tun, Herr?" (Vers 10). Ich würde also nicht sagen, dass Gott den Glauben schenkt, wenn sich der Mensch bekehrt oder wenn er Buße tut. Man kann sich nur bekehren, man kann auch nur Buße tun, wenn Glaube an den vorhanden ist, zu dem man umkehren will. Die Umkehr des verlorenen Sohnes in Lk 15 geschah gewiss nicht ohne den Glauben, dass sein Vater ihn in der einen oder anderen Form annehmen würde.

Die Gnade löst die Verantwortung nicht auf

Bis jetzt haben wir nur von dem Wirken Gottes in seiner unumschränkten Gnade gesprochen. Doch löscht die Gnade Gottes in keiner Weise die Verantwortlichkeit des Menschen aus. Ganz im Gegenteil, sie erhöht sie. Und die Verantwortlichkeit des Menschen gründet sich nicht auf die Fähigkeit, ihr zu entsprechen, sondern auf die Beziehung, in welcher der Mensch zu Gott steht.

Hierzu zwei Beispiele. Wenn ich bei meiner Bank ein Darlehen von zehntausend Mark aufnehme, bin ich verantwortlich, dieses Darlehen zurückzuzahlen und somit meine Schulden zu begleichen, ob ich dazu fähig bin oder nicht. Niemals wird mich die Bank für nicht verantwortlich halten, das geliehene Geld zurückzuzahlen, nur weil ich nicht in der Lage bin, es zu tun. Die Beziehung besteht, und damit die Verantwortlichkeit, ihr zu entsprechen: Ich bin der Schuldner dessen, der mir das Geld geliehen hat. - Das kleine Kind mag die schwere Haustür nicht öffnen können. Wenn aber der Vater sagt: "Komm, wir wollen jetzt nach draußen gehen", und das Kind denkt nicht daran, Folge zu leisten, dann geht es tatsächlich nicht darum, ob das Kind die Kraft zum Öffnen der Tür hat oder nicht (der Vater hat sie, und er hat den Schlüssel), sondern einzig darum, dass es nicht will, dass es ungehorsam ist. Und weil das Kind in dieser Kindes-Beziehung zu seinem Vater steht, ist es verantwortlich, ihm zu gehorchen.

Ebenso ist der Mensch seinem Schöpfer Gehorsam schuldig, der ihm gebietet, Buße zu tun und von seinen bösen Wegen umzukehren (Apg 17,30). Dabei geht es auch hier nicht darum, ob er dazu die Kraft hat oder nicht. Es ist ganz eine Frage des Wollens. Gott hat die Kraft, hat den Willen, hat den Schlüssel zu jeder Segnung des Menschen. Aber will der Mensch kommen? Das Angebot der Gnade besteht: "Wer da will, nehme das Wasser des Lebens umsonst" (Off 22,17). Auch haben wir uns schon an die Worte des Herrn erinnert: "Aber ihr wollt nicht zu mir kommen."

Gott wirkt souverän - und der Mensch ist verantwortlich

Gott wirkt in seiner Gnade an jedem Menschen (vgl. Hiob 33,17.18.29.30), Er tut das auf die verschiedenste Weise - durch sein Wort und zuweilen auch durch die machtvolle Sprache der Umstände. Aber der Mensch kann sich diesem Wirken verschließen und somit den Ratschluss Gottes in bezug auf sich selbst wirkungslos machen (Lk 7,30). Über Jerusalem musste der Herr einst klagen: "Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihr Küchlein versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt!" (Mt 23,37). Das ist der Punkt: Ihr habt nicht gewollt!

Trotz aller gegenteiligen Beteuerungen des ungläubigen Menschen steht dieses fest: Der Mensch hat ein Gewissen und zudem ein instinktives Bewusstsein davon, dass er es mit einem Höheren zu tun hat. Denn Gott hat ihm die Ewigkeit ins Herz gelegt (Pred 3,11). Deswegen ist er verantwortlich, auf die Stimme Gottes zu hören. Tut er es nicht, geht er ewig verloren - geht verloren, nicht weil er keine Kraft hatte (Gott hatte sie für ihn), sondern weil er nicht wollte. Wie ernst ist das!

Erschienen in: Ermunterung und Ermahnung, 1990, S.241